Tour de Braugerste 2020 – Tag 3: Zernez

Tour de Braugerste 2020 – Tag 3: Zernez

Quöllfrisch unterwegs im Engadin

Bio-Bergbraugerstenfelder in Zernez

In Zernez besuche ich drei Braugerstenfelder und merke am Abend, dass ich das von Gastgeber Christian Patscheider verwechselt habe. Ich werde es am nächsten Tag nachholen.

Das Muzeum Susch war leider geschlossen. Es wurde in einer alten Brauerei mit viel lokalem Handwerk wunderbar gestaltet.

Im Zug Masken tragen, am Morgenbuffet Latex-Handschuhe und die Zeitungen malen den Coronateufel ins Graubünden. Die Fallzahlen steigen in der Schweiz wieder massiv an. Hm, so richtig lustig ist das nicht. Trotzdem: Das Leben geht weiter. Machemer s Bescht drus.

Guete Morge! Am Tisch darf man die ungemütlichen Latexhändsche ausziehen.

Am Vortag hat mir Fritz Patscheider nebst seinen renovierten Kostbarkeiten die Pauraria Chasuot gezeigt. Die acht Hektaren seien vor der Melioration in vierzig Parzellen eingeteilt gewesen. Er konnte das Land kaufen und am gegenüber liegenden Hang ein Wasserreservoir fassen. Von dort liess er eine Druckleitung legen, die ihm Wasser und mittels einer alten Turbine Strom liefert. Weil im Engadin nicht viel Humus den steinigen Boden überzieht, installiert er eine gesteuerte, fixe Bewässerungsanlage.

Die Pauraria Chasuot mit Wasserspeier, aufgenommen im Vorbeifahren.

Die Hennenskulptur beim Stall regt mich zur Frage an, ob er denn keine Hühner halte. Alles Mögliche an Tieren habe er schon gehabt. So hätte er einen Angestellten des italienischen Nationalparks (wo die gestohlenen Vorfahren der heutigen Bündner Steinböcke herkommen) gekannt. Der habe ihm immer wieder Tiere gebracht. Einmal auch ein paar Hasen, die sich schnell tüchtig vermehrt hätten. Relativ schnell seien Hunderte herumgehoppelt. Dann sei ein Uhu gekommen – Fritz zeigt auf einen Stein hinter dem Haus – dort habe der immer gehockt. Innert kürzester Zeit seien die Hasen verschwunden gewesen. Der Uhu habe sie alle gefressen. Und später sei er in den Stromleitungen der Bahn umgekommen.

Auf dem Felsbrocken unter der Wand sei er jeweils gesessen, der Uhu, der all die Karnickel auf dem Gewissen hat.

Nach dem Morgenessen erkundige ich mich an der Reception bei Andrea Patscheider Emmenegger nach dem Braufeld ihres Mannes, der schon ausser Haus ist. Aufgrund ihrer Beschreibung radle ich los und fotografiere – in der Meinung, das richtige Feld gefunden zu haben – das Feld von Peider Andri Saluz aus Lavin, das auf Zernezer Boden liegt. Irritierend auch das mittendrin leuchtende Schild «Bauland zu verkaufen».

Die neu entwickelte Braugerstensorte 1710.

Ein Streifen am Rande des Felds ist etwas höher gewachsen und angeschrieben mit einer Nummer, die mir bekannt vorkommt. Gran Alpin hat mich kurz zuvor eingeladen, an der Vorstellung der neuen, fürs Graubünden entwickelten Braugerstensorte teilzunehmen. Im Einladungstext heisst es: Wir haben in den letzten Jahren in unserem kleinen Zuchtprogramm zur Züchtung einer früher reifenden Braugerstensorte, v. a. für Graubünden, Fortschritte erzielt und freuen uns, Ihnen das Ergebnis in Form eines Besuches den Zuchtstamm mit der Nummer 1710 zeigen zu dürfen. Ich werde von diesem Treffen berichten. Mir fällt auch auf, dass die Felder hier ganz allgemein noch weniger reif sind als im Val Lumnezia.

Feld 10: Peider Andri Saluz, Lavin

Die aktuell meistgenutzte Braugerstensorte in Berggebieten heisst Quench.

Filipp Grass musste 2018 absagen, als ich bei der Ernte dabei sein wollte, weil es ihm den Drescher verblasen hat. Ich finde ihn beim Neubau eines Maschinenunterstandes. Mitten im Stress. Er erklärt mir, wo sich sein Braugerstenfeld in diesem Jahr befindet. Als ich frage, ob es vielleicht angeschrieben sei, meint er trocken, er hätte anderes zu tun gehabt, als ein Täfeli anzubringen. Ok., ok., ist ja gut, ich habe verstanden. Sein Feld liegt, wie ich nach einem Ausflug einige Kilometer bergauf feststelle, gleich neben dem nächsten, das ich aufsuchen werde – nur getrennt durch die Eisenbahnlinie. Wäre aber einfach zu erreichen gewesen durch die Unterführung.

