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Schlossbier-Trek, Minnesang IV: Wunderkammer Schloss Burgdorf

Quöllfrisch unterwegs in Burgdorf BE

Wunsch, Indianer zu werden

Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen liess, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.

Franz Kafka: Betrachtung 1912

Burgdorf – irgendwie kreuzt der Name immer wieder meinen Weg, aber oft war ich noch nicht dort. Emmental. Bernbiet. Dass es da ein Schloss gibt, wusste ich auch nicht; der Name legt eher eine Burgruine nahe. Und auch eher, dass ein Dorf, denn eine Stadt. Wir werden sehen, ob es auf Schloss Burgdorf Stempel und Appenzeller Schlossbier gibt.

Herbstliches Strahlen als hätts keinen Nichtsommer gegeben

Der Nebel ist zurück im Jahr, in dem der Frühling über den Ganzjahresapril direkt in den – immerhin – goldenen Herbst übergegangen ist. Nun also gleite ich durch den Nebel. Leider, leider sitze ich gegenüber einem ostschweizer Wortschwall. Das Umfeld von dessen Urheberin scheint von Unfähigen geprägt zu sein, deren Versagen sie allein immer ausbaden muss als einzige Leuchte auf diesem Planeten. Lonely at the top fühle auch ich mich, ersaufend in dieser Flut hohlen Selbstbeweihräucherungs-Gejammers. Wer so drauf ist, schläft todsicher miserabel. Zum Glück steigt der Wortschwall samt Umfeld in Olten aus, wo der Zug eine Ewigkeit stehen bleibt. Ah, diese Ruhe! Noch Herzogenbuchsee, dann schon bald Burgdorf, wo laut Website dieschweizerschloesser.ch «ältesten und bedeutendsten Burganlagen der Schweiz» thront. Kurz nach Langenthal scheint die Sonne. Und in kräftigstem Bunt strahlen die Bäume.

Vom Zug aus ist das Schloss Burgdorf zu sehen, in Burgdorf selber sieht man es erst, wenn man quasi davor steht, obwohl es ja über allem thront.

Ich vergesse nie mehr, wie die aus Burgdorf stammende Rosmarie Buri, Autorin des Bestsellers «Dumm und Dick» (1990), im Zürcher Verlag der Alltag, wo ich Telefonhörer, Empfang, Bohrmaschine und Postwesen bediente, zu mir irgendwas von «im Burglefer Tägu» sagte, was meine Gehörgänge und Hirnwindungen total verschraubte und verdrehte. Natürlich musste ich nachfragen, was das bernerische Kauderwelsch zu bedeuten habe. «Burgdorfer Tagblatt», erklärt die liebenswerte Frau Buri ganz nüchtern und unspektakulär. So einfach kann die Welt sein, wenn man sie versteht. Der inzwischen wie die Autorin verstorbene Verleger Walter Keller hatte sie aufgrund der von ihm kuratierten Ausstellung «Herzblut. Populäre Gestaltung aus der Schweiz.» im Museum für Gestaltung kennengelernt – sie hatte dort ihre Brandmalereien ausgestellt – und erfahren, dass sie ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben hatte. Das Buch stand – frisch ab Presse – leuchtend rosa auf dem Gestell im Empfang, als ich dort zu arbeiten begann und wurde ein Beststeller. Es fehlte gar zwischendrin an Papier, um die Nachfrage bedienen zu können (aus andern Gründen als der kürzlich attestierte Papiermangel).

Sieht aus wie überall: Bahnhof Burgdorf.

Der Zug fährt in Burgdorf und damit in einem weiteren 08-15-SBB-Bahnhof ein. Sehen alle gleich aus, nichts deutet mehr auf die individuelle Geschichte eines Ortes. Auch die Altstadt scheint hier abhanden gekommen zu sein, obwohl von einer unteren und oberen Altstadt zu lesen ist. Gspässig, gspässig! Mal sehen.

Auch auf der andern Seite.

Wo bitte gehts denn hier zur zum Schloss passenden Altstadt?

Unterwegs zum Schloss – schöne Architektur sieht nicht so aus.

