Reich wie Dagobert Duck an Goldtalern schwimmt Flurin Zinsli in güldner Braugerste

Reich wie Dagobert Duck an Goldtalern schwimmt Flurin Zinsli in güldner Braugerste

Quöllfrisch unterwegs im Val Lumnezia

Das war wieder mal knapp: Noch am Vortag meldete Drescherfahrer und Bio-Bergbraugerstenanbauer Flurin Zinsli, eine Panne mit dem Drescher verhindere vielleicht das Dreschen von drei Feldern vor dem Wetterumschwung mit Starkregen. Erst am Abend spät weiss ich, dass ich am nächsten Tag um 11 Uhr da sein soll.

Ilanz – Cumbel: Superwetter, die Kondensstreifen zeigen, dass nebst Quölli und mir auch die Flugbewegungen im Aufstieg begriffen sind.

Ging also grad noch einmal gut mit Panne und Wetterumschwung. Um elf Uhr wolle man loslegen. Ok., dann also Quölli gesattelt und ab zum HB, nach zwei Stunden Fahrt mit Umsteigen in Chur, also zweimaligem Rauf-ächz!-runter-ächz!-und-gopfertamisiech!-Hakenhieven des Quölli-Schwergewicht – mit Corona-Schutzmaske, wohlverstanden – schwinge ich mich so um 10 Uhr in Ilanz in den Sattel, um mal wieder ins Val Lumnez hochzukraxeln. Ein eigenartiges Krosen in Quöllis Motor erinnert mich an sein Versagen auf der Schlussetappe der Tour de Braugerste 2020 über den Flüela.

Fredi, der Schmied seines Glücks

Die passende Illustration zu Gottfried Kellers Geschichte: Eine der wenigen Sonnenblumen zum Dank an die Corona-Gesundheitsangestellten, die das Glück hatte zu blühen, solange das Feld noch stand.

Im Zug lese ich mal endlich die Geschichte von Göpf Keller, aufgrund derer ich im Lehrerseminar Kreuzlingen – lang, lang ists her – einst vom Klassenlehrer-Oberst und Konviktleiter verdächtigt wurde, mich aufgrund der Schreibweise meines Namens grosskotziger geben zu wollen, als ich bin. Sprich: amerikanischer. Damals sagte man mir noch Fredi, so wollten mich meine Eltern auch getauft haben. Geht nicht, sagte der Pfarrer im schaffhausischen Stein am Rhein, wo ich mein erstes Lebensjahr verbrachte. Geht nicht, Fredi ist nur die Abkürzung von Alfred, also kein richtiger Name. Entweder Alfred oder gar nichts. Teufel, Teufel, so streng war das damals mit der heiligen Reformiertentaufe! Nun, ich schrieb seit der ersten Klasse Fredy mit Ypsilon, einfach, weils mir so besser gefiel; bin doch kein i-Tüpflischisser!

Der Oberpädagoge mochte mich ganz generell nicht, was sich auf Gegenseitigkeit berief. Bezüglich des Namenproblems, das er mir unterstellen wollte, berief er sich wiederum auf Gottfired Kellers Leute-von Seldwyla-Geschichte «Der Schmied seines Glücks». Deren Protagonist Johannes Kabis verwandelte seinen Namen zwecks besserer Glücksfindung durch Aufgockelung in John Kabys. Aber das Glück fand ihn noch nicht. So suchte er – wie so viele mittellose Männer damals – Kabys durch Heirat zu einem auch finanziell wohlklingenden Doppelnamen zu ergänzen. Statt Kabys-Oliva gelangs ihm aber nur fast zu Kabys-Häuptle, sprich: Hans Kohlköpfle. So eine Schmach wollter er sich natüterli nicht aufladen.

Was das mit mir zu tun hat? Müsst ihr den Oberpädagogen fragen, so er noch lebt. Letztlich aber genau soviel, dass dieser empathische und anerkannte Pädagogenverbilder mir mit solchem und ähnlich unprofessionellem Chabis den Pädagogenteufel mit dem Zaunpfahl nachhaltig ausgetrieben hat. Und dass ich später den Amtsnamen aufgriff: Alfred. So hiess ich also auf Ämtern und im Spital immer Alfred, was mir schon als Kind ein gewisses Spaltungsirresein einimpfte. Tja, die Zeiten (und Namen) ändern sich, gell, Göpf! Während ich das schreibe, zieht schon wieder der September ins Land. Und es ward Licht.

Im Tal des Lichts

Ganz hinten in der Bildmitte wacht der kappenlose Zacken des Piz Terri über das Val Lumnezia.

Zurück zum Aufstieg ins Val Lumnezia. Die Hoffnung stirbt zuletzt, Quölli hält trotz den gspässigen Murksgeräuschen durch. Um halb elf bin ich schon auf dem Feld, wo Drescher und Anhänger warten. Die Braugerste der Sorte Quench steht mit vorbildlich geneigten Köpfen in güldenem Herbstkleid. Voll reif. Und es summen die Bienelein, die Vögelein zwitschern und flattern frech aus dem Feld hoch, Herdentreibrufe dringen aus dem Tal herauf. Und über allem liegt eine friedliche Bergluftstille. Aha, Kondensstreifenzeichnungen am blau-weissen Himmel zeugen wieder von mehr Flugbewegungen als zu Lockdownzeiten. Die meisten zum Dank für die Corona-Gesundheitsangestellten haben es bis zur heutigen Ernte nicht zur Blüte gebracht. Er hätte wohl schon vorher Setzlinge aufziehen sollen, um diese dann bei der Aussaat einzupflanzen, meint Flurin.

