Rhubarber, Rhaburber, äh, Rhabarber fürs Rhubarb Beer.

Rhubarber, Rhaburber, äh, Rhabarber fürs Rhubarb Beer.

Rhubarb Beer ist ein Gingerbier mit Rhabarber. Letzterer kommt zum Teil vom Demeter-Biohof von Klaus und Monika Böhler in Seuzach.

Seuzach, 26. Mai 2020. Mit etwas Glück erreiche ich Klaus Böhlers Hof schnurstracks und pünktlich. Nein, ohne Quölli. Weil sich die Strecke Winterthur-Zürich nach dem Hopfentropfen-Besuch so in die Länge gezogen hat. Die beiden Söhne von Klaus Böhler rollen mit je einem leuchtend weissen Couvert, Schulthek und Helm bewehrt auf ihren Scootern an mir vorbei zur Schule – mit Zwischenhalt an einem Postbriefkasten. Ich alter Trottel, sage den Dingern immer noch Trotti.

Klaus Böhler beim Vorbereiten des Anhängers zum Rhabarbertransport. Im Hintergrund die zum Holzwohnhaus umgebaute Scheune. Im Vordergrund die Tafel mit dem aktuellen Angebot im Hofladen.

Wieder mal ein Digitalversagtag. Voll peinlich. Die sonst so zuverlässige Kamera verweigert genau in dem Moment ihren Dienst, als ich Klaus Böhler vor seinem 51jährigen Massey Ferguson-Traktor ablichten will. Und die Nervosität tut das Übrige, um in der unübersichtlichen Menütiefe den Resetbalken nicht finden zu können. Sch…, aber würkli! Ich verfluche innerlich alles Digitale, das uns immer weiter zu Zombies und überforderten und überflüssigen Zauberlehrlingen degradiert. Seit Corona sowieso. Man ahnt, dass uns der ganze Digiwahn nebst einigen Wohltaten auch grandiose Desaster bescheren wird, je mehr alles zusammenhängt. Je abhängiger alles von allem ist. Dann halt wieder mal mit Handy fotografieren, praktisch blind, denn dank der grellen Morgensonne erkenne ich auf dem Leuchtbrettchenbildschirm genau null und nichts.

Auf 3Sat kommentiert eine Journalistin die Digitalflucht in Bezug auf die Clubszene etwa so: Egal, wo man ist, ob in Zürich, New York oder Shanghai, mit der App kann man mitfeiern. Raven als Avatar, als virtuelles Wesen. Im coronasicheren Outfit den Alltag vergessen. Die Zürcher Partyszene lotet gerade die Grenzen des Digitalen aus. Ein Stammgast im Club Kauz hat seinen Lieblingsort im Netz nachgebaut und sogar ein Coronavirus-Avatar habe von zuhause aus abgetanzt. Aber dazu mal eine ganz banale, grundehrliche und grundsätzliche Frage: Wer von uns will denn bitte ein digitales Bier saufen, äh, geniessen? Und stell dir vor, das wird noch gehackt! Alles Chabis.

Klaus scheint auch nur das Allernötigste mit dem Computer zu tun haben zu wollen: Die Erde und die Pflanzen, die sie hervorbringt, faszinieren uns. So kultivieren wir neben Urdinkelgras, Gersten- und Weizengras sowie anderen Kräutern auch Kürbisse, Edamame und Rhabarber. Und beide haben wir vom Appenzeller Rhaburb, äh, Rhubarb Beer noch keinen Tropfen probiert.

Volle Kraft voraus!

Der 51jährige Traktor von Klaus Böhler pfeift auf digital und läuft und läuft und läuft – und Ersatzteile gibts immer noch.

Freudig steige ich auf einen der beiden Seitensitze über den Hinterrädern. Der Traktor ist glatte acht Jahre jünger als ich. Das soll alt sein? Ich bin doch nicht alt, Mensch! Wir tuckern Richtung Rhabarberfeld. Es ist genau das von mir am letzten Mittwoch fotografierte. Auch hier in Seuzach ist – wie in Unterstammheim – nicht viel von Corona zu spüren. Man hält sich an die Regeln, mehr nicht. Auf dem Land muss diese kuriose Zeit schon anders gewesen sein als in der plötzlich menschenfreien Stadt. «Ich kann das Wort Lockdown nicht mehr hören», sagt Klaus Böhler schon bald nach der Begrüssung. «Ich bin übrigens der Klaus.»

Wir kommen von der andern Seite, aber ich hatte den richtigen Riecher: Klaus Böhlers Rhabarberfeld mit verschiedenen Sorten.

