You are currently viewing Ouöllfrisch unterwegs zurück in die Zukunft

Ouöllfrisch unterwegs zurück in die Zukunft

Die Monate der langen Nächte sind auch die Monate der Besinnung und Besinnlichkeit. Erinnerungen tauchen auf und wieder ab wie die Beizen in der heutigen Welt, in der das Beständigste der Wandel ist. Seit dem 21. Dezember werden die Tage wieder länger.

Statt eines Jahresrückblicks betrachten wir auf einem kleinen Stadtrundgang die bald vier Jahrzehnte, in denen ich zum Stadtzürcher mit appenzell-thurgauischem Migrationshintergrund (Bürgerort: Schönengrund) wurde. Wobei ich meine Wurzeln schon viel länger mit mir herumtrage. Ungefähr seit wir vom Steinacker in Mollis hinunter ins Dorf gezogen sind, in einen Mehrfamilienblock nahe der schnurgerad gezogenen Linth und dem kleinen Kanal daneben; nach drei Schulmonaten in der ersten Klasse verpflanzte man mich nach Heiden. An die erste Verpflanzung als Einjähriger von Stein am Rhein nach Mollis kann ich mich ebensowenig erinnern, wie an die Steissgeburt mit zweiwöchiger Verspätung im Spital Schaffhausen – obwohl ich dabei war. Als erstes zeigte ich der Welt also den Allerwertesten.

Wir schreiben ungefähr das Jahr 1987 im prädigitalen Zeitalter. Ich serviere – nach leider abgeschlossener Tüpflischeisserprimarlehrerausbildung in Kreuzlingen und leider nicht abgeschlossener Bildhauerlehre in Weinfelden – im Restaurant Franziskaner im Zürcher Niederdorf. Spezialität und Renner sind die dreifarbigen Spätzli mit und ohne Beilagen. Gut besetzt ist die gar nicht so grosse Gartenbeiz sehr oft. Weiss-schwarz der Arbeits-Dresscode. Weisse Schürze. Oft seckeln. Immer einen Tisch hintendrein. Man weiss gar nicht recht wieso. Aber ich mags so.

Denn muss der Kellner fliegen, vergeht die Zeit im Fluge. Das ist viel angenehmer als wenn die Zeit mangels Kundschaft zu zähflüssiger Kaugummimasse verklebt und die Stunden zu Ewigkeiten gerinnen. Lieblingsgäste: Die Gehörlosen am Samstagmorgen, die wild gestikulierend diskutieren, ohne dass man einen Ton hört. Und natürlich das im gegenüberliegenden Booster arbeitende Umfeld der heutigen Stadtregierung, wovon man damals noch nichts ahnt. Die Besitzerin von Hotel und Restaurant heisst Reichenbach, ihr später mit der Kasse verschwindender Mann Wagner. Auch das ahnt damals niemand. Letzterer absolvierte mit dem in dieser Geschichte später einmal mehr auftauchenden, heutigen el Lokal-Gastwirt Viktor Bänziger, der zusammen mit Karl Locher Senior das Vollmond-Bier erfunden hat, die Wirtefachschule zur Erlangung des damals noch obligatorischen Wirtepatents. Eine wichtige Bar im Niederdorf war damals die Züri-Bar. Schnitt.

Immer noch da, nur scheinbar dassölwe: Eine wichtige Bar im Niederdorf war damals die Züri-Bar – sie öffnete um 11 Uhr.

Im prädigitalen Zeitalter der späten 1980er Jahre erliess der Bund nicht bei jeder sich aus der Frau-Holle-Wolke lösenden Schneeflocke eine Wetterwarnung