Obwohl die imposante Schlossanlage auf einem Hügel liegt, ist sie von der Stadt her nicht zu sehen. Ich gehe also mal Richtung immer noch unsichtbarer Altstadt und entdecke dann Wegweiser in Gspässigrosa, auf denen das Schloss erwähnt ist. Aber ein bisschen kafkaesk ist das Ganze schon. Der Weg in die obere Altstadt ist – wie an so vielen Orten in der Schweiz – gepflastert mit trostloser Hässlichkeit. Migros, Coop, Lidl, Kebap, Thai-Food: Ja, Architektur ist eine Kunst und die war in der jüngerer Vergangenheit im Schweizer Mittelland nicht gerade von visionären Würfen geprägt. Eigentlich seltsam, dass der Mensch sich im Zeitalter des Menschen (Anthropozän) eigentlich architektonisch längst selbst abgeschafft hat. Denn zum Sein lädt da nichts ein.

Ah, da ist sie ja, die Altstadt samt Luginbühl-Eisenskulpturen; das muss die untere sein.

Als ich eine Strasse hoch gehe, wo es schon mehr nach alt aussieht, fällt mein Blick eine Treppe hinunter auf drei rostige Eisenplastiken, die eindeutig dem Schweizer Riesen- und Schwergewichtskünstler Bernhard Luginbühl zuzuordnen sind. Wir sind ihm schon anfangs Coronazeit mit seiner Feuerskulptur «Pandora» anlässlich des Chienbäse-Umzugs in Laufen BL begegnet. Kurzer Abstecher also die Treppe runter, vorbei an einem alten Löwen mit erstaunlich offensichtlich erigiertem Gemächt, zum Alten Schlachthaus, in dem sich das Luginbühl-Museum befindet, das natürlich geschlossen ist. Es ist nur am Wochenende geöffnet. Ah, in Burgdorf steht doch auch das Museum Franz Gertsch, stimmt. Später komme ich dran vorbei, verspüre aber kein Lust reinzugehen.

Spuren der Zeit: Alt und neu in der Nähe des Luginbühl-Museums im Alten Schlachthaus.

Treppe also wieder hoch und weiter gehts mit der Schlosssuche. Archäologe alp, auf der Suche nach dem Gral. Als die Gspässigrosa-Wegweiser plötzlich aufhören, nehme ich zu Recht an, dass ich wahrscheinlich davor stehe, aber einfach vor lauter Bäumen den Wald bzw. vor lauter Mauern die fettesten nicht sehen kann. Und siehe, an der Wand steht «Schlossgasse» und im Geländer zeigt ein rotes Schild den Pflastersteinweg. Also nix wie rein in die hohle Gasse.

Durch diese hohle Gasse muss ich kommen, um zum Schloss Burgdorf zu gelangen; aber zu sehen ist noch nichts davon.

Ein digitaler Stein stellt mir fast ein Bein

Da schimmerts durchs herbstliche Laub der Gegenwart, das historische Gemäuer.

Die Zugbrücke ist keine mehr. Nur das Schild tut so, als wär sie noch eine. Erinnert mich an die denkmalpflegerisch verordneten Ziertore an der Zürcher Gessnerallee, die vor allem Geld gekostet haben und zu nix anderem taugen, als mehr schlecht als recht den Schein des Alten in neuen Schläuchen zu wahren. Und Plakate lassen sich gut dran aufhängen. Das Schloss Burgdorf wirkt ziemlich leergeräumt und auf Neuzeit getrimmt. Kein Wunder. Bis 2013 beherbergte das Schloss die kantonale Verwaltung; aus dieser Zeit stammen auch die typischen Ämtertüren. Erst seit 2020 wird es als Jugendherberge, Restaurant und Museum betrieben.

Nicht viel los, aber beim heutigen Traumwetter sehr angenehm – auch die Aussicht.

