You are currently viewing Reise zum Reis fürs Reisbier «Birra da Ris»

Reise zum Reis fürs Reisbier «Birra da Ris»

Quöllfrisch unterwegs in Ascona TI

Noch vor wenigen Jahren undenkbar: Die Brauerei Locher produziert Reisbier mit Schweizer Reis. Heute wundert sich niemand mehr: Die Appenzeller Brauerei ist längst bekannt für ihren unermüdlichen Erfindergeist und eine vielfältige Auswahl an Produkten. Nun reist Quöllfrisch unterwegs ins Maggia-Delta zu einem Landwirtschaftsbetrieb, der sich gerade neu erfindet und seit Jahren den Reis fürs Appenzeller Birra da Ris anbaut: die Terreni alla Maggia.

Mittwoch, 12. Mai 2021. Die Frühlingsferien sind vorbei. Es regieren noch bis Samstag die Eisheiligen (11. – 15. Mai), die es laut Tages Anzeiger und Statistik im Prinzip gar nicht geben soll, ein Mythos seien. Tja, jedenfalls ist die Kalte Sophie in den letzten Jahren zuverlässig kalt und nass oder zumindest unfreundlich daher gekommen; das weiss ich, weil die mehrmals abgehaltenen Outdoor-Partys an diesem Tag immer verschifft wurden. Wetterprognose heute: Grauer Himmel in der Deutschschweiz, Tessin hell. Also ab an die Sonne. Noch vor dem Stau zum verlängerten Auffahrtswochenende. Und weil der Zug mit vielen roten Mannsgöggeli markiert ist, die hohe Frequenz bedeuten, leiste ich mir die ruhige 1. Klasse, um in Zeiten der Pandemie friedlich arbeiten zu können. Standesgemäss, immerhin liegt auf dem Boden der Terreni alla Maggia ja das Fünfstern-Luxusresort Castello des Sole.

Hier bin ich richtig, aber noch nicht ganz da: Seit 90 Jahren wird das Land bewirtschaftet – und nun sukzessive auf biologische Produktion umgestellt.

Die Reise zum mit 198 Metern ü.M. tiefstgelegenen Gebiet der Schweiz verläuft wie gewünscht: ruhig, ohne weitere erwähnenswerte Vorkommnisse. In Locarno finde ich nicht sofort den richtigen Bus, klappt aber dann doch noch. Auf der aussichtsmässig nicht sonderlich prächtigen Fahrt nach Ascona entdecke ich kurz vor dem Aussteigen eine Beiz mit Appenzeller Bier, eine zweite passiere ich später zu Fuss auf dem Rückweg (s. letztes Bild). Die Via Muraccio ist lang genug, sodass ich sie nicht übersehe, aber bis zur Nummer 111 war es dann noch ein rechtes Stück ab der Haltestelle. Schon will mir werden wie auf dem Holzweg zu den Brandlöscher-Designern von Sichtwerk. Ah, schon besser: Drei Tafeln – eine feiert 90 Jahre Landwirtschaft – und ein kleiner Hopfengarten zeigen mir, dass ich dem Ziel näher komme. Der hier angepflanzte Hopfen wird in der hauseigenen Mikrobrauerei verwendet; dazu wird er nach der Ernte bei Hopfentropfen in Unterstammheim zu getrockneten, gepressten und vakuumverpackten Pellets verarbeitet.

Der Hopfengarten. Die Pflanzen sind noch sehr klein.

Es ist ungefähr zehn Uhr, ich bin also immer noch pünktlich. Und ich stosse im Mikroklima des Maggiadeltas nicht nur auf den Mikrohopfengarten der Mikrobrauerei, sondern auf einen ganzen Mikrokosmos unterschiedlichster und unerwarteter Welten, die hier unter dem heutigen Traumhimmel zusammenkommen.

Ascona und der legendäre Monte Verità

Drei Teepflücker – eigentlich sei es noch zu früh, um die erste Ernte einzufahren, weil die Natur auch im Tessin rund drei Wochen im Verzug ist.

