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Uferlos am Rheinufer & 600 Weihnachtskrippen im August

Quöllfrisch unterwegs von Schaffhausen über Stein am Rhein nach Kreuzlingen

Die Beschilderung der Velorouten – hier beim Bahnhof Schaffhausen – ist so grandios wie die zur Verfügung stehende Auswahl der Wege zum Ruhm.

Der Plan: Mit Quölli von Schaffhausen über Stein am Rhein nach Kreuzlingen pedalen, um in einigen Gaststätten, die Appenzeller Bier führen, Einkehr zu halten und angefangene Blogbeiträge zu beenden, weitere zu planen. Ich sende euch eine Traumwetter-Postkarte aus dem malerischen Rhein- und Bodenseegebiet – und einen besonderen Gruss aus dem einzigen Krippenmuseum der Schweiz, wo das ganze Jahr Weihnachten ist.

Donnerstag, 12. August 2021. Um 6 Uhr morgens ist es schon wieder ziemlich dunkel. Der Frühling scheint über die aktuellen paar Sommertage direkt in den Herbst überzugehen. Der HB Zürich ist eine Baustelle. In Deutschland streiken die Lokführer; zum Glück kann ich genau an der Grenze aussteigen. Vor dem HB spielen zwei Taxifahrer unter der geöffneten Heckklappe Schach. Scheint wohl nicht viel los zu sein. Ein vollbärtiger mit glänzender Kappe hetzt im schwarzen T-Shirt mit Aufschrift «Böser alter Mann» mit verrutschter Hygienemaske an mir und Quölli vorbei. Plakate weisen wieder auf Veranstaltungen hin, eines davon auf den Concours Geza Anda 2021, der aber eigentlich schon gelaufen ist. Aber den Namen kennen wir vom Beitrag zum Appenzeller Birra da Ris. Bald wird auch der Neubau des Kunsthauses Zürich mit der Sammlung Bührle eröffnet. Dass alte Veranstaltungsplakate immer noch hängen, deutet auf immer noch nachwirkende Corona-Flaute in der Branche hin, was mir gestern schon ein Event-Planer seufzend dargelegt hat. Er habe zwar wieder einige Aufträge, aber viel zu wenige.

Feudaler Start in Schaffhausen.
Das Ende ist immer auch ein Anfang.

Die seit Jahren beliebten Radwege in der Bodenseeregion sind richtig gut beschildert. Ich fahre die 6. Etappe der Rhein-Route von Schweiz Mobil in umgekehrter Richtung, also von Schaffhausen – zur Gründerzeit «Scafhusun» genannt, hergeleitet vom althochdeutschen «scafa» gleich Schiff – nach Kreuzlingen. Länge: 48 km. Asphalt: 40 km. Naturbelag: 8 km. Kondition: leicht. Bis zum ersten Zwischenstopp mit Gaststätten, die Appenzeller Biere führen, dem pittoresken Städtchen Stein am Rhein sind es 18 km; Wortlaut Schweiz Mobil: Da wo der Rhein den Bodensee verlässt, die Deutschen nennen es das «Rothenburg des Hochrheins», liegt das Bijou mit seinen prächtigen Stadttoren, den freskengeschmückten Stein- und stattlichen Fachwerkhäusern. Beeindruckend nehme ich die angenehm luftige Kühle der Waldabschnitte wahr und verweise einmal mehr auf die wichtige Kühlfunktion der Wälder auch im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung. Ja, es gibt diesbezüglich viel zu tun, die Leistung der Bäume wurde kläglichst vernachlässigt. Es geht durch die «Bibermüli», ein Auengebiet von nationaler Bedeutung. Immer mal wieder fahre ich durch Deutschland, was nur an der Beschilderung zu bemerken ist.

Fata Morgana oder Realität: Ob das Kamel mit dem leeren Schild im Bauch zum Katzenhof gehört, ist nicht ganz klar.