Noch liegt das Bio-Bergbraugerstenfeld in idyllischer Stille zwischen Insektengebrumm und Vogelgezwitscher – aus der Ferne die Rufe eines Viehtreibers.

So um halb Zwölf gehts los, nachdem Flurin noch einiges am Drescher gerichtet hat. Die Panne betraf den Anhänger für den Dreschbalken, der fast ein Rad verloren hätte. Ansonsten läuft an diesem Tag fast alles rund, bis auf einmal, als irgendetwas verstopft war. Und schon nach zwei Runden ist der erste Tank voll und muss geleert werden. Nach der dritten Leerung ist der Anhänger prallvoll. Für die letzte Füllung muss Flurin noch Säcke holen. Die Ernte fällt also scheinbar besser aus als im letzten Jahr. Und das, obwohl das Ganze im April fast vertrocknet wäre. Und da liegt wohl der G,8rund für das tiefe Hektolitergewicht. Es sind zwar viele Körner, sie wiegen aber nur gerade 6,2 Tonnen. Wir haben das Ganze auf über 8 Tonnen geschätzt. Zu früh gefreut. Janu, könnte schlimmer sein…, simst Flurin.

Alles ist bereit zum Dreschen, auch der Piz Terri.

Zmittag gibts nicht. Der halbe Liter Wasser aus meinem Rucksack ist schon früh ausgetrunken. Erst nach dem letzten Feld schletzt sich Flurin aus einer Feldschlösschen!-Tasche (aber hallo!) ein Joghurt rein. In letzter Zeit sei er nun ununterbrochen dran gewesen. Das sei manchmal schon etwas viel neben seinen andern Tätigkeiten (Landwirt und Schreiner). Er wolle eigentlich sein Arbeitspensum reduzieren. Wir werden sehen.

Perfekt gereift: Die geneigten Köpfchen der Bio-Bergbraugerste. am Tag der Ernte

Ein Teufelsgerät, so ein Drescher

Geniale Maschine: Der Drescher gleicht die Unebenheiten des Geländes aus.

Verrückt, welche Verrenkungen der Drescher an gewissen steilen Stellen macht, um Unebenheiten auszugleichen. Eigentlich ein geniales Gerät. Und Flurins Job ist eindeutig nicht der ungefährlichste. Denn grad neben dem zweiten Feld gehts zackig das Loch runter. Da muss man der Maschine und den eigenen Manövrierkünsten schon vertrauen, sonst aber hallo, gell. Und auch die Fahrten auf den schmalen Strässchen sind nicht ohne.

Das Schöne ist, dass Braugerste möglichst bei Sonnenschein gedroschen werden muss. Und heute ist ein Traumtag. Blauer Himmel, weisse Wolken. Einzig beim letzten Feld, dem höchstliegenden, pfeift uns der Wind tüchtig um die Ohren. Hier sei immer Wind, meint Aldo. Und in jedem Fahrzeug habe er eigentlich eine Jacke oder einen Pullover. Nur heute nicht. Er zieht sich dann in die schützende Kabine seines Traktors zurück. So jetzt aber an die Arbeit!

Feld 1: Flurin Zinsli, ca. 1,8 Hektaren

Der Anhänger war überraschend schnell voll: Flurin Zinsli freut sich über die reiche Ernte.
Vorläufige Bio-Bergbraugersten-Bilanz: Kipper voll, 2 Landisäcke voll, plus ein halber Sack. Leider ist das Hektolitergewicht tief, so ergeben die 1,8 Hektaren nur 6,2 Tonnen.

Feld 2: Aldo Arpagaus, ca. 30 Aren

bio-hof-gudigliel.com/

Neben dem Feld geschieht dies:

Feld 3: Aldo Arpagaus, ca. 60 Aren

Fast so eben wie ein Fussballplatz? Nö, überhaupt nicht: Die Panorama-Aufnahme gibt nicht wider, wie steil und uneben es hier ist.

Genuss bleibt auf der Strecke

Ich brause mit Quölli nach 18 Uhr los, um den 19.24 Uhr-Zug zu erwischen. Das klappt wie am Schnürchen. In Chur muss ich mit Quölli den ganzen Deutschen ICE entlang seckeln. Da ist – endlich! – der Velowagen. Zuvorderst! Normalweise sei er hinten, aber heute eben nicht, sagt der Kondukteur, als ich einen Spruch zum weiten Weg bis zum Speisewagen beschwere. Zudem seien die Wagen der Deutschen Bahn halt länger. Nach einer gefühlten halben Stunde, erreiche ich endlich das Restaurant. Völlig ausgetrocknet und kurz vor dem Verhungern. Da frisst der Fredi Fliegen. In etwa so kommt es: Es gibt nur Bitte-ein-Bit-Bier und ziemlich faden Essplunder aus nicht artgerechter Produktion (gilt mit Sicherheit auch für die Pommes zur fürchterlichen Currywurst). Der Werbespruch Genuss auf der Strecke wird in meinem Munde zu Genuss bleibt auf der Strecke. Die Bilder erspar ich euch. Sorry, Freunde, da könnte man schon ein bisschen Liebe reinbringen, in euren Genuss auf der Strecke. Die Schwalbe fliegt über den Zürisee, noch fünfzehn Minuten bis zum Velowagen ganz vorn, der normalerweise zuhinterst ist. Ich muss los. Uf Wiedergüx!

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