Offenbar ist die Natur auch hier im sonnigen Tessin im Verzug. Denn das, was vermutlich (die Vermutung wird später zur Gewissheit) eines der Trockenreisfelder ist, besteht nur aus brauner Erde mit einem Hauch von grünen Gräslein. Darin tummeln sich diverse Krähen und bei mehreren Pfützen auch Enten. Gleich daneben pflücken drei Männer mit Körben in meditativer Ruhe Blättchen von in sieben Reihen gepflanzten, kugeligen Büschen. Beeren sind nicht zu sehen, also muss es Tee sein, was mich aber schon etwas erstaunt, hierzulande. Reis, Tee – klingt eher nach Asien, denn nach Ticino. Ein Pflücker bestätigt meine Vermutung. Es sind – nebst denen auf dem nahen Monte Verità, zu dessen Teehaus auch die drei Pflücker gehören – die einzigen Teebüsche der Schweiz. Und sie gehören zu den wenigen so weit nördlich angebauten Teebüschen. Sie gedeihen im speziellen Mikroklima Asconas sehr gut. Aber es gibt noch weiter nördlich gelegene Teepflanzungen: Einer der drei Pflücker baut ebenfalls Tee an – in der Nähe von Köln. Am Mittag befinden sich im Erntekorb insgesamt 4 kg Teeblätter, was nach der Verarbeitung rund 400 Gramm Tee ergebe. Aber es sei fast zu früh gewesen für die erste Ernte, die jeweils die beste sei.

Ernte eines Morgens à drei Personen: Geschätzte vier Kilo frische Teeblätter für geschätzte 400 Gramm Tee, aber auch der muss erst noch durch Know-how und Arbeit sorgfältig hergestellt werden.

Der Monte Verità ist in diesen frühen Jahren des dritten Jahrtausends n. Chr. wieder in aller Munde. Der «Berg der Wahrheit» zog anfangs 20. Jahrhundert Menschen von überallher an: Weltverbesserer – berühmte wie Hermann Hesse oder Hans Arp, als auch weniger berühmte – unterschiedlichster Herkunft und Couleur, die neue Lebensformen ausprobieren wollten; von veganer Ernährung bis zum Nackttanz. Das wiederum passt zu unserer Zeit, in der nicht nur Gesellschaft und Landwirtschaft von unterschiedlichsten Seiten her gezwungen ist, neue Wege zu beschreiten. Einerseits wegen Globalisierung, Klimaerwärmung, Umweltschutz und CO2-Vorschriften, aber auch, weil ohne Kunstdünger und Pestizide auf den seit Jahren intensiv genutzten Böden kaum mehr etwas wachsen würde. Der Teufelskreis ist zwar seit Jahren bekannt, aber wir Ausredentiere trotten wie Mühlenpferde weiter – bis zum mehr oder weniger bitteren Ende.

Nicht aus dem Teufelskreis ausgebrochen, aber von selbst überflüssig geworden: Mühlenpferde.

Das MASI Lugano zeigt zur Zeit eine Ausstellung über den 1916 geborenen Luigi Pericle, der in den 1960ern weltberühmt wurde mit den unter dem Pseudonym Luigi Giovanetti gezeichneten Geschichten von «Max, das Murmeltier». Nur Ältere kennen den Namen noch; seine nachgelassene Kunst wurde erst vor kurzem wiederentdeckt. Auch er war ein Kind des Monte Verità: Fasziniert von der spirituellen Aura des Monte Verità zog er in den frühen 1950er Jahren mit seiner Ehefrau nach Ascona. Es folgte eine Zeit internationalen Ruhms, in der er sich jeglicher Kategorisierung entzog und sowohl als Berufskünstler als auch als talentierter Illustrator hervortrat. Ende 1965 beschloss er aus einer inneren Überzeugung heraus, dem Kunstbetrieb den Rücken zu kehren, blieb aber weiterhin künstlerisch tätig und beschäftigte sich intensiv mit den Zivilisationen der Vergangenheit, mit fernöstlichen Denkweisen und Sprachen, mit Esoterik, Astrologie und Naturheilverfahren, alles Themen, die ihm für seine künstlerische Erforschung als unerschöpfliche Inspirationsquellen dienten. Durch eine sorgfältige Auswahl von Zeugnissen, Gemälden und Tuschezeichnungen rekonstruiert die Ausstellung die abstrakte Suche Pericles von den 1960er bis zu den 1980er Jahren und die Herausbildung seiner ganz eigenen künstlerischen Sprache.