Ein rotes Kamel mitten im Feld lässt mich abrupt stoppen und Don Quichote aufleben. Lanze hoch, Attacke, Quölli! Fata Morgana? Ach, nur ein Schild! Also, ganz ruhig, Don Alfredo! Katzenhof Büsingen? Hm, tja, ähm. Weiter gen Stein am Rhein, meistens in Rheinnähe über Feld- und Waldwege. Natürlich bin ich nicht allein, die Bodenseeregion ist ja seit jeher eine beliebte Velotourenstrecke: Es wimmelt von Velofahrer*innen im knallbunten, hautengen Technodress; viele wulstig gekurvt. Nicht immer verlaufen Überhol- und Kreuzungsmanöver reibungslos, da nicht alle die ungeschriebenen Regeln des sich Einreihens zu kennen scheinen. Ja, auch Velofahren will gelernt sein. Aber bei vorausschauendem und geduldigem Fahren klappts dann meistens schon.

Zwei Beizli mit Charakter und Appenzeller Bier (Öffnunszeiten beachten!):

Erstes Zwischenziel: Stein am Rhein – da, wo der Bodensee zum Rhein wird

Stein am Rhein bzw. das Kantonsspital Schaffhausen ist mein Geburtsort. Dort wurde mir am 1. Juni 1961 – also vor rund 60 Jahren – mit zwei Wochen Überzeit um 1 Uhr 20 die Nabelschnur durchschnitten – nach einer wohl mühseligen Steissgeburt. Obwohl ich dabei war, kann ich mich weder daran noch ans darauffolgende erste Lebensjahr erinnern, das mit dem Umzug nach Mollis GL endete. Von dort zogen wir nach drei Monaten in der 1. Klasse nach Heiden AR, das nur nebenbei. Stein am Rhein verblieb mir als schönes altes Örtchen und Ziel diverser Sonntagsausflüge mit Besuchen bei meist erwachsenen Menschen, die immer Fremde blieben, irgendwo im Gedächtnis. Während des Lehrerseminars in Kreuzlingen – wo ich insgesamt sechs Jahre lebte – gings trotz geografischer Nähe nur selten über Ermatingen und Gottlieben hinaus. Wohl um die Kinder länger hier zu halten als nur ein Jahr, trägt das Städtchen heute das Unicef-Label «Kinderfreundliche Gemeinde».

Die Fresken des Hauses «Zum weissen Adler» (rechts) gelten als erste Renaissance-Fassadenmalerei der Schweiz. Die Fassadenmalereien links stammen von Schellen-Ursli-Schöpfer Alois Carigiet.

Nun treffe ich also nach rund 45 Minuten auf feudalen Radwegen bei Postkartenverhältnissen dort ein und staune über die prachtvoll bemalten Häuser. Ja, Appenzell hat das auch, aber hier ist es anders. Es sind Fresken, also Bemalungen auf dem Verputz, während in Appenzell die Holzfassaden bemalt sind. Und natürlich noch ein wesentlicher Unterschied: Das Alter der Malereien. Während Appenzell erst ab 1931 bunt wurde – hier nachzulesen: Wie Appenzell bunt wurde –, dominieren in Stein am Rhein Bürgerhäuser mit historischen Fassadenmalereien aus verschiedenen Epochen. Dabei nimmt das Haus «Zum weissen Adler» eine Sonderstellung ein, wie ein graues Täfelchen an der Fassade besagt:

Erstmals wird das Haus kurz nach 1400 erwähnt. Seine Fresken gelten als früheste Fassadenmalerei der Renaissance in der Schweiz. Sie wurden wahrscheinlich vom bekannten Schaffhauser Künstler Tobias Schmid um 1522/23 gemalt. Später hat man sie mehrmals restauriert und 1780 neu gemalt. In eine Scheinarchitektur eingebunden, findet sich hier eine Art «Laienpredigt»: Tugend- und Lasterdarstellungen sowie humanistische Parabeln – u.a. aus dem Decamerone von Boccacio. Auftraggeber war der damalige Besitzer Sigmund Flar, ein aus Konstanz geflohender Bürgermeister. Die Fassade aus dem 15. Jahrhundert ist bis auf das Erdgeschoss (1921) unverändert.