Im Schlosshof um die mächtige Linde gruppieren sich die Gartentische des Restaurants, dessen Innenräume hinter grossen neuen Fenstern liegen. Neben dem Haupteingang befindet sich die Lobby mit Empfang, Kasse und kleinem Shop. Zitat Website: Das Schloss Burgdorf ist ein einzigartiger Ort, wo Vergangenheit erfahrbar wird. Gemeinsam mit einer Jugendherberge und einem Restaurant in alten Gemäuern erzählt das Museum die Geschichte des Schlosses, der Region und der weltweiten Zusammenhänge multimedial und lädt die Besuchenden zum Miterkunden ein.

Blick vom Torturm auf den Schlosshof mit Linde und Terrasse.

Natürlich ist auf meinem Handy die ganze Covid19-App verschwunden und mit ihm das Impfzertifikat. Ich gewöhne mich schon mal an den Gedanken, unverrichteter Dinge abzuziehen, womit ich in Sachen Schlosseroberungen eine weitere Niederlage einstecken müsste. Ok., den Schlossbiertrek-Stempel drücken mir die beiden netten Damen an der Kasse schon mal auf den Flyer. Kleiner Etappensieg im Nichtwettbewerb mit mir selbst. Mit deutschem Dialekt antwortet die eine Dame am Empfang auf meine Frage nach dem Schlossbier im Restaurant: «Wir haben unser einheimisches Burgdorfer Bier, so gut ich persönlich das Appenzeller Bier finde. Tut mir leid.» Tja, aber es ginge ja letztlich um den Schlossbier-Trek und der ist irgendwie nur stimmig, wenns auf dem jeweiligen Schloss auch Schlossbier gibt, denke ich und verziehe mich an ein Sonnenplätzchen in der fast leeren Gartenbeiz, um mein App-Bullshit-Problem zu lösen. Ganz nach meiner weltberühmten Zeysyg-Songzeile «Let’s save the world with an App to save the world!». Jetzt aber rette ich erst mal diesen Quöllfrisch unterwegs-Ausflug.

Die Schlossanlage im Modell.

Im Museum: 11 Wunderkammern & 13 Themenräume

Nach rund einer halben Stunde, habe ich den Digitalärger behoben, deponiere meine Tasche mit dem eingewechselten Analogzweifränkler in der realen Garderobenschrankcloud 15 und suche das Museum, lande aber zuerst in der Jugendherberge. Ah, der Weg zum Museum führt natürlich nach guter alter Denner-Manier am Museumsshop-Gestell entlang. Nach dem Öffnen der richtigen Tür zum Museum hauts mich erneut aus den Ritterstiefeln: Alles ist rot und die Wunderkammer heisst Wunderkammer «Rot» und enthält einen wild geordneten Mischmasch aus Tierpräparaten, Masken von hier und aus aller Welt, Sturmlampen, Wappen, Feuerlöschern, Staubsaugern, Kinderspielzeug und flott so weiter. Hm. Ähm, gegenüber leuchtet alles Blau und eine Totenkopfmaske grinst mich an, auch eine nicht grinsende, echte Totenmaske lacht mich an und, aha, noch andere Todesutensilien für die Hinterbliebenen. Thema «Vanitas», Gedenke des Todes. Jo, heirassa, was ist denn hier los?!

Die rote Wunderkammer spiegelt sich in der blauen «Vanitas».

Auf der Homepage heisst es: Die abwechslungsreichen Wunderkammern bringen alle zum Staunen und in zahlreichen Themenräumen kann Geschichte neu entdeckt und selber erkundet werden. Natürlich sind alle Gegenstände registriert und digital abrufbar und man erfährt, dass alle in irgendeiner Weise irgendetwas mit Burgdorf und Umgebung zu tun haben. Ich will das jetzt grad nicht alles klären müssen, bin aber schon einmal auf weitere Überraschungen vorbereitet.

Vom Waschmittelblechbehälter bis zu Wappenschild und Dreirad: Vitrine in der Wunderkammer «Rot».
Gspässig, gspässig, wenn man genau hinschaut.
Musikinstrumente mit Kasse und Staubsauger.

Dämonenmasken; Oaxaca, Mexiko.