Wikipedia zum gegenwärtigen Monte Verità: 1989 wurde die Stiftung Monte Veritá gegründet. Sie ist verantwortlich für den Betrieb der Anlage, unter anderem auch des «Centro Stefano Franscini» (CSF), dem internationalen Konferenzzentrum der ETHZ . Das CSF veranstaltet bis zu 25 wissenschaftliche Konferenzen pro Jahr auf dem Monte Verità. Der Kanton Tessin führt in der verbleibenden Zeit kulturelle Veranstaltungen durch. Im Frühjahr 2006 wurde auf dem Monte Verità ein Teepark eröffnet. Die Teepflanzen (Camellia sinensis) können hier auch erworben werden. Ein Zen-Garten und ein Tee-Haus (im Loreley-Haus), in dem Tee-Zeremonien und Seminare zum Thema Grüner Tee abgehalten werden, ergänzen den Park.

Emil G. Bührle kauft um 1940 die Terreni alla Maggia

Auch das Gut Terreni alla Maggia hat eine bewegte Geschichte voller Gegensätzlichkeiten: Während des Zweiten Weltkriegs kaufte es der Werkzeug- und Waffenproduzent Emil G. Bührle, um seine Mitarbeitenden zu ernähren. Buehrle.ch schreibt: Die kriegswirtschaftlichen Anbauvorschriften für Industriebetriebe veranlassten Bührle, im Maggia-Delta im Tessin Landwirtschaftsfläche zu erwerben und einen Musterbetrieb aufzubauen. Das daneben stehende «Castello del Sole» wurde später zu einem Hotel erweitert. Das war 1942. Eine verrückte Welt schon damals: Während auf dem Monte Verità mittels avantgardistischer Kunstexperimente an einer neuen Gesellschaft gebastelt wird, produziert ein später umstrittener Kunstmäzen, der gleichzeitig eine weltberühmte Sammlung zusammenträgt, in unmittelbarer Nachbarschaft Nahrungsmittel für die Mitarbeitenden seiner Firma, die wacker vom Krieg profitiert. Die Sache ist bekannt und detailliert aufgearbeitet.

Selten öffentlich gezeigt: Links von der Säule in Tessiner Granit: «L’Olivette» von Vincent Van Gogh; rechts: «Camille au jardin» von Claude Monet.

Im Hotel werden zur Zeit zwei Bilder aus der Bührle-Sammlung gezeigt, die ab Herbst 2021 permanent im neuen Erweiterungsbau des Kunsthaus Zürich zu sehen sein wird: «L’Olivette» (1889) von Vincent Van Gogh sowie «Camille au jardin» (1873) von Claude Monet. Die Bilder sind hinter der Spiegelung der dicken Schutzgläser kaum zu sehen, was mich an meinen Besuch im Louvre erinnert, wo die Mona Lisa vor lauter Besucherandrang und Panzerglas genausogut ein gerahmtes Papierposter hätte sein können. Irgendwie macht Kunst so keinen Spass. Aber wems gefällt… die beiden Bilder sind ja wahrscheinlich mehrere Millionen wert. Seltsam ist auch der Satz auf der Website, den ich nicht kapiert habe, weil ihn wahrscheinlich Künstliche Intelligenz übersetzt hat: Monet and Van Gogh – Jeden Sonntag, vom 2. Mai bis 13. Juni die Terreni Alla Maggia werden die Bilderrahmen zwei der berühmtesten Exponenten des Impressionismus. Tja, was soll ich mit Bilderrahmen, gell. Aber wenn man davorsteht, weiss man wenigstens, was das luxuriöse Gestammel uns sagen wollte.

Im obersten Stock des neuen Erweiterungbaus des Zürcher Kunsthauses von Stararchitekt David Chipperfield werden die Schätze der Sammlung Bührle ab diesem Herbst zu sehen sein.

Hortense Anda-Bührle und der Vogelschutz

Mensch, bitte nicht stören: Hinter Stacheldraht liegt das Schutzgebiet für Vögel.