Samichlaustag 2023 in Zürich. Der einzige Samichlaus, der mir begegnet, ist eine Frau, die für irgendwas wirbt. Keine Ahnung, wofür. Und der Tramführer des roten Märlitrams, das am Bellevue vorbeikesselt. Dann hat sichs. Die eher lächerliche Samichlauschappe des deutschen Kellners in Jeans, T-Shirt und Schürze im Henrici, wie das heutige Café im früheren Franziskaner nun heisst, zähle ich nicht dazu. Die Samichläuse sind also auch nicht mehr, was sie mal waren. Und der ungehorsame Kinder in den Sack steckende Schmutzli mit seiner Fitze hat wahrscheinlich ebenso ausgewoked wie sein inhuman missbrauchter Esel. Samichlauszirkus ohne Tiere. Ist auch nicht mehr so ganz klar, ob der politisch korrekte Samichlaus nun ein Cola trinkender Santa Claus ist und per Rentier im filterbewehrten Chämi steckenbleibt. Oha, das Guguselen verschafft auch unserem einheimischen Samichlaus einen türkischen Migrationshintergrund: Seinen Ursprung hat der Brauch des Samichlaus im vierten Jahrhundert nach Christus. Bischof Nikolaus von Myra wirkte zu dieser Zeit als Schutzpatron der Kinder im Gebiet der heutigen Türkei. – Gibts das Sprüchli-Aufsagen eigentlich noch?

Sami-niggi-näggi, hinderem Ofe steggi, gimmer Nuss und Bire, dänn chumi wieder füre.

Es schifft aus Kübeln. Den frühen und in unseren Niederungen rar gewordenen Winterzauber spülts gerade in Strömen die rasende Limmat hinunter. Temperatur und Schneefallgrenze klettern wieder auf für die Jahreszeit untypische Höhen. Auch der Dezember ist – wie schon das gesamte 2023 – viel zu warm. Der Blick hangelt sich von Wetterwarnung zu Wetterwarnung: «Schneefall, Dauerregen und starker Wind – Bund warnt ab Donnerstag vor Wetter-Chaos». Sturmwarnung. Hitzewarnung. Hochwasserwarnung. Und und und. Aus weissen Weihnachten ist im Unterland nichts geworden (TA, 21.12.23): Die Schweiz befindet sich während der Festtage also im meteorologischen Niemandsland. Gemäss jetzigem Stand dürfte der 25. Dezember auf der Alpennordseite ein bewölkter, herbstlich anmutender Wettertag werden.

Vor dem Samichlauswetter wurde nicht gewarnt. Aber es ist unwirtlich nasskalt. So gar nicht weihnachtlich. Während der heutigen Stadtwanderung findet ausgerechnet im auf Sand gebauten Öl-Wüstenstaat der Arabischen Emirate die Weltklimakonferenz statt und europäische Klimaforscher erhöhen die Zahl möglicher Kipppunkte von bisher fünf auf acht. Jo, potz Holzöpfel und Zipfelchappe! Jedenfalls ist eines schon klar: 2023 geht wahrscheinlich als wärmstes Jahr seit 125 000 Jahren, mit Sicherheit seit Beginn der Aufzeichnungen in die Geschichte ein.

Das Zürcher Wienachtsdorf auf dem Sechseläutenplatz

Die Lichterromantik kommt erst bei Nacht: Das Zürcher Wienachtsdorf auf dem Sechseläutenplatz m Samichlaus-Nachmittag.

Eher trostlos wirkt zu dieser Tageszeit das Zürcher Wienachtsdörfli auf dem Sechseläutenplatz. Massive Abschrankungen versprechen Sicherheit an diesem Ort, der von sich aus Frieden verbreiten sollte. Dahinter machen Strohballen, Holzhütten, LED-verkettete Christbäume und recycelte Altgondeln einen auf urchig-alpin-ländlich. Geflochtene Abfallkörbe neben PET-Sammelkästen und Rücknahme-Kabäuschen für das mit Depot belegte Geschirr. Das Wienachtsdorf sei komplett bargeldlos. Wer bar zahlen will, kauft eine Guthabenkarte und bezahlt dann so bargeldlos bar. Ist das nicht wunderbar, wie sich die Bargeldloskobra in den Schwanz beisst? Die Verkäufer:innen dürfen jedoch schon Bargeld annehmen, wenn sie wollen.

