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Schlossbier-Trek, Minnesang V: Schneegehudel, Aliens & das Geheimnis der schwarzen Hand auf Schloss Gruyères

Quöllfrisch unterwegs in Gruyères FR

Der Greyerzer-Käse ist im Greyerzerland nicht zu übersehen: Vom Maison du Gruyère gleich neben dem Bahnhof bis zu den Restaurantkarten im idyllischen Mittelalterstädtchen – alles Käse. Das Schloss Gruyères trutzt der Käsebelagerung erfolgreich – es gibt darin kein Bistro, das Fondue oder Raclette anbieten könnte. Auch Schlossbier gibts natürlich nicht; dafür den begehrten Schlossbiertrek-Stempel auf den Flyer.

Donnerstag, 2. Dezember 2021. Das fängt ja wieder gut an: Du wählst in Pandemiezeiten mit zunehmender Inzidenz natürlich einen Zug, der im Fahrplan mit einem schwarzen Mannsgöggeli markiert ist, was soviel bedeutet wie Tiefe bis mittlere Belegung. Aber – wie fast immer, wenn ich das glauben will – wird der Zug verkürzt geführt, was soviel heisst wie tiefrote drei Mannsgöggeli, also Sehr hohe Belegung. Pandemiemanagement à la SBB. Schon im Bus standen und hockten wir dicht gedrängt und viele mit Hustenanfällen unter der Maske. Nun sitzen wir in einer fahrenden Sardinenbüchse voller Tröpfchen diffusierender Humanoiden mit hundertausend Geschlechtern, während Schlangen besagter Wesen vorbeitschumpeln und einen Platz suchen, den sie laut entschuldigender Lautsprecherdurchsage auch finden würden. Dazu kommt, dass zwar ein Restaurant mitfährt, aber ohne Bedienung. Und natürlich wird weiter flott drauflos gehustet, geschneuzt und gekodert. Mir gegenüber hockt ein unruhiger Mensch mit Redbullbüchse ab. Hust!Hust!Schniff!

Sie wird mich nicht retten vor dem Gehuste in der fahrenden Sardinenbüchse von Zürich nach Fribourg: Plakat in der Ausstellung «Weihnachten fürs Vaterland» auf Schloss Gruyères.

Hust’n’Roll in Pandemiezeiten

Der Zug fährt los und schon rollt ein kapitales Prachtexemplar der vielen Rollkoffer lose herum. Er heisst ja nicht umsonst Rollkoffer. Er wird also nur seiner Bestimmung gerecht, wenn er im rollenden Zug herumrollt. Ein zweiter folgt. Rollkofferrudelbildung mit Herdentrieb. My suitcase was a rolling stone. Das Chaos ist perfekt. Mein redbullbüchsentrinkendes Hustgegenüber und eine handysüchtige Frau aus dem Abteil vis-à-vis versuchen unter allerhand gut gemeinten Ratschlägen der besorgten (und von der führerlosen Amokfahrt bedrohten) Mitmenschen nervös der Lage Frau und Herr zu werden. Keine Sekunde mit kühlem Kopf, aber alles mit Maske. Während sich die Dame freiwillig den nicht wirklich zielführenden Handlungen und Anweisungen des wackeren, dauerniesenden und -hustenden Rollkofferdompteurs unterwirft, wuchtet dieser sein Ungetüm verzweifelt in die Gepäckablage hoch, wo es nun viel zu gross und bedrohlich über den vier protestierenden Köpfen des voll besetzten Abteils zu liegen kommt. Ein Damokleskoffer, sozusagen. «Ablegen! Ablegen!», schallt es hilfsbereit durch den ungemütlichen Personentransporter.

Weihnachten 1917. Und Weihachten 2021?

Aha! Nun kommt auch der rotierende Redbullschlürfer drauf, dass man einen Rollkoffer fixieren kann, indem man ihn längs auf die dafür vorgesehenen Gumminoppenfüsschen stellt. Und natürlich löst der gedopte Gentleman-Logistiker auch das Rolldrama der Frau, die zurück im Abteil sofort wieder von ihrem Handy verschlungen wird. Erstaunlich, die Lernfähigkeit der Menschheit. Also Flügel verleiht das mir wirklich zutiefst unsympathische Gesöff ja offensichtlich nicht.

