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Traditionelles Gelb wird bei Sylvia Bühler auch mal zu Grün oder Blau

Quöllfrisch unterwegs in Heiden AR

31. Mai 2021. Endlich Frühling ohne Ganzjahres-Aprilwetter, am allerletzten Tag des Wonnemonats Mai! Lange mussten wir warten, zusammen mit der Corona-Entspannung. Nun gehts also nach dem Tessiner Anbaugebiet des Reises für das Appenzeller Birra da Ris zur Künstlerin Sylvia Bühler, die dafür die Etikette gestaltet hat. Schon unterwegs fällt auf: Die Heuete ist voll im Gang und erstaunlich weit. Sobald sich die Wettergötter einigermassen gnädig erwiesen, haben die Bauern damit begonnen – also vor rund drei Tagen. Ich liebe den Geruch, hatte zum Glück nie den Heupfnüsel. Sylvia Bühler wohnt inzwischen in Heiden AR, wo ich aufgewachsen bin (s. auch Der Hochstammhimmel hängt voller Bschorle).

Aus dem Postauto geknipst: Sobald etwas Verlass auf die Sonne war, gings los mit der Heuete.

In Heiden steige ich bei der Postautogarage aus und finde den Weg sofort. Es wird gebaut, was das Zeug hält: Löcher für Fundamente, Kran hier, Kran da, Bagger hier, Bagger dort, stehengebliebene Biedermeier-Schindelhäuser, um die herum gebaut wird, machen einen eher traurigen Eindruck. Durch die Veränderung wird meine Erinnerung schwer strapaziert. War es nun so oder so? Was stand früher hier? Heiden, das Biedermeiderdorf, in dem ich ab der ersten Klasse aufgewachsen bin. 1980 rund 3500 Einwohner, heute rund 4200. Einst Molkenkurort. Im weltberühmten Hotel Freihof – inzwischen wurde der Bau verkleinert und saniert, jahrelang stand er leer und ich habe noch Fotos der zerfallenden Innenräume gemacht –, wo Adlige aus ganz Europa über Pferdeställen nächtigten, weil der scharfe Salmiakgeruch von Pferdeurin für gesund galt – zusammen mit der Molke und dem milden Klima.

Trutzburg Postautohaltestellenhäuschen im Biedermeierstil. Links und geradeaus wird gebaut (im Bild); rechts wird gebaut (kommt später noch ins Bild) – nur das Haltestellenbijou mit altem Abfallkübel und neuem Postbriefkasten bleiben davon unbeeindruckt.

Dazu passt das einzige Gedicht, das ich ohne Auswendiglernen auswendig rezitieren kann (platzsparend notiert):

Der Lattenzaun von Christian Morgenstern. Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. Ein Architekt, der dieses sah, stand eines Abends plötzlich da – und nahm den Zwischenraum heraus und baute draus ein grosses Haus. Der Zaun indessen stand ganz dumm mit Latten ohne was herum, ein Anblick grässlich und gemein. Drum zog ihn der Senat auch ein. Der Architekt jedoch entfloh nach Afri – od – Ameriko.

Stillleben: Reispflanze mit Stein und Eidechse

Mitte rechts Birra da Ris, links ein Hanf-Bier mit moderner Etikette von Sylivia Bühler, das wohl nach Italien geliefert wurde; ganz rechts: Bühler-Etikette für Appenzeller Kaffee aus Herisau.

Wie diejenige für den Appenzeller Brandlöscher weicht die von Sylvia Bühler gestaltete Reisbier-Etikette vom üblichen Bauernmalerei-Stil ab. Obwohl sie auch einen Vorschlag in dieser Richtung unterbreitet hat, erhielt die realistische Darstellung einer Trockenreispflanze mit Eidechse, Stein und Margeriten den Zuschlag. Der Auftrag sei, so genau wisse sie das gar nicht mehr, von einem Werbebüro gekommen und lautete: Tessin, Eidechse, Reispflanze. Eine weitere Etikette konnte sie für eine Appenzeller Bier-Rarität gestalten: ein Hanfbier namens «Happy Green. Beer with hemp leaves and hemp flowers». Darauf tummelt sich ein für Appenzeller Verhältnisse modern gekleidetes Paar im Hanffeld vor dem Alpstein. Das sei, soviel sie wisse, nach Italien gegangen, erklärt Sylvia Bührer. Nessuna idea, denkt der Blogger vornehm. Non c’e problema.