Rechts am Rathaus: Der Spruch «Nu ne Wili» begegnet einem in Stein am Rhein immer wieder; es ging um die Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft oder zu den Habsburgern. Aber so ganz klar ist mir die Geschichte nicht geworden. Hier gehts zu den Aktivitäten des Vereins NO E WILI.
Nah am Wasser gebaut: Blick von der Rheinbrücke, flussaufwärts, wo der Bodensee zum Rhein wird.

Dass Stein am Rhein einen derart gut erhaltenen mittelalterlichen Kern besitzt, war mir in keiner Weise mehr bewusst. Was ich noch wusste, dass man mit dem Auto auf der Rheinbrücke vor einem Rotlicht warten musste, um hineinfahren zu können. Auf der rechten Uferseite liegt der neuere Teil des Städtchens. Von dort entdecke ich auch die Schiffsanlegestelle, wo das Restaurant Uferlos – laut der Liste von Dany Hürlimann, dem Ansprechpartner der Brauerei Locher für Thurgau, Schaffhausen und Teile des Kantons St. Gallen inkl. Stadt – wohl liegen muss.

Blick von der Rheinbrücke stromabwärts: In der Nähe der Schifflände muss das Café Bar Bistro Uferlos sein.

Café Bar Bistro Uferlos – An der Schifflände, Stein am Rhein

Erst dachte ich, Metzgasse 10, die Adresse von Café Bar Bistro «Uferlos. An der Schifflände» sei ein Verschreiber. Als Steinbildhauer in mittelalterlichen Gefielden, in denen die Steinmetze begehrt und gut verdienend waren, hätte ichs ja besser wissen können. So erscheints gar nicht so ungewöhnlich, dass eine Gasse nach ihnen benannt wurde. Jedenfalls liegt die beschauliche Terrasse wirklich direkt neben der Schiffshaltestelle mit Blick auf den Rhein, der nur wenig weiter oben den Bodensee verlässt.

Terrasse am Rhein: Café Bar Bistro Uferlos.

Die gemütliche Terrasse mit Holzboden unter den weissen Sonnenschirmen lädt zum Verweilen ein und ist dementsprehend gut besucht. Zudem werden die Tische grad fürs Mittagessen gedeckt. So schnappt mir just ein schneller Radprofi das nicht gedeckte Zweiertischchen vor der Nase weg, während ich noch die freundliche Dame im Service frage, ob ich da etwas trinken könne. Also warte ich mal ab, ob in nächster Zeit ein Plätzchen frei wird. Dauert gar nicht lange, als ich zum nächsten freien Tisch gewunken werde. Der allerdings ist ab 12.30 Uhr reserviert. Ich bestelle ein Bschorle. Nachdem meine Nachbarinnen aufgebrochen sind, darf ich das Reservationsschild auf deren Tisch legen. Eine Braut braust mit wehendem Schleier und Strauss im roten Ami-Cabrio vorbei, am Steuer sitzt wohl der frischgebackene Ehemann.

Die Einrichtung innen wie aussen besteht aus einfachen, teilweise upcycleten Materialien. Nicht protzig, sondern einfach und praktisch, aber trotzdem modern, grosszügig und heimelig. Der unterteilte Innenraum ist dank riesigen Fenstern sehr lichtdurchflutet und hell. Hier lässt sich verweilen, hier lässt sich sein. Harmonische Grün- und Holztöne, ein grosses Dschungelbild, weisse Decken, Säulen und Wände kontrastieren mit schwarzen Bändern, Silber von Lüftung und Lampen Sogar leere Kabelrollen aus Holz können durch Anmalen und Flachlegen zu chilligen Lounge-Tischchen werden. Irgendein Witzbold oder eine Witzboldin hat bei der rechten WC-Tür ein D weggekratzt, nun heisst es dort AMEN.

Schlichtes, gemütliches Design auf einfachen Materialien.