Interessant ist auch das von der 2014 verstorbenen Tochter Emil G. Bührles Hortense Anda-Bührle eingerichtete Vogelschutzgebiet. Leider darf ich Mensch nicht rein. Immer wieder flitzen kleine und grosse Vögel an mir vorbei, deren Namen ich nicht kenne und die ich schon Ewigkeiten nicht mehr oder gar noch nie gesehen habe. Es begegnet mir auch ein ornithologisch voll ausgerüsteter Velofahrer, der immer wieder absteigt, um die gefiederten Genossen mit dem Fernglas näher zu sehen. Beim Mittagessen im Castello del Sole schaue ich nach rechts und entdecke einen nervösen, kleinen Kleiber kopfüber einen Baumstamm nach marktfrischem, eiweissreichem Streetfood abchecken. Früher allgegenwärtig und für sein Kopfübergeklammer von Kindesbeinen an bewundert, habe ich Kollege Kleiber jahrelang nie mehr gesehen. So grüsse ich ihn denn ganz herzlich im Stillen und erfreue mich an dem lustigen Winzling. When will we meet again?

Der Vogel des Jahres 2021 ist der Steinkauz. Auf der Website von BirdLife Schweiz finde ich zum Tessin folgende Aussage: Tests verschiedener Arten von Nistkästen zeigten, dass besonders ein Modell die Bedürfnisse der Tessiner Steinkäuze erfült, welche gerne in Gebäuden nisten. Seitdem wurden über 50 Nistkästen dieses Typs in der Region installiert. Darüber hinaus wurden über hundert Sitzwarten gesetzt, die der Kauz zur Jagd nutzt. Diese Massnahmen haben zu einer spektakulären Erholung beigetragen: der Steinkauz hat seinen Bestand im Tessin seit 2004 mehr als verfünffacht. Zur Erhaltung der Artenvielfalt werden im Tessin wieder Hochstämme gepflanzt, Steinhaufen und Trockenmauern errichtet.

Diverse Superlative im Mikrokosmos der Terreni alla Maggia: Die grösste Rauchschwalbenkolonie der Schweiz.

Unter dem Dach einer Scheune entdecke ich künstliche Schwalbennester. Eine gelbe Tafel verrät, dass dies die grösste Rauchschwalbenkolonie der Schweiz sei und die 552 Nester im letzten Jahr für 339 Bruten genutzt worden seien. Gesponsert wurden die Schwalben-Sozialbauten vom Schweizer Vogelschutz SVS, BirdLife Schweiz, der Stiftung Bolle di Magadino und zwei Privatpersonen. Eine Studie von Frankfurter Wissenschaftern hat belegt, dass Vögel Menschen glücklich machen. Sie seien ein Indikator intakter Umwelt. Höchste Zeit also, deren Zahl wieder zu mehren (NZZ, 3.1.21): In ihrer europaweit durchgeführten Studie verglichen die Forscher die Zufriedenheit von 26 000 Menschen aus 26 europäischen Ländern mit der jeweiligen Vogelvielfalt in ihrer Umgebung. Das Ergebnis: Je mehr Vogelarten in einer Region vorkommen, desto zufriedener und glücklicher sind die Menschen dort mit ihrem Leben.

«Das Birra da Ris gibts schon ewig»

Im Shop zwischen Reislager und Weinkellerei kann man alle Produkte der Terreni alla Maggia kaufen und die Weine degustieren.