Der zweite Vorschlag von Sylvia Bühler für die Birra da Ris-Etikette.

Fast wie von selbst ging es mit Etiketten für andere Produzenten weiter. Ein wichtiger Kunde wurde die Brennerei Stillhart in Dietfurt, wo sie ganze Konzepte erarbeitete, um den Wiedererkennungswert der Marke zu steigern. Beispielsweise für Gin. Enthält er Holunderblüte, arbeitet sie mit Gelb und Schwarz, bei Himbeere mit Rot. Beim Absinth erscheint der blumengerahmte Totenschädel ebenfalls in Kombination mit verschiedenen Edelsteinen. Im Moment erarbeitet sie eine Serie von Bildtafeln, die im Verkaufsraum aufgehängt werden.

Absinth und Gin der Brennerei Stillhart.
Spirituosenecke mit Kühen.

Vom Kunstturnen zum Kunstmalen

Sylvia Bühler geniesst das Leben und die Aussicht gerne in ihrem Garten in Häde. Am Anfang meines Besuchs war der Rasen hinter ihr noch nicht gemäht; Köbi Bühler hat ganze Arbeit geleistet.

Die 1963 in Olten geborene Künstlerin hat schon als Kunstturnerin gelernt, sich durchzubeissen. Heute ist sie gottenfroh, vom Spitzensport keine bleibenden körperlichen Schäden davongetragen zu haben. Denn Spitzensport ist zwar nicht gerade Mord, aber doch eine grenzwertige Dauer- und Überbelastung für den menschlichen Körper. Ihre Lieblingsdisziplin sei Bodenturnen gewesen. Ich frage natürlich nach dem mir ewig rätselhaften Schwebebalken. Wie kann man auf einem so schmalen Ding nur mit solch graziler Leichtigkeit Überschläge machen, ohne bös zu stürzen. Natürlich gehöre das Runterfallen dazu und dabei könne die Oberkannte das Bein auch mal blutig schrammen . Ebe. Themenwechsel: Wie kommt sie vom Kunstturnen zum autodidaktischen Kunstmalen in zeitgenössischer Schweizer Brauchtumsmalerei?

Schlüsselwerk: Nische mit Alpabzug im Haus von Sylvia Bühler.

Als sie zum ersten Mal schwanger war, musste die Mutter von inzwischen zwei erwachsenen Kindern sich irgendwie beschäftigen und begann, Puppen zu basteln. Ah, darum sitzt da der nimmermüde, bis ins letzte Detail durchgestaltete Uhrenmacher mitten in der modernen Kunst ihrer Galerie im Keller des Hauses! Er lässt sich durch unseren Besuch überhaupt nicht stören und arbeitet einfach weiter. Still und zufrieden mit sich und der Welt. Daran habe sie wirklich so ziemlich alles selber gemacht, die ganzen Kleider geschneidert, Brille, Bart, Finken und auch die Schuhe und die Uhr.

Inmitten all der Kunst bleibt er die Ruhe selbst: Kleider, Uhr, Bart, Hut, Brille, jedes noch so kleine Detail am Uhrmacher hat Sylvia Bühler selber gemacht – und 1994 dafür einen 1. Preis erhalten.

Himmelhoch Jauchzen und Kritik unter der Gürtellinie – man kanns nicht allen recht machen

Sondermünze für die eidgenössische Prägeanstalt Swissmint.