Ich habe inzwischen beschlossen, hier eine Weile zu arbeiten, Dany Hürlimanns Liste zu studieren, den Lunch einzunehmen, um danach noch einmal durchs Städtchen zu streifen. Mir war nämlich, als wären da noch zwei, drei weitere Gaststätten aufgelistet, die Getränke der Brauerei Locher führen. Mediterrane Stimmung kommt auf. Der Fluss, die Schiffsanlegestelle, die nebeneinander liegenden Gartenbeizen, Bewegung und Glitzern des Wassers, Boote, Möven, Kastanien im lauen Windhauch, friedlich miteinander quasselnde und vobeispazierende Menschen. In der Ferne eine Glocke. Am andern Ufer Häuser, Hecken und schöne alte Bäume, dahinter gügselt der Wald hervor. Stein am Rhein liegt am Fuss des Klingen beidseits des Flusses. Genauer, da wo der Bodensee als Rhein weiter gegen Basel zieht, um bei Rotterdam ins Meer zu fliessen.

Irgendwo im Netz habe ich gelesen, das Club-Sandwich sei sehr lecker. Eigentlich reagiere ich meistens skeptisch auf solche Kommentare, aber heute erleichtert es meine Entscheidung zwischen diversen Salaten, Mezze kalt oder warm, Club-Sandwich mit oder ohne Fleisch, Wraps oder Foccaccia. Also: Club-Sandwich mit Poulet, einem kleinen Salat und einer Portion Potatoe Wedges (Kartoffelschnitze) mit Trüffelmayo. Dazu bestelle ich das dritte Bschorle. Auch am Mittag ist die Terrasse gut besucht, trotzdem kommt keine Hektik auf. Nach dem Espresso konsultiere ich also noch einmal die Liste. Oh, bei der KrippenWelt heisst es: unbedingt besuchen. Ohne diesen Hinweis hätten mich wohl keine zehn Brauereigäule da rein gebracht. Weihnachten mitten im Sommer, naja! Es wurde wider Erwarten zum Überraschungs-Highlight des Tages.

KrippenWelt – das erste Krippenmuseum der Schweiz, Stein am Rhein

Auch auf dem Hauptplatz kann man sitzen, aber im Innenhof ists ruhiger.

Als ich eintrete, ist ein Ü50-Herr mit dem Rücken zu mir mit der Kaffeemaschine beschäftigt. Ich grüsse, schaue mich um. Das Entrée wirkt wie eine Boutique mit Geschenkartikeln. Oder wie es auf der Website heisst: Krippen, Geschenke & Souvenirs – nicht nur für die Weihnachtszeit. Eine Frau tritt ein, die offenbar Teil dieses freundlich kunterbunten Universums namens KrippenWelt ist. Sie erklärt mir, dass das Museum die beiden oberen Stockwerke einnehme, dazu komme der Kunstkeller mit der Dauerausstellung des napolitanischen Künstlers Roberto «Ciro» Cipollone und natürlich das Bistro mit reich dekoriertem Innenraum und idyllischem Innenhof mit Goldfischteich. Es gibt überall viel zu entdecken. Die Betreiber der KrippenWelt kennen kaum Grenzen, wenn es darum geht, ein passendes Plätzchen für ein Objekt oder ein Bild zu finden – und zwar in jeder denkbaren Grösse.

Das Bistro mit den drei Königen auf dem Tisch und Fenstern zum Innenhof.
Fische an der Wand der Gartenterrasse im Innenhof.
Der Gewölbekeller ist Ausstellungs- und Bankettraum.
Dauerausstellung des italienischen Künstlers Roberto «Ciro» Cipollone, der auch Hintergründe, Sockel und Umgebungen vieler Krippenfiguren im Museum geschaffen hat.

