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Minnesang III: Schloss Hallwyl mit Schiffsrundfahrt auf dem Hallwilersee

Quöllfrisch unterwegs im Kanton Aargau

Don alp Quichote unternimmt auf seiner E-Rocinante Quölli einen wackeren 57-km-Ritt, um auf Schloss Hallwyl endlich sein erstes Appenzeller Schlossbier samt Stempel für den Schlossbier-Trek zu erobern. Das zumindest gelingt. Aber nur dank äusserst berechnender Fahrweise, denn der Saft wird weit vor dem angestrebten Ziel knapp. Retour nutzt der tapfere E-Ritter den Veloselbstverlad der SBB. Hier des E-delmannes wild wuchernder Weltreisebericht Zürich – Schloss Hallwyl retour, samt Rundfahrt auf dem Hallwilersee.

Der geistvolle Hidalgo Don Quijote in seiner Welt, illustriert von Gustave Doré (1832-1883).

Als der Verfasser dieser Geschichte sich anschickt, zu erzählen, was dieses Kapitel erzählt, sagt er, am liebsten hätte er es stillschweigend übergangen, aus Angst, man werde es für unwahr halten, denn Don Quijotes Wahn sprengt darin fast die Grenzen des Vorstellbaren, nein, schiesst noch ein gutes Stück darüber hinaus. Trotz seiner Befürchtung und Besorgnis schrieb er ihn am Ende doch unverfälscht nieder, ohne der Wahrheit der Geschichte auch nur ein Sonnenstäubchen beizumischen oder abzuknapsen und ohne etwas darauf zu geben, dass man ihn als Lügner hinstellen könnte. Und recht hat er gehandelt, denn die Wahrheit fällt nicht und stirbt nicht, sie geht nicht wie die Lüge auf gefährlichen Stelzen, sondern schwimmt wie das Öl immer obenauf. […]

So unterhielt sich Sancho mit sich selbst und legte sich am Ende folgende Moral vor: Also gut, für alles ist Rat, nur nicht für den Tod, unter dessen Joch ein jeder muss, wenn sein Leben endet, so schwer’s ihn auch ankommt. Bei meinem Herrn sehe ich tausenderlei Anzeichen, dass er hoffnungslos verrückt ist, und ich selbst kann ihm darin beinah das Wasser reichen, bin ich doch ein grösserer Narr als er, weil ich ihm folge und diene, wenn das Sprichwort wahr ist, das da heisst: willst du wissen, wer du bist, dann sieh, wer deine Gesellschaft ist, oder das andere von wegen: wie der Krug, so der Wein. Als Verrückter, der er also ist, und zwar von der Art, dass er meist eins fürs andere nimmt, Weiss für Schwarz und Schwarz für Weiss, wie damals, als er gesagt hat, die Windmühlen wären Riesen und die Maultiere der Mönche Dromedare und die Hammelherden Feindesheere und was nicht noch alles vom gleichen Zuschnitt, da muss es doch ein Kinderspiel sein, ihm vorzugaukeln, dass irgendeine Bauernmagd, die erstbeste, auf die ich stosse, die Herrin Dulcinea ist. Und glaubt er’s nicht, dann schwöre ich, dass doch, und schwört er dagegen, schwöre ich doppelt, und lässt er nicht locker, dann ich erst recht nicht, und immer setz ich eins drauf und habe am Ende die Nase vorn, komme, was wolle. Mit solcher Sturheit erreiche ich vielleicht, dass er mich nicht mehr auf derlei Botengänge schickt, wo ich ihm doch so böse Nachricht bringe, oder vielleicht denkt er auch – ja, so stell ich’s mir vor –, dass einer dieser Zauberer, die ihm übel gesinnt sind, wie er immer sagt, ihre Erscheinung verwandelt hat, um ihm Übles anzutun und Böses.

Miguel de Cervantes (*vermutl. 29. September 1547-† 22. oder 23. April 1616): Don Quichote von der Mancha (El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha), übersetzt von Susanne Lange, Carl Hanser Verlag, München 2008
Der Preis ist heiss: Ein Schweizer Schloss-Monopoly winkt beim Besuch von 10 Schlössern (hier im Shop auf Schloss Hallwyl).

Der unsterblich weise, 1605 (2. Teil 1615) veröffentlichte Roman über die skurrilen Abenteuer des geistvollen Hidalgos Don Quichote und seinen Pagen Sancho Pansa – der immer mit Sprichwörtern um sich wirft, die laut Don Quichote an den Haaren herbeigezogen seien – passt nicht nur zum Schlossbier-Trek, sondern in vielerlei Aspekten bestens zur aktuellen Weltlage. Ziemlich viele Wahrheiten werden sowohl im Buch als auch in unserer Welt locker verdreht und für wahr gehalten. Fake News und alternative Fakten lassen grüssen. Schwarz wird Weiss, Weiss wird Schwarz. Obwohl es wider besseren Wissens längst soweit ist, dass der menschgemachte Klimawandel auf der ganzen Welt spürbare Veränderungen hervorruft, machen wir mit wenigen Ausnahmen widersprüchlich weiter wie bisher. Auch die Lehren aus Corona werden nur bedingt gezogen.

Unzählige Jahrhundertstürme, Feuersbrünste und Corona

Wortwörtliche Brandhitze mit Rekordtemperaturen über 40°C wütet zerstörerisch auf riesigen Flächen im Mittelmeerraum und anderswo in der Welt – in Kalifornien handle es sich beim nach Walt Disney klingenden «Dixie-Feuer» gar um die zweitgrösste je erfasste Waldbrandkatastrophe; mit fast 200’000 Hektar verbrannter Fläche verdrängt es das «Mendocino Complex Fire» von 2018(!) auf den unrühmlichen dritten Platz!!! Aber auch Russlands Permafrost taut durch Brände in nie erlebten Dimensionen – allein in Jakutien seien seit Jahresbeginn 2,3 Millionen Hektar verbrannt, heisst es auf tagesschau.de am 21. Juli 2021 – und Klimaerwärmung, Unmengen von CO2 und Methan werden freigesetzt, Häuser stürzen ein, Menschen müssen evakuiert werden. Die Welt brennt. Gleichzeitig herrscht bei uns nasskaltes Ganzjahres-April-Sommerwetter mit Starkregen, Stürmen und Überschwemmungen bei uns; schwerste Flutkatastrophen mit zerstörten Ortschaften und Toten in Deutschland, aber auch in Belgien und den Niederlanden (und in China und Japan und…). Verrückte Welt.

In der NZZ vom 6.8.21 heisst es zum von den Wassermassen zerstörten deutschen Dorf Altenahr, dass es vor Ort schlimmer sei, als die erschreckenden Bilder in den Medien wiedergeben:

In Altenahr steht man plötzlich am Fluss und verstummt. Die Burgruine, die über dem Weindorf thront, scheint das einzig nicht Ruinierte.

