„Seit der Fusion ist es demokratischer“

„Seit der Fusion ist es demokratischer“

Quöllfrisch unterwegs im Oberhalbstein

Im Gespräch gibt Leo Thomann, Gemeindepräsident/Mastral von Surses, Auskunft über die anfangs 2016 realisierte Fusion zur flächenmässig drittgrössten Gemeinde der Schweiz und die Lage der Region.

Vor etwas über einem Jahr trat die Fusion von neun Gemeinden zur Gemeinde Surses in Kraft. War es die richtige Entscheidung? Eigentlich waren es ursprünglich 11 Gemeinden. Aber Riom und Parsonz fusionierten bereits 1979, Tiniziong mit Rona 1997. Wir haben ja sehr kleine Gemeinden. Mulegns war mit noch 25 Einwohnern die kleinste politische Gemeinde. Marmorera hatte rund 50 und Sur 90. Fast die Hälfte aller 2500 Einwohner leben in Savognin, also um die 1000.

Der Vorteil liegt in der Administration? Ja. Die kleinsten Gemeinden hatten natürlich Mühe, ihre Ämter und Gremien zu besetzen.

Als ich mit den Gerstenbauern abmachen wollte, haben viele gesagt, es sei diese Woche ungünstig, sie seien am Heuen auf den Maiensässen. Das ist, weil die Ökowiesen erst ab dem 15. Juli gemäht werden dürfen. Die meisten Bauern haben sich dazu verpflichtet, dies nicht vorher zu tun. So können Blumen und Gräser reifen und versamen, was die Artenvielfalt erhält, die Biodiversität. Mäht ein Bauer diese spezifischen Ökowiesen früher, bekommt er keine Beiträge.

Ökowiese mit Gedicht

Die sogenannten Ökowiesen – im Gegensatz zu den vor allem aus Gräsern und gewissen Kräutern zusammengesetzten Kunstwiesen (nein, nicht FIFA-Kunstrasen!) – sind tatsächlich voller bunter Blumen. Richtig schön anzusehn. Auffällig viele Schmetterlingsarten und Bienen umflattern und umschwärmen sie. Grosse und kleine Heugümper hüpfen kreuz und quer herum. Eine im Wald angetroffene Beerensammlerin glaubt, dass auch die Vogelartenvielfalt in den letzten Jahren klar zugenommen habe. Wär schön. Denn immer lauter werden die Stimmen, dass die Biodiversität unter Druck sei. Graubünden kann also mit seinen mehr als 50% Biobauern durchaus eine Vorreiterrolle für die Wende zum Besseren für sich reklamieren. Das Bundesamt für Statistik verzeichnete 2015 einen Anteil Biofläche an der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche von eindrücklichen 62,1 %.

Maiensässen sind einfach Sommeralpen, oder? Ja. Die Kühe werden zuerst auf die Maiensäss gebracht und später auf die Alp. Maiensässen sind eine Art Zwischenalpen. Im Herbst weiden die Kühe vor der Rückkehr auf den Hof ebenfalls dort. Früher hatte man auf den teilweise weit weg liegenden Maiensässen Ställe, in denen man das Heu lagerte. Im Frühling und im Herbst wurde dieses dann auf den Maiensässen „ausgefuttert“. Heute, mit den modernen Ställen, wird das Heu direkt von den Maiensässen heruntergeführt. Die meisten Bauernbetriebe sind grösser als früher. Wo Meliorationen stattgefunden haben, wo arrondiert wurde, grad in Salouf und Riom-Parsonz, hat vielleicht jeder Bauer zwei-drei grosse Parzellen. In Tinizong wurde das zweimal abgelehnt, hier gibt es noch sehr kleine Flächen, die bewirtschaftet werden müssen. Das ist aufwendig. Die Bauern wollten die Zusammenlegung schon, aber manche Besitzer nicht.

Kleine Flächen: Bauern bei der Heuet auf einer Ökowiese.

Die moderne Welt mit der früheren zu vereinen, scheint ein wichtiges Thema zu sein. Die Abwanderung der Jungen ist ein grosses Problem, oder? Ja, das stimmt.