Klaus ist ein Tüftler von Bio-Gnaden. Sein Kopf ruhe nie. Einer, der sich wie ich fragt, warum der Mensch weiter Unmengen von Gift ins Grundwasser versprüht, obwohl inzwischen jedem klar ist, was das bedeutet. Und schon stosse ich wieder auf einen aktuellen Artikel, in dem die NGO «Public Eye» feststellt, dass über importiertes Gemüse, viel Gift auf unseren Tellern bzw. in uns landet. In Seuzach – und laut NZZ weiteren 27 Zürcher Gemeinden – ist das Problem akut. Auf dem SVGW-Portal zur Gemeinde Seuzach ist zu lesen (die Schreibfehler sind original): Alle untersuchten Proben entsprachen den mikrobiologischen Anforderungen der Lebensmittelgesetzgebung. Die Chemischen Proben haben nicht alle den Anforderungen entsprochen. Die Chlorthalonil-sulfonsäure hat die neuen Anforderungen überschritten. Mann mischt aber mehr Fremdwasser bei um die Werte zu erreichen. Was immer das genau heisst. Werte erreichen heisst ja noch nicht gesund.

Neues vom Biohof

Die Landwirtschaft ist im Umbruch. Muss. Und Klaus Böhler ist für mich einer, der mittels innovativem Umgang mit Demeter- und Biokriterien zu dieser Entwicklung beiträgt. Ganz im Sinne dessen, was der Agrarökologe Urs Niggli im NZZ-Interview vom 13. April 2020 sagt: «Die Schweizer Landwirtschaft kann nicht auf dem Weltmarkt konkurrieren. Deshalb ist die gentechfreie Schweiz für Landwirte eine gute Wahl. Sie sollten Qualität produzieren und Nischen besetzen. Die Schweiz ist auf dem besten Weg, die Nummer eins zu werden in der weltweiten Biozüchtung. Auf dermWelt sind 30 000 botanische Arten essbar. Nur 30 davon werden als Hochleistungssorten angebaut, hauptsächlich Weizen, Mais und Reis. Da liegt noch Potenzial brach. Das züchterische Potenzial von nicht mehr genutzten Spezies ist gigantisch.» Dabei beeindruckt mich die Zahl der nutzbaren, aber kaum beachteten Pflanzenarten.

Klaus Böhler leibt, lebt und liebt, was er tut. Auf der Website nennt sich die Familie Klaus, Monika, Michael und Simon Böhler «die bunten Vögel aus dem Zentrum von Seuzach», die «Pfiff und Witz» neue Ideen umsetzen und «Freude am Leben mit der Natur» haben. Die zum Wohnhaus umgebaute Scheune wurde ganz aus Holz ausgeführt. Ohne Nägel, ohne Schrauben, ohne Leim, ohne Lösungsmittel oder andere Giftstoffe – nur mit Holzdübeln. Es wirkt hell, modern und gemütlich. Fragt jemand, ob er ein Kraut oder Gemüse anpflanzen könne, zieht Klaus Böhler das durch, baut mehr davon an als er brauchen würde, lernt dabei und sucht weitere Absatzmöglichkeiten. Wenn die Pflanze zu ihm passt; denn er arbeitet nur mit solchen, die ihn in Bezug auf Aufwand und Ertrag überzeugen.

Keimende Edamame-Bohne.

Bei seinem Edamame-Feld legen wir einen kurzen Zwischenstopp ein. Diese Sojabohnenart gefällt ihm so gut, dass er zur Verarbeitung eine Spezialmaschine entwickelt hat. Nach harzigem Anfang stimmt nun auch der Absatz. Im Hofladen und bei Alnatura gibt es sie gefroren zu kaufen. Mit Einfrieren macht er auch den Rhabarber, das Urdinkelgras und andere Süssgräser haltbar. Zu seinen Stammkunden gehören die Vegi-Restaurantketten Hiltl und Tibits. Und verschieden Gourmetköche und Restaurants.

Der Rhabarber – ein Gemüse

Irgendwie urwüchsig: Rhabarber, so weit das Auge reicht.

Eigentlich sollte ichs noch wissen: Der urtümlich wirkende Rhabarber gilt nicht als Obst, sondern als Gemüse. Auf dem Feld sticht Klaus sofort ein kleineres Desaster ins Auge: Der Rhabarberdieb hat wieder zugeschlagen. Das komme häufiger vor. Eigentlich traurig, wenn mans nötig hat, ein paar Rhabarberstengel zu klauen. Er nimmts gelassen.

Spuren eines Raubs: Der Rhabarberdieb hat wieder zugeschlagen.