Nach dem ersten Schock beginne ich zu verstehen, dass man hier versucht, das Faszinosum unserer vernetzten Welt auf eine neue Weise auszustellen. Weg von verstaubten Ritterrüstungen, Morgensternen, Gusseisenkanonen, Heldengeschichten und – nicht zu vergessen – Folterkammern. Hin zu einer offeneren, bunteren, moderneren Erzählweise, zu Intuition und Aktivierung der Fantasie und Erinnerungswelten der Besucher*innen. Wer will, kann vertiefen; wer nicht will, zieht weiter – es gibt noch viel zu sehen. Die Welt im Schloss Burgdorf ist unendlich gross. Im oben erwähnten Verlag der Alltag erschien auch eine – meiner Meinung nach leider viel zu kopf- und soziologielastige – Zeitschrift mit dem genialen Titel «Der Alltag. Sensationen des Gewöhnlichen». Vielfach trifft das den Nagel hier auf den Kopf, auch wenn viel Ungewöhnliches zu sehen ist.

Stillleben mit Rapid an der Wand: Leben und Arbeiten in Burgdorf. Auch Luginbühls Modell und Video der Feuerskulptur «Bubele» gibts zu besichtigen. Ebenso Burdorfer Qualitäts-Schachtdeckel.

Der weltberühmte Schweizer Ausstellungsmacher Harry Szeemann stellte 1974 die Habe seines Grossvaters – eines Coiffeurs; «er war allerdings Haarkünstler, wie die Gräfin Esterhazy sagte» – in seiner alten Wohnung in Bern aus. Titel: Grossvater, ein Pionier wie wir und meinte sinngemäss, durch Beleuchtung und Inszenierung werde der gewöhnlichste Gegenstand zu etwas Besonderem mit einer interessanten Geschichte. Er schreibt dazu in seinem Buch «Museum der Obsessionen»:

«Grossvater war in erster Linie Coiffeur. Dieser Kunst gehörte sein Leben. Ihr hat er alles untergeordnet. Er war auch passionierter Sammler: Dokumente zu seinem Beruf, Briefmarken, Stiche, Abzeichen, Schützenkarten, Notgeld. Seine Wohnung am Ryffligässchen 8 war ein Muster an überfülltem Logis von zuerst drei, dann zwei Zimmern. Bei der Räumung 1971 nach seinem Tod hob ich alles auf, was an meine Grosseltern erinnerte. Seit Jahren fand ich diese Wohnung ausstellenswert, als Visualisierung einer Geschichte, Zeugnis für einen Lebensstil, als Illustration der Erkenntnis, dass es im Leben eines jeden Menschen einen Punkt gibt, wo jedes Zeichen selbstverständlich wird – und der Häufung der Zeichen und der Gegenstände steht dann nichts mehr im Wege. [… ] Mich hat beim Besuch von Gedenkstätten und beim Ausstellungsmachen immer das Problem fasziniert, wie man aus Objekten wieder (künstlich) Leben machen kann. Eine 1:1-Rekonstruktion der Wohnung hätte nicht genügt, nur gegliedert kann heute Grossvaters eigene Ordnung gezeigt werden.» Und er schreibt weiter, dass der Grossvater, um in seiner Kammer monatelang das Ondulieren zu üben, seine Stelle aufgeben habe. Nun habe er, Harald Szeemann, auch geübt, nämlich, beim Publikum das Gefühl herzustellen, dass es trotz Ausstellungsgliederung beim Grossvater zu Gast sei und dieser die Wohnung gleichsam nur kurz verlassen habe, um jeden Augenblick zu erscheinen. «Dieses Problem ist an jeder Gedenkstätte spürbar: sämtliche Bilder vermögen im Geburtshaus von Beethoven in Bonn nichts gegen die Vitrine mit den Hörrohren.»

«Reden ist Silber, Graben ist Gold», sagt der Käfer

Teil der Ausstellung auf Schloss Burgdorf: Die umfangreiche ethnologische Sammlung des mit nur 32 Jahren an Tuberkulose verstorbenen Abenteurers, Sammlers und Lebemanns Heinrich Schiffmann (1872-1904), dessen Familie mit dem Käsehandel reich geworden war.