Viele junge Menschen ziehen weg aus Graubünden. Von Zürich heisst es, es sei die grösste Bündner Gemeinde ausserhalb Graubündens. Am 26.8.2016 veröffentlichte das Bundesamt für Statistik folgende Zahlen und Fakten: Die höchsten Geburtenraten verzeichneten die Kantone Zürich, Appenzell-Innerrhoden, Genf und Freiburg mit mehr als 11 Geburten pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner. In den Kantonen Uri, Graubünden, Schaffhausen und Tessin waren mit 9 Geburten pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner die tiefsten Ziffern festzustellen. Obwohl die Gesamtbevölkerung in Graubünden jedes Jahr zunimmt, war 2015 schweizweit in Neuenburg und Graubünden das geringste Wachstum zu beobachten. Gewisse Bündner Regionen wie beispielsweise das Val Müstair, aber auch Surses, verzeichnen eine Abnahme der Einwohnerzahl. Das langfristige Einwohner-Szenario stellt das BfS folgendermassen dar:

Graubünden2015:
197 000
2025:
206 200
2035:
213 500
2045:
212 400

Wie steht es um die Schulen? Die Schulen wurden schon vor der Fusion zusammengeführt. Die Oberstufe ist seit 40-50 Jahren für das ganze Tal zusammengelegt worden. Bei den Primarschulen wurde die Gesamtschule in Savognin 2014 beschlossen. Ausnahme: Bivio. Dort wird zum Teil noch Italienisch gesprochen, weil einst viele Bergeller über den Septimerpass hergezogen waren. Das Sprachengesetz in Graubünden bestimmt, dass eine italienischsprachige Schule geführt werden muss. Das Tal ist sonst eigentlich romanisch.

Dann wird in den Schulen nur Romanisch gesprochen? Ab der 1. Klasse wird nur Romanisch gesprochen, ab der 4. Klasse kommt Deutsch als erste Fremdsprache dazu. In Bivio dasselbe, einfach Italienisch/Deutsch. Es wird aber aufgrund der geringen Zahl von 7-8 Schülern eine Frage der Zeit sein, bis man diese auch in Savognin integriert. Dann fahren sie mit Postauto oder Bus nach Savognin, haben dort Mittagstisch und kehren am Abend wieder nach Hause zurück.

Die Distanzen sind ganz ordentlich hier oben. Jaja. Von Salouf bis nach Bivio sind es rund 30 Kilometer. Die Gesamtdistanz vom Julierpass her bis nach Tiefencastel beträgt rund 35 Kilometer. Flächenmässig sind wir mit etwa 320 Quadratkilometern die drittgrösste Gemeinde der Schweiz – grösser als der Kanton Schaffhausen. Scuol im Unterengadin ist mit 438 Quadratkilometern die flächenmässig die grösste politische Gemeinde der Schweiz. Dazwischen liegt Glarus-Süd mit knapp 430 Quadratkilometern.

Am 31. Dezember 2016 betrug die Einwohnerzahl im Kanton Graubünden – dem einzigen dreisprachigen Kanton der Schweiz – nicht ganz 198’000 Einwohner. Macht bei einer Gesamtfläche von 7105 Quadratkilometern ganze 28 Einwohner pro Quadratkilometer. Damit ist Graubünden nicht nur der grösste, sondern auch der dünnstbesiedelte Kanton. Rund ein Fünftel der gesamten Bevölkerung wohnt in Chur, der ältesten Stadt der Schweiz. Insgesamt 6 Prozent der Beschäftigten arbeiten im Sektor Land- und Forstwirtschaft; direkt oder indirekt sind rund 30 Prozent im Tourismus tätig.

Waren denn die Leute leicht für die Fusion zu gewinnen oder gab es Widerstand? Es brauchte zwei Abstimmungen. Hätten wir 2007 zugestimmt, wäre es die erste Gemeindefusion gewesen, die ein ganzes Tal umfasst. Dann begannen abgeschlossene Täler – zuerst das Münstertal, darauf das Bergell, Scuol und Ilanz – ihre Gemeinden zu fusionieren. Man hat eingesehen, dass es ohne Fusionen eigentlich fast nicht mehr geht. Das begann ja, wie gesagt, schon mit den Schulen. Wenn man eine Schule wollte, musste man sie an einem Standort konzentrieren. Einen Vorschub leistete auch die Gründung diverser Zweckverbände: Die Feuerwehren wurden zusammengelegt, die Abwasserreinigungen, die Forstverbände. Es gab unzählige verschiedene Zweckverbände. Die hatten einen Vorstand und Delegierte und dadurch oft mehr Kompetenzen als die Gemeindevorstände. Eigentlich bestimmten diese Delegierten, was in den Zweckverbänden gemacht wurde; das war weniger demokratisch als heute. Es gibt natürlich immer noch Einwohner, die dem Zusammenschluss der Gemeinden kritisch gegenüber stehen.