Filipp Grass vor dem neu errichteten Maschinen-Unterstand in Zernez.

Feld 11: Filipp Grass, Zernez

Wie schon erwähnt, radle ich einige Kilometer bergauf, um Gion Duri Grass zu finden, der nicht mit Filipp Grass verwandt sei. Gion Duri ist der Sohn von Duri und im Begriff, den Hof zu übernehmen. Ich finde den abgelegenen Hof aufgrund einer Holztafel. Beide Männer sind unterwegs. Gion Duris Mutter, also Duris Frau, erklärt mir, wo die Braugerste liegt. Eben, neben dem von Filipp Grass, einzig getrennt durch Bahnlinie und Unterführung. Also alles zurück und mit einem Umweg durch Zernez komme ich dann von der andern Seite her. Wäre also voll easy gewesen, die Unterführung zu nehmen, gell.

Von hier nach da wars zu spät, aber von da nach hier wärs ohne Umweg gegangen: Gion Duri Grass auf dieser Seite, Filipp Grass auf der anderen.
Der Umweg sieht idyllisch aus, die Strasse aber war sehr befahren und ungemütlich für Quölli und mich.

Feld 12: Gion Duri Grass, Zernez

Nun fräse ich wieder runter nach Susch. Ich finde das gesuchte Feld sofort, aber es ist derart durchwachsen mit Un-, äh, Beikraut, dass ich es dabei belasse und kein Foto schiesse. Zwei der besuchten Felder waren insgesamt nicht sehr fotogen. Also verziehe ich mich ins Hotel, um in der Gartenbeiz ein Stängelchen Appenzeller Bier zu kredenzen, ein wenig zu recherchieren und das Material zu sichten. Die Dame an der Reception meint zum Coronavirus, dieses möge den Nationalpark nicht so besonders. Allerdings gerät Graubünden genau in diesem Moment wenigstens medial ins Rampenlicht. Und das Maskentragen wird dringend empfohlen. Hm.

Zurück im Hotel Baer & Post in Zernez

Wikipedia zur Gemeinde Zernez: Zum 1. Januar 2015 fusionierte die Gemeinde mit den bis dahin selbstständigen Gemeinden Lavin und Susch. Die neue Gemeinde heisst ebenfalls Zernez.

Das Wappen von Zernez enthält mit Steinbock und Bär alles, was die Verbindung Appenzell und Graubünden braucht. Aber das Schnäbi von Meister Petz lässt zu wünschen übrig, im Gegensatz zum stolzen Gemächt des Bündner Bockes. Auch die drei Türmchen ragen recht phallisch gen Himmel.
Da reagiert selbst der im Löwenzürich lebende Appenzeller: Bärenskulptur in der Gartenbeiz des Hotels Baer & Post.

Fritz hat mir das am Vorabend erzählt: Das Hotel Baer & Post sei nun seit 1905 und in fünfter Generation in Besitz der Familie Patscheider. Diese stammt ursprünglich aus Südtirol. Er wollte ja eigentlich Automech werden, musste aber Koch lernen, um später den Laden zu übernehmen. Aktuell führt die Famiglia Christian und Andrea Patscheider Emmenegger das recht stattliche Drei-Stern-Haus, das mit viel Arvenholz ausgestattet ist. Ich liebe den Arvenduft. Diesen kann man übrigens auch gegen Motten einsetzen.In den Gängen hängen wunderbare Schwarzweiss-Fotos und erzählen von früheren Zeiten. Und diverse Wurzelskulpturen regen die Fantasie an. Die von Christian Patscheider auf der Pauraria Chasuot gezüchteten Bio-Angus-Rinder sind zur Zeit auf der Alp Sarsura. Deshalb wirkte der Hof am Vortag so verlassen.

Bier ist Hämet: Das Appenzeller Bier fliesst aus Hahnen mit echten Steinbockhörnern.

Am Abend steht Christian Patscheider hinter der Bar. So erfahre ich denn auch, dass ich sein Feld entgegen meines Glaubens noch gar nicht gefunden hatte. So komme ich unverhofft zu einem weiteren Feld. Nun aber ist die Beschreibung sonnenklar; am nächsten Morgen finde ich es problemlos.

Er stellt mir ein Fläschen Gran Alpin hin und erzählt, wie es kam, dass er Appenzeller Bier führt. Aber viel Zeit bleibt nicht zum Reden. Und als dann ein heftiges Gewitter mit sintflutartigem Regenguss einsetzt und er Schirme für die Restaurant-Gäste auftreiben muss, verziehe ich mich aufs Zimmer. Das Hotel und das dazu gehörende Restaurant kann ich aber nur empfehlen: Herzliche Bedienung von A – Z, trotz Grösse familiäre Stimmung, gutes Essen, angenehm ruhig, gemütliches Arvenholzzimmer mit Balkon, W-Lan, Dusche, WC. Alles bei hervorragendem Preis-Leistungs-Verhältnis. Und Appenzeller Bier. Was braucht der Mensch mehr.

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