Traumatherapie & Hopfenglück

Traumatherapie & Hopfenglück

Quöllfrisch unterwegs in Unterstammheim

Quölli trägt mich sicher über die Unfallkreuzung in Winterthur hinaus nach Unterstammheim, wo die Corona-Stille längst in kreative Umsetzungen transponiert wird – beispielsweise mit der Bier-Tankstelle zum Hopfentropfen.

Mittwoch, 20 Mai 2020. Was für ein wunderbarer Tag. Die Wolken am Hellblauhimmel zeigen mannigfaltig Formen, die der Fantasie freien lauf lassen. Inspiration pur. Einmal taucht sogar Homer Simpson auf.

Wenn das nicht Homer Simpson ist, mit seinen Glubschaugen…

Die Zeit verlangt Improvisation. Etwas, das ich nun schon fast mein Leben lang eingeübt habe. Denn unserer Väter und Mütter gute alte Zeit entspricht wieder eher unserer Grosseltern schwierigen Zeiten. Was früher Taglöhner hiess, ist zum frei unternehmenden Zeitarbeiter mutiert. Corona wird viele davon aufs Sozialamt spedieren. So, nun aber flott weiter im Tritt.

Was dich nicht umbringt, …

Da ich aus mehreren Gründen nicht wusste, ob ich vor Ort Quöllis Batterie genug aufladen kann, beschloss ich, Quölli in der S-Bahn nach Winti zu spedieren, um von da loszuradeln. So käme ich sicher auch wieder dahin zurück. Also genau gleiche Vorgehensweise, wie am 19. Juni vergangen Jahres, als ich vom rechtsabbiegenden Porsche Cayenne aus dem Sattel geschossen wurde, als ich meinen letzten Besuch bei Hopfentropfen vorhatte. Das Aufbinden der Hopfentriebe hat man dieses Jahr ohne mich erledigt.

Die Traumakreuzung: Auf dem deutlich ausgezeichneten Veloweg wurde ich korrekt fahrend durch einen vermutlich smartphone-süchtigen SUV-Panzer, von hinten kommen, rechts abbiegend, aus dem Sattel auf den rechten Fussgängerstreifen befördert. Verdammtes Schwein gehabt!

Bei besagter Kreuzung mache ich einen kurzen Traumatherapie-Zwischenstopp. Sieht alles ganz harmlos aus, eigentlich. Wie konnte mich der von hinten anbrausende Jungschnösel im geliehenen Cayenne auf dem rot ausgezeichneten, fadengraden Veloweg nur übersehen? Eigentlich unmöglich. Er schwafelte was von totem Winkel. Die ganze Windschutzscheibenbreite? Geht eigentlich nur, wenn man am Handy rumfummelt. Da braucht es klar mehr Kontrollen und Bussen. Denn akut bremsen: unmöglich. Und soviele Menschen, wie ich unterwegs am Steuer mit dem Leuchtbrettchen hantieren sehe…

Bevor ich diesen Unort nun Richtung Hopfentropfen verlasse, wechsle ich ein paar Worte mit der älteren Dame auf dem Bänkli. Sie ist 74 und klare Risikogruppe. Als der Bus kommt, holt sie aus der Handtasche eine Schutzmaske und montiert sie. Vernünftiger Umgang, wie ich finde. Sie ist der Meinung (wie ich auch), der Schweizer Bundesrat habe die Krise, all das Ungewisse, sehr gut gemeistert. Von all den sich nun zu Wort meldenden Besserwissern und Stänkerern hält auch sie nicht viel. Nachher ist man immer viel Klugscheisser*in, gell. Fakt ist: Niemand weiss allzuviel über das neuartige Virus, weder Fachleute noch Laien. Und es wird nicht weniger unheimlich mit allem, was man weiss. Wir werden sehen.

