Thömus – die Gümmeler vom andern Stern

Thömus – die Gümmeler vom andern Stern

Quöllfrisch unterwegs mit Stromer ST2 von Thömus

Damit rechnet nur, wers schon gewusst hat: Auf diesem Bauernhof in Oberried bei Bern weiden keine Kühe, sondern die Hightech-Bikes von Thömus (und Stromer). Und dass Bikes nicht weiden, weiss wohl jedes Rind.

Wir schreiben den 29. Juni 2018. Schon wieder werden die Tage kürzer und die Nächte länger. Während ich dies in die Tasten haue, rast die Tour de France  durch die Pyrenäen; und wenn dieser Blogbeitrag aufgeschaltet wird, ist sie auch schon wieder in Paris angekommen. Doch an jenem sommerschönen Freitag war sie noch nicht mal gestartet. Der Quöllfrisch-Blogger hingegen ist mit seinem Velohelm der US-Marke Bern, Modell Brentwood im Zug unterwegs. Die Kopfgrösse und die Unlust, weiter in der Stadt rumzuseckeln, bestimmten die Wahl: XXL-XXXL. Habe ich wirklich so eine riesige Birne? Das überfällige Bike-Upgrade soll bei Thömus in Oberried BE vollzogen werden: Ein Stromer ST2 Sport Black bis 45 km/h mit Satteltaschen – nein, nix mehr Anhänger! – wartet. Das Wunderteil schafft also gerade mal etwas mehr als die Durchschnittsgeschwindigkeit des Pelotons der gesamten Tour, was die irre Leistung auch des hinterletzten Tourabsolventen unterstreicht. So gross wie die Erwartung ist meine Nervosität. Die neue Grundgeschwindigkeit von rund 25 km/h entspricht der alten Höchstmarke. Endlich komme ich vom Fleck und kann dank ausreichendem Saft weitere Touren ohne Akkuziegel-Ballast ins Aug fassen. Eins jedenfalls ist klar: Quöllfrisch unterwegs bewegt sich nicht nur dank diesem Berner Göppel auf interkantonalem Niveau.

Im alten Ofenhaus (von 1263) des Thömus-Bauernhofes befinden sich Empfang, Velobekleidung und Bike-Fitting. 

Aber ganz so reibungslos wie versprochen funktioniert die schöne neue Welt ja bekanntlich nicht. Drum hat die SBB-Eventabteilung an diesem blauhimmligen Junimorgen im Haupstadt-Bahnhof eine wundertoll ärgerliche Stellwerkstörung arrangiert. Aber alles nicht gar so schlimm wie die schiere Verzweiflung in den Gesichtern mancher Menschen auf der Suche nach dem richtigen Zug. Und wenn dann mal eine der seltenen Durchsagen kommt, wird sie garantiert vom Lärm eines einfahrenden Zuges geschluckt. Der Bahnhof Bern gleicht einem Irrenhaus voller ratloser Verlorener, wie sie auf altmeisterlichen Ölschinken-Darstellungen der Apokalypse so wunderbar zu sehen sind. Der Messias zeigt sich nicht.

Es fällt wohl nicht nur mir auf, dass sich die Komplikationen im überlasteten Schienenverkehr schweizweit häufen. Und die Zeitungen berichten von einem Flugzeugpuff am Himmel. Zwar spielt sich alles noch immer auf hohem Verlässlichkeitsniveau ab, aber System und Material scheinen doch mehr und mehr an Grenzen zu stossen. So wird uns wohl nichts übrig bleiben als wieder mehr Gelassenheit zu lernen. Slow Travel ist schliesslich auch die Devise von Quöllfrisch unterwegs. Das bleibt trotz schnellerem E-Bike so. Ich teile also die halbstündige Verspätung umgehend Thömus mit, aber Päsche (Peter Kurz) ist schon unterwegs, um mich am Bahnhof Gasel abzuholen. (Sorry, habe viel zu wenig fotografiert aus lauter Bammel und Vorfreude auf Quölli.)

Showroom von Thömus unter der Linde. Rechts im Bild der Start für die 24h-Mont Ventoux-Tour; vorne das «vermutlich beste E-Mountainbike der Welt».