Shifting Baseline: Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen?

Die einst gegen Feinde absichernde, schützende Burg ist zwar nur noch eine Ruine, die per Denkmal- und Heimatschutz erhalten wird, wirkt aber angesichts der Zerstörung rundherum als das einzig Intakte. Verrückt. In der Wissenschaft gibt es das Phänomen «Shifting-Baseline-Syndrom». Der Begriff stammt aus der Umweltforschung und bezeichnet die Wahrnehmungsverschiebung aufgrund gelebter Erfahrung und weniger aus historischen Quellen. So beurteilt ein alter Fischer das Schwinden der Fischbestände anders als ein junger, dessen Normalität schon reduzierte Schwärme waren. Der junge Fischer kennt die Zustände nicht, von denen der alte zu berichten weiss. Zudem werden die alten Geschichten vom Jüngeren schnell ins Reich des Seemannsgarns verbannt. So geht Wissen verloren, während sich der Normalitätsbegriff – von Generation zu Generation oder von Minute zu Minute – der neuen Selbstverständlichkeit anpasst. Von der problematischen Seite zeigt sich das Shifting Baseline-Syndrom auch in der digitalen Welt: Wie stellen sich Digital Natives (die digitalen Ureinwohner und ihre Rituale sind erst kürzlich entdeckt worden, weshalb es keinerlei zuverlässigen Langzeitstudien ihrer Lebensgewohnheiten gibt) wohl die Pre-Smartphone-Welt vor? Das war doch kein Leben ohne Handy!

Eine sehr lesenswerte Beschreibung der Shifting-Baselines gibt die Stern-Kolumnistin Meike Winnemuth unter dem Titel «Diesel-Betrug, Zimtwuppis, Donald Trump: Was gestern als irre gegolten hätte, ist heute normal. Wir sind schnell bereit, uns an alles zu gewöhnen.»

George Monbiot erzählt in seinem Buch «Verwildert. Die Wiederherstellung unserer Ökosysteme und die Zukunft der Natur.» (Matthes & Seitz, Berlin 2021) von im 19. Jahrhundert unter dem Londoner Trafalgar Square gefundenen Knochen von Waldelefanten (!), Riesenhirschen, Auerochsen, Säbelzahnkatzen und Löwen. Von den heute noch in Afrika lebenden Tüpfelhyänen wurde versteinerter Kot entdeckt. Den Forschern, die europäische Ökosysteme untersuchten, schienen aufgrund des genannten Shifting-Baseline-Syndroms und des menschlichen Einflusses (die Grosstiere verschwanden durch Bejagung und Verdrängung) entscheidende Elemente entgangen zu sein: Diese Arten – Elefanten und Nashörner und die Säbelzahnkatzen, die sie rissen – dürften während der vorigen Zwischeneiszeit, die vor etwa 115 000 Jahren (in geologischen Massstäben ein Wimpernschlag) endete, das Ökosystem dominiert haben. Die wunderlichen Merkmale, die manche unserer Pflanzen aufweisen, könnten gespenstische Anpassungen an die Art sein, wie sich diese Pflanzenfresser ernährten.

Da will uns wohl einer statt einen Bären einen paläoökologischen Elefanten aufbinden!

Die Gewohnheit der Elefanten, Bäume abzubrechen oder auszureissen, könnte eine Erklärung dafür sein, dass Arten wie Eiche, Esche, Buche, Linde, Platane, Feldahorn, Esskastanie, Haselnuss, Erle und Weide an der Stelle weiterwachsen können, an der ihr Stamm abgebrochen wurde. Im östlichen und südlichen Afrika gibt es Dutzende von Baumarten, die an einem abgebrochenen Stamm austreiben – oder ausschlagen –und Ökologen erkennen darin eine evolutionäre Anpassung an Elefantenattacken. Indem die Elefanten afrikanische Bäume wie Mopane oder Knobthorn-Akazie abbrechen, verbessern sie ihr Nahrungsangebot, da die Triebe, die die beschädigten Bäume hervorbringen, leichter zu erreichen und nahrhafter siind als ältere Äste. Bäume, die die Behandlung durch die Elefanten überstehen, werden dort, wo die Tiere leben, oft zur vorherrschenden Form: Die Fähigkeit, auszuschlagen bringt gewaltige Selektionsvorteile.

Das ist nicht alles: Das Vorkommen von Elefanten könnte auch erklären, warum europäische Unterholzgewächse wie Stechpalme, Eibe und Buchsbaum – die, bis sie massiv genug sind, um einem Umstürzen widerstehen zu können, viel länger brauchen als Schirmbäume – so schwer abzubrechen sind und so starke Wurzeln ausgebildet haben. Die Fähigkeit mancher Bäume, auch bei Verlust eines Grossteils ihrer Rinde überleben zu können, könnte eine weitere Anpassung sein: Rinde wird von Elefanten gerne mit dem Stosszähnen abgeschält. Der Schutz vor Elefanten mag für die gescheckte Hülle der Birke verantwortlich sein: die schwarzen Risse machen es schwerer, die weisse haut sauber abzuschälen.

Die gleiche Evolutionsgeschichte könnte erklären, warum der traditionelle Heckenbau, der darauf beruht, lebendes Holz zu verflechten, zu spalten und fast zu verstümmeln, überhaupt möglich ist: Die Bäume, die wir für Hecken verwenden, haben wohl ähnliche Angriffe von Elefanten überstehen müssen. Die Schlehe, die sehr lange Dornen besitzt, scheint für die Abwehr äsender Hirsche übertrieben ausgestattet, womäglich aber nicht, um hungrige Nashörner abzuwehren. Monbiot schreibt, in jedem Park seien die Male der Tiere, die sich zusammen mit dem Menschen entwickelt haben, zu sehen, was die Welt um neue Wunder reicher mache; so sei die Paläoökologie – das Studium vergangener Ökosysteme zum besseren Verständnis unserer gegenwärtigen – plötzlich eine Pforte, durch die wir in ein verzaubertes Königreich eintreten: Unsere Ökosysteme sind die gespenstischen Überbleibsel eines anderen Zeitalters, das auf der evolutionären Zeitskala noch sehr nahe liegt. Die Bäume wappnen sich weiterhin gegen Bedrohungen, die nicht mehr existieren, so wie wir noch über das psychologische Rüstzeug verfügen, das es braucht, um zwischen Ungeheuern zu leben.

Na, dann: Fahren wir nun mal endlich los mit unserem psychologischen Rüstzeug zum Schloss Hallwyl, edler E-Ritter Don alp Quichote!

Deine Spuren im Wald, den ich gestern noch fand…

Sturmschneise über dem Triemli: Überreste des Sturms, wie ich in Zürich in über 30 Jahren nicht annähernd erlebt habe.