Vor der Enoteca Alimentare, wo alle Produkte des Betriebs zu kaufen und die Weine, Biere und andere flüssige Köstlichkeiten zu degustieren sind, empfängt mich Fabio Del Pietro, Agronom ETH und Direktor der Terreni alla Maggia. «Das Reisbier gibts schon ewig», sagt er und meint damit, dass das Appenzeller Birra da Ris bei seinem Einstieg 2014 (dem Todesjahr von Bührle-Tochter Hortense Anda-Bührle) schon zum Sortiment gehörte. Die Ewigkeit aber dauert immerhin schon rund 15 Jahre, da das Reisbier 2006 auf den Markt kam. Ein gut verträgliches Sommerbier, das aufgrund seiner Glutenfreiheit auch für Geniesser*innen mit Zöliakie zu empfehlen ist. Auf den Tee angesprochen, meint Fabio Del Pietro, es sei ihm in der Vergangenheit alles ein bisschen zu japanisch gewesen. Seine Vision für die Terreni alla Maggia ist, mit den eigenen Produkten wieder mehr Lokalbezug zum Tessin herzustellen. Natürlich ist darum auch nicht das Reisbier, sondern der Weinbau von grosser Bedeutung. Aber auch hauseigene Spirituosen wie Grappa, Whisky oder Gin. Der Wacholder für den Gin wächst übrigens ganz unscheinbar neben einer der Teereihen; man wolle aber in Zukunft mehr anbauen.

Mechanische Unkrautbekämpfung zwischen den Reben. Um das Kupfer zu ersetzen werden Versuche mit Rohmilch gemacht.

Nach 90 Jahren wird der früher nach Kriterien der IPS geführte Betrieb immer mehr nach Kriterien des biologischen Landbaus geführt. Keine leichte Aufgabe. Nachdem wir die Erfolge von Gran Alpin (mit der Unterstützung der Brauerei Locher) in Graubünden gesehen haben, zeigt sich hier im Tessin auch klar: Jeder Betrieb muss sich bei der Bio-Produktion mit völlig unterschiedlichen Problemen herumschlagen. Da die Haupteinnahmen über den Hotelbetrieb gemacht werden und die Besitzerfamilie Anda-Bührle die Landwirtschaft nicht abtrennen will, werden keine Direktzahlungen ausgeschüttet. So muss Fabio Del Pietro kreative Wege finden, Risiko, Ertrag und Nachhaltigkeit zu verbinden. Und weil in vielen Bereichen die Erfahrung fehlt, wird quasi jeder Monat zum Lehrblätz. Vieles wird zum ersten Mal ausprobiert und muss über Jahre verbessert oder verworfen werden. In diesem Corona-Jahr, wo die Natur drei Wochen im Verzug ist und Kälte und Nässe den Mai vermiesen, dürfte das die Anspannung nicht allzu sehr senken.

Zwischen den Erbsen soll irgendwann Mais wachsen – noch sieht man nur Erbsen und auch die wachsen ungleich.

Fabio Del Pietro führt mich zu einem Feld, auf dem Erbsen zu sehen sind. Dazwischen hat er Mais angesät. Eine Mischkultur, die die Bodenqualität nachhaltig positiv beeinflussen soll. Schon die Ureinwohner Süd- und Mittelamerikas – von denen die Eroberer uns den Mais mitbrachten – arbeiteten mit Mischkulturen. Die dazu verwendeten Partnerpflanzen müssen sich dabei gegenseitig positiv beeinflussen. Dank jahrelanger Intensivlandwirtschaft mit Monokulturen, sogenannten Pflanzenschutzmitteln (die ja bekanntlich auch Pflanzen vernichten und andere Korrateralschäden verursachen) und Kunstdünger muss man nun das alte Wissen wieder zurückerobern. Zumindest vorübergehend kann das mit gewaltigen Ernteverlusten zusammenhängen. So habe man im Zuge der Umstellung statt der gewohnten 350 Tonnen Reis letztes Jahr gerademal 50 Tonnen geerntet, also weit mehr als 20 Prozent weniger. Wie schon früher einmal geschrieben: Die Schweiz eignet sich mit ihrer Kleinräumigkeit bestens als Pionier- und Versuchsfeld für nachhaltige Bio-Landwirtschaft. Und das Beispiel mit den Bündner Getreidebauern zeigt, dass der Erfolg sich einstellt. Aber man muss sich darauf einlassen und die schwierige Umstellung einigermassen unbeschadet überstehen können. Dass hier im Tessin Reis angebaut werden kann, hat ja auch mit Pioniergeist zu tun. Der Trockenreis benötigt übrigens viel weniger Wasser, als seine im Wasser stehenden Artgenossen.

Ein paar zarte Gräslein und Vögel – hier wächst Schweizer Trockenreis, mit dem unter anderem Birra da Ris gebraut wird.
Blick vom Uferweg der Maggia aus.