Aus welchen Gründen? Irgendwer hat immer Nachteile. Der Hauptgrund liegt in den Wasserzinsen. Wenn Sie in Marmorera wohnten und aufgrund der Wasserzinsen nur 50 Prozent Steuern und praktisch keine Gebühren gezahlt haben, jetzt aber 100 Prozent Steuern plus Gebühren berappen müssen, dann ist das natürlich ein Nachteil. Aber es gab auch Gemeinden mit einem Steuerfuss von 130 Prozent, die nun zurück auf 100 sind. Es gab Gemeinden mit grossen Einnahmen aus der Wasserkraft und andere, die dadurch praktisch nichts verdienten.

Omnipräsente Wasserkraft: Ohne Strom läuft nichts.

Das ist ja im Moment sowieso ein Problem. Genau, die Strompreise sind jetzt ja wirklich im Keller. Das fing in Deutschland mit den grossen Beiträgen an Solar- und Windstrom an. Dort wurden ja Milliarden investiert. Und die bringen nun den Strom so günstig auf den Markt, dass die Wasserkraft unter Druck geraten ist. Der einzige Vorteil der Wasserkraft ist ja das Speichern und die Möglichkeit, den Strom jederzeit verkaufen zu können. Mit Wind und Sonne aber ist praktisch der gesamte Tag abgedeckt.

Kehrt man in Zukunft wieder zur Wasserkraft zurück? Wir hoffen und wir glauben es. Die Frage ist einfach, ob in Zukunft auch die Sonnen- und Windenergie gespeichert werden kann. Stichwort Tesla. Und die Speicher werden ja tatsächlich immer besser. Da könnte die Wasserkraft möglicherweise auch noch mehr verlieren.

Jetzt will man Solarpanels schon auf Seen legen. Eine grässliche Vorstellung. Spannend finde ich, dass eine Schweizer Firma anscheinend einen Weg gefunden hat, diese direkt und unsichtbar in die Fassade zu integrieren. Das ist natürlich interessant. Die heutigen Panels sind landschaftlich unattraktiv und spiegeln viel zu sehr, wenn grössere Flächen zum Beispiel einen Bauernhof abdecken. Auch die Windräder sind natürlich nicht schön und nicht unproblematisch für die Vögel.

Solarpanel-Festung in Cumber/Surses.

Der Parc Ela sei der grösste Naturpark der Schweiz. Ich habe vor dieser Reise noch nie davon gehört. Was heisst das? Im Gegensatz zum Nationalpark darf man im Naturpark, wie der Parc Ela einer ist, mehr oder weniger alles machen wie bisher. Natürlich verantwortungsvoll und nachhaltig. Man kann Berge und Wiesen bewirtschaften, touristische Anlagen bauen, man kann damit leben wie sonst auch. Natürlich gibt es gewisse Einschränkungen, so z.B. wenn man eine neue Geländekammer touristisch erschliessen oder ein Kraftwerk bauen will.

Einen Park muss man ja pflegen und schützen. Wer hütet den Parc Ela? Der Verein Parc Ela hat einen Vorstand, in dem die Gemeinden vertreten sind, und eine Geschäftsleitung mit Mitarbeitern. Der Park wurde vor rund zehn Jahren gegründet. Die Bedingung damals war, dass Gemeinden, die mitmachen, ihr ganzes Territorium in den Park integrieren. Das war bei der fusionierten Gemeinde Riom-Parsonz schwierig, da praktisch das gesamte Skigebiet von Savognin auf ihrem Boden liegt. Und Tinizong-Rona war gerade daran, die Energienutzung des Baches im Val d’Err zu planen. Man dachte, das sei nicht mehr zu realisieren, wenn man beim Park mitmache. Inzwischen ist das Projekt fertig. Nun könnte man mit dem Bund einen neuen Vertrag aushandeln und die Gemeinde in den Park aufnehmen. Die Vorgaben mit Restwassermengen und so weiter werden natürlich eingehalten, das ist klar. Bei Riom-Parsonz hingegen mit dem Skigebiet liegt das Problem etwas anders.