Überall sind nach mehr als einer Woche noch die Spuren der Sturmnacht vom 13. Juli 2021 zu sehen. Motorsägen dröhnen in der Luft, während ich die Birmensdorferstrasse hochstrample. Die Baumpflegedienste werden noch längere Zeit mit Aufräumearbeiten beschäftigt sein. Dickste Bäume wurden nicht nur entwurzelt, sondern zersplitterten richtiggehend. Die Schäden des Sturmtiefs Bernd sind umso erstaunlicher, als dass sich Stürme meistens schon ausgetobt haben, wenn sie auf die Stadt treffen. Vermutlich haben unsere schlauen Vorfahren darum hier gesiedelt. In meinen 35 Jahren Zürich habe ich noch nie so etwas erlebt. Mit dem Schnee anfangs Jahr, der unzählige Äste abgebrochen hat, also schon das zweite Extrem-Ereignis des Jahres. Auch an mehreren Stellen meines Ritterritts zum Schloss Hallwyl sind die Schäden eindrücklich zu erkennen. Dazu kommt der Corona-Blues, der die Menschen inzwischen nicht in 5G, sondern 3G (geimpft, genesen, getestet) und die Andern teilt. Noch sind nicht alle Ferienreisenden zurück, schon machen sie mehr als die Hälfte der steigenden Ansteckungszahlen aus. Ganz nebenbei erwägt Impfweltmeister Israel aufgrund steigender Ansteckungszahlen mit der Delta-Variante schon wieder einen weiteren Lockdown. Beim aktuellen Krach und chaotischen Umgang mit dem Virus blüht uns wohl im Herbst wieder Ähnliches. Was hätte unser kurliger Edelmann Don Quichote wohl getan, um als Held die von Auge unsichtbaren Aerosol- und CO2-Drachen der Gegenwart zu bodigen?

Obwohl schon vor Jahrzehnten genauso vorausgesagt und trotz überzeugender, wissenschaftlicher Erkenntnisse, schwirren bezüglich der Extremwetterereignisse und der Covid19-Pandemie die irrsten Argumente, Zahlen, Statistiken, Studien, Untergangs- und Schönrede-Szenarien, Schein-Argumente, alternative Fakten, Fake News, Verschwörungs-Theorien und weiss der Teufel, was noch alles, durch die auf jahrtausendealtem Geheiss von Menschen untertane Welt. Don Quijote ist dagegen ein Realist. Der aktuelle Bericht des Weltklimarates verheisst denn auch wieder nicht Gutes– seit Jahrzehnten, aber nun wirds heftig: Hitzewellen, Starkniederschläge und landwirtschaftliche und ökologische Dürren werden auch in der Schweiz zunehmen. Jo, guet Nacht am füf ab Zwölfi!

Reisen – «die Mutter der Erfahrung»

Ich nutze im verregneten Unsommer ein kurzes Schönwetterfenster in der zweiten Junihälfte für diesen Schlossbier-Trek-Ausflug. Vorher und nachher schiffts immer wieder in Strömen, auch in meinem Kopf. Und es ist oft so unwirtlich kühl, dass gar mein Morgenessen auf dem Balkon meistens ins Wasser fällt. Aber genug gejammert: Ich will auf dieser Fahrt abchecken, wie weit ich mit einer Akkuladung komme. Der Retourweg macht mir Sorgen. Also werde ich die Schiffsrundfahrt von einem Ort mit Bahnverbindung aus machen. Birrwil heisst die Stromspar-Lösung. Lenzburg umsteigen, dann ohne Halt bis Zürich. Aber so weit sind wir noch lange nicht.

Lohn der Anstrengung: Präsentation des Appenzeller Schlossbiers im Selbstbedienungs-Bistro des Schlosses Hallwyl.

Im Mittelalter war das Reisen, «die Mutter der Erfahrung», auf den damaligen, immer zu sumpfigen oder zu staubigen Strassen extrem beschwerlich, wie Barbara Tuchman im Buch «Der ferne Spiegel» über das «dramatische 14. Jahrhundert» festhält: Eine durchschnittliche Tagesreise zu Pferd bedeutete fünfzig oder sechzig Kilometer, was aber vom Zustand des jeweiligen Reisewegs abhing. Für eine Reise quer durch Frankreich von Flandern nach Navarte brauchte man etwa zwanzig bis dreissig Tage, die Ost-West-Durchquerung von der Küste der Bretagne bis nach Lyon an der Rhone wurde mit sechzehn Tagesreisen angesetzt. Eine Akkuladung bringt Quölli auf mittlerer Unterstützungsstufe auch etwa 60 Kilometer weit, aber in rund eineinhalb bis zwei Stunden reiner Fahrzeit. Ich rase also Slowmotion im Sauseschritt durch die rasende Zeit der schon wieder vergangenen Gegenwart.

Geschütztes Moor im Knonauer Amt: Wichtiger Wasserspeicher in einem funktionierenden Ökosystem; wie sah die Welt wohl vor dem Trockenlegen der meisten Feuchtgebiete aus? Auch hier wirkt das Shifting-Baseline-Syndrom.

Wäre ich ein Ritter von altem Schrot und Korn, ohne Furcht und Tadel, hätte ich einewäg vor der Rückreise irgendwo übernachten müssen und Quöllis E-Heu aus der Steckdose stundenlang verfüttern können. Denn: Für einen Ritter war es undenkbar, in einem Wagen zu fahren, es verstiess gegen die Prinzipien der Ritterlichkeit, genauso, wie er unter keinen Umständen eine Stute ritt. Mit Einbruch der Nacht beendete man die Tagesreise, und die Adligen unter den Reisenden nahmen in einem nahe gelegenen Kloster oder in einer Burg Zuflucht, wo man sie gerne begrüsste, die gewöhnlichen Fussreisenden samt Pilgern wurden in einem vor dem Tor gelegenen Gästehaus untergebracht und verpflegt. Sie waren zu einer einmaligen Übernachtung in jedem Kloster berechtigt und konnten nur dann abgewiesen werden, wenn sie um eine zweite Übernachtung baten. Es gab Gasthäuser für Händler und andere Reisende, aber die waren meistens überfüllt, verkommen und voller Flöhe; in jedem Raum standen andere Betten und jeweils zwei Reisende lagen in einem Bett, drei gar in Deutschland, wie der Dichter Deschamps angewidert berichtete. Der schrieb auch, die Bewohner lebten wie die Schweine. – Hm, die Quölli, der Quölli oder das Quölli? Im Shifting-Baseline-Syndrom-Duden finde ich dazu nix. One-two, one-two, ist somebody out there: Appizöll, we got a gender problem!

Das einzige Schwein, das ich getroffen habe, war das auf dem Lastwagen. Ganz kurz dachte ich, hier gäbs kein Vorbeikommen – kein Problem.