Der Redbullhuster starrt inzwischen in seinen mit ThinkPad angeschriebenen Laptop. Ah, der lässt denken, denke ich. Ok., alles klar. Hust!Hust!Hust! und etwas schleimverklebtes Gekröse, Maske lupfen, eine Dosis aus der zweiten Dose mit dem grauslich riechenden Ochsengallensprudel unter die Nase gehauen, Maske runter, Maske hoch, Tempo-Nastuch raus, Schneuz!Schneuz!, Maske runter, Hust!Hust! So geht das nun wohl bis Fribourg. Und der Koffer fährt danach weiter bis Genève Aéroport. Wahrscheinlich. Oder so. Eine angenehme Reise ins Land eines weiteren weltberühmten Schweizer Käses – nebst Appenzeller und Emmentaler – sieht anders aus. Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichk… – Hust!Hust!Hust!Hust!Hust! – … und wünschen Ihnen eine angenehme Reise!

Käse, Käse, Käse: La Maison du Gruyère neben dem Bahnhof Gruyères.

Fribourg/Freiburg umsteigen, Gleis 4, Richtung Bulle. Romont. Bulle. Umsteigen Richtung Montbovon. La-Tour-de-Trême Ronclina. Halt auf Verlangen. Le Pâquier-Montbarry. Halt auf Verlangen. Gruyères. Ah, die Gruyère-Käsezentrale gleich am Bahnhof. Alles Käse hier:  Im Jahr 1115 wurde das erste Mal die Käseherstellung in der Region Käse erwähnt. Ab etwa dem 14. Jahrhundert wird der Käse auch in Vevey und Genf, später sogar in Italien, Paris und Lyon verkauft und ab 1860 schliesslich bis nach Holland, England und in die niederländischen und britischen Kolonien exportiert. Im Jahr 1602 wird der Name Gruyère das erste Mal schriftlich erwähnt. Jemand hat mir auch mal erzählt, dass der Gruyère die Italiener mit Hartkäse überhaupt bekannt gemacht habe, also möglicherweise Pate stand bei der Erfindung des Parmesans. Belege für diese These konnte ich aber keine finden.

Pittoreskes Städtchen unter winterlichem Bleihimmel

Zu Fuss hat man vom Bahnhof rund 10 Minuten bis zum malerischen Altstädtchen und dem Schloss.

Ab in den Bus und zack! schon stehen wir vor dem alten Städtchen auf dem Hügel mit seinen wunderbar gemusterten Pflasterböden aus Kieselsteinen. Aber der Reihe nach. Wir sind ja noch gar nicht auf dem Schloss, von dem es wunderbare Aufnahmen gibt. Auf denen sieht es aus wie ein Traumschloss aus einem Märchenfilm à la «Drei Nüsse für Aschenbrödel», gesendet in der Vorweihnachtszeit. Ein ähnliches Foto ist mir nicht gelungen, da die nötige Distanz für the big picture fehlte. Aber Schloss Greyerz ist schon aufgrund seiner bau- und kunsthistorischer Vielschichtigkeit einen Besuch wert.

Ich höre schon das Hufgeklapper im bis auf einige Handwerker und Lieferanten autofreien Pflaster des mittelalterlichen Stadtgefüges.

Ich habe Schloss Gruyères übrigens für den vorweihnachtlichen Besuch ausgewählt, weil nach Ende Oktober nur noch einige wenige Schlösser geöffnet sind. Die andern versinken im Winterschlaf. Zum Glück habe ich es noch rechtzeitig gemerkt. Also unbedingt jeweils die Öffnungszeiten beachten. Auf dem Schloss gibts übrigens auch weder Bistro noch Restaurant, also auch kein Schlossbier. Aber den Stempel bekomme ich nach reibungslos gelungener Impf-Zertifizierung umgehend. Den Rucksack konnte ich bei der Kasse deponieren, um dann den Rundgangspfeilen zu folgen. Gleich vor dem Schloss sind ja auch H.R. Gigers Aliens in Form einer Bar und dem Giger-Museum gelandet. Ich nehms schon mal vorweg: Den vorgenommenen Besuch lasse ich aufgrund durchfrorener Knochen bleiben.

Es riecht in der Altstadtkulisse förmlich nach Entschleunigung: Vielleicht wäre das Mittagessen hier besser ausgefallen, als in der von mir gewählten Touristenfalle.
Auch die Heilige Familie wohnt in Greyerz.

Das Märchenschloss Greyerz will erwandert werden

Stolz prangt das Wappen über dem Schlosseingang.