Der idyllisch gelegene Bauernhof gleicht einem kunterbunten Bienenhaus. Von überallher kommen die Biker*innen und schwirren wieder ab. In bunter Radkleidung mit Füdlipolster oder in Zivil. Mit Auto oder Bike und wahrscheinlich auch zu Fuss. Jung und Alt und Gross und Klein. Der ganze Laden ist viel grösser als erwartet. Thomas Binggeli, genannt Thömu, muss den richtigen Riecher gehabt haben, als er mit 17 Jahren – noch während seiner Lehre als Bauspengler – auf dem Bauernhof seiner Eltern begann, eigene Velos zu bauen. Er begrüsst mich kurz und ist zack! schon wieder weg. Als die Eltern eines Tages in den Ferien weilten, so die Legende, habe Thömu die verbleibenden Schafe noch verkauft, was nach der Rückkehr einige Monate interfamiliäre Funkstille bewirkte. Aber der Thömus Veloshop war geboren und der Einstieg seiner Mutter sowie der wachsende Erfolg gaben dem Bike-Verrückten recht. Er gründete 2009 Stromer, verkaufte die erfolgreiche Firma an den inzwischen verstorbenen Andy Rihs und seine BMC, für die er auch arbeitete. Heute ist Stromer mit Hauptsitz in Oberwangen bei Bern und Thömu noch als Verwaltungsrat dabei. Mit Thömus produziert er Rennvelos und Mountain-Bikes ausschliesslich mit Carbon-Rahmen. Zudem tüftelt man am ultimativen E-Mountainbike. Und natürlich unterhält Thömus je ein siegreiches Damen- und Herren-Mountainbike-Rennteam.

Ein Teil der für einen so abgelegenen Ort unglaublichen Betriebsamkeit rührt wahrscheinlich von der am nächsten Tag hier startenden 24-Stunden-Mont Ventoux-Tour. 180 Velofans. 520 Kilometer. 24 Stunden nonstop. Am Montag seien die Wahnsinnigen wieder zurück, heisst es. Das alles auf Rennvelos ohne E! Jo, heitere Fahne, nix für mich. Aber unvergessen, wie Lance Armstrong sich lockerleicht diesen unglaublich steilen Tour-de-France-Berg der schwierigsten Kategorie hochkurbelte – Doping hin oder her. Jede Gruppe begleitet ein Servicefahrzeug. Und die Teilnehmer*innen zahlen für die bestens organisierte Tortour, auf der für alles Nötige rundherum gesorgt wird. Thömu führt eine Gruppe auf seinem Bike an. Mich schmerzt das Füdli schon in der Vorstellung. Daher also der Berg von aufeinander getürmten Füdli-Salben neben der Kasse. Man könne sie auf die Hose oder direkt auf die Haut auftragen. Danke bestens, aber da bleibt der Quöllfrisch-Schuster lieber bei seinen Bierleisten, gell. Und gepolsterte Bikerschläuche und Leuchtfarben-T-Shirts können ihm ebenso gestohlen bleiben.

Ja, stärnesiech! – Gümmelerwahnsinn à la Thömus.

Thömus ist also bestens vernetzt in der Bikerszene, veranstaltet und sponsert Events und bietet in der Bike Academy auch diverse Kurse an. Aus Liebe zum Velo. Nachdem Chrigu (Christian Balz) den Bürokram erledigt hat, holt er meinen Göppel. Schwarz wie die Nacht. Und als er mir die ganze Elektronik erklärt – die Hälfte geht beim einen Ohr rein, beim andern wieder raus –, habe ich das Gefühl, als Neuauflage von David Hasselhoff und Knight Rider wiedergeboren zu werden. Das Bike wär dann K.I.T.T. und würde nicht nur mit mir sprechen, sondern mich auch überall abholen. Und mir aus jeder noch so vermaledeiten Patsche helfen. Zukunftsmusik aus der fiktionalen Vergangenheit. So nannte ich mein Bike denn einfach Q.U.Ö.L.L.I. (Gehört bei einem Public Viewer an der WM, der zu einem Schweizer Match sagte, er sei zufrieden, wenn er zum Spiel sein Quölli und seine Kumpels dabei habe. Die quöllfrischen Freinächte aber sind nach dem traurigen Schwedenspiel leider ausgeblieben.)

Im Hintergrund der Thömus-Hof, vorne links «Quölli» das neue Quöllfrisch unterwegs-Bike. Mir fehlen etwas die Stangen hell auf dem Akku, die haben schon was.