Hier sei das kulinarische Mekka aller Weihnachtsmärkte der Stadt. Und das sind einige: Über die ganze Innenstadt verteilt bis zur zu «Weihnachtsallee» umgetauften Europa-Allee. Auch rund ums Grossmünster kleben Fondue-Alphütten und Raclette-Buden. Und natürlich gastiert die Bescherung in Form des Christkindlimarkts traditionellerweise auch in der wetterfesten HB-Halle; der sei einer der grössten überdachten Weihnachtsmärkte Europas und ist uns vom letzten Jahr her schon bekannt (Hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag «Der schlaue Fuchs güügelet vor dem Güggeli ein Glühbierchen auf der Terrasse des Güggeli-Sternens»). Der inzwischen autofreie Münsterhof wirkt für mich normalerweise immer noch wie ein Parkplatz, der in einer Viertelstunde wieder vollgeparkt ist; Zürich kann einfach keine begegnungsfreundlichen Plätze, sorry, meine Meinung. Jetzt ist auch da Marktweihnachten: Ein Foodstand koste schlappe 15 Mille und Retail 4 000 Stützli. Happig, wenn Kälte und Regen die Gäste vergraulen und man auf seinen happig teuren Häppchen sitzen bleibt. Jedenfalls beklagen einige schon Umsatzeinbussen wegen Schlechtwetter.

Naja. Stimmung kommt wohl eher am Abend auf, so der Wettergott will. Mein Ding ist der Weihnachtsrummel sowieso nicht. Aber es sei vergönnt, wems Freude macht. Seltsamerweise riechen im Dezember auch viele Menschen nach frittiertem Glühwein – Indiz für Weihnachtsmarktbesuch. Aber Appenzeller Glühbier begegnet mir auf dieser Runde nicht. Könnt ihr übrigens auch selber ausschenken. Ganz ehrlich: Ich finds insgesamt zu viel des Guten im Grossen Immermehrmeer der Festhütte Zürich. Aber wenigstens ist die frühere Zwinglizwingzwang-Polizeistundenbürokratur hoffentlich für immer durchbrochen.

Der Weihnachtsmarkt auf dem Fraumünsterhof nach Feierabend.

Was ist aus der einstigen B.Good-Baustelle mit Appenzeller Zapfhahn geworden?

Nach einem Espresso im Rondell, wo es immer viel zu beobachten gibt, ziehe ich weiter Richtung Oberdorf, wo wir 2016 mit Bruno Prina eine Baustelle der Gastrokette B.Good – Food with Roots besucht haben, in der ein Appenzeller Bier-Zapfhahn eingebaut wurde. (Hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag «Mit Bruno Prina auf der B.Good-Baustelle & im Restaurant Burgwies zum Zmittag».) Hm, ja, die Gastrowelt wird immer kurzlebiger: Ich stehe vor dem Konstanzer Haus, bis 1803 Bischofssitz, und erkenne im eingemieteten Burgermeister nur noch die Lampen wieder.

Self-Service: Die Nummer 210 kann ihr Burger-Menu abholen.

Das amerikanische B.Good mit Appenzeller Bierzapfhahn ist jetzt, also mickrige sieben Jährchen später, ein auf Amerika-Look getrimmter Schweizer Burgermeister mit Bieren der Ziegelsteingruppe und seit 1997 gebrautem Zürcher Turbinenbräu – inzwischen die grösste Brauerei des Kantons –, von dem niemand in meinem Bekanntenkreis gern mehr als zwei trinken mag. Eine weitere Burgermeister-Filiale findet sich im alten Restaurant Schiffbau, in dem ich nach dem Franziskaner gearbeitet habe. Dies ist also eine Art Burgermeister-Tour. Davon später noch mehr. Lustig nur, dass im Netz irritierenderweise noch Zürcher B.Goods mit Reservationsmöglichkeit rumschwirren wie Weltraumschrott, während die Kette sich wohl in der Coronazeit verabschiedet hat. Am Grossmünster und der altehrwürdigen Bodega und dem Delikatessengeschäft Schwarzenbach vorbei gehts weiter zum Ort meiner ersten Kellner-Erfahrung.