The Schau must go on

Als der Veloweg ein paar hundert Meter nach der Unfallkreuzung über die Busspur führt, same shit. Wieder übersieht mich ein Autofahrer beim Abbiegen. Ein Opel, diesmal. Nur durch lautes Anschreien kann er noch das Steuer herumreissen. Irgendwie liegt Winterthur glaubs im Aargau, wo wenigstens die Nummer «Achtung, Gefahr!» verheisst und einen fairerweise warnt. Beim Verbessern sicherer und durchgehender Velowege ist eindeutig noch viel Luft nach oben. Der Himmel weitet sich, immer mehr Raubvögel schweben über mir. Letzthin beobachtete ich vom Balkon eine Krähe, die sich mit zwei ziemlich grossen Exemplaren von Rotmilanen (?) angelegt hat. Unermüdlich und giftig griff sie beide an, versuchte immer wieder von oben auf einen der beiden herunterzustossen. Dass ihr nicht die Puste ausgegangen ist? Jedenfalls gab sie nie auf. Irgendwann verschwanden die drei aus meinem Blickfeld. Wer gewonnen hat, weiss ich also nicht.

Die Heuete hat längst begonnen. Gemütlich trampe ich des Wegs, immer im Gegenwind einer leichten Bise, studiere die Gegend mit den Riegelhäusern und den nur teilweise gelungenen Neubauquartieren. Auch frage ich mich, wieviele Beizen hier auf dem Land nach dem Lockdown gar nicht mehr aufmachen werden. We will see. Was man wohl beim Schausägen so zu sehen bekommt? Hm, heutzutage muss alles zum Event werden, weil nichts mehr sonst rentiert. Irgendwas ist faul im Staate Sägamol.

The show must go on: Womit heute alles Schau gemacht wird!

SVP-Plakat werben «Für eine massvolle Zuwanderung (Begrenzungsinitiative)». Haben wir doch längst, eine massvolle Zuwanderung. Haben wir wirklich keine echten Probleme zu lösen? Hinter einem Metallzaun liest ein grosser Gartenzwerg vor einem riesig-hohlen Tontopf einer hellhörigen Keramikkatze aus einem Buch vor. Stundenlang. Tagelang. Jahrelang. Vielleicht immer dieselbe Leier. Umblättern liegt jedenfalls nicht drin. Leider verstehe ich nicht genau, worums geht.

Schwein muss das Glück haben

Zwischen zwei grösseren Erdflächen mit Blechhütten erkenne ich dunkle Schweine, die ziemlich glücklich leben, wie es angesichts ihrer schlammüberzogenen Körper scheint. Sogar Solarstrom haben sie (wahrscheinlich für den Elektrozaun). Die meisten liegen am Schatten zwischen den Blechkabäuschen. Eine Tafel verweist auf Kuro-Fleisch aus Oberwil.

Natürlich schaue ich nach: Es handelt sich um eine uralte englische Rasse namens Berkshire, die in Japan Kurobuta heisse. Napoleon in Orwells Animal Farm sei so ein superintelligenter Berkshire-Eber. Es sei das beste aller Schweinefleische, schön marmoriert und zart; vergleichbar mit Kobe-Beef oder eben auch mit Kabier-Beef von Sepp Dähler. Die Schweine leben ganzjährig draussen. Man könnte sie vielleicht auch mal noch auf Appenzeller Bier und Trester trimmen. Und was für ein Zufall: Als ich am Abend nach Hause komme, liegt die aktuelle Kabier-Zeitung Appenzeller Hofblatt im Briefkasten. Da keine Adresse draufsteht, vermute ich, dass Sepp Dähler sie höchstpersönlich vorbeigracht hat. Oder Viktor Bänziger vom el Lokal. Jedenfalls, wie man in Zürich sali sagt: Tschau, Sepp! Danke!

Kuro-Schweine in Oberwil, die Kolleg*innen liegen am Schatten.

