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Quöllfrisch-Buchtipp

Bartholomäus Grill: Bauernsterben

In der Zeit, als  Jair Bolsonaro Brasiliens Präsident war (2019-22), seien in den wertvollen Amazonas- Regenwäldern 2 Milliarden Bäume gefällt worden. Der Raubbau geht munter weiter. Aber hallo! Eine unvorstellbare Zahl. Selbst die Hälfte wär viel zu viel. Aber was hat das mit Quöllfrisch zu tun?

Die eindrucksvolle Zahl – sprich: Zweitausend Millionen Bäume – stammt aus dem Buch «Bauernsterben. Wie die globale Agrarindustrie unsere Lebensgrundlagen zerstört.» des auf einem bayrischen, in der Tradition nachhaltiger Kreislauf bewirtschafteten Bauernhof aufgewachsenen Journalisten und Buchautors Bartholomäus Grill. Sie allein besagt schon: Wir alle sind total überfordert, angesichts der ungeheuerlichen Zahlen und Mengen, die die Menschheit in allen Himmelsrichtungen aufhäuft, beim Dauerumbau des Planeten. Wir benehmen uns, als würde es immer so weitergehen. Mit und ohne unser Zutun. Absurd wird es nicht nur, wenn NGOs Lebensmittel zur Hungersbekämpfung in ein Land einführen, das Getreide dahin exportiert, wo die Hilfe herkommt.

In seinem aufrüttelnden Buch mischt der Autor persönliche Erinnerungen vom elterlichen Hof mit seinen Erfahrungen als langjähriger Journalist (Die Zeit, Der Spiegel) in Europa und Afrika und den bekannten Entwicklungen und Fakten einer globalen Agrarindustrie, die unsere Lebensgrundlagen nachhaltig zerstört. Die Protagonisten dieser Industrie nennt er «Agrarkrieger», die einen veritablen Krieg gegen die Natur führen und so nicht nur für das weltweite Bauernsterben verantwortlich sind:

Der Krieg wird gelenkt durch die Feldherren des Agrar- und Nahrungsmittelsektors; die Rüstungsgüter liefern Chemie-, Pharma- und Saatgutkonzerne; für die Propaganda sind Landwirtschaftspolitiker, Funktionäre der Bauernverbände und Lobbyisten zuständig. In der Etappe marschieren die Finanzbataillone. Die konventionellen Landwirte bilden das Heer der Fusssoldaten. Ihre Waffen: fossile Energie, tonnenschweres Gerät, Kunstdünger, Pestizide, Kraftfutter, Antibiotika, Wachstumshormone. Ihre Schlachtfelder: bereinigte Fluren, Monokulturen, Agrarsteppen, Mastfabriken. Sie belasten das Klima, beschleunigen den Artenschwund, laugen die Böden aus, vergiften das Wasser, quälen die Tiere – angeblich zum Wohl der Allgemeinheit. – Aufgrund des unentwirrbaren globalen Netzes, in das wir alle verstrickt sind, ist es aber zu banal und zu unfair, einfach die Landwirte zu Sündenböcken zu stempeln.

Raus aus dem Dilemma des globalen Grössenwahnsinns!

Die global players im Landwirtschafts- und Ernährungssektor rüsten immer weiter auf und haben sich längst der öffentlichen Kontrolle entzogen. Chemiekonzerne, Pharmariesen, Saatgutmonopolisten, Agrotech-Firmen, Fleischfabriken, Molkereikomplexe, Lebensmittelketten, Rohstoffhändler, Bodenspekulanten, Grossgrundbesitzer und Legionen von Lobbyisten bilden ein weltweites Geflecht, und sie beweisen immer wieder, dass ihnen der Zustand unseres Planeten ziemlich egal ist. Drei Konzerne – John Deere, CNH Industrial, Kubota – produzieren fast die Hälfte der Landmaschinen; vier Multis – ChemChina, Corteva, Bayer und BASF – teilen 66 Prozent des Weltmarktes für Agrochemikalien unter sich auf; ein weiteres Quartett von Megaunternehmen – Cargill, Archer Daniels Midland, Bunge und Louis Dreyfus – beherrschen gar 90 Prozent des globalen Getreidehandels.

Dazu kommen die Nahrungsmittelgiganten, die mehr zur allgemeinen Verwüstung beitragen, als dass sie die von ihnen in Hochglanzprospekten angepriesene Welternährung zum Guten wenden. Angesichts all dieses Grössenwahnsinns lernt man kleinfeine Initiativen wie die von der Brauerei Locher seit Jahren unterstützte Förderung des Anbaus von einheimischer Bio-Bergbraugerste in Graubünden durch die Genossenschaft Gran Alpin als noch viel wertvoller zu schätzen. Alles ist unmöglich, packen wirs an! Aber richtig. Dass die Braugerste zum Mälzen über die Grenze nach Süddeutschland gefahren wird, trübt die Nachhaltigkeitsbilanz keineswegs. Die Fahrt von rund 70 Kilometern gehört immer noch in die Kategorie «regional». Ein Katzensprung. Denn in der Schweiz lässt sich eine Grossmälzerei kaum wirtschaftlich betreiben. Am Lokalen ändert die Schengenraumgrenze Schweiz-Deutschland nichts. Und wie gesagt, peanuts angesichts der Grössenwahn-Raubbau-Verödungen anderswo:

Fünf Kilometer, zehn, fünfzehn, zwanzig. Das Baumwollfeld will nicht enden. Eine unermesslich scheinende Fläche bis zum Horizont, die in der Reifezeit der Pflanzen aussieht, als wäre sie mit Schnee gesprenkelt. … Und dann sehen wir die gelb-grünen Ungetüme, die exakt gestaffelt durch das weisse Baumwollmeer pflügen: sechs Cotton Picker, Marke John Deere. … In staubdichten und klimatisierten Kabinen lenken die Fahrer per Joystick ihre Gefährte mit sechs hydraulischen Schneidwerken. «Alles computergesteuert», sagt Altamir da Silva, der Vorarbeiter. … Ich muss unweigerlich an die Bäuerinnen und Bauern in Togo denken, denen ich vor Jahren bei der Baumwollernte zugesehen habe. Sie pflückten die Wattebauschen mit der Hand aus dem strauchartigen Gezweig der Pflanzen, eine mühselige Arbeit, bei der auch eine Schar Kinder mitmachen musste. Afrikanische Kleinbauern ernten den begehrten Grundstoff der Textilindustrie in Spitzenqualität, aber sie sind chancenlos gegen die Grosserzeuger in China, Indien oder Brasilien, deren automatisierte Massenproduktion den Weltmarktpreis drückt.

Dazu kommen die marktverzerrenden Subventionen der reichen Länder. Ja, ja, der sogenannt freie Markt der sogenannt freien Marktwirtschaft, der das alles dann schon richten wird, gell! Und kurz darauf kilometerlange Sojafelder. Brasilien hat unterdessen sogar die USA als weltgrössten Sojaproduzenten überholt. Der Hauptabnehmer ist mit weitem Abstand China, aber die Niederlande, Frankreich, Dänemark, Spanien und Deutschland beziehen grosse Mengen. «Unsere Kühe weiden am Rio de la Plata und am Mississippi», stellte der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister Ignaz Kiechle schon vor vielen Jahren fest.

Die Schweizer Landwirtschaft als Zukunftslabor

Zählen wir also eins und eins zusammen. Die schon länger erkennbaren Problematiken sollten hierzulande nicht länger auf fatalistische Granitköpfe stossen, sondern sonnenklar Einsicht und Bestreben befördern, dass in der kleinräumigen Schweizer Landwirtschaft eine mehr als zukunftsträchtige Chance liegt: Machen wir unser Land – möglichst schon gestern – zum Zukunftslabor im Sinne einer nachhaltigen Landwirtschaft, die gleichzeitig die Lebensgrundlage sichert und nicht zerstört! Und so ganz nebenbei zum Vorbild auch für die weltweit unumgängliche Agrarwende und nachhaltigen Tourismus.

Fördern wir nicht mehr Flächen, sondern Qualität, vernetzte Zusammenarbeit und langfristige Umstellungen zu Anbauformen wie Permakultur oder Agroforstwirtschaft! Dann müssen wir nicht auch vom Schweizer Wald Schlagzeilen lesen wie (Der Spiegel, 13.5.24): Vier von fünf Bäumen sind krank. Der deutsche Wald ist so kaputt wie nie. Kiefern haben sich nach verheerenden Dürren etwas erholt, anderen Baumarten geht es deutlich schlechter. Oder (Der Spiegel, 15.5.24): «Wir werden nicht umhinkommen, Millionen Brasilianer umzusiedeln». Im südbrasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul haben nach Rekordregenfällen mehr als 100 Menschen ihr Leben verloren, Hunderttausende sind obdachlos. Klimaforscher Carlos Nobre erklärt, was jetzt helfen könnte.

Trotz begrüssenswerter und unumgänglicher Eigeninitiativen stehlen sich noch immer zu Viele aus der Verantwortung. Als klammerten wir uns an die abgesägten Äste, auf denen wir hocken, die aber längst am Boden vertrocknen. Oder an die einst ausgerissenen Hochstammbäume (hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag «Frühlingsgruss aus dem Stammheimer Hopfengarten»). Veränderung beginnt im Kopf und der ist bekanntlich rund, damit das Denken die Richtung ändern kann.

Umso wichtiger sind Bücher wie Grills «Bauernsterben». Sie machen uns bewusst, was in jeder gekauften Tomate, jeder Aprikose, jedem Schluck Milch, jedem Grillsteak, jedem Schluck In-vino-veritas-Wein, jedem quöllfrischen Schluck Bier an Wahrheit steckt. Und ich meine nicht nur Kostenwahrheit. Es ist ein Lebensmittelweisheits-Buch, das uns alle angeht im Grossen Immermehrmeer. Das Leben ist nämlich ein Wunder und unbezahlbar.

Bartholomäus Grill: Bauernsterben. Wie die globale Agrarindustrie unsere Lebensgrundlagen zerstört. Siedler Verlag München 2023

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