Die heldenhaften Ritter waren – wie alle Menschen seit jeher – in viele Widersprüche verstrickt. Don Quichote unternahm alles, um seine von Zauberern, die ihm Böses wollten, in eine Bäuerin verwandelte Edeldame Dulcinea zu finden, in die er platonisch unsterblich verliebt war. Die hohe Minne war in echt der reinen Liebe zu einer verheirateten Frau gewidmet, da ja Heirat unter Adligen bekanntlich nicht aus Liebe geschah, sondern aus Macht- und Geldinteressen. Das war mittelalterliches Networking. Säuhäfeli, Säuteckeli. Der Rittertod in einem von Kirche und weltlichen Herrschern geächteten und verbotenen Turnier galt übrigens als Selbstmord (mhd. selp-entlibunge = Selbstentleibung) und wurde dementsprechend gehandhabt; die Turniere fanden trotzdem regen Zulauf. Barbara Tuchman folgert: Wenn die Fiktion des Rittertums auch das äusserliche Verhalten zeitweise formte, so konnte es doch genausowenig wie andere Modelle, die der Mensch entwarf, die menschliche Natur verändern. Joinvilles Bericht von 1249 über die Kreuzritter in Damiette zeigt die Ritter Ludwigs des Heiligen tief in Gewalttätigkeit, Gotteslästerung und Ausschweifung verstrickt. Bei ihren alljährlichen Überfällen auf die litauischen Heiden veranstalteten Ritter des Deutschen Ordens Bauernjagden als sportliches Vergnügen. Dennoch, auch wenn der ritterliche Ehrencodex nichts anderes als eine dünne Zivilisationsschicht über Gewalt, Gier und Sinneslust gewesen ist, so war er doch ein Ideal wie das Christentum auch, ein Ideal, dessen Erfüllung – wie immer – die Kraft des Menschen überstieg.

Unbekannte Kräfte wirkten auf diese Brückengeländer verändernd ein.

Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los

Natur ist Veränderung. Leben ist Veränderung. Die Veränderung von Viren heisst Mutation, wie inzwischen jeder Tubel wissen sollte. Die Erde kühlte sich vor unvorstellbar langer Zeit ab, auf der Kruste sammelte sich flüssiges Wasser. planet-schule.de: Meere entstanden. Und in diesen Meeren begann vor etwa 3,8 Milliarden Jahren das Leben – zunächst aber nur in Form einfachster Bakterien. Das griechische Wort für Ursprung oder Beginn steckt im Namen dieser Zeit: Archaikum. Eine wichtige Klimaveränderung vor etwa 2,5 Milliarden Jahren markierte den Übergang zur nächsten Epoche: Die primitiven Lebewesen begannen, die Umwelt zu beeinflussen. Sie produzierten Sauerstoff, der bislang in der Atmosphäre fast gar nicht vorkam.

Wenn schon Einzeller vor 2,5 Milliarden Jahren so extremen Einfluss auf die Atmosphäre nehmen konnten, wie kann dann die sogenannte «Krone der Schöpfung» annehmen, mit ihren beträchtlichen Emmissionen von rund 8 Milliarden Individuen keine grösseren Veränderungen zu bewirken? Das übersteigt wohl sowohl unsere Intelligenz als auch unsere Kräfte. Wir selbst sind Natur und verändern uns im Laufe des Lebens. Dabei shiften unsere persönlichen Baselines von Jahr zu Jahr ein bitzeli schneller, wie die oben erwähnte Meike Winnemuth so schön formuliert. Natürlich ist auch Kultur Veränderung. Sogar die Jahrhunderte alten Schlösser und Burgen unterliegen der Veränderung der Zeiten. Folglich müssen auch Traditionen sich verändern können, um lebendig zu bleiben.

Das Schild zum Gegenmittel zur Naturzerstörung durch den Autobahnbau hat auch schon bessere Jahre gesehen, wie mir scheinen will. Aber immerhin gibts diese Ersatzfläche noch.

Die bisherige Ordnung der Welt erweist sich in gewissen Dingen zunehmend als überholt bis unbrauchbar. Sogenannte Kipppunkte besagen: Es gibt kein Zurück. Wenn Meereströmungen durch die immer raschere Eisschmelze sich ändern, ändert sich das Klima und damit auch das Wetter. Nichts als logisch, oder? Weltbilder stürzen in sich zusammen, was Unsicherheit, Zorn und Ohnmacht weckt. Diese äussert sich unter anderem in den Shitstürmen in den – wie ich sie nenne – Asozialen Medien. Unser beschauliches Leben wird mehr und mehr auf dem falschen Fuss erwischt. Da können wir noch so rumpelstilzlig rumtäubeln, mit finsterem Tunnelblick auf den Tisch klopfen, alles zu Mist oder Diktatur erklären und monieren, wir wüssten, wos langgeht. Auch abstrakter Zahlenmist und nach jeweiligem Gusto gedeutete Statistiken und Studien helfen nicht, ohne wirkliche Transparenz und Wahrhaftigkeit.Oder zu behaupten, das Beste für die Wirtschaft sei auch das Beste für die Menschen, denn das Beste für die Menschen scheint unserem blauen Planeten ordli auf die Nüsse zu gehen.Vertrauen ist wichtig, aber wem? Was immer wir uns vormachen: Die Wahrheit kriecht in irgendeiner Form unter jedem Teppich hervor, unter den sie gekehrt wird. Kann ungemein lange dauern, aber auch verdammt schnell. Oder um es etwas anders mit Cervantes auszudrücken: Die Wahrheit schwimmt wie ein Ölteppich obenauf.

Wider besseren Wissens schafft es der Mensch immer wieder, genau das Gegenteil dessen zu unternehmen, was das Gebot der Stunde wäre. Sachzwänge und Begründungen gibt es viele. Ausreden noch viel mehr. Viel Schwarz-Weiss-Denken, oft gar mit ins Gegenteil verkehrten Vorzeichen: Schwarz wird Weiss und Weiss wird Schwarz, wie Sancho Pancho unserem geistreichen Ritter unterstellt. Oder alles wird grau und trüb. So weiss ich noch genau, wie Nicolas Hayek in den 1990er Jahren an seinem benzin- und ressourcensparenden Kleinwagen Smart rumtüftelte – es war die Zeit nach dem ersten Waldsterbens, das sich vermeintlich in Luft aufgelöst haben soll –, den er dann an Mercedes verkaufte, und die Autoindustrie den aufgrund des geringen Benzinverbrauchs und Platzbedarfs aufkommenden Kleinwagenboom mit umso grösseren SUVs richtiggehend überrollte. Nun brauchts gar grössere Parkplätze, weil die Dinger für die gängigen zu breit sind. Und die Erfahrung eines wahrhaft umwerfenden SUV-Kusses habe ich ja mit viel Glück auf Quölli auch schon am eigenen Leib erlebt.