Das mit der Kuro-Zucht klingt saumässig gut, aber auch sauteuer. Ich bin bekanntlich ein Vertreter von: Lieber weniger oft Fleisch, dafür – wenn möglich – solches von wirklich artgerecht gehaltenen Tieren. Schmeckt ja auch um Welten besser. Es geht dabei nicht um die Frage, was erlaubt ist, sondern wie die Würde von Mensch und Tier, ja der gesamten Natur, gewahrt werden kann. Schon vor 30 Jahren schlug der Wissenschaftsphilosoph Michel Serres vor, im Sinne des Gesellschaftsvertrags oder der Menschenrechte einen Naturvertrag abzuschliessen, um die Erde, unsere Lebensgrundlage, langfristig und nachhaltig zu schützen. Corona zeigt ja eindrücklich, wie schnell unser vermeintlich sicheres Kartenhaus in sich zusammenfallen kann.

Ein weitere Lehre, die uns das hirnlose und analoge Global-Virüslein schlaumeierisch hinterlegt hat: In irgendeiner Form kriecht die existenzielle Wahrheit immer unter jedem noch so repräsentativen Teppich hervor, unter den wir seit Jahren viele Probleme kehren. Die aktuelle Krise wäre natürlich auch ein Schuss vor den Bug der totalen (Billig-)Fliegerei, ohne die das niederträchtige Dings niemals so rasant um den Globus hätte reisen können. Aber Mensch wird erst handeln, wenns nicht mehr anders geht, also zu spät. Und auch da bin ich mir nicht so sicher.

Beim Betrachten der kreisenden Greifvögel stelle ich mir vor, dass bis vor etwas mehr als hundert Jahren, die Sehnsucht nach dem Fliegen auch damit zu tun hatte, dass der Mensch auch per Pferd viel langsamer und unzähligen Hindernissen ausgesetzt war als jeder Vogel. Die Jahrtausende alte Sehnsucht nach der Freiheit des Fliegens hatte wohl auch mit der Geschwindigkeit zu tun. Inzwischen fliegen wir auch am Boden schneller als unsere gefiederten Freunde, deren Zahl ebenfalls bedenklich schwindet.

Kultur ist Natur

Die Natur kümmerts nicht, was die Menschen Krise nennen: Nicht nur der Hopfen gedeiht dieses Jahr prächtig.

Nach rund einer Stunde taucht der Hopfengarten von Brigitte und Markus Reutimann auf. Sieht toll aus, wächst schön; was mir die beiden dann auch bestätigen. Sie sind sehr zufrieden mit dem diesjährigen Wachstumsverlauf. Ist zu hoffen, dass das so bleibt. Am Wochenende seien Gewitter angekündigt, hoffentlich kein Hagel. Ich schiesse ein paar Föteli, der Wind streicht durch die Reihen. Die Bewegung der Ranken, das leise Rascheln der Blätter – meditativ und beruhigend. Sind schon sehr schöne Pflanzen. Mittlerweile seien es neun Sorten, die hier angebaut werden. Ich fotografiere die roten Pfeile mit den Namen drauf, zähle sechs; von manchen habr es nur wenige Pflanzen, unangeschrieben. Ich versuche, Unterschiede auszumachen, kann aber nur eine Sorte mit hellem Stengel von andern mit dunklen wirklich unterscheiden.

Lustig, die Hopfenlehrpfadtafel mit dem Titel Die Hopfen im Mai trägt das Logo von Appenzeller Bier, wurde also von der Brauerei Locher gesponsert.

Bei Hopfentropfen begegnet man der Corona-Krise einigermassen gelassen und probiert mit Kreativität zu überleben. Keine Gruppen, keine Reisecars, kein Bierbrauen, keine Führungen auf dem Hopfenlehrpfad, sprich: viele Einnahmen, die wegfallen. Man nimmts, wies kommt, sagt Brigitte. Bleibt ja nichts anderes übrig. Die Besenbeiz heisst Bier-Tankstelle zum Hopfentropfen, man kann jetzt – nebst dem hauseigenen Bier und Schmuser, einem süffigen Mischgetränk aus Bier und Wein, sowie anderen Getränken – ganztags ein kleinen Happen essen. Wie zum Beispiel den Braumeister Salat, den ich mit eine kleinen Bierchen zusammen genossen habe. Brigitte geniesst auch, dass man nun mehr Zeit habe und nicht immer und pausenlos am Rennen sei. Platz fürs Distancing gibts hier im Gegensatz zu vielen Beizen in der Stadt mehr als genug.