Verwinkelte Räume und Gänge aus unterschiedlichen Zeiten

Zuerst lande ich in den beiden Räumen der aktuellen Ausstellung «Weihnachten fürs Vaterland», aus der die ersten beiden Fotos stammen: Entdecken Sie die patriotischen Symbole, mit denen während der Weltkriege die Christbäume geschmückt wurden, das von Kindern ausgepackte Militärspielzeug oder die an die Front geschickten Grusskarten. In beiden Lagern mischt sich die Propaganda in die weihnachtlichen Traditionen ein, so dass Heiligabend vom Bestreben geprägt zu sein scheint, die Nation zu vereinen. Zeppeline und Kriegsschiffe als Christbaumschmuck. Oder ein weisser, künstlicher Christbaum voller US-Fähnli? Na, proscht Nägeli! Nicht so mein Ding, die Vaterlandsweihnachten. Und wie vorher im Zug sehne ich mich nach Rettung – SOS = Save Our Souls (fällt mir seit langem zum ersten Mal wieder auf und ein, diese Bedeutung der drei global gültigen Buchstaben, die wir in der Pfadi auch morsen lernten: ▄ ▄ ▄ ▄▄▄ ▄▄▄ ▄▄▄ ▄ ▄ ▄ ; drei kurz, drei lang, drei kurz, oder ausgesprochen: Didididahdahdahdididit)!

Ausschnitt mit US-Christbaum aus der Ausstellung «Weihnachten fürs Vaterland».

Gleich daneben beginnt dann der eigentliche Schlossrundgang. Kein Vergleich mit der lebendigen Ausstellungsweise auf den Schlössern in Burgdorf oder Lenzburg. Es gibt zwar schön arrangierte und bemalte Räume aus verschiedenen Zeiten, aber alles ist abgesperrt, nichts darf berührt werden. Alles wirkt wie sorgfältig und staubfrei arrangiert, aber von allen guten Schlossgeistern verlassen. Faszinierend sind die vielen Gewölbe, Gänge, Ecken, Kanten, Krümmungen, Nischen, Scharten, Galerien und so weiter. Die unterschiedlich bunt verzierten Räume. Alles ist ein bisschen krumm, verwinkelt und verschachtelt.

Die aus dem 15. Jahrhundert stammende Küche wurde im 19. Jahrhundert neu eingerichtet – mit damals topmodernem Gewichtsbrater.

800 Jahre Geschichte stecken in diesen Gemäuern

In der über 800jährigen Geschichte erlebten diese Mauern einige Veränderungen, wie auf der Schlosswebsite zu lesen ist: Das 1244 erstmals in Textquellen erwähnte Schloss ist die Hauptresidenz eines der bedeutendsten mittelalterlichen Adelsgeschlechter der Westschweiz: der Grafen von Greyerz. Der Bau aus dem 13. Jahrhundert folgt dem militärischen Modell eines «Carré savoyard». Im 15. Jahrhundert wurde es zur herrschaftlichen Residenz ausgebaut. 1554 geht Graf Michael Konkurs; seine Güter werden von seinen Hauptgläubigern Bern und Freiburg beschlagnahmt. Die Region Gruyères gehört seither zum Kanton Freiburg, dessen Statthalter nun im Schloss untergebracht wurden. Aber die gravierendsten Veränderungen folgten wohl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als eine Künstlerkolonie dem Gebäude neues Leben einhauchte.

Viel zu entdecken: Das Schloss will zu Fuss erobert sein.

John, Antoine und Daniel Bovy – drei Brüder und eine Künstlerkolonie

1848 wird das Oberamt des neuen Greyerzbezirks in Bulle eingerichtet und das zu teure Schloss an die Genfer Brüder John, Antoine und Daniel Bovy verkauft, die daraus eine Künstlerkolonie machen: Von 1850 an ist auf Schloss Gruyères eine Künstlerkolonie tätig, die vom Maler Daniel Bovy gegründet wurde. Die künstlerische Arbeit gehört ebenso zum Alltag wie die Begegnungen zwischen Künstlern, Schriftstellern und Musikern gehören. Daniel lädt seine Freunde ein, darunter den französischen Maler Jean-Baptiste Camille Corot und den Genfer Zeichenlehrer Barthélemy Menn, und unter seiner Leitung beteiligen sich alle an der Ausführung neuer Dekorationen für die Schlossräume. Ein schöner Rollstuhl aus Holz steht im Corot-Saal am Tisch. Es ist der Rollstuhl des erwähnten Daniel Bovy, der nach einem Unfall am Simplonpass gelähmt war. Ich habe nicht wirklich darauf geachtet, inwieweit das Schloss zu seiner Zeit rollstuhlgängig gemacht wurde, aber einfach war es damals sicher nicht, sich im Rollstuhl in den alten Gemäuern zu bewegen.