Veränderung vor dem Schulhaus: Da musste wohl aufgrund regen Elternparkierens mittels New York-Taxifarben eingegriffen werden.

Im TA-Interview vom 9. 8.21 äussert die ETH-Klimaforscherin Sonia Seneviratne bezüglich der von mir im Beitrag zum Tessiner Reis fürs Appenzeller Birra da Ris als Hoffnung bezeichneten sogenannten negativen Emissionen: die Mengen an CO2, die man derzeit aus der Atmosphäre mit Aufforstung oder technischen Methoden extrahieren kann, sind schlicht zu begrenzt, um eine Rolle einzunehmen. Wir müssen einfach so schnell und so viel CO2-Emissionen wie möglich reduzieren, damit wir nur wenig auf solche technischen Lösungen angewiesen sind. Derweil wurden die alten Schweizer Buchenwälder in den Tälern Lodano, Busai und Soladino (TI) sowie auf dem Bettlachstock (SO) werden in die Welterbeliste aufgenommen.

In seinem sehr dringlichen Buch «Der lange Atem der Bäume» mahnt der deutsche Förster und Naturschützer Peter Wohlleben, die Fehler einer in einem Loop gefangenen Vergangenheit an und plädiert mit sehr einleuchtenden Argumenten dafür, dem Wald nicht nur wieder mehr Raum zu verschaffen, sondern auch mehr Ruhe. Denn ein intakter Wald – und damit meint er vor allem die ursprünglich heimischen Laubwälder – könne auch grosse Wassermengen wegstecken, also helfen, Flutkatastrophen zu verhindern, und mit seinen kühlenden Eigenschaften die Erderwärmung bekämpfen. Leider wächst er nur langsam. Aufgrund der fehlgeleiteten Forstwirtschaft (die natürlich aufbegehrt), die den Wald zur kurzfristig planenden Holzplantage verkommen lasse und mit ihren tonnenschweren Maschinen den Boden unwiderruflich verdichte, funktioniere das nicht mehr. Eine gute Gelegenheit, wieder mal an Gian Denoth und seine Pferde zu erinnern.

Eine menschgemachte Waldform mit enormem Wachstum.

Viel Zeit ist nicht, grundlegende Änderungen anzupacken, aber es gibt Hoffnung: Der Millionen Jahre alte Wald sei durchaus lernfähig und wisse eigentlich selber besser als die vergleichsweise junge Forstwirtschaft der vergleichsweise jungen Spezies Mensch, wie er den steigenden Temperaturen trotzen soll. Der Mensch soll mehr Wälder verwildern lassen, ohne in die Prozesse einzugreifen. Denn, wie wir wissen, ist der Wald nicht einfach eine Anhäufung von einzelnen Bäumen – und schon gar keine Holzplantage, die beliebig abgeerntet und wieder aufgeforstet werden kann –, sondern ein ausgleichend funktionierendes Ökosystem, das CO2 aufnimmt und Sauerstoff abgibt, den Wasserkreislauf positiv beeinflusst, bei Hitze effizient zu kühlen vermag, das Abrutschen von Hängen verhindert und Vieles mehr.

In der Mitte gebrochen wie Zündhölzer: Auch hier im Aargau, kurz nach Rickenbach/Merenschwand, hats geräbelt.

Schlagzeilen wie «Tag des Baumes: Die Fichte macht es nicht mehr lange» bescheinigen herkömmlicher Forstwirtschaft zumindest nicht das beste Zeugnis. Die Ausrichtung auf Holzplantagen-Methoden schwächt den Wald, aber das Gegenteil wird moniert. Don Quijote lässt ebenso grüssen wie das Shifting-Baseline-Syndrom. Das Durchschnittsalter der Bäume sei von möglichen 300 bis 600 Jahren auf kümmerliche 78 Jährchen geschrumpft worden. Obwohl ein alter Baum nicht nur bezüglich Klimaeffizienz weit mehr zu leisten vermag; sogar hohle Buchen mit intakter Krone. Von den im Wald wirkenden Kleinstlebewesen – deren unzählige auch unseren Körper am Laufen halten; es seien gleich viele wie Körperzellen – seien höchstens geschätzte 15% bekannt, geschweige denn erforscht.

Gute Wege, grossartiges Wetter, schöne Gegend – hier ist doch die Welt noch in Ordnung . Oder?

Der Wald regeneriere sich gratis und franko; Waldbesitzer sollten entschädigt werden fürs Nichtstun. Selbst, wenn es das einzig Richtige wäre, ist das schwer zu verstehen für uns Menschen des dritten Jahrtausends, die wir in diese Welt geworfen nicht fürs Nichtstun bezahlt werden. Weder Geburt noch Leben noch Tod sind gratis. Der freie Mensch ist Sklave seiner selbst. Es ist fast wie mit dem übermenschlichen Ritterideal: Wider besseren Wissens hält der Mensch – in Fall des Waldes die Forstwirtschaft – schon fast verzweifelt am selbst gebastelten Holzweg fest. Und pflanzt in voller Überzeugung ortsfremde Bäumchen ins uralte System, um die menschgemachte Klimaerwärmung zu überstehen. Ob der geschundene einheimische Wald das so schnell verdaut?

Und, pling!, kommt auf dem LID-Newsletter (lid.ch) just die folgende Meldung reingeschneit, die ich nicht weiter kommentieren werde: D: Rekord beim Schadholz. 10.08.2021 – Im vergangenen Jahr stammten in Deutschland rund 75% des geschlagenen Holzes von geschädigten Bäumen. Es ist der höchste je gemessene Anteil. Grund sind Hitze und Trockenheit. 2020 gingen in Deutschland von den insgesamt rund 60,1 Mio. m3 Schadholzeinschlag knapp 43,3 Mio. m3 Schadholz auf Insektenschäden zurück, wie aiz.info zu Zahlen von Destatis schreibt. Das war fast 13-mal so viel wie 2015. Damit ist Insektenbefall nun die Hauptursache für den Einschlag von Schadholz. In den vorherigen Jahren waren hohe Schadholzmengen eher auf Stürme zurückzuführen. Auch in der Schweiz mussten in den letzten Jahren viele Bäume wegen Borkenkäfer-Schäden gefällt werden. Am Tag darauf, pling!: Bundesrat erhöht Waldkredit. – Gestern hat der Bundesrat den Waldkredit um 25 Millionen Franken aufgestockt. Wald Schweiz zeigt sich zufrieden. Wald Schweiz begrüsse die rasche Umsetzung, heisst es in einer Medienmitteilung. Ständerat Daniel Fässler, Präsident von Wald Schweiz und Urheber der zugrunde liegenden Motion, zeigt sich laut Mitteilung zufrieden mit dem raschen Handeln des Bundesrates: «Dass der Bundesrat bereits einen Weg gefunden hat, die geforderten finanziellen Mittel für den Wald bereitzustellen, freut mich sehr. Dies ist nicht selbstverständlich». Der Wald benötige die zusätzlichen Mittel tatsächlich, damit die Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer der Schweiz dabei unterstützt würden, den Wald an die veränderten klimatischen Bedingungen anzupassen.

