Willi, der Becher

Willi, der Becher

Auf der Suche nach einem bierigen Winterthema in der frühlingswarmen Stube stiess ich auf den Willibecher – ein Glas namens Willi macht Karriere. Na, sowas!

Es bleibt wieder länger hell, die Sonne wärmt nach dem kühlen Morgen und kitzelt Frühlingsgefühle heraus. Man hört einmal mehr: «Ich kann mich nicht an einen so warmen Februar erinnern.» Das bestätigen auch die Meteorolog*innen allüberall. Ein weiterer Rekord, ein weiteres Wetter-Extrem, das den Klimawandel spürbar macht. Aber wir leben ja noch, gell!

Bald kann ich wieder mit Quölli in windiger Langsamkeit übers spriessfreudige Schweizerland fliegen. Aber im Moment orientiere ich mich lieber an der ansonsten ziemlich wilden Katze im Parterre, die stundenlang auf ihrer wärmenden Deckenbeige im Fenstersims rumfläzt, hauptsächlich eingerollt schlafend. Verdammt, ich brauche ein quöllfrisches Februar-März-Thema!

Und siehe, bei der Recherche nach «Bier in Kunst und Literatur» stosse ich auf ein Filmchen über den Münchner Künstler Martin Wöhrl. Der schafft aus alten Türen und Sperrholz vom Müll alles Unmögliche wie riesige Gotik-Rosetten, realgrosse Heavy Metal-Gitarren und – unter dem Titel «12 Halbe» – eben auch die berühmten Willibecher zur 500-Jahr-Feier des deutschen Reinheitsgebots (auf diese «500-jährige» Erfindung des 20. Jahrhunderts (!) kommen wir dann in einem andern Beitrag mal zurück). Das Filmchen dazu gibts hier:

Südlicht im Bayrischen Fernsehen zeigt eine Bieridee des Künstlers Martin Wöhrl.

Befassen wir uns also mal mit der Frischbierverpackung aus Glas. Glas sei übrigens, so sagte mir ein Glaskünstler einmal, immer flüssig. Das sehe man bei alten Fenstern gut, deren wellige Scheiben unten dicker seien, weil das Glas über die Jahre ganz langsam runter geflossen sei. Hm. Bei Panzerglas wird das wohl erst in ein paar Millionen Jahren zu sehen sein. Aber genaugenommen trinken wir also flüssiges Bier aus flüssigem Glas. So definierte ein Wissenschaftler Glas als gefrorene Flüssigkeit. Andere reden von einem vierten Aggregatszustand nebst fest, flüssig und gasförmig. Wir erkennen: Der Schein trügt immer und alles ist relativ, auch das Flüssige. Auch das Durchsichtige.

So hat auch klarsichtige Transparenz ihre Tücken, gell. Genauso wie das menschliche Schubladisieren; es scheitert nur allzu oft an fliessenden Grenzen. Eindeutig ist nur die Vieldeutigkeit. Fix ist gleichsam nur die Veränderung. Damit müssen wir leben, denn ohne Diversität wird alles öde. Und weil das Ägyptische Museum der bayrischen Hauptstadt das angeblich weltweit älteste zu datierende Glas aus Glas besitzt und jede Geschichte des Materials Glas mit diesem am häufigsten abgebildeten Objekt des Museums beginne, wollen wir dem in nichts nachstehen:

Schon eher eine Tulpe: Jede Geschichte des Materials Glas beginnt mit diesem ältest-datierten Glaskelch der Welt mit dem Logo des Thutmosis’ III. (um 1450 v.Chr.). Ob daraus auch Bier kredenzt wurde, ist wohl nicht bekannt. (Bild: smaek.de)

Dass alles fliesst, schwebt im Digitalmeer ja spätestens seit Heraklit jedem Hortkind glasklar vor Augen. Panta rhei (wie der Name des hässlichsten Schiffs auf dem Zürisee). So erklärt sich wohl auch Wöhrls alchemistische Willibecher-Kunst aus staubtrockenen, alten Türen ganz jedem noch so kopfschüttelnden Kunstbanausen strohsimpel mit: Alles fliesst, auch ausgemusterte Türen. Logo. Aber trinken kann man daraus halt nur Geistiges. Drum kehren wir schleunigst zurück zu Willi, dem Becher.