Die Zeiten ändern sich: Der in Stein gemeisselte Bischof von Konstanz am Konstanzerhaus über dem Burgermeister im Zürcher Oberdorf.

Im Henrici bestelle ich eine Stange. Willi-Becher, Hürlimann, Carlsberggruppe. Ich versuche, mich an die frühere Einrichtung zu erinnern, während ich mich in einer Art Jugendhaus wähne. An den Einzeltischen in meinem Bereich haben die eher jugendlichen Gäste je ein Leuchtbrettchen vor dem Kopf. Aber auch die gesamte Familie am Esstisch glotzt zum Dessert ins magische Bildschirmchen. Handys gab es schlicht und einfach noch nicht, als ich hier arbeitete. Die damaligen Macs konnten kaum schreiben und waren trotzdem unerschwinglich. Ist nun alles Vegi oder was? Jedenfalls macht man auf Kaffee und Tee und frische Sandwiches bzw. schnelle Mahlzeiten. Henrici – the rhythm of coffee heissts im Logo. Als ich hier servierte, waren die Gäste total gemischt. Touristen, Einheimische, Alte, Junge, Geschminkte, Ungeschminkte, Hippies, Teenies, Arbeiter, Stänz, Reich, Arm, Dick, Dünn, Alkoholfrei, Hochprozentig, einfach aller Gattig Lüüt. Ah, und ganz vergessen: Alles war vollgeraucht.

Alle Kellner hatten gewisse Tische zugeteilt und mussten mit Stift Getränke bestellen, was mich immer störte. Ich schätze Vertrauen als Arbeitsgrundlage. Wir hatten ein Superteam, das füreinander einsprang und miteinander lachen konnte. Bis zu dem Moment, als in der Garderobe gestohlen wurde und die Polizei keinen Dieb ausmachen konnte. Von da an war das gegenseitige Vertrauen futsch. Und zwar nachhaltig. Als ich nach drei Monaten zum Restaurant Schiffbau beim Escher-Wyss-Platz wechseln konnte, musste ich nicht lange überlegen. Dort konnte ich einem Gast auch mal ein Getränk spendieren. – Nein, höret emol uf, nicht das Schauspielhaus-Aquarium La Salle! Ich rede vom alten Restaurant Schiffbau, der Arbeiterkneipe mit dem längst überkleisterten Wandbild – wars ein Fischerboot mit Fischern und Netz usw.? –, in dem danach das Don Weber gastierte und das heute ein Burgermeister ist.

Das alte Restaurant Schiffbau – ein längst vergessener Hotspot

Der alte Schiffbau war einer der ersten Szeneläden der heutigen ZüriWest-Ausgehmeile, betrieben vom damaligen Felsenegg-Wirt & Beizenpionier Viktor Bänziger und Peter Brogli, die auch das el Internacional führten. Damals zog das Konzept Fussball und Musik noch. Es gab weder das Helsinki noch Frau Gerolds Garten und auch keinen Technoclub. Sogar das «Palais X-TRA» an der Hardturmstrasse 127 machte sich erst in den 1990er Jahren einen Namen als Konzert- und Partyveranstalter. Auch Appenzeller Bier gabs nicht in Zwinglitown. Nur ein gewisser Karl Locher sei da immer wieder eingekehrt, nach Feierabend an der Berufsschule, wo er unterrichtet habe. Schon bald sollten Karl Locher Senior und Viktor Bänziger im el Internacional das Vollmond Bier erfinden. Die Bieridee läutete ein neues Zeitalter in der noch nicht allzu festfreudigen Zwinglistadt ein. Es war der Anfang des heutigen Festhütten-Zürichs. Der Durchbruch begann mit unzähligen illegalen Bars, die öffneten und schlossen und irgendwann zur Legalisierung mit Lüftungen und Feuerschutz ausgestattet sein mussten. (Hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag «So kommt der Vollmond in die Flasche».)