Zur Meinungsbildung gibts bezüglich Thema Wald und den zu erwartenden Veränderungen bzw. Eingriffen auch hier beim WSL aufschlussreiche Informationen:

Ein entflogener Papagei macht noch keinen Sommer: Der exotische Vogel ist zwar frei, wird aber wohl den nächsten Winter nicht überleben.

Noch längst nicht am Ziel pedale ich also übers ordentlich verbaute, dicht besiedelte Land, die Baseline mal dahin, mal dorthin shiftend. Bequem auf zumeist gut geteerten, sprich: versiegelten, Nebenstrassen. Gerade befinde ich mich auf einem Feldweg mit Kies, als ein gspässiges Tschilpen in mein Ohr dringt. Das muss aber ein grosser Wellensittich sein, denke ich und bremse ab, um mich umzusehen. Leuchtend grün hockt ein Papagei auf einem Ast auf dem Baum hinter mir. Tja, der wird in seiner vermeintlichen Freiheit wohl nicht lange überleben. Soll ich eine Nummer raussuchen und die Fremdvogelsichtung melden? Schon fliegt er in weitem Bogen Richtung Wald auf der andern Seite des Tals. Ich schwinge mich auf Quölli und setze die Reise fort.

Geschichtsträchtige Bachverbauung: Dieser Kanal wurde durch polnische Soldaten gebaut, die während des Zweiten Weltkriegs in Hedingen interniert waren.

Mit gutem Beispiel voran: 25 Jahre Schweizer Bio-Bergbraugerste fürs Appenzeller Bier

Das Appenzeller Schlossbier wird zum 25-Jahr-Jubiläum aus Schweizer Zutaten inkl. Quöllwasser aus dem Alpstein.

In den Siebzigerjahren wurden Bio-Bauern als Don Quijote-Spinner belächelt und bekämpft. Schon früh also setzte die Brauerei Locher beim Vollmond Bier anfangs der 90er Jahre auf die Bio-Knospe. Heute ist Bio in und der konventionellste und konservativste Bauer gesteht aufgrund seiner Erfahrung auf dem eigenen Hof ein, dass durch die Klimaerwärmung gewisse Pflanzen nicht mehr wachsen. Also ist er gezwungen, sich anzupassen und die Bepflanzung und vielleicht auch die Anbaumethode zu ändern. Es mag sein, dass Bio allein nicht selig macht, aber ein wesentlicher Teil der Ressourcen und Umwelt schonenden Lösung ist es bestimmt. Und die kleinteilige Schweiz wäre ein ideales Versuchslabor für innovative Bioanbau-Lösungen der Zukunft. Seit mittlerweile 25 Jahren unterstützt die Brauerei Locher die Genossenschaft Gran Alpin beim Anbau von Schweizer Bio-Bergbraugerste. Dabei muss viel altes, verloren gegangenes Wissen mühsam und geduldig neu erarbeitet werden. Und wie wir wissen, ist auch die eigene Züchtung der lokal angepassten Braugerstensorte Alpetta auf gutem Weg.

Nun beteiligen sich immer mehr Landwirte am Bio-Anbau von Getreide in den Bergtälern Graubündens. Die Vielfalt von Pflanzen, Insekten und Vögeln hat sich merklich verbessert. Das weckt Hoffnung in schwierigen Zeiten. Und es gibt sehr vernünftige Stimmen von sehr erfahrenen Fachleuten, dass eine zukunftsweisende Schweiz mit ihrer kleinflächigen Landwirtschaft genau das machen sollte: zur Innovationswerkstatt im biologischen Anbau werden. Österreich rühmt sich schon damit. Obwohl: «In einem Gebiet ist Österreich nicht Nummer 1: In der Forschung und Entwicklung (F&E) im Biolandbau. Da haben eindeutig Dänemark, Deutschland und die Schweiz die Nase vorn. Gerade in Österreich ist die Landwirtschaft sehr vielfältig, weshalb es zahlreiche Fragestellungen im Pflanzenbau, in der Tierhaltung und Tiergesundheit, in der Verarbeitung, in der Ökologie und Nachhaltigkeit und in sozialen und wirtschaftlichen Bereich gibt. Nummer 1 in der Biolandwirtschaftsforschung zu werden ist das Ziel», sagt Professor Dr. Urs Niggli, agroecology.science-Präsident und Obmann von FiBL Österreich. Hopp, Schwiiz! Mached fürschi!

Und plötzlich stehst du vor dem Schloss Hallwyl mitten im Grünen

Im Gegensatz zu andern Schlössern sieht man das vom Aabach umflossene Wasserschloss Hallwyl von weitem absolut gar nicht. Im Gegenteil: es liegt gut getarnt zwischen Bäumen. Du fährst, suchst den Horizont ab und plötzlich steht es vor dir. Aus dem Nichts. Seit mehr als 800 Jahren. Gebaut auf drei Aabach-Inseln im Naturschutzgebiet des Hallwilersees. An diesem idyllischen Ort startet auch ein fast 11,8 km langer Industrieweg Aabach zum Schloss Lenzburg. Oder man umrundet den See fast durchgängig auf dem Seeuferweg. Für grosse und kleine Drachenforscher*innen erweist sich das gesamte Seetal als Drachenforschungsparadies von weltweiter Bedeutung.

Der Innenhof mit Modell der Schlossanlage (links) und Bistro (rechts).
Das Modell der Schloss-Anlage lässt ein vielfältiges Innenleben erahnen.

An der Kasse erhalte ich auf Anfrage sofort den aufliegenden Schlossbier-Faltflyer mit Stempel. So, nach dem ganzen, akkuraubenden Getrampel gönne ich mir im Bistro zuerst einmal eine Schlosswurst mit Brot und ein Appenzeller Schlossbier. Weltpremiere: Das erste Schlossbier meines Lebens. Ahhhhh, das tut gut! Ein naturtrübes, leicht hopfiges Bier. Erfrischend bei diesen Temperaturen. Ich glaub, mich kneift ein Storch! Nein, es sind drei Weissstörche, die da über dem Schloss kreisen. Kinder, die sie abliefern sollten, sehe ich keine. Aber laut Wikipedia leben noch andere Vögel auf Schloss Hallwyl: Nach Angaben der Schweizerischen Vogelwarte Sempach lebt im Schloss Hallwyl die grösste Dohlen-Kolonie der Schweiz. Im Jahr 2015 zählte sie über 80 Brutpaare. Im Sommer 2006 hatte sich der Bestand nach einem Anschlag mit vergifteten Körnern um zwei Drittel reduziert, die Tat konnte nie aufgeklärt werden. Seither konnte sich der Bestand wieder erholen.

