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Wandernde Kohlensäure, schlanke Gläser und Flaschendrehen: Bierwissensbissen vom Brauquöll-Team

Warum soll ich die «Quöllfrisch naturtrüb»-Flasche vor dem Trinken drehen? Wie schenke ich das Appenzeller Bier korrekt ein? Welches Glas soll ich verwenden und gibt es eine ideale Trinktemperatur? Fragen, die im Besucherzentrum Brauquöll beantwortet wurden.

Die Ruhe, mit der mich Esther und Mélanie an einem sommerlichen Tag im Brauquöll begrüssen, trügt. Es sei unglaublich viel los, viele Tourist*innen kämen vorbei, auch die Degustationen würden wieder vermehrt besucht, erzählen sie. Ausserdem sind grade Sommerferien und das bedeutet a) eben mehr Ansturm und b) Ferienabwesenheiten vom Personal, die aufgefangen werden müssen. Umso mehr schätze ich die Zeit, die sich die zwei nehmen, um mir ein paar Bierwissensbissen zu vermitteln. Es wird eine interessante Dreiviertelstunde, reich an Weisheiten aus dem Bieruniversum.

Über das Drehen der Flasche

«Das ist eine Philosophie-Frage!» ist die Antwort. Meine Frage war durchaus pragmatisch gemeint: Warum soll man das Quöllfrisch naturtrüb vor dem Einschenken drehen, wie eine Grafik auf der Rückseite der Flasche erklärt?

Esther erklärt: Naturtrübe Bier sind ungefiltert, die Hefe ist noch drin – in der Flasche und im Bier. Sie setzt sich am Boden der Flasche, du siehst den weissen Hefe-Rand unten in der Flasche. Schenkt man nun ohne Drehen oder Schwenken ein, bleibt die Hefe am Boden der Flasche und das Bier entfaltet nicht seinen vollen Geschmack. Also: Naturtrübe Biere dreht man vor dem Konsum vorsichtig (!) so lange, bis sich die Hefe auflöst und in der Flasche verteilt. Schenkt man nun in verschiedene Gläser ein, ist die Hefe auf alle gleich verteilt und das Bier geschmacklich ausgewogen. Es gäbe auch solche, die würden zuerst einschenken und dann die Hefe erst am Schluss durch Schwenken der Flasche auflösen, verrät Esther. So erhält dann allerdings das letzte Glas die volle Ladung Hefe und das erste geht leer aus. Gleiches Bier, andere Verteilung des Geschmackes. Also, für mich ist das keine Philosophie, sondern Mathematik.

Über die Trinktemperatur

Bei der idealen Trinktemperatur meint Bier-Sommelière Esther, dass sie zu Hause ihre Biere nicht aus dem Kühlschrank, sondern direkt aus dem Keller trinke. Ja okay, beim Profi-Bierkeller, den sie hat…

Ideal seien 5-8 Grad, Spezialbiere dürfen gerne etwas wärmer getrunken werden, damit sich die Aromen besser entfalten. Gegen ein eiskaltes Lagerbier nach einer Wanderung haben weder Esther noch Mélanie etwas einzuwenden. Ginger Beer, Zitronen-Panaché und Bschorle – auf diese drei Lieblings-Durstlöscher im Sommer einigen wir uns schnell.

Über das Einschenken

Nun zum korrekten Einschenken. Mélanie macht es vor, obwohl sie zu Hause das Bier «am liebsten direkt aus der Flasche trinkt».

  1. Glas kalt ausspülen, das beseitigt Spülmittelreste und kommt der Schaumbildung zugute. Und auch dem Geschmack, würde ich meinen.
  2. Glas schräg halten, Bier eingiessen, bis sich Schaum entwickelt. Dabei ist es wichtig (aka hygienisch sehr wertvoll), dass die Flasche / der Zapfhahn das Glas nicht berührt.
  3. Glas abstellen, den Schaum etwas setzen lassen und dann das gerade stehende Glas auffüllen, bis es eine schicke Schaumkrone erhält. Prost!

Tabu sind so Sachen wie das Bier aus dem Zapfhahn so lange ins Glas laufen lassen, bis der Schaum überläuft oder den Schaum abschaben. «Es git söttigi, die machen das.»

Über Gläser

«Je schlanker das Bier, desto schlanker das Glas» – ein Merksatz für die Bierewigkeit! Will heissen: Ein leichtes Bier wie zum Beispiel das Quöllfrisch hell wird in einem hohen Glas getrunken. Die schicken «Stangen» im Brauerei-Shop heissen «Fresh». «Fresh» schmeckt dann auch das Bier. Denn in einem hohen Glas «kann die Kohlensäure besser wandern». Nochmals eine schöne Bierweisheit. Wenn die Kohlesäure wandern kann, bleibt sie im Glas und die Aromen können sich entwickeln. Fast wie die Schweizer*innen: Wenn sie wandern können, bleiben sie im Land und die gute Laune kann sich entwickeln. Sorry für das holprige Bild, inspiriert von den vielen Wandertourist*innen im Alpstein, über die wir off the record auch noch geplaudert haben…

«She’s fresh, fresh… Exciting…»

Bei den Gläsern hat Esther gleich noch eine Anekdote aus den Anfängen der Biertrinkzeit parat: Früher (also ganz früher, damals mit den Bierkrügen) wurde so heftig angestossen, dass das Bier von einem in den anderen Krug überschwappen konnte. Corona war weit weg, aber die Gefahr, dass mein Gegenüber mich mit dem an sich geselligen Akt des Anstossens hätte vergiften können, war gross. Die ewige Warterei, ob mein Gegenüber sein Bier trinkt oder nicht (wenn nicht, ist Alarmstufe Rot betreffend Unbekömmlichkeit des Gerstensaftes in seinem Krug, der ja in meinen Krug übergeschwappt ist) war den Zeitgenoss*innen wohl bald zu blöd. So wurden die Bierkrüge mit Deckeln versehen, die beim Anstossen den Inhalt vom Inhalt des Gegenübers geschützt und ein Vermengen verhindert haben.

Behind the scenes: Natürlich ging der erste Fotoversuch vom perfekt eingeschenkten Bier völlig daneben… Isch nöd so eifach!

Hier geht es zu einem früheren Blog-Beitrag zum Thema Flasche drehen.

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