Heute braucht Klaus nur einige Stiele des roten Rhabarbers für den Hofladen. Ein Messer, zwei Gemüsekisten, mehr braucht er nicht. Zack, reisst er einen Stengel aus, schneidet das Blatt, dann ein wenig vom unteren Teils weg und legt den Stengel in die Kiste. Das Abgeschnittene lässt er auf dem Feld liegen. Er gibt mir ein Stengelstück zum Reinbeissen, was mich – wie das Traktorfahren – an die Kindheit erinnert. Damals ass ich die Stengel aus Mutters Garten mit ein bisschen Zucker drauf. Einfach so roh. Das Probierstück ist ziemlich faserig und entgegen meiner Erwartung ziemlich süss. Geerntet wird immer von Hand und nur gerade soviel wie bestellt wird. Für das Rhaburb, äh, Rhubarb Beer waren es einige Stiele. Rhabarber besteht vor allem aus Wasser, hat praktisch keine Kalorien. Fruchtsäuren und Mineralstoffe machen den Rest aus.

Alles Handarbeit: Der Rhabarber wird auf Bestellung frisch gepflückt und zurechtgeschnitten. Heute braucht Klaus nur eine geringe Menge für den Hofladen.

Auf dem Rückweg führt uns ein Abstecher zum lang, länger und länger werdenden Kürbisfeld. Da habe er noch einiges zu jäten. Im Moment wachse alles wie verrückt. Eben auch das Un-, äh, Beikraut. Das zieht sich hin, bis eine Reihe durch ist. Uh, lala! Man fasst sich geistig ächzend ans steife Kreuz. Plötzlich beisst neben mir eine kugelrunder Mops in die Erde. Klaus kennts. Er hat gestern mit Federmehl gedüngt. Das macht Hunde völlig verrückt. Der Rollmops lässt sich von seiner Besitzerin nur schwer wieder auf den Weg zurück rollen. «Der wird nachher aus dem Maul stinken, das glaubst du nicht! So richtig nach vermoderndem Fleisch», prophezeit der Herr des Kürbisfeldes seherisch.

Das Kürbisfeld zieht sich extrem in die Länge. Vor allem auch beim Jäten.
Der dicke Mops beim In-die-Erde-beissen, vom sonnenblinden Handy-Fotografen von der falschen Seite grad noch knapp vertwütscht.

Das mit dem Rhabarber für die Brauerei Locher kam so: Ein befreundeter Gourmetkoch lud Klaus Böhler und Karl Locher zu einem Essen ein. Und servierte zum Apéro nebst Urdinkelsaft auch eine Version Ginger Beer mit Rhabarbersaft, wovon Karl Locher sofort begeistert war: «Das machen wir!» So kam der Rhabarber zum Ginger ins Bier, fertig war das sommerfrische Biermischgetränk!

Zum Abschied gibts chez Klaus noch einen frischen Smoothie mit Urdinkelgras du Chef.

Rhubarb Beer – schon proBIERt?

Rhaburb, äh, Rhubarb Beer aus dem Coop im Bahnhof Stadelhofen im Freiluftbüro.

Zurück in Zürich suche ich in meinem kleinen Coop am Kreuzplatz ein Sixpack Rhaburb, äh, Rhubarb Beer zu kaufen. Führt der Saftladen nicht. Also kommt Quölli in der Mission Rhubarb doch noch zu einem kleinen Einsatz. In der grösseren Filiale am Bahnhof Stadelhofen werde ich fündig.Nach der Turbokühlung im Eisfach kann ich also ein Fläschchen kredenzen. Dazu lutsche ich im Freiluftbüro genüsslich an den kurz aufgekochten und gesalzenen Edamame-Schoten, die mir Klaus Böhler mitgegeben hat.

Farbe wie leicht rötlicher Weisswein mit Blöterli. Mit 1,8 % Vol. Alkohol sehr mild. Süffig wie Most. Wüsste ichs nicht, käme ich nicht auf Rhabarber, auch der Ingwer ist in den Hintergrund getreten. Aber beim genauen Hinschmecken, ja, es schmeckt nach dem roten Rhabarber, den ich auf dem Feld probiert habe. Passt hervorragend zum Edamame-Snack. Nicht zu süss, mit angenehm harmonischer Säure. Kann ich mir durchaus als erfrischend-prickelndes Sommergetränk für Zwischendrin vorstellen.

Ich schätze an den Appenzeller Biermischgetränken, dass mit natürlichen Zutaten und nicht – wie bei den meisten andern – mit künstlichen Aromen gearbeitet wird. Das sei aber eben gar nicht immer so erfolgreich, liess Karl Locher mich wissen, als ich auf sein Geheiss einmal das Appenzeller Zitronen-Panaché mit echt-analoger Zitrone probierte. Weil viele Menschen inzwischen an künstliche Aromen gewöhnt seien, fänden die natürlichen nicht immer genug Abnehmer*innen. Eine paradoxe Welt.

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