Drei von noch viel mehr Störchen, die ich unterwegs in einem Feld von Weitem gesehen habe, kreisen über dem Schloss Hallwyl.

Irgendwie hätte ich schon in der Lenzburg etwas mehr als ein Selbstbedienungs-Bistro erwartet, aber es gibt überall nur noch die abgespeckte Kostenreduzierungsversion der Bistros. Immerhin. Ich habe mich ja auch bei den SBB dran gewöhnt, dass die wunderbaren Speisewagen immer dürftiger wurden, bis sie Bistro hiessen. Shifting-Baseline-Syndrom, auch hier. Ich kann damit leben und geniesse noch eine Weile die Ruhe im Schlosshof. Dann gehts auf zur Eroberung der Welt hinter den dicken Steinmauern aus den Kieseln des Aabachs.

Appenzeller Schlossbier (ja, der Schaum ging zu wenig schnell weg, ich hatte Hunger!) und Aargauer Schlosswurst zum Zmittag im Selbstbedienungs-Bistro des Schlosses Hallwyl.

Ein Rundgang mit Ecken, Winkeln und Kanten

Das Wappen des Adelgeschlechts von Hallwyl auf dem Eingangstor. Wikipedia: Die erste Erwähnung eines Mitglieds der Familie «von Hallwyl» erfolgte im Jahr 1167 in einer Urkunde: Waltherus de Allewilare aus dem Umfeld der Freiherren von Eschenbach und im Gefolge der Grafen von Lenzburg. Ungefähr zu dieser Zeit liess er am Aabach unweit des nördlichen Endes des Hallwilersees einen Wohnturm errichten, aus dem sich später das Schloss Hallwyl entwickelte.
Harte Schale, weicher Kern: Das Äussere spricht mich an. Im Türmchen befindet sich der Kerker. Ein Schild weist darauf hin, dass der Galgen nicht im Schloss aufgestellt wurde, damit die Bevölkerung an den Hinrichtungen teilnehmen konnte.

Ich kann mirs nicht verkneifen: Was auf Schloss Lenzburg wirklich gut gelungen ist, die Mischung von voll ausgestatteten historischen Räumen und die nachvollziebare Vermittlung des damaligen Lebens, stellt sich auf Schloss Hallwyl als verstaubt-pädagogische, teilweise gar bizarre Möblierung heraus, frei von lebensnaher Rücksichtnahme auf die Atmosphäre der alten Gemäuer. Das stört mich als Bildhauer sehr. In einer Welt, in der Menschen glauben, die Milch käme aus dem Tetra-pac und Marmor sei Gips oder Granit Marmor, sollte mit historischen Bauwerken und Materialien bewusster umgegangen werden. das ist keine Frage des Geldes, wohlverstanden. Man muss das Material und seine Herkunft spüren, atmen und knacken hören, riechen können. Ebenso die Menschen und ihre Lebensgewohnheiten. Das gelingt sogar in einem leeren Raum besser, als in derart gspässig gefüllten.

Stattdessen stehen da mit seltsamen Quadraten in komischen Farben verzierte Kästchen, die mich pädagogisch-missionarisch dazu animieren sollen, zu ergründen, was für ein Geheimnis sie mir eröffnen wollen. Ein bisschen wie im Zoo, wo Fressen versteckt wird, um die Tiere aktiv zu beschäftigen. Eines öffne ich und schliesse es genauso schnell wieder. Damit holt mich eigentlich niemand hinter dem Ofen hervor. Von einer Ausstellung erwarte ich mehr. Mein Raumempfinden wird praktisch überall durch die gut gemeinten Interventionen gestört. Und selbst, wenn ich der einzige wäre, dem es so erginge: Die Vermöblung verhindert das Aufspüren der zweifellos immer noch durch die Zeiten schwirrenden Schlossgeister. Ganz anders – wie schon gesagt – Schloss Lenzburg. Oder die Azteken- und Maya-Pyramiden Mexikos. Mir scheint, auch hier hat das Shifting-Baseline-Syndrom sich als Szenograf und Innenarchitekt eingeschlichen. In solchen Fällen schaue ich gern aus den Fenstern, da dieser Blick mir oft mehr erschliesst.

Fenster zum Hof – mit Blick auf Bistro und Liegewiese.
Blick vom Dachstock herunter: Unzählige Outdoor-Aktivitäten locken um den nahen Hallwilersee. Anscheinend blühte da mal ein prachtvoller Barockgarten.

So ein schönes Schloss derart verstellt! Aber ich will klarstellen: Der Besuch lohnt sich unbedingt wegen dem einzigartigen Baudenkmal. Hm. Ich könnte (und sollte) dazu ja schweigen. Aber mir fehlt schlicht und einfach das Verständnis für solche Lieblosigkeit gegenüber früheren Zeiten und diesem einzigartigen, verwinkelten, geheimnis- und geschichtenumwitterten Gebäude. Auch Kindern macht soviel ernste Didaktik wohl nur kurz Spass. Ganze Wände sind mit Erklärungen und Bildern verkleistert, die zu lesen mir ebenfalls die Lust schnell vergeht. Und welche Kinder können sich in die Welt des Mittelalters versetzen, wenn sie stundenlang Lehrmittel-ähnlich gestaltete Texte lesen müssen?

Nachfolgend ein paar Impressionen, fast selbsterklärend:

Ohne Worte: Da bliebe auch unserem Hidalgo Don Quichote die Sprache weg.
Seufz!
Kinder, lernt lesen!
Corona-Verpackung, schon ordli trostlos.
Turnier am TV-Monitor: Vermutlich wurden die Turniere damals nicht wirklich live übertragen.
Musik von Geisterhand, der Rest wirkt nicht wirklich lebendig.
No comment.
No comment.
Ähm…!

Während meines ganzen Besuchs läuft mir immer wieder der arme Zivilschützer über den Weg, der den ganzen Tag mit dem Desinfektionsmittel unterwegs ist. Das ist der wahre Held meines Schlossbesuchs. Chapeau!

Working Class Hero: Der Zivi desinfiziert, was die alten Gemäuer, Balken und Planken und das andere Interieur aushalten.

Vergangenheit stinkt nicht

Sinnbildlich gefällt mir das Plumpsklo, das die menschlichen Ausscheidungen einfach ins nichts bzw. vor die Hütte beförderte. Ein Schild besagt: Aborterker, rekonstruiert um 1916. Jegliche Benutzung ist untersagt. Man muss gar anschreiben, dass jegliche Benutzung untersagt ist. Sapperlot, was für eine Welt! Aber davorstehen und Romane lesen, kanns auch nicht sein. Ok., es gibt die Möglichkeit, Audio-Guides zu nutzen. Aber auch da vermag ich meine Baseline nicht zu vershiften, wie bei den Sprachnachrichten auf dem Smartphone.