Ah, gleich gibts was zu essen und ein offenes Hopfentröpfchen dazu.
Genug Platz zum Verweilen unter freiem Himmel in sozial-distanzierten Zeiten: Der Garten der Besenbeiz Bier-Tankstelle zum Hopfentropfen.

An diesem Nachmittag tröpfeln immer wieder einzelne Leute herein, kaufen etwas im Laden. Wenige trinken ein Bierchen in der gemütlichen Gartenbeiz. Brigitte setzt ein Inserat fürs Gemeindeblatt auf. Sohn Thomas mäht mit allen möglichen Geräten die Rasenflächen, während Bruder Christoph sich mit Beschriftung und Massen von Wegweisern beschäftigt. Markus kehrt von einer Lieferung zurück und isst verspätet Zmittag. Ich bleibe länger als gewollt, denn mit Bernhard «Benel» Kallen lässt sich genüsslich plaudern (Aussprache Berndeutsch: «Benu»). Er hat seinen Camper auf einem Platz abgestellt, der zum Hopfentropfenhof gehört, um am morgigen Auffahrts-Donnerstag mit seinem Hund nach Diessenhofen zu wandern und dort zu einem Freund aufs Boot zu steigen.

Ist ja schliesslich die Essenz jeder Gaststätte: die Begegnung von Menschen, die Gespräche über Gott und die Welt. Das hat Alex Capus im NZZ-Folio unter dem Titel «Man geht in die Beiz, weil man Mensch sein will» wunderbar zusammengefasst und kam während des Lockdowns natürlich zu kurz. All das Gestreame und Getwitter kann den sozialen Full-Contact nicht wirklich ersetzen, gell. In unserem Fall parlieren wir über Benels Kochleidenschaft, sein selbstgebrautes Bier, seinen gelernten Beruf als Drucker, seinen aktuellen bei der Briefmarkenabteilung der Post. Seit Langem stelle er den Stadtberner Quittenlikör her. Und vor ein paar Jahren habe er bei der Sendung «SRF bi de Lüt – Männerküche» mitgekocht.

Ich kaufe im Hopfentropfenladen noch Sprossen, Tee und Essig und mache mich am späten Nachmittag mit dem nun zu 100 Prozent geladenen Quölli auf nach Zürich. Vorbei am Hopfengarten und Markus Reutimann, der gleich daneben mit blendend weissem Hut auf einem ganz gspässigen Traktormodell zu Werke geht. Wir sehen uns bei der Ernte, so hoffe ich.

Was Markus Reutimann mit diesem Traktoren-Unding genau macht, fragen wir ihn beim nächsten Besuch. Hoffentlch zur Hopfenernte.

In Seuzach fällt mir ein urtümliches, aber gepflegtes Feld ins Auge. Sofort schliesse ich daraus, dass es zum Hof meines nächsten Besuchs gehört. Dort wird nämlich Rhabarber – aber auch das Superunkraut (heute: Beikraut bzw. Kulturpflanzenbegleiter) Blacke als Nutzpflanze – fürs Appenzeller «Rhubarb Beer» angebaut, derentwegen ich den Biohof Böhler besuchen werde. Davon also mehr in Kürze.

Detektivische Intuition: Dieses Rhabarber-Feld muss zum Biohof Böhler gehören. Am Telefon erfahre ich: Stimmt voll.

Ab Winterthur zieht sich der Weg in die Länge, die Radwege sind ein unsäglich gefährliches Flickwerk. Unglaublich viele Schnellfahrer fräsen viel zu nahe an mir vorbei. Es ist nicht zu glauben, dass wir es auch im E-Jahr 2020 nicht schaffen, sichere und durchgehende Verkehrswege für Velos mit und ohne E zu bauen. Bis Zürich verbrauche ich für die Strecke 75 Prozent des Saftes. Eine Ladung hätte also niemals hin und zurück gereicht.

Und zum Schluss noch der Wegweiser des Tages, mitten im Gjät stehend:

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