Im Museum des Schlosses Burgdorf werden aus Objekten der ethnologischen Sammlung und des Orts- und Schlossmuseums elf thematische Wunderkammern gestaltet, die teilweise unerwartete Zusammenhänge aufzeigen. Oder präziser ausgedrückt: Das Museum Schloss Burgdorf umfasst drei Sammlungen mit bedeutendem Kulturgut aus der Region und zahlreichen Weltteilen: die Historische Sammlung des Rittersaalvereins, die ethnologische Sammlung sowie Goldkammer Schweiz.

In Abwechslung mit den dreizehn Themenräumen begebe ich mich also auf eine ungewohnte und immer wieder überraschende Weltreise im quicklebendigen Universum des Schlosses Burgdorf. Ebenso belebend wie verblüffend ist auch die «Baustelle» zur Frauengeschichte, wo Besucher*innen Geschichten über Burgdorfer Frauen erzählen können, die aufgenommen und archiviert werden. Wohltuend ist auch die gelungene Mischung aus physischen und technischen Präsentationen; abwechslungsreich, nicht zuviel, nicht zuwenig, insgesamt gerade richtig dosiert. So ist die Kapelle Sankt Johann unter dem Titel «Glauben und Beten» mit ihren Fresken einfach kontemplative Kapelle geblieben und nicht zusätzlich möbliert worden. Im Gang davor, wird zwischen religiösen Objekten und Buddhafiguren aus aller Welt die Frage «Woran glauben wir?» gestellt.

Multimediashow im bis 2012 benutzten Gerichtssaal.

Noch bis 2012 diente das Schloss als Gericht und als Gefängnis. Was für eine Wandlung zu Jugendherberge, Restaurant und Museum, gell! Man spürt, dass dieses Museumskonzept die lebendige Veränderung zum Prinzip erhebt. Die Ausstellung kann also laufend bewegt, ausgebaut, abgeändert, ergänzt werden. Es besteht keine Verstaubungsgefahr. Ich wünsche den Macher*innen wirklich viel Erfolg dabei, denn mir machts Spass. Vor einer mit «Gericht» angeschriebenen grauen Amtstüre mit neuerer Türfalle zögere ich zuerst, bin mir nicht sicher, ob das zum Museum gehört. Dann fällt mir ein, dass unzugängliche Räume eigentlich immer klar deklariert und sichtbar verschlossen sind. Also öffne ich die Tür und stehe in einem neuzeitlichen Gerichtssaal. Per Knopfdruck rollt die Multimediashow einen ältern Fall auf und ich setze mich.

Multimediashow zur Geschichte der Zähringer auf Ziegelleinwand.

Auch der geräumige Rittersaal ist nicht zumöbliert; dessen Wand dient als Projektionsfläche für eine sehr schön gestaltete Geschichte über die Zähringer. Nicht so zahlenlastiger Geschichtsgerümpel wie früher, wo man nur Heldentaten und Schlachten aufzählte. Ein zweiter Knopf spielt mittelalterliche Lautenmusik und man kann sich das festliche Treiben der Zeit dazu vorstellen oder einfach nur zuhören. Natürlich mit Live-Musik, denn Schallplatten gabs ja noch nicht. Oder man schnüffelt an den leeren Keramiktöpfen und errät die dazugehörenden Gerichte.

Baedeker-Reiseführer, Globus, Gewehr und Kiste: Utensilien eines Weltreisenden Schweizers im 19. Jahrhundert.
Weltreisen auch in den Gängen.

In der Nähe des eher traditionellen Raums zu Heinrich Pestalozzi, der seine Ideen teilweise in den Gemäuern dieses Schlosses entwickelt habe, stosse ich auch auf meine oben erwähnte Erinnerung an Rosmarie Buri, deren Geschichte im Raum «Nicht ‚wichtig‘. Lebensgeschichten armer Leute» vorkommt. Das klingt dann so auf dem Täfelchen neben dem Kopfhörer, mit dem man die Autorin eine Passage aus ihrem Buch lesen hören kann, nachdem diverse Verlage ihr Manuskript abgelehnt haben: Nach acht Jahren findet Buri den Verleger Walter Keller. Er bringt das Buch 1990 heraus – und landet eine Sensation: «Dumm und dick» verkauft sich 300 000 Mal! Rosemarie Buri erlebt grosse öffentliche Aufmerksamkeit und wird mit dem Buch reich. In der Schlussfolgerung heisst es etwas rätselhaft, dass das Buch einen Boom an Lebenserinnerungsbüchern ausgelöst habe, aber keines so erfolgreich geworden sei. Hm. Ich war dabei und ganz so einfach wars nicht.

