You are currently viewing Schlossbier-Trek, Minnesang II: Schloss Lenzburg – Zweite Eroberung durch alp, den Grossen

Schlossbier-Trek, Minnesang II: Schloss Lenzburg – Zweite Eroberung durch alp, den Grossen

Quöllfrisch unterwegs in Lenzburg AG

Die Himmelsschleusen haben sich in der Zwischenzeit kaum mehr geschlossen. Die Welt steht unter Wasser. Der Wind hat in nicht nur in und um Zürich riesige Bäume ausgerissen und richtiggehend zerfetzt. Nun: Schlösser liegen erhöht und thronen da seit Jahrhunderten. Also mache ich mir wohl auf Schloss Lenzburg die Füsse nicht nass. Aber das mit dem Schlossbier muss trotzdem noch warten.

Die Zeitmaschine Zug gleitet friedlich in den Lenzburger Bahnhof. Aber das angebrochene dritte Jahrtausend zu verlassen, um ins Leben der früheren Schlossbewohner einzutauchen, will mir bis zur Heimreise nicht so recht gelingen. Zu sehr verschliessen die durchaus erhellenden, dank der Elektrizität möglichen Präsentationen auf Schloss Lenzburg, die schweren Eisenpforten, die ins geruchs- und emmissionsreiche Talglampendunkel des Mittelalters führen. Allerdings heisst die Stromlosigkeit nicht, dass die uns so ferne Lebenswelt eine dunkle gewesen sei. Beschwerlicher war das Leben sicher, so ohne die Segnungen der Neuzeit: SUV, Zentralheizung, Flugverkehr, TV, Geschirrspüler, Wasserspülung, Penicillin, Covid19-Vakzine und und und. Aber insgesamt zeichnete Buntheit, «glühende Leidenschaftlichkeit und kindliche Phantasie» (so heisst es in Johan Huizingas Klassiker «Herbst des Mittelalters») das mittelalterliche Leben aus.

Wunderbar schräge Treppe im ebenso wunderbaren Grün, das Schloss Lenzburg umrahmt.

Weiter heisst es bei Huizinga: Und alle Dinge des Lebens waren von einer prunkenden und grausamen Öffentlichkeit. Die Aussätzigen klapperten mit ihrer Schnarre und hielten Umzüge, die Bettler jammerten in den Kirchen und stellten ihre Missgestalt dort zur Schau. Jeder Stand, jeder Orden, jedes Gewerbe war durch sein Kleid kenntlich. Die grossen Herren bewegten sich nie ohne prunkenden Aufwand von Waffen und Livreen, ehrfurchtgebietend und beneidet. Rechtspflege, Feilbieten von Waren, Hochzeit und Begräbnis – alles kündete sich laut durch Umzüge, Schreie, Klagerufe und Musik an. Der Verliebte trug das Zeichen seiner Dame, der Genosse das Abzeichen seiner Bruderschaft, die Partei die Farben und Wappen ihres Herrn. […] Und wie der Gegensatz zwischen Sommer und Wiinter damals stärker war als in unserem Leben, so war es auch der Unterschied von Licht und Dunkel, von Stille und Geräusch. Die moderne Stadt kennt kaum noch wirkliche Dunkelheit und wahre Stille, kaum noch die Wirkung des einzelnen Lichtleins oder eines einsamen fernen Rufs. Zudem habe alles in mancherlei Hinsicht «die Farbe des Märchens» gehabt: Wenn schon die Hofchronisten, gelehrte, angesehene Männer, die ihre Fürsten aus der Nähe kannten, die durchlauchtigen Personen nicht anders sehen und beschreiben können als in archaischer, hieratischer Gewalt, wie gross muss dann für die naive Volksphantasie der Zauberglanz des Königtums gewesen sein!

Links: Wappen Stadt Lenzburg; rechts: Wappen Familie Locher.

Wir kennen das Wappen der Familie Locher mit den drei blauen Bierkugeln. Verblüffenderweise besteht dasjenige der Stadt Lenzburg aus genau nur einer solchen blauen Kugel. Wikipedia weiss: Die Blasonierung des Stadtwappens lautet: «In Weiss blaue Kugel.» Dieses sehr schlicht gehaltene Wappen erschien erstmals 1333 auf dem städtischen Siegel und ist seither unverändert geblieben.

