You are currently viewing Unterwegs mit Irene im Brauerei-Lastwagen

Unterwegs mit Irene im Brauerei-Lastwagen

5 Frauen, 5 Berufe, 1 Bier. Im Rahmen dieser Serie durfte ich einen Tag lang mit Irene im LKW mitfahren. Für mich ist es ein mittleres Abenteuer und ein Tag, an dem ich einiges über Fahrzeuge, Logistik und die Vielfalt der Berufe in der Brauerei dazulerne.

Um halb Fünf am Morgen verlasse ich das Haus. Um halb Fünf! Es ist dunkel wie in einer Kuh, als ich mit dem Velo zur Brauerei radle. Die ÖV fahren noch nicht und ich bin für zwanzig Minuten sehr froh, dass der Januar schneefrei und mit milden Temperaturen endet. So komme ich erfrischt, aber nicht eingeeist an. Irene Ulmann wartet bereits beim zu diesem Zeitpunkt noch namenlosen Lastwagen. Während die meisten Menschen noch friedlich in ihren Betten schlafen oder halbwach auf «schlummern» drücken, ziehe ich mich zum ersten Mal hoch in die Kabine und sie macht eine letzte Kontrolltour um das Gefährt. Dann fahren wir los in Richtung Autobahn. Lichter vor uns, Lichter kommen uns entgegen, um uns herrscht noch immer die nächtliche Dunkelheit.

Ich bin noch etwas verknittert und dennoch aufgekratzt. Irene und ich kommen schnell ins Gespräch, gemeinsam auf kleinem Raum zu sitzen und durch die Nacht zu fahren, empfinde ich als verbindend. Was für mich ein mittleres Abenteuer ist, ist für die LKW-Chauffeurin Irene allerdings Alltag: Sehr früh aufstehen und im Cockpit eines riesigen Lastwagens losfahren. Jedoch ist die heutige Route auch für sie speziell, nicht nur, weil ich mitreise.

Das Fahrzeug, mit dem wir auf Tour sind, wird meistens eingesetzt, um Bier in Einwegverpackung von Appenzell zu Egger Transporte nach St.Gallen in ein Zwischenlager zu transportieren, von wo es an die Grossverteiler geliefert wird. Die zweite sogenannte «Shuttle-Route» dient dazu, Leergebinde und Rohmaterialen aus den Aussenlagern in die Abfüllerei zu bringen. Dafür gibt es bei der Brauerei einen zweiten LKW, einen langen Dreiachser. Irene und ein zweiter Fahrer wechseln im Wochenturnus die Fahrzeuge.

Ab und zu, wenn im Shuttle-Verkehr weniger Betrieb ist, teilt die Dispo das Fahrzeug auch mal für eine «Kundentour» eingeteilt, wie wir sie heute fahren. Das sind abwechslungsreichere Tage, da es dann schon mal weiter geht als nur bis St.Gallen.

Gut geplant…

Die Vorarbeit hat die «Dispo», erledigt: Irene hat einen Plan erhalten mit allen Stationen, die sie heute anfahren und was sie dort abliefern bzw. aufladen soll. Die Strassennamen unserer Ziele sprechen für sich: Wir fahren von der Industriestrasse in Appenzell an eine Industriestrasse in Wangen zur Alten Industriestrasse in Rothrist und über die Silostrasse in Will wieder zurück an die heimische Industriestrasse.  

Wir werden 28 Paletten Tschipps und brewbee Plant-based abladen, Leergut vom Getränkemarkt Ziel bei einem Getränkehersteller abgeben und volle Harasse mitnehmen, Rohstoffe und Verpackungsmaterial für die Produktion holen und nach Appenzell bringen. Eine ausgeklügelte Tour. Denn: Bringen wir volle Paletten, nehmen wir die gleiche Anzahl leere mit und wenn wir volle Paletten einladen, lassen wir ebenso viele leere am Ort zurück. Auch dieser Austausch muss bei der Planung berücksichtigt werden, schliesslich brauchen leere Paletten ebenfalls Platz, sind aber viel leichter. Mich fasziniert diese detaillierte Planung und ich notiere mir, dass ich für einen nächsten Blog die Logistik-Abteilung besuchen werde.

Ameisen folgen ihren Bahnen und wir unserem Plan

Es sind Schulferien, der Verkehr auf der A1 fliesst ruhig und regelmässig. Wir erreichen unser erstes Ziel frühzeitig: Ein Logistikzentrum eines Grossverteilers. Wir reihen den Schlepper hinter eine Schlange von LKWs, die bereits auf eine freie Rampe warten und gehen mit dem Lieferschein zur Anmeldung. Dort treffen wir die Chauffeure, der oben abgestellten LKWs. Man verkürzt sich das Warten mit einem Kaffee aus dem Automaten und ein bisschen Small Talk. Es ist kalt in der grossen Lagerhalle, in der wir inklusive Abladens ungefähr eine Stunde verbringen werden.