Was sagen Sie zum Festival Origen? Das Festival Origen ist für uns sehr wichtig. Das ist wirklich eine Supersache, die Giovanni Netzer da aufgebaut hat. Er übernahm gewisse Bauten wie die Burg Riom, die dem Kreis gehört hat.

Dem Kreis? Klingt esoterisch. Die Kreise sind heute praktisch aufgehoben. Früher ging ein Gerichtsfall zuerst ans Kreisgericht und erst dann an das Bezirksgericht. Jetzt gibts nur noch die Bezirke und das Bezirksgericht. Der Kreis hatte also eine grosse Bedeutung. Nach dem Dorfbrand in Riom (1875) hatten die Menschen alles Brauchbare aus der Burg geholt, die vom Feuer verschont geblieben war. 1974 setzte man wieder ein Dach drauf und nutzte die Burg für Feste. Nachdem Giovanni Netzer sie vom Kreis Surses in seine Stiftung übernehmen konnte, baute er eine Bühne und eine Publikumstribüne ein und führte Theater, Tanz und Konzerte auf. Das Problem ist einfach oft die Kälte. Ich war grad am Sonntag da, aber bei den momentan warmen Temperaturen wars natürlich sehr angenehm.

Ich habe gelesen, dass der berühmte Architekt Peter Zumthor die Burg so ausbauen wolle, dass sie auch im Winter bespielbar sei. Daraus ist anscheinend nichts geworden. Zumthor hat einmal ein Projekt erarbeitet und Ideen präsentiert. Die Pläne existieren noch. Ich glaube, er wollte ein Flachdach machen und inwendig alles isolieren. Das wäre relativ aufwendig gewesen. Jetzt wurde die Burg ganz einfach und schlicht umgebaut. Aber im Winter ist es zu kalt da drin. Aber inzwischen ist ja die Villa Carisch mitten im Dorf Riom dazugekommen und die zum Spielort ausgebaute Scheune Clavadeira ist inzwischen winterfest und geheizt.

Die Burg sieht alles: Malerischer Ausblick von Cunter aus.

Es braucht also Ideen wie zum Beispiel das Festival Origen, um in dieser Region der Schweiz gegen die günstigeren Österreicher Touristenorte zu überleben, oder? Genau, das braucht es. Aber nicht gegen, sondern mit den Österreichern. Denn sie besitzen die Bergbahnen zum grossen Teil.

Ich nehme an, über den Braugerstenanbau wissen Sie nicht gross Bescheid. Nein, da kenne ich mich nicht aus. Aber einer der ersten, der Gerste anbaute, war soviel ich weiss Andreas Stgier in Parsonz.

Schauen wir mal da drin, ob er vorkommt.

Wir blättern wir zusammen den Flyer „Braugerste aus höchstgelegenem Anbau Europas“ mit den Gerstenbauern der Brauerei Locher durch. Andreas Stgier ist tatsächlich drin, sein Braugerstenfeld lag zum Zeitpunkt, als das Foto gemacht wurde, in unmittelbarer Nähe zur Burg. Ich nehme an, es ist mir nicht aufgefallen, weil er den Anbau auf eine andere Fläche verlegt hat. Leo Thomann kommentiert:

Er ist auch ein Origineller, der Giatgen Arpagaus. Er macht touristisch viel. Er hat einen Ochsen, ein Riesenviech, auf dem er Kinder reiten lässt. Und Pferde. Das ist der Vize-Präsident der Gemeinde Surses, der Gian Sonder.

Der erwähnte Ochse heisst Elvis und hat im neuen Heidi-Film mitgespielt. Er ist darin an der Seite von Bruno Ganz zu sehen, der den Alpöhi mimt. Nicht schlecht für einen Hornochsen.

Im Postauto nach Thusis.

Demnächst: Quöllfrisch unterwegs zeigt euch, wo die Brauerei Locher den Moscht für das alkoholfreie Apfelmischgetränk Bschorle holt: Zum Beispiel bei Fredi Klee in Oberegg.

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