Wir befinden uns übrigens im ältesten, noch original erhaltenen Haus von 1302 und mitten in der Fussgängerzone der Stadt Stein am Rhein. Im obersten Stockwerk sei ein Zimmer im Zimmer gebaut worden, als Kühlschrank quasi. Weil es darin nie gefriere, was man schon früh herausgefunden habe. Im Netz preist sich das Museum an mit: Jährlich werden bis zu 600 Krippen aus über 80 Ländern jeweils so präsentiert, dass die religiöse, kulturelle oder gesellschaftspolitische Welt, die hinter den einzelnen Krippendarstellungen steht, zum Ausdruck kommt. Zuerst steige ich über den wirklich bezaubernden Innenhof mit echten und künstlichen Fischen hinunter in den Gewölbekeller. Erstaunlich, wie der Künstler Ciro die unterschiedlichsten Materialien zu berührenden Menschengruppen umgestaltet. Auch im Museum sind diverse Arbeiten von ihm zu finden. So hat er im Auftrag der Mutter eines im Zweiten Weltkrieg gefallenen 17jährigen Soldaten, dessen Helm in eine Krippe verwandelt. Der Helm war alles, was ihr vom Sohn geblieben war.

Krippendarstellung im Helm des im 2. Weltkrieg in Stalingrad gefallenen Sohnes.

Das Museum ist auf liebevolle Art total verrückt. Eine Wunderwelt tut sich auf. Was da an Krippen aus aller Welt und allen Materialien, Formen und Farben zu finden ist, schlägt jede Vorstellung und erinnert mich ans weltberühmte Lausanner Art Brut-Museum. Krippen aus Kürbissen, Maismehl und -blättern, Blech, Papier, Pappmaché, Plastik, Glas, Keramik, Korallen, Alabaster, Sandstein. Krippen von Sklaven, Volksgemeinschaften, Arbeiter*innen rund um die Welt. Eine Miniaturkrippe in der Nabe eines Wagenrades. Eine Krippe im Kachelofen. Eine grosse Krippe mit Beleuchtung, Bewegungsmechanik und echten Wasserbrunnen. Die Weltenkrippe mit Feueralarmkästchen, auf dem ein Engel sitzt.

Auch im Rad rechts an der Wand hat eine Krippe Platz.
Im und auf dem Kachelofen, in Wandnischen, in und auf Vitrinen und in Bilderrahmen: Christi Geburt in unzähligen Variation.
Ausschnitt aus der Weltenkrippe mit über 150 aus Holz geschnitzten und bekleideten Figuren aus allen Kulturen und Religionen, die Auguste Wohlrab, München, im Alter von 89-92 Jahren geschaffen hat – mit echtem Feueralarm.

Leider sind die Spiegelungen der Vitrinen oft Spielverderber, was meine Fotos anbelangt. Aber einige sind ganz gut gelungen, um einen Eindruck von der unglaublichen Vielfalt zu vermitteln. Als ich längere Zeit nicht mehr runterkomme, erscheint der Herr von der Kaffeemaschine. Ein gebürtiger Bayer, wie Dialekt und FC Bayern München-T-Shirt vermitteln. Er freut sich darüber, dass es mir gefällt. Er macht auch Führungen durch die Ausstellung. Jede Krippe habe ihre Geschichte. Jesus sei die einzige religiöse Persönlichkeit, die von den unterschiedlichsten Kulturen in ihrer jeweils eigenen Art integriert worden sei. Buddha bleibe beispielsweise immer asiatisch. Jesus aber werde immer von den Menschen angeeignet, werde in Peru quasi Peruaner mit entsprechender Kleidung und Lama, im Dschungel zum Dschungelbewohner, in Afrika zum Afrikaner mit Löwen und Elefanten – und bei uns Mitteleuropäern eben zum Weissen, der er ja wohl nie gewesen sein kann. Zufällig berichtet der Spiegel am 10. August 2021, dass «die Urmenschen weniger hellhäutig waren, als angenommen»; das hänge vor allem mit der Ernährung zusammen. Aufgrund der neusten Erkenntnisse mittels Genanalysen wird der viele Jahre im Museum gezeigte weisshäutige Neandertaler nun durch ein Modell mit dunklerem Teint ersetzt.