Über den Schweizer Biermarkt herrschte das Bierkartell, das bekanntlich erst 1991 fiel. Hürlimann gehörte noch Hürlimann und zu Zürich, stellte den Betrieb erst 1996 ein (heute gehört Hürlimann-Bier zur Feldschlösschengruppe, die wiederum zu den dänischen Carlsberg Breweries). Im Schiffbau aber schenkten wir Stella Artois aus und diverse andere belgische Biere aus, was natürlich gewisse Dornen in gewisse Augen stach. Es war eine wilde, aber auch prägende Zeit. Berühmt war der Schiffbau für seine grosszügigen und knackigen Menüsalate in der Schüssel. Und niemand will mir glauben, wenn ich erzähle, dass mal am frühen Abend, kurz nach 18 Uhr, ein Stammgast, dem ich grad eine dieser berühmten Glasschüsseln serviert hatte, nach mir rief und das oberste Salatblatt hob, unter dem sich ein zehn Zentimeter langer, veritabler Regenwurm noch quicklebendig krümmte. Kein Witz. Der Brogli war für einen abwesenden Koch eingesprungen, um den Salat zu waschen. Vielleicht wollte er einfach nur die Frische und Natürlichkeit des Salats beweisen.

Es gab immer laute Musik und ab und zu Konzerte. Und auch hier mischte sich das Publikum von Jung bis Alt, dass es eine Freude war. Man hatte das Gefühl, dass mindestens einmal im Jahr jede:r Zürcher:in hier auftauchte. Ich lebte vom üppigen Trinkgeld und bezahlte Miete und Rechnungen mit dem eher bescheidenen Lohn. Dankbarkeit war das Gefühl für Vertrauen und Freiheit, Speis und Trank waren fürs Personal noch gratis (bis auf Hochprozentiges). Der Ort unter der Hardbrücke mit Gartenbeiz auf dem Teer hatte seinen ureigenen Industrie Chic-Charme. Da nicht jeder im noch hauptsächlich analogen Zeitalter einen telefonfähigen Fotoapparat dabei hatte, konnte ich auch in den städtischen Archiven kein Foto aus dieser Zeit auftreiben. Das digital-demente Kurzzeitgedächtnis stürzt beim Guguselen immer auf den heutigen Schauspielhaus Schiffbau, den der in Zürich wenig geschätzte Schauspielhaus-Regisseur Christoph Marthaler der Stadt glücklicherweise quasi aufgezwungen hat. Ich habe da – im Gegensatz zum mich beengenden, nach Mottenkugeln muffenden Altbau – tolle Theater- und Tanzstücke gesehen.

Obwohl das digitale Versprechen unter anderem das eines schier endlosen Gedächtnisses der Menschheit war, geht immer mehr immer schneller verloren. Papier ist zwar brennbar, aber immer noch unendlich geduldiger. Von der Diskette über die ersten, noch winzigen Festplatten bis zu den immer grösseren Speichern und Datenwolken: Immer neue Technologien werden immer mehr Daten in der Unlesbarkeit versenken. Wieviele Fotos und Musikstücke werde ich in der Tiefe der Terrabytes nie mehr finden. Wieviele Computerdaten habe ich selbst schon verloren und musste meinen Ärger – natürlich mit Bier – aber auch mit der Selbsthypnose runterspülen, dass Vergessen eine wichtige Eigenschaft unseres Gehirns ist. Wer nicht vergessen kann, wird von Erinnerungen begraben. Wer will schon unter seinen Daten begraben sein. Ich sehe übrigens die digitale Zukunft alles andere als rosig, denn sie wird programmiert werden von sogenannten Digital Natives, denen es an analogen Erfahrungen und damit gewissen Hirnvernetzungen mangelt und die am Ende lieber digitales Bier geniessen, denn ein echtes in Echt. Besoffen von der virtuellen Illusion.

Burgermeister. Der Meister unter den Burgern.