Einfach und barrierefrei war es sicher nicht, mit diesem Rollstuhl im verwinkelten Schloss.
Vom berühmten französischen Landschaftsmaler Jean-Baptiste Camille Corot ausgestalteter Saal.(1796-1875). Dessen Werke gehören zu den weltweit am meisten gefälschten; diese sind nachweislich echt.

Der Jagdsaal

Natürlich darf ein Jagdsaal nicht fehlen.

Prachtvoll bemalter Rittersaal

Der prachtvolle Rittersaal zum Andenken an die Grafen von Greyerz; 1850-1862 im Auftrag von Daniel Bovy gemalt von Henry Baron und Barthélemy Menn sowie ihren Studenten.
Darstellung von Sagen und Geschichten aus dem Greyerzerland.

Saal der Vögte

Bunte Wände, imposante Fenssternischen im Saal der Vögte.

Saal Furet

Feine Blumen- und Schmetterlingsmotive im Saal Furet.

Burgundersaal: Vier Rüstungen und drei prachtvolle Zeremonienmäntel

Der Burgundersaal mit den erbeuteten Rauchmänteln des Ordens vom Goldenen Vlies.
Prachtvolle Beute aus der Schlacht von Murten (1476): Chormantel aus Burgund.

Das Geheimnis der schwarzen Hand

Eine abgehackte Hand regte über Jahrzehnte die Fantasie der Menschen zu diversen Geschichten an. Eine sieht in der Hand eine Reliquie aus dem Heiligen Land, das Kreuzzugteilnehmer um das Jahr 1099 von da mitgebracht haben. Einer anderen Geschichte zufolge ist es die Hand eines feindlichen Kämpfers, die als Siegestrophäe auf dem Schloss aufbewahrt wird. Es heisst auch, die Hand sei einem Dieb als Strafe abgeschlagen worden. Aufgrund der langen Finger sei es die verkohlte Hand einer als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannten jungen Frau, die vom Feuer verschont worden sei. Eine andere Legende sieht darin die Hand, die eine Feuersbrunst auf dem Schloss «überlebt» habe; die Feuersbrunst hat aber nie stattgefunden.

Regte viele Jahre die Fantasie an: die schwarze Hand von Gruyères.

Seit 2003 ist klar: Die Hand stammt von einer ägyptischen Mumie. Im Mittelalter seien Mumien sehr gesucht gewesen und gemahlen als Heilmittel gegen verschiedenste Verletzungen eingesetzt worden. Mit grösster Wahrscheinlichkeit sei die Hand im Zuge der vom Ägyptenfeldzug Napoleons (1798/99) ausgelösten Mumienbegeisterung in die Schweiz gelangt.

Die Kälte kriecht aus dem Gemäuer in meine Knochen

Während es vor den Fenster hudelt und sudelt, kriecht mir mehr und mehr die Kälte in die Knochen. Ich schlottere von innen heraus. Immerhin sind seit Beginn meines Rundgangs zwei kurzweilige Stunden vergangen. Die Schlösser sind ja alle schwer zu heizen und so zieht der kalte Wind, der den mittlerweile dichten Schneefall vor den Scheiben begleitet, langsam aber sicher tief in die Knochen ein; danach brauche ich ziemlich lange, um wieder warm zu werden und verspüre – wie eingangs erwähnt – keinerlei Lust mehr auf die sicher faszinierenden Aliens im Giger-Museum, die ich eigentlich noch aufsuchen wollte. Ich war auch so in einer völlig anderen Galaxie unterwegs.

Zu durchfroren, um H.R. Gigers Aliens zu besuchen: Gleich neben dem Giger-Museum die Giger-Bar mit Weihnachtsschmuck im Fenster.

Auch nach dem falsch gewählten Restaurant mit ebensolchem Mittagessen ist mir nicht wärmer. Im Gegenteil. Nah am Zähneklappern – nein, nicht aus Angst vor den Aliens! – erwische ich in der vollen Gaststätte – wann und wo sind denn all diese vielen Menschen hier gelandet? – einen Fensterplatz, an dem es – exakt: zieht. Das Aufwärmen muss also auf später verschoben werden. Es gelingt erst im Zug. Im nicht bedienten Speisewagen, natürlich.

Frohe Festtage & en guete Rutsch! Und natürli: Prost Quöllfrisch!

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