Dann ist es soweit: Irenes Pager zeigt piepend an, dass unser Zeitfenster gekommen ist. «Deine Rampe ist die Nr. 1!» sagt ihr die zuständige Person. Irene und ich eilen zurück zum Schlepper und Irene fährt ihn gekonnt rückwärts an Rampe 1. Während ich im Fussgängerbereich stehe, kann ich beobachten, dass Irenes Job durchaus nicht nur aus Sitzen besteht: Sie bedient ein Stapelfahrzeug, hebelt Ware aus dem Auflieger in die Halle, «parkiert» sie am zugewiesenen Ort, von wo sie von einem Mitarbeiter der Hauslogistik weggebracht werden. Es sind wie gesagt 28 Paletten, Irene fugt also einige Male eine Ladung aus dem Auflieger. Ich beobachte fasziniert das emsige Treiben: Paletten voller akkurat gestapelter Kartonkisten mit Taschentüchern, Wasserkochern und eben «unseren» brewbee-Tschipps fahren an mir vorbei. Staplerfahrzeuge, sogenannte Ameisen, folgen ihren Bahnen, als ob sie auf Schienen wären. Was auf den ersten Blick unkoordiniert erscheint, folgt klaren Abläufen. Die Ameisenbahnen sind gut geordnet.

Am Schluss lässt sich Irene die Lieferung quittieren und wir fahren weiter. Mittlerweile ist der Morgen heller geworden. Heller, nicht hell, denn im Mittelland hängt der Nebel fest und grau. «Wie immer», kommentiert Irene trocken.

Zweiter Stopp. Was früher ein bedienter Empfangsbereich war, ist nun ein eher trister Warteraum. Irene meldet sich per Telefon an, es ist besetzt. Auch hier wird die Wartezeit aufgelockert durch ein Gespräch mit anderen Chauffeuren über die bisherigen Routen und angefahrenen Orte: «…eine verfluchte Länge habe ich gewartet…!» Wissendes Nicken. Dann erhalten alle drei die Aufforderung, an die jeweilige Rampe zu fahren. Ausladen, einladen, quittieren, abfahren.

Intermezzo

Die Lenk- und Pausenzeiten von Lastwagenlenkerinnen und -lenker sind strikte geregelt, ein Bordcomputer zeichnet die Fahrten auf. Nach 4.5 Stunden Lenkzeit muss eine Pause von 45 Minuten eingelegt werden. Die Pausen können auch in 15 und 30 Minuten verteilt werden. Unsere Mittagspause verbringen wir in der Raststätte Kemptthal. «Hier bin ich gerne», sagt Irene. Ich verbinde Autobahnraststätten mit Ferien, dieses hibbelige Gefühl, unterwegs zu sein, etwas Besonderes zu erleben. Für Irene ist es wie gesagt Alltag. Meistens isst sie allein, manchmal setzt sie sich in den Pausen an einen Tisch mit anderen Chauffeuren. «Einige kennst du halt mit der Zeit, wenn du ähnliche Touren fährst.»

Auf der Fahrt zurück in Richtung Osten lichtet sich der Nebel, die Sonne zeigt sich. Wir halten uns zurück mit «in der Ostschweiz geht die Sonne auf»-Sprüchen, können sie uns allerdings nicht ganz verkneifen.

Ein «schweres Geschirr» namens Paul

Ein paar Zahlen zu «unserem» Lastwagen:

  • Höhe: 4 Meter
  • Länge: 16,5 Meter
  • Maximales Ladegewicht: 24 Tonnen
  • Gesamtgewicht: 40 Tonnen

Mir imponieren diese Ausmasse ziemlich. Irene strahlt: «Ich fahre gerne mit diesem grossen Geschirr.» Den «wendigen» Schlepper, mit dem wir heute unterwegs sind, mag sie lieber als den sperrigeren Dreiachser.

An den zwei Stationen, die wir am Nachmittag anfahren, laden wir Ware auf, schwere Ware. Der LKW sei nun deutlich schwerfälliger zum Lenken, sagt meine Gesprächspartnerin. Auch ich nehme das leichte Schwanken auf der Autobahn wahr. Ich bin massiv beeindruckt, wie geschickt sie mit den Seitenkameras manövriert und das Riesenteil passgenau an die Rampen fährt. Einen Namen hat der Schlepper keinen. Im Verlaufe des Tages taufe ich ihn «Paul». Irene zögert noch: «Wenn, dann wäre es Päuli.» Ich vermute, der Schlepper wird weiterhin einfach «der Schlepper» bleiben.