Zuerst musste man herausfinden, welche Sorte sich für das fast nördlichste Anbaugebiet der Welt (nur in Ungarn gäbe es noch nördlichere) überhaupt eignet. Ganz ähnlich wie bei der neuen Bündner Braugerstensorte Alpetta, wo der Prozess nach acht Jahren und erfolgreicher Züchtung noch immer nicht abgeschlossen ist. So dauerte es auch beim Tessiner Trockenanbaureis Jahre, bis der frühere Direktor Renato Altrocchi – nach mehreren Schiffbrüchen in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts – 1997 den Reisanbau erfolgreich lancieren konnte. Der Grund für den erneuten Versuch war der Zusammenbruch der Preise für Mais, Getreide und Soja, man musste sich nach neuen Betätigungsfeldern umsehen. swissinfo.ch, 19.10.09: Altrocchi experimentierte mit Baldo, Loto, Pegaso, Savio und Selenio. Aber schnell zeigte sich, dass für den kommerziellen Reisanbau im Maggia-Delta die Sorte Loto die besten Eigenschaften aufwies. Sie macht heute 90 Prozent der Anbaufläche aus. Bei Loto handelt es sich um den Reistyp «Lungo A», eine Sorte mit langem, konvexem Korn, die sich hervorragend für Risotto eignet, während des Kochprozesses lange al dente bleibt und die Flüssigkeit gut bindet. «Dieser Reis entspricht unserer Tradition, denn in jeder Tessiner Familie wird ein oder zwei Mal pro Woche Risotto gekocht», sagt Altrocchi.

Zartes Pflänzchen mit kräftiger Wurzel: Fabio Del Pietro zeigt, mit welch hinterlistigen Beikräutern er beim Bio-Reisanbau zu kämpfen hat. Die Reispflanze sei im Gegensatz zu anderen Getreiden sehr anfällig für Pilze.

Kreislauf, Gleichgewicht und langfristiges Planen

An Pfingsten berichtet die Tagesschau, dass die Landwirtschaft aufgrund des Regens der letzten Wochen Probleme bekomme. Mal Hitze, mal Kälte, mal Feuchtigkeit: Klimaerwärmung bedeutet extremeres Wetter in alle Richtungen. Das ist eindeutig am Laufen. Was der Mensch dagegenhalten kann, werden wir früher oder später sehen. Eine grosse Klappe reicht jedenfalls nicht; einfach wird es auch nicht. Und es reicht auch nicht, ums Verrecken am Bestehenden festzuhalten, geschweige denn, eine angeblich bessere Welt zurück zu wünschen, die es gar nie gegeben hat. Die Jeremias-Gotthelf-Idylle war keine. Welcher denkende Mensch glaubt würkli, dass so schön «Pflanzenschutzmittel» genannte Heavy-Umweltgifte genau so superpräzise wirken, wie sie verkauft werden, ganz ohne irgendwelche Kollateralschäden. Was mit den umstrittenen Hilfsmitteln der jüngsten Vergangenheit zu einer gewissen «Unabhängigkeit» bzw. Flexibilität in Sachen Klima, Unkraut – das wir ja inzwischen Beikraut nennen sollten – und Wasserverbrauch führte, scheint aufgrund der weit fortgeschrittenen Probleme nicht mehr länger praktizierbar. Jedenfalls nicht mehr im gehabten Ausmass. Aber eben: Solange es gesetzlich erlaubt ist, sägt der Mensch eben locker am Ast, auf dem er hockt, um dann völlig verblüfft auf dem Boden der Tatsachen zu anzukommen.

Jeden Tag lernt er dazu: Fabio Del Pietro kämpft einfalls- und kenntnisreich für die erfolgreiche Bio-Umstellung der vielfältigen Terreni alla Maggia. Es gibt viel zu tun, packen wirs an.