Über mangelnde Aufträge kann sie sich nicht beklagen. 2013 konnte sie für die eidgenössische Prägeanstalt Swissmint die 10-Franken-Bimetallmünze «Silvesterchlausen» gestalten. Die Sondermünze wurde unter die weltweit zehn schönsten Bimetallmünzen gewählt.

Kontroverser wurde der rostige Knoten aufgenommen, den sie für den Strassenkreisel Adler in Au SG gestaltet hat. Da schrieb ein Journalist, dem die Skulptur missfiel, gar von Chotz, Rosthaufen, Hundekot und Schlimmerem. Dabei habe sie aber eigentlich Vorschläge aus der Bevölkerung in ihre Gestaltung einfliessen lassen, sagt Sylvia Bühler. Einem Nespresso-Maschinen-Aussendienstmitarbeiter habe der Knoten bei einer Lieferung in der Gegend so gut gefallen, dass er ihr eine Nespressomaschine als Geschenk zukommen liess. Sie hat ihn nie gesehen, den Vertreter. So scheiden sich die Geister sogar darin, ob sich über Kunst und Geschmack nun trefflich streiten lässt oder eben überhaupt nicht, wie auch ein Sprichwort besagt. Der Knoten symbolisiert den Verkehrsknotenpunkt mit den vier Himmelsrichtungen und die hinterleuchteten Wörter wie «Arbeits-Platz», «Lebens-Raum» oder «Arbeits-Platz» nehmen Bezug zur Bedeutung für die Menschen.

Sylvia Bühler kontroversestes Werk sorgt für Aufregung und schaffts als einziger Ostschweizer Kreisel auf das Titelblatt des Kreisel-Kalenders. Zeitungsartikel aus dem Tagblatt.

Ich weiss noch, dass in den 1970ern die Aufregung in Heiden gross war, als ein künstlerischer Rosthaufen – war natürlich kein Rosthaufen, wurde aber so genannt – vor dem damals neu gebauten Sekundarschulhaus Gerbe platziert wurde. Eine Art Blume mit Blütenkelch und senkrecht aufsteigenden Röhren. Google zeigt diese Skulptur nicht mehr, der aktuelle Neubau sieht völlig anders aus. Die damalige Aufregung hat sich jedenfalls schnell gelegt und die Skulptur gehörte schon bald zum gewohnten Bild des architektonisch langweiligen Gebäudes. Dass es auch drinnen ordli langweilig war, steht auf einer andern Wandtafel. Nun aber scheint der Rostblume doch noch der Garaus gemacht worden zu sein. Oder hat man sie nur an einen andern Ort verschoben? Keine Ahnung auch, wer sie geschaffen hatte.

Es war eigentlich denkbar unpassende Schulhauskunst, weil sie weder berührt noch beklettert oder sonstwie ins Schulleben einbezogen werden konnte. Ausser, wenn die kunstseligen Erwachsenen den hinterwäldlerischen Nachwuchs darüber belehren wollten, was tiefsinnige Kunst war und was eben nicht. Unsere geliebten Comics und alle Arten von interessanter Pop- und Rockmusik wurden dabei nicht nur von den noch als Autoritätsfiguren angesehenen Lehrern und Pfarrern mit verächtlichem Minenspiel zum kulturellen Abfall gezählt. Was für ein grandioser Fehler – und nicht gerade der Beweis für eine gesunde Weltoffenheit.

Viel kopiert, nie erreicht

Der monumentale Schafsbock in der neuen Maltechnik von Sylvia Bühler.

In der Galerie im Keller ihres Hauses präsentiert Sylvia Bühler nebst ihrer Malerei – sie führt unter dem Label art-of-switzerland.ch auch einen eigenen Online-Shop – diverse Artikel wie Taschen, Handy-Hüllen, Kalender, bemalte Seidenkrawatten und -tücher oder Digitalprints auf Holz (Art on wood) mit ihren Sujets, die sie selber vermarktet und bei Bestellung produzieren lässt. Beim Heimatwerk müsste sie gleich zwanzig selber finanzierte Produkte abliefern und viele Prozente des Preises; und wenn die Artikel dann nicht verkauft würden, müsste sie sie wieder zurücknehmen. Auf diese Weise bleibt sie flexibel, braucht kein riesiges Lager und muss nur die Produktionskosten bezahlen, ohne Prozente abzugeben.