Burgermeister scheint auf dem Vormarsch. In Zürich zähle ich beim Guguselen acht Läden, in Luzern einen, drei in Basel, einen in St. Gallen und, so stehts geschrieben: Wir werden bald weitere Standorte eröffnen. Und natürlich wird der ganze Food auch uberlich und justeatig home delivered. Alles auf Amerika getrimmt, obwohl das Fleisch aus der Schweiz und die Chicken Wings aus Deutschland kommen. Woher Fritten und Öl stammen, keine Ahnung. Vollmundig wirbt die Website: Seit der Eröffnung im November 2015 gelten die Burger vom Burgermeister als die Besten in der Stadt. Hätte ich Hunger, würde ich jetzt mal einen dieser meisterlichen Burger bestellen, denn ich habe gehört, die Qualität sei gut. Das hole ich an einem späteren Freitagabend nach, auf dem Weg zu einem Konzert in der Ausstellung El Frauenfelder bei Kupper Modern. Dort serviert Alain Kupper übrigens an seinen Vernissagen und Veranstaltungen immer Quöllfrisch vom Ufo-Kiosk gegenüber.

Innen das Konzert, draussen die Quöllfrisch-Biertischbar: Kupper Modern.

Als ich im Schiffbau-Burgermeister, der sich kryptisch Brooklyn & Burgermeister nennt, eintrete, ruft mir die Frau hinter der Theke arbeitshungrig zu, ich könne auch bei ihr bestellen. Das tue ich. Bezahlt wird sofort, das Turbinengebräu muss ich mir selbst aus dem Kühlschrank holen und öffnen lassen. Dann warten wie auf der Post, bis deine Nummer aufleuchtet. Pommes und Chilli Cheeseburger im Körbli sind würkli voll ok., wobei ich das Burgernichtsbrotweggli nie verstehen werde und das Selbstbedienungs-Ganze mit fast 30 Stutz schon – das muss ich als Normalo-Preisig jetzt so schreiben – klar hoch hochpreisig einzustufen ist. Züri, halt. Aber es scheint, die Leute hier haben alle genug Kohle auf ihrem Twint-Konto.

The Wall bei Brooklyn & Burgermeister, wo im alten Schiffbau einst das Wandgemälde prangte.

Das längst übermalte Wandbild wird nun von Ziegelsteinimitation und schwarzweissen Amerikabildern überdeckt. Wo jetzt das Ausgabebüffet steht, zog sich der Bartresen um die Ecke, an der Wand standen zwei Flipperkästen. In den Fenstern gab es Sitzbänke und oft brummte auch dieser Laden em Tüfel es Ohr ab. So lernte ich, die Schubladen fliegen zu lassen bzw. durch Raum zu fliegen. Der Kücheneingang ist jetzt beim Treppenaufgang, früher war er mit Buntplastikstreifen behängt bei der Durchreiche. Die Musik kam vom DAT und CD-Wechsler. Und die Tische zierten Plastiktischtücher von der Rolle, wie es sie in den Türkenläden noch gibt.

Ich bin grad noch rechtzeitig vor dem grossen Ansturm eingetrudelt. Während ich am Bartisch beim Fenster esse, brummt der Laden zunehmend. Das eher junge Publikum bildet eine Schlange vor den grosszügigen Bestell-Bildschirmen, die bis vor die Tür reicht. Die Touch-Screens überbrücken wohl die von einer Studie als «menu anxiety» (Speisekartenangst) eingestufte Verhalten der Generation Z, deren Ängste vor allem das Fällen von Entscheidungen betreffe. Das Gedränge wird auch um meinen Tisch herum immer grösser. Wo nur all die vielen Menschen immer herkommen? – Das letzte Pommes Frites unter der Nase reingeschoben, der letzte Schluck und tschüs! Bezahlt ist ja. Hochpreisig.

Puh, grad noch einmal davon gekommen! Ich mache mich auf zum Konzert bzw. auf den Heimweg. An der nachbarlichen IQ-Bar hängt eine Appenzeller Bier-Laterne. Geschlossene Gesellschaft. Fast wie die ganze schöne neue KI-Welt, denke ich beim Abgang.

Und schon wieder weg: Auf die Weihnachtsmärkte folgt der Silvester

Sechseläutenplatz, 28. Dezember 2023, 11.25 Uhr.
Münsterhof, 29. Dezember 2023, 0:22 Uhr.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.