Die Terreni alla Maggia und das zu «The Living Circle» gehörende Castello del Sole jedenfalls haben beschlossen, sich umzuorientieren und die Zukunft verstärkt mit biologischem Anbau anzupacken. Dazu gehört auch die Schwierigkeit, mit dem immer extremer werdenden Wetter zu arbeiten, da ja gerade im möglichst ohne chemische Hilfsmittel auskommenden Anbau für gewisse Arbeiten oft nur ein kleines Zeitfenster offen sei, führt Fabio Del Pietro aus. Dies oft in mehreren Pflanzungen gleichzeitig. Dann noch für diese kurze Zeit genug Hilfskräfte zu finden, ist in der heutigen Welt fast unmöglich geworden. Vieles an naturbezogenem Landwirtschaftswissen muss über Jahre neu erarbeitet werden. Wir werden sehen, wie der Sommer verläuft. Spannend ist es allemal. Wenn alles klappt, kommen wir zur Ernte Ende September/Anfang Oktober wieder, um zu sehen, wie gut die Mühe belohnt wurde.

Zurück in die Zukunft: Zelluläre Landwirtschaft und Bionik

Fabio Della Pietro arbeitet auch daran, die Verpackungen zu optimieren und plastikfrei zu machen. Auch darin steckt viel Potenzial. Und mir fällt ein Artikel über Bionik ein, den ich 2014 für eine Publikation der Luzerner Kantonalbank verfasst habe. Bionik versucht, Pänomene und Erkenntnisse aus der Natur in brauchbare und nachhaltige Entwicklungen umzusetzen. Ein bekanntes Beispiel ist der Klettverschluss, allerdings besteht er noch aus problematischem Kunststoff. Das nächste Ziel wird also sein, ein umweltverträgliches Material mit denselben Eigenschaften zu finden, das den Plastik ersetzen kann. Seit Jahren versucht man auch, das Geheimnis des unglaublich zugfesten, elastischen und zugleich leicht abbaubaren Spinnenfadens zu ergründen. Es ist noch niemandem gelungen, ihn exakt nachzuahmen, geschweige denn nutzbar zu machen. Noch ist es also ein Stoff, aus dem seitens Mensch nur Träume gewoben werden, aber eines Tages könnte daraus Unglaubliches entstehen.

In der Bionik steckt also eine viel umweltverträglichere Zukunft auch bezüglich Verpackungsmaterialien. Inzwischen gibt es ja auch schon brauchbaren Lederersatz aus Pilzgeflecht. Und es laufen Versuche, ganze Taschen quasi direkt als solche wachsen zu lassen. Auch die 3D-Drucker-Geschichten versprechen noch Vieles, von dem wir heute höchstens zu träumen wagen – in allen Bereichen des Lebens. Wie es mit im Labor gezüchtetem Fleisch aussieht, werden wir in den nächsten Jahren sehen. Aber auf einen gedruckten, veganen Hamburger kann ich gut und gern verzichten, solange ich lebe. Gute Fleischersatzprodukte, die sich wie Fleisch geben, aber pflanzlich sind, habe ich nur selten gefunden. Bis jetzt.

Als hätte das Gottlieb Duttweiler Institut GDI mir beim Schreiben zugesehen, trudelt eine digitale Einladung zur «1st International Food Innovation Conference» mit dem Titel «Zelluläre Landwirtschaft: InvestorInnen im Goldrausch» ein. Da lernen wir auch auf die Schnelle die Fachbegriffe zum Laborfood kennen, den man uns früher oder später auftischen wird (sollte das nicht alles superfad sein, fresse ich einen klassisch produzierten Besen): Die zelluläre Landwirtschaft, auf Englisch Cellular Agriculture oder kurz CellAg, kombiniert Biotechnologie, Tissue Engineering, Molekularbiologie und synthetische Biologie, um landwirtschaftliche Produkte aus Zellkulturen herzustellen. Der Grossteil der Industrie konzentriert sich auf tierische Produkte wie Fleisch, Fisch, Milch und Eier, die im Labor hergestellt werden, anstatt Nutztiere aufzuziehen und zu schlachten. Die Branche steckt heute noch in den Kinderschuhen. Obwohl zahlreiche Startups auf der ganzen Welt seit mehreren Jahren an Proteinen aus dem Labor forschen, hat bisher noch keines der Produkte Marktreife erlangt.