Rosmarie Buris Bestseller «Dumm und Dick» in der Vitrine, ihre Originalstimme im Kopfhörer.

Ich streife also ziellos durch die Räume, werfe auch mal einen Blick durch Fenster und Schiessscharten, steige die steile Treppe zum Turm hoch und wieder runter, bestaune das unermüdlich schwingende Riesenpendel. Tick-tack, tick-tack, die Zeit läuft unermüdlich, deine Lebensuhr tickt und tackt ohne Unterbruch. Wo ich mich in eine Sache vertiefen will, tue ich das; wo nicht, gehe ich weiter. Am Ende bleibt ein angeregtes Gefühl, dass bei einem weiteren Besuch noch viele Dinge zu entdecken sind, die ich heute übersehen habe. Hier wird die oft trockene oder bemühte Museumskost in munterer Weise zu einer höchst unterhaltsamen Mischung aus Entdeckungsreise in frühere Zeiten rund um Burgdorf, aber auch der Schweiz, in fremde Kulturen, in die eigenen Lebenserinnerungen, mit der wir den gezeigten Geschichten begegnen. So nehmen wir Teil, werden Teil des Ausgestellten. Während Rosmarie Buri ihr Glück nach schweren Jahren noch gefunden hat, findet der Hobby-Goldwäscher Peter Bölsterli es 1997 unter einem Stein im Vorderrhein: In einer Vitrine im Themenraum «Goldwaschen» glänzt das grösste je gefundene Goldnugget der Schweiz. Es ist 15 Millimeter dick, 30 Millimeter breit und 62 Millimeter lang und hat ein Gewicht von 123,1 Gramm!

Schwerer als eine Milchschoggi: der grösste jemals in der Schweiz gefundene Goldklumpen mit Blick und Glückspilz.

Kanonen-, Dampfmaschinen, die schönsten Mädchen & das beste Bier

Holzverpackung für Löcher für die Welt: Emmentaler wird früh zu einem der wichtigsten Schweizer Exportgüter.

Natürlich war Burgdorf am Eingang des Emmentals auch für die Globalisierung des Emmentalers entscheidend. So gab es 1857 rund 300 Käsereien, die das Lochwunder als eines der wichtigsten Schweizer Produkte in die ganze Welt exportierten. Mir kommt dabei sofort in den Sinn, wie erstaunt ich noch um das Jahr 2000 herum war, dass in einer Käserei im thurgauischen Egnach am Bodensee Emmentaler produziert wurde. Nie war mir in den Sinn gekommen, dass die löcherdurchsetzten Riesenlaiber ausserhalb des Emmentals produziert werden könnten. Der Emmentaler gehörte doch – wie der Appenzeller Käse, von dem die Deutschen das Rezept klauen wollen, im Appenzell – auch im Emmental hergestellt. Logisch, oder? Das Terroir der Milch machte doch mit dem Rezept und der Käsereikunst den besonderen Geschmack aus. Oder so. Wieso sonst der Name «Emmentaler» und nicht «Bodenseeler». Ich hatte mir aber auch nie überlegt gehabt, wieviel Emmentaler die Welt so verschlingt.

Im Angesicht eines Burgdorfer Qualitätsschachtdeckels und einer Kanone wird mir auch klar, warum der Luginbühl es mit dem Eisen und dem Stahl hatte, denn auch das hat Tradition im Ort. Schon kurz nach 1710 entwickelte der Burgdorfer Johannes Maritz ein Verfahren, Kanonenrohre auszubohren, statt sie um eine Aussparung herum zu giessen, was die Treffsicherheit erhöhte. 1760 bestellt der französische König 3000 Geschützrohre. Aufgrund von Maritz‘ Bohrverfahren entwickelte der Engländer John Wilkinson eine Präzisionsbohrmaschine, mit der James Watt die Dampfmaschine industrietauglich machte. Der Lauf der Dinge.

