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Vollmond und Leermond und was sie mit Appenzell am Hut bzw. in der Flasche haben

Montag, 30. November 2020. Vollmond. Während ich diese Zeilen veröffentliche, brauen die Biermenschen in Appenzell ihr Vollmond Bier. Wie (fast) jeden Vollmond. Seit Kurzem hat das Kultbier eine neue Etikette. Zu diesem Anlass sei die Frage gestattet: Was hat es eigentlich mit diesem Vollmond in Appenzell auf sich? Ich habe nachgefragt, keine Antworten erhalten und deshalb die Bücher und das Internet konsultiert.

Der Kunstmaler Martin Fuchs hat die zwei neuen Etiketten gestaltet. Sie zeigen die Alp Sigel bei Vollmond und bei Leermond. Diese Bilder reihen sich ein in die Etiketten-Serie bekannter Alpszenen, welche die Appenzeller-Bier-Flaschen zieren. Nicht nur der Inhalt ein Genuss, auch die äusseren Werte zählen. Typisch für die Brauerei sind ja nicht nur die vielen verschiedenen Produkte, sondern auch die Zusammenarbeit mit lokalen Künstlern für die Verpackung.

Die neue Etikette von M. Fuchs

Wie es überhaupt zum Vollmondbierbrauen in Appenzell gekommen ist, erfährst du in diesem Text von meinem Blog-Kollegen alp.

Ein (zehnjähriger, immer noch guter) Bericht vom Brauprozess

Und wer nun Lust und Zeit hat, taucht in den folgenden Zeilen ein in die Vollmond-Mystik im Appenzellerland und anderswo.

…and makes men mad

It is the very error of the moon;
She comes more nearer earth than she is wont
And makes men mad.

Shakespeare: Othello (V.ii.109-111)

Ein bisschen verrückt sind sie ja, die Appenzeller Biermenschen. Aber auch geschäftstüchtig und der Natur verbunden. Und manchmal so unglaublich geheimniskrämerisch. Sie haben sich nämlich dieses Mal bei meinen Fragen schmunzelnd in Schweigen gehüllt, bzw. mir diesen Satz auf den Weg gegeben: «Warum wir ein Vollmond-Bier brauen? Das musst du jetzt eben herausfinden.»

Es folgen einige Fakten, Mythen und Seltsamkeiten zum, über und vom Mond.

Mondwissensbissen – eine willkürliche Auflistung

Sonne und Mond werden in verschiedenen älteren und alten Kulturen rund um den Globus als Liebes- oder Geschwisterpaar gesehen. Oder als beides. In der griechisch-römischen, chinesischen, keltischen und ägyptischen Religion verbindet man den Mond mit weiblichen Gottheiten.

In lateinischen Sprachen (nicht nur dort) ist «Sonne» der männliche Part (il sole, le soleil) und «Mond» der weibliche Partner (la luna, la lune). Nun, im Deutschen heisst es «der» Mond und der Mond beeinflusst(e) das Leben der Menschen seit Urzeiten.

Als natürlicher Satellit umkreist der Mond in einer elliptischen Bahn die Erde. Er braucht dazu durchschnittlich 27 Tage, 7 Stunden und 43,7 Minuten.

Im Wort Monat steckt der Mond. Auf den Sonntag folgt der Montag (ital.: lunedì).

In Mythologien aus der ganzen Welt wird der Mond häufig mit Wahnsinn und unbegründeten Handlungen verbunden, ebenso mit seiner Macht über die Gezeiten.

Mit dem Wort «lunatic» wird auf Englisch ein*e Spinner*in bezeichnet.

Lunarkalender (Mondkalender) orientieren sich ausschliesslich am Lauf des Mondes und erzählen von zwölf Mondmonaten in einem Mondjahr. Dieses ist ca. 11 Tage kürzer als ein Sonnenjahr. Lunarkalender sind älter als Solarkalender, wie es z.B. der Julianische Kalender ist. Lunisolarkalender, zu denen der tibetische, der chinesische, griechische, vor-julianisch-römische und jüdische Kalender zählen, berücksichtigen sowohl das Mond- als auch das Sonnenjahr.

Termine diverser religiöser Feste (im Islam der Fastenmonat Ramadan, im Christentum Ostern, Pfingsten und viele mehr) richten sich nach dem Mondkalender.

Galileo Galilei verneinte den Einfluss des Mondes auf die Gezeiten.