Wie Figuren aus den Bildern des kolumbianischen Malers und Bildhauers Fernando Botero: Chulucana-Krippe von den Nachfahren der Tallanas, einem präkolumbianischen Volk aus dem heutigen Peru.
Krippe aus Mali: Von Jugendlichen aus Ungeziefer-Spraydosenblech gefertigt.
Baumschwammkrippe mit Plastikfiguren aus Süditalien; Gattung «arme Leut-Krippe».
Ein bisschen kleiner Prinz: Krippe mit Sternenhimmel.
Farbenpracht: Krippe des Künstlers Hilario Mendivil (1927-77), Cusco, Peru.
Krippe aus Maisblättern.
Krippe aus Maismehl und Papier, Peru.
Ebenholzkrippe aus Tansania.
Sklavenbootkrippe, geschnitzt aus einem Mahagoni-Baumstamm.
Sackleinen- oder Rupfenkrippe. Sklavenarbeit (Leibeigene), Brasilien, ca. 1920.
Krippe von Javier Sullca Huamán, Cusco, Peru: Aus dem Berg heraus, symbolisiert durch die «Erdmutter», die drei Coca-Blätter in der Hand hält. Als ein Geschenk Gottes an die Indios, die für die Spanier Silber abbauen mussten, ereignet sich Christi Geburt – Zeichen der Hoffnung für die versklavte Bevölkerung.
Östliche Krippenpracht aus Polen.

Ein bisschen Manfred Deix: Kopie einer Theaterkrippe aus dem Jahr 1780, Neapel (Ausschnitt).

Auch hier gibts Appenzeller Bier:

il gelato – gran caffè & gelateria, Stein am Rhein

RiverBike – Cycle Café, Stein am Rhein

Weiter gehts – immer schön gegen den Strom

Bis Kreuzlingen kann man wirklich nichts sagen: Die Veloroute ist wunderbar beschildert und führt weiter in Unterseenähe durch die Postkartenlandschaft. Einige Beizen auf der Liste sind so speziell und äget wie das Appenzeller Bier. Sie öffnen teilweise erst am Wochenende, fallen also beim heutigen Trip weg. Beim Strandbad Steckborn halte ich an. Es habe den schönsten Sandstrand der Region. Naja, der wurde wohl hingekarrt, denn er wird von Rasenflächen eingerahmt, auf denen ich mein Badetuch platzieren täte. Fürs Baden zahlt man, die Beiz ist gratis. Ich sehe aber nur Schützengartenbiere auf der ausgehängten Karte und schwinge mich wieder auf Quölli. Trotz Durst.

Schweiz Mobil textet: Beschwingt pedalt es sich auch durch die Ortschaften Berlingen und Steckborn mit ihren hübschen Fachwerkhäusern. Weltbekannt ist die 1893 gegründete Nähmaschinenfabrik Bernina, die in Steckborn bis heute Näh- und Sticksysteme entwickelt. Ebenso berühmt: Hermann Hesse, welcher einst auf der deutschen Seite des Untersees in Gaienhofen gelebt hat. 

Genau: Viele Felder gehören zum Saftproduzenten Biotta.

In Ermatingen bzw. Tägerwilen hätte es einige Restaurants mit Appenzeller Getränken gehabt, aber aus irgendeinem Grund dachte ich, sie wären in Kreuzlingen, wo ich dann ernüchtert und noch durstiger feststelle, dass es in Kreuzlingen kein einziges hat. Nach Ermatingen führt der Radweg teilweise über deutschen Boden und: nein, zurück fahre ich heute sicher nicht mehr!

Am Schild «Schweiz» merke ich, dass ich im Grossen Kanton bin: Einfahrt in Keuzlingen.

Kreuzlingen – die Austauschbare

Kreuzlingen enttäuscht mich jedes Mal von Neuem. Immerhin habe ich hier rund sieben Jahre meiner Jugend verbracht. Aus den beiden Häusern, in denen ich gelebt habe, sind längst Neubauten erwachsen. Früher hatte es eigentlich viele schöne Ecken. Inzwischen ist zwar die Grenze offen, wo wir nur mit ID rüberkonnten und öfter mal «Kuhschweizer» gerufen wurden, aber mir scheint, dass hier endgültig jeglicher Charakter ausradiert wurde. Der untere Teil der früheren Strasse nach Kreuzlingen ist jetzt Fussgängerzone, aber so richtig Nullachtfünfzehn. Könnte auch Buchs SG sein. Meine Heimat war der «Adler» mit der Mamma Lina und ihrer Serviererin Rina, von der es hiess, sie sei diejenige, die die berühmten Tortellini und viele andere italienische Spezialitäten von Hand fertige. Hatte ich mal kein Geld, stand doch plötzlich ein Teller vor mir. Ja, da wird einem das Herz schwer, wenn man sich umsieht. Und die geteerte Fussgängerzone verspricht jetzt schon unerträgliche Hitze. Bäume, wo?