Wir alle kennen ihn bestens, den Willibecher (auch: Willybecher). Unübertroffen in seiner bestechenden Einfachheit. Kein Schnörkel, keine Rundung zuviel, nicht besonders elegant, aber äusserst rustikal und alltagstauglich. Das zeichnet ihn aus. Macht ihn besonders. Ein funktionales Design-Meisterstück. Ein klassisches Weniger-ist-mehr-Genie. Aber seinen Namen verrät er meist nur Menschen, die im und um das Gastgewerbe arbeiten. Willi, der Becher, ist unser aller alter Bekannter, dessen innere Werte wir sehr schätzen, solange sie denn schön und frisch perlen, diese inneren Werte. Oder kennt ihr jemanden, der oder die von einem Willibecher sagen würde, er sei halb voll? Ich nicht. Nein, der ist entweder voll oder fast leer. Wie das Leben nur in eine Richtung tickt, leert sich auch der Willibecher; mal gemächlicher, mal ruckschluck. Im Fussball heisst es darum auch: «Willi leer, ich habe fertig.» Und dann bestellt man natürlich noch eins. Das Ende ist immer der Anfang.

Ein Meisterwerk des aufs Maximum reduzierten Designs: Der schaumgekrönte Willibecher.

Ich lernte Willis Namen erst kennen, als ich ihm unterwegs mit Bruno Prina gleich schachtelweise begegnete. Er brachte die neuen Gläser zu Wirten, die sie bei ihm bestellt hatten. Damals dachte ich noch, der Name sei eine charmant-witzige Schweizer Idee. Nun also die niederschmetternde Erkenntnis, dass Willi auch in Bayern seit Jahren bekannt ist wie ein bunter Hund. Und mit «Wer hats erfunden? – Die Schweizer!» ist auch nix. Der Willibecher sei nämlich – wie das Reinheitsgebot – gar im grossen Kanton erfunden worden. Ein Kind des Ruhrpotts, genaugenommen.

Ein typisches Nachkriegsprodukt sei er, der Willi. Hervorgebracht durch die damals herrschenden Rationalisierungstendenzen. Klartext: Laut Wikipedia besagt eine Legende, dass «1954 Willy Steinmeier, ein Mitarbeiter der Ruhrglas GmbH in Essen, den einfach herzustellenden Willibecher entworfen habe. Er wurde von vielen Brauereien in der Bundesrepublik Deutschland als Standard-Bierglas übernommen und ist bis heute das meistproduzierte Bierglasmodell.» Vorher habe man Bier oft aus Humpen beziehungsweise Seideln getrunken, also Gläsern mit Griffen.

Die Humpen, Seidel, Rugelis, Mass und wie sie alle heissen, die mochte ich persönlich nie. Zu gross, zu grob, zu schwer, zu plump. Im Sommer wird das Bier warm wie eine verdunstende Strassenpfütze; lieber frisch nachgeschenkt, das kühle Blonde. Das ginge auch mit der ebenfalls verbreiteten, bauchigen Tulpe. Die ist aber irgendwie schon wieder zu sophisticated, zu schick, zu dünnhäutig. Wir bleiben mit beiden Füssen bei den erdig-rustikaleren Biertrinkgefässen und nehmen noch die Schweizerische Stange Standard dazu. Über dem standfesten Fuss schlank tailliert, den Schaumkopf hoch tragend, sei sie früher vor allem für Spezialbier, also Spezli, gebraucht worden, während aus dem Willibecher vornehmlich Lagerbier genossen wurde.

Und jetzt verschlägts uns angesichts überschäumender Beamtenpoesie so richtig die Sprache. Denn der Begriff Stange ist laut dem Schweizer Brauerei-Verband überhaupt nicht definiert, also keine Massgrösse. Drum dürfen Getränke bei der Abgabe «in Restaurants oder an öffentlichen Veranstaltungen nur in Schankgefässen abgegeben werden, welche den Anforderungen der Raummassverordnung vom 19. März 2006 genügen». Raum-mass-ver-ordnung, man lasse sich diese Beamtenpoesieperle genüsslich auf der Zunge zergehen und wische sich den frischen Schaum von den Lippen! Raum-Mass-Ver-Ordnung. Durchlesen möge das ordentliche Justiz-Kauderwelsch, wer will. Wir halten uns an die Übersetzung des Brauerei-Verbandes für Otto Normalverbraucher: In der Getränkekarte muss die Menge angegeben werden, die man beim Bestellen einer Stange Bier erhält. Dann liege keine «Täuschung des Kunden» vor. Eine Stange Bier kann also auch im Willibecher ausgeschenkt werden und «einen Inhalt von 0,3 oder 0,33 oder 0,25 Liter haben, vorausgesetzt dies wird entsprechend deklariert».

Und ganz nebenbei entdecke ich: Am 29. April 2019 ist der Tag des Schweizerbiers! Kein Feiertag, aber ein Tag zum Feiern. Aber hallo! Do schnappeme scho äs zäme. Also, Willi: Save the date! Nüd vegässe, göll! Alles fliesst!

Demnächst: Quöllfrisch unterwegs beim Saisonschluss der Skicrosser – mit Appenzeller Bierbotschafter Marc «Biski» Bischofberger.

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