Sie habe überhaupt kein Verständnis für Kunst, die sich nicht verkauft und vom Staat gefördert werden muss. Man müsse sich halt etwas einfallen lassen. So hat sie früh die Webadresse art-of-switzerland.ch (auch .com) schon sehr früh für sich reserviert und hätte sie schon oft für gutes Geld verkaufen können. Nix da. Grundsätzlich war der Plan, den Online-Shop auch für andere Künstler*innen zu öffnen. Im Moment ist das aber kein Thema.

Eine ausgediente Milchkanne kann bei Sylvia Bühler zur Handtasche werden, bei der sie auch das Innenleben selber genäht hat.

Mit ihrem Malstil will sie die traditionelle Volksmalerei in die Neuzeit überführen. Also nicht im Alten verharren, sondern das Neue integrieren. Oder in ihren Worten gesagt: «Sich immer wieder neu zu erfinden, nicht stehen bleiben, ausprobieren und Grenzen überschreiten! An seine Fähigkeiten glauben, und diese – entgegen jeder Meinung – auszuloten.» Und: «Ein Bild zu vollenden bedeutet, ein Neues zu beginnen – so wie ich nicht einen bekannten Raum verlasse, sondern immer einen neuen, unbekannten betrete!»

Die Kuh in der Mitte vereint Sylvia Bühlers Maltechniken.

Sie sei die erste gewesen, die so gemalt habe, führt die Künstlerin aus. Wortlaut Website: «Sie gilt als Begründerin der heutigen zeitgenössischen Schweizer Brauchtumsmalerei und wird als Brückenbauerin der Genremalerei (Fachmalerei) gegenüber alten Meistern wie Albert Anker, Ferdinand Hodler und Hans Zeller zur heutigen Darstellung der Volkskunst bezeichnet.» Inzwischen gebe es viele, die sie nicht nur kopieren, sondern sogar ihre Werke nachmalen, also die Ideen stinkfrech klauen, ohne Zutun eigener Ideen. Darum hat sie wieder eine neue Technik entwickelt, die bis jetzt niemand nachmachen könne. Auf dem Weg in den Keller hängt hoch oben an der Wand ein Schafsbock in rot-weiss, das sei das erste Bild dieser Reihe gewesen und bis jetzt habe das noch niemand kopieren können.

Landschaftsbild mit Siloballen.

Sylvia Bühler verwendet manchmal mit Absicht «falsche», also nicht traditionelle Farben. Da werden die gelben Ohrmarken der Kühe halt auch mal grün. Was traditionell rot ist, kann mal blau werden. Und ein Senn darf eine Uhr anhaben (s. Quöllfrisch unterwegs: «En Senn het ke Uhr a!»). Auf einem ihrer Bilder schaue ein Subaru hinter einer Ecke hervor und auf einem ihrer eher seltenen Landschaftsbilder türmen sich weisse Plastiksiloballen. Why not? Auf dem Titelbild dieses Beitrags sind Sennen ohne Köpfe zu sehen. Skandalös, oder? Sylvia Bühler lacht. So muss das genau sein, sagt sie.

Der Engel ist von ihrer Tochter: Ecke mit handbemalten Seidenkrawatten, Bildern und Handyhüllen.