Höhenflug: Die Natur – der älteste Ideenpool der Welt

Und weil mein oben erwähnter Bionik-Artikel mit Vögeln anfängt, zitiere ich zum Schluss noch den Anfang, obwohl er weder mit Reis noch mit Bier zu tun hat. Aber er passt zum Vogelschutzgebiet und zu den bereichsübergreifenden Themen Innovation und Transformation. Here we go:

Der Mensch wollte schon immer hoch hinaus. Sein unermüdlicher Griff nach den Sternen zeitigte vielgestaltige Kulturgüter und -techniken. Dabei spielte der Kampf gegen die übermächtige Natur eine ebenso wichtige Rolle wie deren einfühlsame Beobachtung. Aber: Noch bis vor wenigen Jahren konnte man nicht einmal erklären, warum Fliegen fliegen, während Kerosin verbrennende Überschallflugzeuge längst schneller als jedes Lebewesen um den Globus düsten.

Vorbild für unsere Sehnsucht nach dem Fliegen waren schon immer die Vögel. Seit Jahrmillionen schwingen sie sich in höchste Sphären auf. Einige wenige bis weit über 8 000 Meter. Solche Parforce-Leistungen auf Höhe der Zirren sind nur möglich, weil die Vögel für ihre extremen Outdoor-Aktivitäten von der Evolution optimal ausgestattet wurden: mit einem hohlknochigen Leichtbauskelett, den zu Flügeln umgebildeten Vorderextremitäten, einem der menschlichen Lunge weit überlegenen Atmungssystem mit Lungensäcken, einer phänomenalen Navigationssensorik und einem sowohl klima- als auch flugtechnisch hoch effizienten Federkleid.

Aus bionischer Perspektive ist denn auch eine simple Vogelfeder alles andere als eine simple Vogelfeder. Das macht Regine Schwilch, Biologin und erste Bionik-Beraterin der Schweiz, in ihren Workshops anschaulich bewusst. Der Vergleich soll das bionische Potenzial jeder noch so unscheinbaren biologischen Erscheinung verdeutlichen. Die Vogelfeder ist ein hochkomplexes Wunderding. Und das Gefieder erfüllt mit Bravour unterschiedliche Aufgabenn wie Tarnung, Kommunikation und Wetterschutz – nebst dem Fliegen.

Leonardo da Vinci (1452 – 1519) gilt vielen als erster Bioniker. Er entwickelte Flugmaschinen nach Vogelflügelstudien. Einziges Manko: Seine Maschinen konnten nicht fliegen. Erst der Pionier Otto Lilienthal (1848 – 1896) schuf die wissenschaftliche Grundlage, auf der die Gebrüder Wright 1902 die motorisierte Luftfahrt begründeten. 2011 – über hundert Jahre später – präsentierte das Bionic Learning Network an der Hannover Messe den ersten echten Kunstvogel der Geschichte: Der nach dem Vorbild der Silbermöwe entwickelte SmartBird kann ohne zusätzlichen Antrieb selbst starten, fliegen und landen – mit 1,96 Metern Spannweite und einem Leichtgewicht von nur gerade 450 Gramm.

Die Evolution hat in vier Milliarden Jahren durch Selektionsdruck clevere Überlebensstrategien und Materialien entwickelt, die an Energieeffizienz, Umweltverträglichkeit, Kreativität und Innovationskraft kaum zu überbieten sind. Von der ungeliebten Kakerlake bis zur Honigbiene: Jede noch so unscheinbare Kreatur und Erscheinung in der Natur kann ein bahnbrechendes Prinzip bergen. So wurzeln, wuchern, stoffwechseln, krabbeln, fliegen, schwimmen, treiben, laufen, kreuchen und fleuchen Abermillionen unerkannter Genies in ebenso mannigfaltigen Erscheinungen und Lebensräumen. Eins ist ihnen allen gemeinsam: Keines verschwendet unnötig Energie.

Auf dem Rückweg: Hier gibts gutes, frisches Appenzeller Bier und Grill-Spezialitäten: Ristorante Aerodromo da Nani in Ascona TI.

Also: I’ll be back in Ticino. Und zwar zur Reisernte Ende September/Anfang Oktober. Hasta la vista, baby!

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.