Ja, da sehnt man sich nach Stein am Rhein.

Bevor ich am Hafen ein Bierchen geniesse, mache ich mich auf zum ehemaligen Kloster des ehemaligen Lehrerseminars, das mir mehr Steine in den Weg legte, als ich mir jemals erträumt hatte. Auch nachträglich gesehen: Eine klare Fehlentscheidung so früh im Leben. Mit dem Klassenlehrer, der Deutsch unterrichtete – aber, ähm, würkli schlimm; seinen beiden Dreieinhalbern verdankte ich die Verlängerung der Probezeit – und der leider auch das Konvikt leitete, in dem ich drei unglückliche Pubertätsjahre ertragen musste. Ich mochte ihn nicht, er mich nicht. Auch er meinte mal, wir seien hier nicht auf einer Appenzeller Kuhweide. Mit höchst unpädagogischen Strafen, wenn man abends zu spät eintrudelte und und und. An der schweren Bronzetür, deren Schwere den beschwerlichen Kampf um Bildung symbolisieren sollte, steht irgendwo Einsteins Formel e=m c2. Oh, wie oft bin ich da rein und raus. Der Hof wurde mit Betonveloständer gegen die Strasse hin abgeschottet, der Innenhof der ersten grossen Liebe gehört nun zum Campus der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Alles wirkt heute so seifig pflegeleicht und todlangweilig. Eine Lehrerfabrik, in der die Volksbildhauer*innen der Neuzeit auf Hochglanz getrimmt werden – was noch lange nichts mit Pädagogik zu tun hat. Nein, auch das würde ich mir nie mehr antun, hätte ich damals gewusst, was ich heute weiss. Aber egal: Je ne regrette rien! Ausser, dass ich nicht direkt eine Bildhauerlehre gemacht habe.

Sackschwere Pforte der Erkenntnis: Da ist sie, Einsteins Formel in Grossbuchstaben E=MC2

Zwischen Alt- und Neubau mache ich mich auf Richtung Hafen. Auch hier scheint mehr leerer Teer und wenig Bäumiges zu regieren als früher. Am Hafen, der ebenfalls geteerter wirkt, auch Velos dürfen anscheinend nicht mehr in den Park, was früher problemlos ging. Als die Seeburg noch unrenovierte Ruine war, habe ich in dem romantischen Garten viele Stunden gelesen. Immer wieder Pfauenrufe. Ansonsten unglaubliche Ruhe und Stille. Bei der Renovation der Seeburg war meine Bude mit dabei. Und weil einer – nein, nicht ich – einen Stein verhauen hatte, so sehr, dass er unbrauchbar war, zogen wir nach altem Brauch in Bildhauerkluft (Lederschürze, Arbeitsschuhe und -kleider) mit dem geschmückten Stein – man nennt so einen verhauenen Stein «Bernhard» – und einem Fass Bier durch Kreuzlingen und platzten damit gut durchfeuchtet in die Runde der Einweihungsgesellschaft. Es regnete, aber das war uns egal. Dort war schon ein «Grab» für den Bernhard ausgehoben und mit Kordeln umzäunt worden, in das wir ihn denn auch versenkten. Leise waren wir dabei nicht wirklich. Ob der Oberbildhauer das mit einer Grabesrede tat, weiss ich nicht mehr. Aber speziell wars. Vermutlich war damit auch die dortige Idylle zu Grabe getragen worden. Inzwischen wird um ein hässliches öffentliches Klo gestritten, wie ich dem Tagblatt entnehme.