Truck-Romantik, aber anders

Irene hat sich «einen Kindheitstraum erfüllt», als sie 2018 die LKW-Prüfung gemacht hat. Sie ist ausgebildete Lebensmittelverkäuferin, hat im Detailhandel und der Gastronomie gearbeitet, danach in einem Altersheim in der Hauswirtschaft. Nach einem Jahr in der Pflege merkte sie, dass das «doch nicht ihr Ding» sei. Nun fährt sie für die Brauerei. Sie ist über Beziehungen zu dieser Stelle gekommen: «Ich kenne einen Fahrer persönlich und habe hartnäckig nachgefragt, ob es nicht nicht eine Stelle als LKW-Lenkerin gibt. Irgendwann kam der Anruf von Erich Manser [dem Leiter der Logistik, MT].» Das Logistik-Team besteht momentan aus 12 Personen und 2 Springern. Irene ist die einzige Frau.

Mir rasen immer wieder Fragen durch den Kopf, die meisten kann ich ihr während unseres «Roadtrips» stellen:

  • Was gefällt dir an deiner Arbeit?
  • Ist es nicht langweilig, den ganzen Tag allein in der Kabine zu sitzen?
  • Reizt es dich, auch mal international zu fahren?
  • Wie ist es, als Frau in diesem für mich sehr männlich dominierten Bereich tätig zu sein?

Irene ist eine angenehme Gesprächspartnerin, sie erzählt gerne von sich und ihrer Arbeit.

«Ich mag die Leute, die Chauffeure – die sind eigen, aber unkompliziert, gut.» Ausserdem mag sie Lastwagen, deren Grösse, die Mechanik, «Trucks halt», wie sie lachend und schulterzuckend sagt.

Allein im Cockpit unterwegs zu sein, ist für sie nicht negativ. Sie hört den ganzen Tag ihre Lieblingsradiosender, «die begleiten mich». Ausserdem treffe sie beim Ab- und Aufladen immer Leute, in den Pausen hat sie ebenfalls Kontakte. «Und am Nachmittag bin ich eh in der Bude, treffe die Leute aus meinem Team und tausche mich mit ihnen über den Tag aus.» Einsam fühle sie sich nicht.

Auf die Frage nach der internationalen Karriere antwortet Irene nur: «Eher weniger. Da stehst du stundenlang am Zoll.» Puff! Damit löst sich in meinem Kopf das von Filmen und Büchern geprägte Bild vom romantisch-einsamen Trucker-Leben auf, wie Zuckerwatte im Regen.

Im Team sei das Frausein weniger ein Thema, «da sind wir einfach das Team. Und ein gutes dazu.» Fakt ist: Die Lenkerin, ihr Zugfahrzeug mit Quöllfrisch-Logo und dem Aufleger mit Appenzeller-Bier-Blache sorgen unterwegs für mehrere Winker und viel Sympathiebonus. Während des ganzen Tages nehme ich nebst ihr drei Frauen wahr, die mit LKWs unterwegs sind und Waren aus- und einladen. «Manchmal nervt es schon, auf „Frau im LKW“ reduziert zu werden», wendet Irene ein.

Heimkommen

Zurück in der Logistik der Brauerei heisst es: Den Aufleger ausräumen, rapportieren und dann den Schlepper für den nächsten Tag beladen. Sodass er am nächsten Morgen um 5 Uhr wieder bereitsteht, wenn Irenes Kollege seine Schicht beginnt, während Irene ihren freien Tag geniesst.

Für mich geht ein langer, ereignisreicher, kurzweiliger, unglaublich spannender Tag zu Ende. Ich danke Irene und dem Team, dass ich diese kleine Abenteuer erleben durfte und mach mich sehr müde und zufrieden auf dem Heimweg.

So ein cooler Tag!

Dr Kanton Aargou flügt vrbii
u millione toti Flüger chläbe chrüz u quer verquetscht a mire Windschutzschibe
voruss wird’s langsam Morge
[…]
10 000 Kilometer uf däm länge graue Band
we me wie mir gäng hin u här fahrt git’s eim fei echli es Dürenand
mir si uf em Heiwäg
I weiss scho wieder nümm vo wo
u irgend so’ne Heiwehcountryschlager tropfet us em Radio

«Toti Flüger» von ZüriWest

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.