Gezeiten entstehen durch das Zusammenwirken der täglichen Drehung der Erde im Gravitationsfeld von Mond und Sonne und der Tatsache, dass dieses Gravitationsfeld nicht überall gleich stark ist, sondern die Erde etwas in die Länge zieht. Die Kräfte, die das verursachen, heissen Gezeitenkräfte. Die Gezeitenkräfte verursachen Wasserbewegungen der Ozeane, sorgen für Ebbe und Flut. Ich stelle mir diese Gezeitenkräfte als «Sogtrichter» zwischen Sonne und Mond vor. Und irgendwo dazwischen ist die Erde, deren Gewässer je nach Ort in die eine oder andere Richtung angesogen, bzw. weggedrückt werden.

Bier besteht zu über 90% aus Wasser. Warum sollten die Gewässer im Braubottich nicht auch mit den Gezeitenkräften korrelieren?

Wenn ich «Vollmond Kraft Appenzell» in die grosse Online-Suchmaschine eingebe, sind die ersten 6 Einträge Shops, die «Appenzeller Bier Vollmond» verkaufen.

Appenzeller Kalender, nidsigend und obsigend

Auch der Mensch besteht zu 70% aus Wasser und werde deshalb ebenfalls durch die Mondphasen und Gezeitenkräfte beeinflusst, heisst es. Der Einfluss auf Lebewesen ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen, allerdings auch nicht ganz widerlegt. Und so schwören seit Jahrhunderten Menschen auf die Beachtung der Mondphasen, vor allem in der Land- und Forstwirtschaft, im Garten und bei der Haarpflege.

Wobei «nidsigend» und «obsigend» auf keinen Fall gleichgesetzt werden darf mit abnehmendem bzw. zunehmendem Mond.

Ab- und zunehmend bezieht sich auf die Gestalt des Mondes, die Mondphase. Bei Neu- oder Leermond steht der Mond zwischen Sonne und Erde. Wir sehen die von der Sonne nicht beleuchtete Seite. Dann ist der Mond zunehmend, er «scheint» während der ersten Nachthälfte. Bei Vollmond steht die Erde ungefähr zwischen Sonne und Mond, wir sehen die ganze beleuchtete Seite des Mondes. Er ist die ganze Nacht sichtbar und löst sich bei Auf- und Untergang mit der Sonne ab. Seinen Höchststand erreicht der Vollmond um Mitternacht (dann, wenn es sonst am dunkelsten ist). Danach ist der Mond abnehmend, er scheint während der zweiten Nachthälfte.

Nidsigend und obsigend erklärt der Appenzeller Kalender, seit 1722 DAS Original und treuer Begleiter vieler mit dem folgenden Bild:

Aus dem Appenzeller Kalender 2021

Der Appenzeller Kalender wird momentan mit einer Ausstellung im Volkskunde Museum Stein geehrt. Auch die aktuelle, 300. Ausgabe gibt auf den ersten Seiten Tipps, welche Tätigkeiten in welcher Mondphase oder eben zu welchem Zeitpunkt der Mondbahn vorgenommen werden sollen.

Zum Beispiel:

  • Gesunde Nägel schneiden bei obsigend.
  • Eingewachsene Nägel schneiden bei nidsigend.
  • Hühneraugen entfernen bei nidsigend.
  • Für schnelleres Wachstum und dichteren Haarwuchs: Haare schneiden bei Löwe, Widder oder Stier bei zunehmendem Mond.
  • Pflanzen, die über der Erde wachsen, bei zunehmendem Mond setzen.
  • Knollen- und Wurzelgemüse bei abnehmendem Mond und nidsigend säen, stecken und pflanzen.
  • Auf- und absteigender Mondknoten ist allgemein ungünstig für Saat und Erde.
  • Bei obisgend Quellen fassen, sonst versickert das Wasser oder wird verfehlt.
Die magische Kraft

Mythos, Mystik und Vollmondbier

Und wie ist nun der Bezug vom vorangegangen Text zum Vollmond-Bier der Brauerei Locher?

Gerade im Appenzellerland, das reich an mystischen Plätzen, Waldlichtungen, Hoch- und Flachmooren, Kraftplätzen ist und in dem es Wanderungen zu Kraftorten gibt. Im Appenzellerland, in dem Vollmond-Käsen praktiziert und Vollmond-Holz geschlagen und verbaut wird.

Gerade in einer Brauerei, die sich Mythos und Landschaft des Appenzellerlands einverleibt hat und naturnah, ressourcenschonend produziert und der Umwelt eng verbunden wirtschaftet.

Gerade in der Brauerei Locher, bzw. ausschliesslich in der Brauerei Locher im Dorf Appenzell, am Fusse des Alpsteins macht doch das Brauen eines Vollmond-Bieres Sinn!

Und wie der spezielle Braumoment auf den Geschmack des Bieres und das bei Vollmond gebraute Bier sich auf dich, dein Befinden und deine Befindlichkeit auswirkt, das probierst du am besten selbst aus.

Quellen

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