Irgendwie weit, irgendwie leer, irgendwie irgendwie. Früher sassen immer junge Menschen auf dem Rasen – mit Büchern, Gitarren und vielem Meer. Heute lebt da nur noch der Rasen.
Keine Ahnung, warum der Ortsbus eine Zürcher Nummer hat. Dass Quölli eine Zürcher Nummer hat, aber schon.

Am Hafen hätte ich auch ein Falken- oder auch ein Schützengartenbier genossen. Aber da ich nur auf das geziegelte stiess, sagte ich mir: Nö, heute nicht! Auch sonst hält mich in diesem gesichtslosen Ort nichts. Ich lese noch die Inschrift auf dem Steinkrümel-Relikt aus Alpenkalkstein, das da in der 30er-Zone auf einem Betonsockel steht, heute aber noch mehr aus der Nullachtfünfzehn-Architektur gefallen scheint, als früher. Laut einem Text der Thurgauischen Naturforschenden Gesellschaft von 1906 wurde er ein paarmal verschoben: Der «Grosse Stein» im Wald hart neben der Kreuzlinger Haupt- und Landstrasse, Eigentum von Herrn Hauptmann Yogier, ist vom Yerschönerungsverein daselbst in den Garten der Mannhartschen Besitzung disloziert und in verdankenswerter Weise mit Inschrift versehen worden.

Der grosse Stein. Grenzmarke der Vogtij uff den Eggen. Richtstätte der 9 Knechte des Mangold von Brandis 1368.Rednerstuhl des Stiftsdekan Tschudi im Kampfe für den alten Glauben 1528.

Der wunderbar Wanderschreiber Thomas Widmer hat ihn im TA vom 19.4.2019 aufgeführt unter dem Titel «Steine, die zu uns sprechen»:Der Grosse Stein steht in Kreuzlingen TG vor dem Gebäude von Kreuzlingen Tourismus. «Richtstätte der 9 Knechte des Mangold von Brandis 1368», heisst es auf einer Inschrift. Der genannte Adelige war ein Klosterherr von der Untersee-Insel Reichenau. Ein unfrommer Kerl, der einen Fischer blendete, nur weil der angeblich am falschen Ort fischte. Als Mangold sich mit den Konstanzern anlegte, stürmten diese eine der Burgen aus seiner Herrschaft. Mangolds neun Knechte, die sie bemannten, wurden in Kreuzlingen hingerichtet. Am Grossen Stein. Im Mittelalter, das manchmal so finster ist wie sein Ruf. Hier kann man auch Widmers Buch «Hundertein Stein» bestellen. – Also nichts wie weg! Wo bleibt nun endlich das wohlverdiente kühle Blonde?

Hurra, billiger als günstig! Glück im Pech muss der Blogger haben!

Aber eben: Beim gesichtslosen und austauschbaren Einheitsbrei-Bahnhof, war weit und breit nicht mal ein Bistro zu finden. Mir scheint, Kreuzlingen ist wie so viele Gemeinden in der Schweiz, zugepflasterter, zubetonierten, zugezäunter, zugevorschrifteter als früher; damit auch stickiger, heisser, alles andere als schöner und lebensfreundlicher, geworden. Es ist eindeutig zu empfehlen, diese 6. Etappe der Rhein-Route in der von Schweiz Mobil angegebenen Richtung zu befahren und im schönen Schaffhausen, die letzten Eindrücke samt Appenzeller Bier zu schnappen. Nun bleibt mir wenigstens noch der avec., wo ich eine Büchse Quöllfrisch – hurra, grad Aktion! – und den Spiegel mit dem grünen Terminator (nein, Schwarzenegger, nicht Hulk) auf dem Titelbild kaufe und auf Gleis 2 im Schatten die wüstengetrocknete Kehle netze. Das wunderbar kalte Quöllfrisch ist verdammt schnell verdunstet. Die Büchse hatte wohl ein Loch, Herr Locher!

Das passende Titelbildnzur Kreuzlingen-Experience.

Gaststätten mit Appenzeller Bier-Getränken zwischen Stein am Rhein und Kreuzliingen:

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