Ausgeführt sind die Malereien mit Acrylfarben, die nach der Farblehre des weltbekannten Architekten Le Corbusier produziert werden. Auf der Website heisst es genauer: «…in der Impasto- gepaart mit der Lasurtechnik. Vor allem in Verwendung der Le Corbusier-Farbklaviaturen und der entsprechend hochpigmentierten Farbe auf Acrylbasis. Durch gezielte Verwendung von Pastell- oder Ölkreide wie auch Farbstift entstehen diese dynamischen Bewegungs- und 3D-Effekte.» Der Meister sagt zu seiner Farblehre: «All diese Farbenklaviaturen appellieren an die persönliche Initiative. Sie erscheinen mir als Werkzeug, welches erlaubt der neuzeitlichen Wohnung eine streng architekturale Farbigkeit zu geben, die gleichzeitig dem natürlichen Empfinden entspricht.» Sylvia Bühler übernimmt dieses Werkzeug, um ihrer Kunst mittels Farbe einen räumlichen Aspekt beizumischen. Sie ist ein praktisch veranlagter Mensch. Darum habe ihre Tochter in der Schule auf die Frage, welche eine Sache sie auf eine einsame Insel mitnehmen würde, geantwortet: «Meine Mutter.»

Handbemalte Seidenkrawatten und vier Kühe für Zürich.

Als die Zürcher City-Vereinigung 1998 die Stadt mit einer Herde kunterbunter Kunststoffkühe aufmischte, trug Sylvia Bühler vier bemalte Wiederkäuerinnen bei und hat dabei sogar Rolf Knie aus dem Rennen geworfen. Sie zeigt sie mir in einem Buch. Auf ein Bild an der Wand muss ich immer wieder schauen, bis ich merke, warum. Es ist dieses aggressive Blecken des Raubtiergebisses einer Hyäne. Hm, sonst sehe ich nur friedliche Nutztiere wie Geissen, Schafe, Kühe, ok., die Eringer kämpfen auch, aber es ist das einzige exotische Tier, das mir da sein eindrückliches Gebiss entgegenbleckt. Der Grund: Fast hätte sie eine Ausstellung im Zürcher Zoo realisieren können. Und da gibt es bekanntlich – nebst heimischem Streichelzoo – Tiere aus der ganzen Welt. Corona hat einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Aber, was nicht ist, kann ja noch werden.

Die Hyäne, die gern im Zürcher Zoo zu sehen gewesen wäre.
Eines der Früchtebilder für die Brennerei Stillhart.

Plötzlich stehen da auf der Wiese am Carl-Böckli-Weg Chalets mit Gondeln

Ex-Regierungsrat Jakob Frei gestaltet mit seinem Rasenmäher die Hintergrundmusik zum Gespräch mit seiner Frau Sylvia Bühler, bevor er später zur nächsten Verwaltungsratssitzung muss. Wie man sieht, hat er hier erst grad mit dem Mähen angefangen.

Nachdem Sylvia Bühlers Ehemann, Ex-Regierungsrat Köbi Frei, den Rasen fertig gemäht hat, verabschiedet er sich frisch geduscht und umgezogen zu einer Spitex-Sitzung. Wir haben noch gewerweisst, ob eines seiner sechs Geschwister mit mir zur Schule gegangen sei. Er selbst ist Jahrgang 59, ich 61. Obwohl ich kurz glaubte, wir seien damals im Turnen nebeneinander als die zwei Kleinsten am Ende der Reihe gestanden, kann das nicht gewesen sein. Ich als Zweitkleinster kam jeweils neben Köbi Züst zu stehen; und wir waren es, die einmal gottsjämmerlich mit den Köpfen zusammengerasselt sind. Den Rest bringe ich nicht mehr zusammen. Vielleicht Spätfolgen des Zusammenpralls, gell.

Ich liebe den Geruch frisch gemähten Rasens. Der wiederum erinnert mich an den schlechten Plastikgeruch, den die Kunstrasen der Fussball-Trainingsplätze in Zürich ausdünsten, wenn ich jeweils vorbeifahre. Und Fifa hat zwar sofort den Untergrund ausgewechselt, als es hiess, solche Plätze würden Mikroplastik verbreiten. Aber oben bleibt Plastik und bei all der Beanspruchung gelangt sicher weiter Mikroplastik in die Umwelt. Ja, stimmt, viel weniger, aber.