Jede Kultur schafft ihr Spielzeug…
…nach dem Vorbild der Grossen: Eine Kanone steht da doch noch auf der Artillerieplattform im Torturm – ausgebohrt nach dem Verfahren des Burgdorfers Johannes Maritz.

Es gibt auch eine Biergeschichte. Schon in Goethes Faust stehe: «Nach Burgdorf kommt herauf, gewiss dort findet ihr die schönsten Mädchen und das beste Bier.» Goethe sei 1779 tatsächlich in der Nähe und Burgdorf schon früh als Bierbrauer-Stadt bekannt gewesen. Aber es gebe eben im deutschen Sprachraum mindestens acht verschiedene Burgdorf, so… who knows?

Eines von mindestens acht Burgdorf: Welches hat Goethe gemeint, als er es im Faust verewigte?

Die alteingesessene Burgerfamilie Schnell brachte es vom lokalen Metallgewerbe zum globalem Handelsunternehmen mit der Grossbrauerei Steinhof. «Die Grossbrauerei arbeitet mit der neusten Technik und beschäftigt Mälzer und Brauburschen aus Deutschland. Ein Sud gibt bis zu 4 Millionen Liter Bier her. Die Fässer sollen schnell zu den Biertrinkern gelangen: Franz überzeugt die Planer, die neue Eisenbahnlinie nach Langnau i. E. an seiner Brauerei vorbeizuführen – statt östlich um den Schlosshügel herum. Firmeneigene Waggons beliefern ab 1881 die Depots von Brüssel, Paris, Marseille und Mailand.» Aber Franz Schnell hatte sich mit dem Bau der Brauerei übernommen und wurde zudem von einem Lieferanten über den Tisch gezogen. Der Betrieb ging konkurs, bis 1921 braute die Löwenbräu Burgdorf AG im Steinhof. Heute « lässt es sich in den ehemaligen Brauereitürmen schick wohnen», wie es im Netz heisst.

Unter anderem: Der Humpen des Burglefer Grossbierbrauers Franz Schnell.

Und hier noch die Auflösung des Indianerrätsels

Der «Sioux-Häuptling» von Burgdorf (rechts): Einst preschte der Jäger durch die Prärien Dakotas. Jetzt steht der sogenannte «Edle Wilde» in Burgdorf im Museum. Mit Federschmuck, Lederkleidung, Mokassins und Tomahawk: So stellte man sich in der Schweiz um 1900 einen «Indianer» vor. Im Dienst einer Basler Reiseagentur für Auswanderungswillige bereist Carl Im Obersteg ab 1874 die USA und Kanada. Vermutlich erwirbt er die Kleidungsstücke und den Schmuck auf diesen Reisen. Die Figur lässt später das Völkerkundemuseum Burgdorf anfertigen. Diesen vermeintlichen Häuptling gab es in Wirklichkeit nie: Das Ensemble wurde aus Objekten unterschiedlicher Herkunft zum Verkauf an Sammler und Museen zusammengestellt. Die Schaufigur stellt den «typischen Indianer» dar, wie wir ihn aus Karl Mays Winnetou-Romanen kennen. Unser «Häuptling von Burgdorf» ist damit Zeugnis für unsere idealisierte Wunschvorstellung des Fremden. (Quelle: Museumstext) – Das Pferdpräparat in der Nische stammt laut Liste von einem Schlachtross, wobei mir jetzt nicht klar ist, ob «Schlacht» kriegerische Auseinandersetzung oder Metzgete meint.

Zwar kein Appenzeller Schlossbier, aber immerhin…

Nach dem wirklich erbaulichen und facettenreichen Rundgang durch die weiten Wunderkammer- und Themenwelten genehmige ich mir im Hier & Jetzt also noch eine Burgdorfer Stange trüb mit Herbstsonne und grandioser Sicht von der Schlossterrasse aus. Wohl bekomms!

Hier gehts zum virtuellen Schlossrundgang: 360-swiss-heritage.ch

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