Im Hier und Jetzt radle ich nach einigen Feineinstellungen in der Werkstatt so um 17 Uhr los Richtung Stadt Bern. Ziel Eisenbahnverlad nach Zürich in Langenthal oder Herzogenbuchsee. Quölli und ich müssen ja einander kennenlernen, eins werden. Mensch und Maschine in totaler Harmonie. Man dürfe schon ein-zwei Tage ohne gelbe Nummer fahren, wenn der Anmeldeprozess laufe. (Inzwischen ziert Quöllis Hinterteil eine gelbe ZH-Nummer, was ich natürlich von allen Seiten zu hören bekomme. Wie schon geschrieben: Wir Quöllfrischen sind interkantonal.) Und natürlich: Helm auf! Eigentlich habe ich alles vergessen, was Chrigu mir beibringen wollte. Zuviel auf einmal für so einen grossen XXL-Gring, das verliert sich. Und wie sagte Francis Picabia? Unser Schädel sei rund, damit das Denken seine Richtung ändern könne. Also, los, hm: Stufe 1 – geringe Unterstützung; 2 –  schon interessanter; 3 – geht ab wie das Bisiwetter, frisst einfach sehr viel Strom. Wie ging das schon wieder mit dem Aufladen beim Runterfahren, dem Rekuperieren? Tamisiech! Ich fliege schwerelos über Land, über Land, ich fliege über … . Nein, nicht auf einer hölzernen Wurzel. Ist schon ein andres Fahrgefühl als vorher. Auch ans Tempo gewöhne ich mich rasch.

Mit einer Stromladung komme man bei vernünftiger Fahrweise bis zu 160 Kilometer weit. Aber so vernünftig will ich ja nicht wirklich sein. Ein bisschen Temporausch muss sein. Grundsätzlich verwende ich Stufe 2 und würde nach einigen ErFAHRungen schätzen, dass so 80 bis 100 Kilometer ohne Ladekabel machbar sind. Schon geil, wie dieser Hightech-Schlitten deinen Tritt unterstützt und dir der Wind um die Ohren pfeift. Nach der Nabenschaltung muss ich mich an die Kettenschaltung erst rückgewöhnen. Alles tickt wieder umgekehrt. Obs das wohl gibt, Pedelec-Motor mit integrierter Nabenschaltung? Keine Ahnung. Dass die auf drei statt deren zwei vordere Zahnkränze eingestellte Schaltung mir später dann noch Ärger bereiten wird, wusste ich noch nicht, denn soweit funktionierte noch alles. Ich wunderte mich vorerst einfach über den sinnlos nervenden Leerplatz beim Schalten.

Mit Quölli on the road im Ämmital.

Ich pedelece durch Bern und dann teilweise mausbeinallein mit den paar Vögeln und Kühen über Land. Immer wieder rege ich mich über die zerstückelten, verfrotzelten und eigentlich oft auch verblödeten Velowege auf. Die stellen schon an und für sich mehr Gefahr denn Schutz dar, was durch die schnellen E-Bikes nun noch verstärkt wird. Und da kommt doch der Bundesrat auf die grandiose Idee, die Velowege auf die Stufe von Wanderwegen zu hieven. Dabei gäbs nur eins für eine bessere Sicherheit für alle: Ein eigenständiges und durchgehendes Schweizer Velostrassennetz, möglichst abgekoppelt von Fussgängern und Automobilverkehr. Logisch! Wäre längst fällig gewesen. Die heutigen Velowege sind ganz klar nur eins: sackgefährlich.

Schweizer Nationalsportart Hornussen: Hoffentlich werde ich nicht von einem fliegenden Riesenküchenbrett erschlagen. Oder von einer Hornuss-Nuss (ah, es heisst laut Recherche: der Nouss, nicht: die Nuss).

So, jetzt gebe ich natürlich auch mal Vollgas. Höchste Unterstützung, Stufe 3. Geradeaus 47 km/h, da muss ich aber schon ordentlich reintreten und komme tüchtig ins Schwitzen. Nach rund zweieinhalb Stunden trinke ich beim Bahnhofkiosk Herzogenbuchsee ein Quöllfrisch hell, leider nur aus der Büchse. (Ich mag Büchsen nur, wenns nicht anders geht.) Danach wuchte ich Quölli, das sich irgendwie sauschwer macht (27 Kilogramm ohne Satteltascheninhalt), in die unangenehm hohen Haken im gar nicht so werbegemäss velofreundlichen Zug. Sieht ein bisschen aus wie ein gemetzgetes Rind im Schlachthaus, das arme Ding. See you later, Quöllfrischator!

Trauriger Anblick: Das schöne neue Quölli am Haken. Barrierefreies Reisen, dass ich nicht lache!

Demnächst: Quöllfrisch unterwegs auf der Staubern mit der ersten energieneutralen Seilbahn der Welt.

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