Aussicht vor dem Haus von Sylvia Bühler und Köbi Frei. Der Chindlistei ist weiter rechts hinten.

Nach meinem Abschied schaue ich noch einmal hinunter ins Dorf und frage mich, wo der «Chindlistei» liegt, bei dem wir uns oft herumgetrieben haben. Auf der appenzellerland.ch ist gar die Rede von einem Chindlistei-Weg. Und es heisst: Der Chindlistei liegt auf 940 m Höhe und besteht aus Sandstein. Auf dem Stein sind ältere und neuere Zeichen erkennbar. Bruchstellen
belegen, dass hier Stein abgebaut wurde. Als Besonderheiten sind zu nennen: Drei tiefe und lange Rinnen, mehrere Stufentritte,
eine Rutschbahn sowie eine halbmondförmige Schale auf dem Fels. Vielleicht wurde mittels der Rinnen Steinmehl für Heilzwecke oder Harz gewonnen.
[…] Zum Chindlistei gibt es eine Volkserinnerung. So sollen kleine Kinder in Zeiten der Gefahr in zwei Höhlungen der Westwand versteckt worden sein. Jedoch zeigen die Rutschbahn, der Name Chindlistei und die Höhlen, dass hier einst die kleinen Kinder geholt wurden. In einem Ritual der Wiedergeburt rutschten oder sassen Frauen auf einem Ahnenstein, um eine Kinderseele spirituell zu empfangen.

Die Aussicht neben dem Gourmettempel «Zur Fernsicht».
Gedenktafel für Carl Böckli alias Bö.

Als ich das einsame Biedermeier-Wartehäuschen (s. Bild oben) an der Postautohaltestelle erreiche, bleibt noch etwas Zeit und ich spaziere den nahen Carl-Böckli-Weg – Bö (1889-1970) war der berühmte Nebelspalter-Karikaturist mit der spitzen Feder, der hier gelebt hat – hinunter, um noch eine Aufnahme der Aussicht zu machen. Und siehe zwischen all den Baustellen: Was mögen das für eigenartige Holzhütten mit je einer abgehängten Gondel vor der Tür sein, die da deplatziert in einer grünen Wiese stehen? Seit wann hat Häde Gondeln und Fondue-Hütten? Zuerst denke ich gar an ausgediente Flüchtlingsunterkünfte. Eine Passantin mit Hund sagt, man könne drin übernachten.

Zum Übernachten sicher ganz nett, aber mir verstellts die Aussicht und sie kommen mir reichlich gspässig und an den Chäsfäden herbeigezogen vor, diese russischen Schweizer Datschas mit nicht schwebendem Gondeli vor jeder Hütte.

Aha, die einstige Villa des Spitalleiters Doktor Niederer, in der die dicksten und weichsten Teppiche lagen, die ich in meiner Jugend je barfuss gespürt habe, diese Villa ist jetzt ein Zweisterne-Gourmet-Tempel «Zur Fernsicht» mit urchig-originärem «Swiss Alpine Food» – ob das wohl einfach deutsch nicht geht? schreiben wir dereinst alles Traditionelle Chinesisch an? – und Tiefgarage. Ohalätz, da wird wohl der mildklimatische Vorderländer Biedermeierkurort Hääde zum mondänen «St. Moritz. Top of the world.» aufgemotzt. Damit sie morgen und übermorgen wiederkommen, die jetsettenden Gräfinnen und Kaiserinnen und sonstigen Geldadligen dieser schönen neuen Wellnesswelt. Aber dann bitte nicht mit glutenfreier Vegansahne und geschmolzenem Cheese, sondern mit tierisch gesunder Molke und Atemwege befreiendem Stall- und Güllegeruch samt Pferdefurz-Fanfaren! Wie anno dazumal, als die Welt auch nicht besser war. Luxuriös währschaft, ebe! Und ganzheitlich real (nudeutsch ausgesprochen) voralpin (klassisch althauchdeutsch). – Sowiit, so guet und nah wie fern: Bliibed xond ond boschper!

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