Als verwöhnter Städter kommts einem recht mittelalterlich vor, wenn einem der nette Chauffeur eines wartenden Gefährts bescheidet: Der Bus zum Schloss fahre nur einmal die Stunde. Im Mittelalter wäre ja wohl keine Pferdekutsche gefahren, also kein Grund zur Klage, denke ich. Der gute Mann steigt sogar aus, um mir das Schloss hinter und über den Häusern zu zeigen. Zu Fuss sei es schon sehr steil, aber ich könne mit dem Bus da vorn zum Kronenplatz fahren und von da hochsteigen. Gesagt, getan. Ist gar nicht soo steil und eigentlich auch nicht weit. 20 Minuten zu Fuss. Wunderschöne Treppen, ein Spielplatz mit Ritter- und Schlossbauten aus Holz. Auch diverse Verbots- und Hinweistafeln fallen mir auf, mit nicht ganz üblichen Formulierungen.

Den Steinbrüchliweg in der Lenzburger Altstadt muss ich hoch, sollte ich dabei irgendwie unbewusst das Areal des Steinbrüchligutes betreten: die zwölf Stutz hätt ich noch bar im Sack.
Naja, Kühe und Hunde sind heute aber keine zu sehen.
Nicht ausserirdisch, sondern drachenhaft: Tafel mit QR-Code, um die Audio-Datei zum auf Schloss Lenzburg geborenen und aufgewachsenen Drachen Fauchi auf dem Handy anzuhören.
Reichhaltiges Angebot für Familien mit Kindern: Kinderspielplatz mit diversen MIttelalterbauten aus Holz.

Gelungene Mischung zwischen Vergangenheit und Publikumsanspruch

Gar nicht soo steil und weit: Stolz thront das Schloss Lenzburg auf Fels gebaut unter dem grad blauen Himmel.

Inzwischen war ich auch schon auf dem Schloss Hallwyl (Bericht folgt). Im Vergleich schneidet die Präsentation der mittelalterlichen Welt auf Schloss Lenzburg hervorragend ab. Es gibt auch für Kinder diverse Angebote – Spielplätze, Kinderschloss und Geschichtswerkstatt mit vielen Bastelmöglichkeiten –, die zur Kreativität anregen und den Besuch zum Erlebnis werden lassen. Mich stört ja oft, wenn mittels neuer Technologien vergangene Zeiten lebendig präsentiert werden sollen. Dadurch wird oft mehr verbaut als sicht- und spürbar gemacht. Allerdings hat man hier auf dem Schloss einen Mittelweg gefunden, der recht gut zu funktionieren scheint. Im Wohnmuseum wurde mittels mehr oder weniger vollständigen Interieurs die Entwicklung der «Wohn- und Lebenskultur vom Spätmittelalter über Renaissance und Barock bis zum Wohnstil, den die amerikanischen Schlossbesitzer um 1900 pflegten» nachgezeichnet. Dazwischen bieten Projektionen und Hörspiele «einen Einblick in die Lebenswelten der Familien der beiden Landvögte Adrian von Bubenberg und Peter Bucher oder zeichnen den Schlossalltag des amerikanischen Ehepaars August Edward Jessup und Lady Mildred Marion Bowes Lyon nach».

Eindrücklich, die Schlossanlage von unten. Wie aus 1001er Nacht.

Zusammen mit den grossen und kleinen Schlossbesucher*innen ergibt das einen quicklebendigen Schlossbesuch. Trotz Maskentragen. Eine Reise durch die Zeit, mehr durch unsere und wie wir auf frühere Zeiten schauen und sie zu vermitteln versuchen, als dass wir das Mittelalter wirklich heraufbeschwören können. Vielleicht klappt das am diesjährigen Mittelalter Spektakel in Appenzell besser. Auf Schusters Rappen unterwegs zum Bahnhof habe ich – inspiriert von Hokusais «36 Ansichten des Berges Fuji» – zumindest «12 fotografische Ansichten des Schloss Lenzburg» geschossen. Sie zeigen den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft, der uns täglich zu zerreissen droht. Oder zumindest eine geistige Zerrung einbrocken könnte. So, let’s go. Ab hier also nur noch Eindrücke in Bildern & Legenden.