Auch bei den Blaublüter*innen stinkts beim Sch…, wie die Volksnase weiss. Aber der Aborterker hat ausgestunken.

Happy End Hallwilersee: Ein Schiff wird kommen, es heisst «Seetal»

Bis zum Bahnhof Birrwil wenige Kilometer weiter sinkt der Akkustand auf 16 Prozent. Zum Schiffssteg führt eine steile Strasse. Runter würde es also keinen Strom brauchen, rekuperieren aber lohnt sich nicht auf diese kurze Distanz. Rauf würde Quölli aber noch einmal einige Prozent fressen. Und irgendwie will ich ja dann in Zürich auch noch nach Hause kommen. Denn dass Quölli sich ohne Strom gegen jegliches Vorankommen sträubt wie ein supersturer Esel, ist bekannt. Also binde ich, Don alp Quichote, meine nicht furzende und keine Rossböllen verteilende E-Rocinante beim Bahnhof Birrwil an den Veloständer, hänge dem Lenker einen Hafersack um und steige den Berg hinunter zum See. Auf den Schiffen wird Appenzeller Bier serviert.

Fahrplan am Schiffssteg Birrwil.
Mir geht es gut und dir? Es ist sehr schön hier. Mit freundlichen Grüssen Ritter Don alp Quichote

Soviele Stand-Up-Paddler habe ich noch nie gesehen (und auch keine Delphine, obwohl eine Station so heisst) wie auf dieser kleinen Rundfahrt Birrwil-Beinwil am See-Seerose-Delphin-Seengen-Boniswil-Birrwil. Auf dem gut gefüllten Oberdeck erobere ich schnell einen meistens schattigen Platz. Maskenfrei. Allerdings ist auch hier Selbstbedienung wie schon im Schlossbistro. Also noch einmal Maske auf und das Ziel Quöllfrisch unter die Füsse genommen. Eigentlich hätte ich zwei mitnehmen sollen, aber warmes Bier… hm. Prost! Schön kühl.

Gar mit dem richtigen Glas: Appenzeller Quöllfrisch auf dem blau-blau-blauen Hallwilersee. Nein, nicht vom Bier blau – das Wasser, der Himmel…

Angenehm streicht der Fahrtwind um den Kopf. Der versucht zu rekapitulieren und zu notieren, was der Tag so zu bieten hatte. Nebst unterbrochenen Velowegen, die einen mitten auf der Schnellstrasse im Stich lassen. Davon gibt es immer noch zuviele. Die Velorouten sind teilweise wirklich super präpiariert und ausgeschildert. Aber von den gefährlichen Strassen, auf denen Einheimische so rumblochen wie im für, sagen wir mal, seine Fahrkünstler*innen bekannten Aargau, sollten sie ganz weggeführt werden. Ist schon sehr unangenehm, wenn die SUVs und Lastwagen teilweise haarscharf an dir vorbeisemmeln, um ja nicht die Sicherheitslinie zu übertreten. Dann kommt halt der Velostreifen dran. Ein Schwenker und schwupp, weg biste. Einige Male musste ich schon fluchen. Aber schau dir dieses Blau und Grün an! Ist das Leben nicht schön?

Ein SUP-Paradies, der Hallwilersee.

Natürlich gibt es viele wunderbare Abschnitte. Mit Feldwegen, ganz ohne Verkehr. «Nächste Station: Seengen, Schloss Hallwyl.», vermeldet der Speaker. Auch vom Schiff aus ist das Schloss Hallwyl nicht zu sehen. Eine gute Gelegenheit, die Website zu konsultieren: Schloss Hallwyl ist eines der schönsten Wasserschlösser der Schweiz. Die Schlossanlage erstreckt sich über drei Inseln und liegt idyllisch im Naturschutzgebiet des Hallwilersees.

Station Seengen: Nicht weit hinter all dem Grün versteckt sich das Schloss Hallwyl.

Die Fahrt verläuft ruhig. Viele Menschen sind an diesem schönen Tag unterwegs unter freiem Himmel. Nach angenehm chilligen 75 Minuten läuft die «Seetal» wieder in Birrwil ein. Diesmal nehme ich den steilen Waldweg, der vom Steg direkt zur Hauptstrasse hoch führt. Am Bahnhof nehme ich die S9 nach Lenzburg und Quölli bringt mich auf den Felgen nach Hause. Fazit und Moral der Geschicht: Viel mehr als 60 km schaffe ich also nicht mit einer vollen Akkuladung. Ich fahre immer auf Stufe 2 von drei Unterstützungsstufen, weil diese einfach am meisten Fahrspass beinhaltet. Auf der weit stromsparenderen Stufe 1 wären zwar mehr Kilometer machbar, aber bei weit langsamerer Fahrweise, die auch immer noch schneller wäre als mittelalterliches Reisetempo.

Anfang und Ende: Schiffsteg Birrwil mit der Strasse, auf der ich runterkam.
Der Waldweg, auf dem ich hochsteige zum Bahnhof, wo Quölli geduldig wartet, und unterwegs von einem Bänklein gesegnet werde.
Logisch: Birrwil kommt von Bire bzw. Birne!
Nicht ganz freie Sicht auf den Hallwilersee.
Vis-à-vis vom Bahnhof: Die amerikanische Botschaft Birrwil?

Schlusswort des geistvollen Hidalgo Don Quichote von der Mancha:

Recht hast du, Sancho, doch bedenke ein jegliches hat seine Zeit und nichts den gleichen Lauf, und wenn das unwissende Volk gemeinhin Vorzeichen nennt, was sich auf kein natürliches Gesetz zurückführen lässt, muss der Kluge es für einen glücklichen Zufall nehmen und ansehen. Steht so ein Wundergläubiger am Morgen auf, tritt hinaus auf die Strasse und sieht einen Mönch vom Orden des seligen Franziskus, macht er auf dem Absatz kehrt, als hätte er den Vogel Greif gesehen, und geht ins Haus zurück. Ein anderer Abergläubischer schüttet versehentlich Salz auf den Tisch und sogleich Schwermut in sein Herz, als wäre es die Pflicht der Natur, künftigem Unheil dergleichen Firlefanz vorauszuschicken. Der kluge Christ darf nicht kleinlich in dem herumstochern, was der Himmel vorhat. Scipio gelangt nach Afrika und stolpert, als er an Land springt, seine Soldaten nehmen es für ein böses Zeichen, doch er breitet seine Arme auf der Erde aus und sagt: «Du entkommst mir nicht, Afrika, denn ich halte dich schon fest in meinen Armen.»

Miguel de Cervantes (*vermutl. 29. September 1547-† 22. oder 23. April 1616): Don Quichote von der Mancha (El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha), übersetzt von Susanne Lange, Carl Hanser Verlag, München 200

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