Die Felswände und Mauern laden wohl manche zu wagemutigen Aktionen ein, wenn der Herr Gerichtspräsident eine Verbotstafel anbringen lässt.
Ein erster Durchgang zum richtigen Eingang.
Das auf dem obern Bild zu erkennende Steinrelief in bunten und kräftigen Farben.
Wilder Mix aus Fels, Dächern, Mauern, Toren und Beleuchtungstechnik.

Stägeli uf, Stägeli ab, juhee!

Modell der Schlossanlage von Lenzburg.
In der spätmittelalterlichen Täferstube bekommt man Ahnung der damals üblichen Dunkelheit der Räume, trotz der hellen Butzenscheiben und Projektion auf das Buch.
Wow, diese Eisenbeschlagene Eichentüre!
Fehlen nur noch Feuer und Köchin: Neben der Stube war die Küche der einzige heizbare Raum in mittelalterlichen Gebäuden. Ob die Fässer Bier, Wasser oder Wein enthielten, wissen wir nicht. Aber wie hier geschrieben, wurde viel Bier getrunken, weil es reiner und sauberer war als das Wasser.
Hier lebten wohl keine Veganer: Das «Leuchterweibchen» (Geweihkronleuchter) wurde um 1600 in der Schweiz oder in Süddeutschland geschaffen.
Der arme Bär hats nicht mehr schwär.
Im barocken Wohnraum wurde geschlafen, gearbeitet und gegessen. Huch, da auf dem Kissen spricht jemand!

Mix einiger Aussschnitte von Projektionen und Hörspielen plus Aussicht vom Schlosshof.
Der helle und prachtvolle Rest des Wohnraums – mit dem bemalten Sandsteinkamin im Renaissance-Stil aus dem Winkelriedhaus in Stans, den August Edward Jessup erstand und auf Schloss Lenzburg einbauen liess.
Das sind noch Gesichter voller Schönheit und Lebensfreude im diesseitigen Jammertal: Jungfrau Maria mit Jesuskind, das aussieht, als wärs hundertjährig.
Der Salon wird dominiert durch Darstellungen von Tierszenen und Blumenstillleben an den Wänden. Der Kachelofen stammt aus dem Aargau (2. Hälfte des 18. Jahrhundert). Tisch und Stühle im Louis-XVI-Stil.
Das muss Fauchi sein, der auf Schloss Lenzburg aus dem Ei geschlüpfte Drache.
Stimmt, hier hört man überall Stimmen. Und wer daraus Verschwörungstheorien strickt und Visionen hat, sollte einen Arzt aufsuchen.
Erlebnis-Tourismus: Teilweise stolpere ich an unerwarteten Stellen über solche Foxtrail-Tafeln. Für wen es wohl genau ein Glück ist, dass die Gefangenen noch hier sind?
Eine Ausstellung in Transportkisten: Anschauliche und originelle Kultur- und Geschichtsvermittlung.
Hier wird die Vergangenheit von den Kindern, die unsere Zukunft sind, neu geschaffen: Geschichtswerkstatt zum Selbermachen.
Stopp, bitte Schuhe ausziehen: Im Kinderschloss herrscht ein munteres Treiben mit Ritter*innen und Prinzess*innen, die sich ihre Kronen und Schwerter selber basteln.
Die Ritterkönig*innen machen grad Pause im Schlosshof.

Der Schlosshof

Ich stehe schon 120 Jahre hier und bin vielleicht die schöneste Catalpa weit und breit. Deshalb sollt ihr mich bewundern, aber keinesfalls auf mir herumklettern. Ich danke euch.
Blick aus dem Bistro-Garten – wo ich kein Appenzeller Schlossbier zu trinken bekam – auf Schlossmauer und Kräutergarten.
Ein Nebenschauplatz mit Rätselcharakter: Lady Mildred & Zofe, Freiwilligenprogramm (2 Stühle).
Runter gehts immer: Ein- und Ausgang mit Zugbrücke.
Bis dass die Sintflut uns scheidet: Scheinbar unzerstörbare Fusion von Fels und Schlossmauern.

12 Ansichten des Schlosses Lenzburg auf dem Weg zum Bahnhof

Demnächst: Schloss Hallwyl und kleine Schiffsrundfahrt auf dem Hallwilersee.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.