Man lernt von allem – selbst vom Bier

Man lernt von allem – selbst vom Bier

Ein amüsantes Gedicht aus dem Jahr 1914

Wir feiern alle hier soeben
das Frühlingsfest im Priesterleben.
Doch schöner als im Tränental,
wird einst dies Fest im Himmelssaal.

Dieweil wir aber noch auf Erden,
so muss ein jedes inne werden,
dass wunderbar zu jeder Frist,
der Herr in seinen Heiligen ist.

Aus allen Ständen, allen Gilden,
aus allen Völkern und Gefilden,
aus jedem Haus und Profession
berief er seine Priester schon.

Just unser heutig Fest beweist es:
Dass auch – als Wert des höchsten Geistes –
aus einem Bierhaus dann und wann
noch etwas Gscheites kommen kann!

Man schuldet jeder guten Lehre
Gehorsam, Preis und Dank und Ehre;
Ein guter Christ befolgt sie prompt,
und fragt nicht lang, woher sie kommt.

Soll unser Glaube sich bewähren,
muss ihn des Priesters Wort erklären;
wie dieses Wort nun fruchtbar sei,
das lehrt uns klar – die Brauerei!

Wer je Herrn Locher Karl gesehen
Vergnüglich an dem Buffet stehen,
sein Bier betrachtend ob es hell,
dann zärtlich kostend – der fühlt schnell:

So muss auch sein des Priesters Rede,
klarhell mit Frohmut ohne Fehde;
nichts darf ihn trüben, den Humor.
und wenn er ihn auch fast verlor!

Das Bier ist manchmal etwas bitter –
sogar im Brauhaus an der Sitter –
doch besser so, als lind und fad –
s’wär ums Gewerbe sünd und schad!

Und was der Priester oft muss sagen,
schmeckt auch nicht stets nach Biberfladen;
wenn nur sein Eifer nicht erschafft,
sein Wort nicht ohne Saft und Kraft!

Zum Hauptgenuss bei jedem Biere;
gehört: dass man es temperiere;
zu kaltes Bier hat unbedacht
schon manchen früh ins Grab gebracht.

So wird ein rücksichtsloses Schelten
die Seelen meistens nur erkälten;
wohltätig wirkt auf Alt und Jung
der Liebe weise Mässigung.

Podbier verzapft der, lieben Säften
der Bauer an den höchsten Festen!
So sinnet auch der Priester dann:
Wie er die «Pöd» belehren kann.

Man weiss, dass echte Abstinenten
sich nie mit «Pod» befreunden könnten;
dieweil man auch im Biere trifft
den Alkohol, das Teufelsgift!!!

Die Richtigkeit ist klar des Falles,
besonders wenn man liest, was alles
oft so ein Bier enthalten soll,
nebst Hopfen, Gerste, Alkohol!

Da schlummre, sagt man, beieinander:
der Pfeffer, Zimt und Koriander, 
mit Wermuth, Raimus, Bittertee,
nebst Wachs, Ulaun und Uloe.

Sogar (man denk’ das Ungeheuer!)
Opium, Bitriol und Schwefelsäure;
auch Natron, Kali, Süssholzsaft,
Farbmalz und Sirup massenhaft!

Drob ist schon mancher Streit entglommen,
wie solch ein Trank mag wohlbekommen:
Es tröste sich der fromme Christ;
weil doch das meiste Wasser ist!

Lebendig Wasser – von dem Geiste,
den Christus gab, sei auch das Meiste,
was eines Priesters Seele füllt,
und frisch aus seiner Rede quillt!

Dann sind des Lebens Wirklichkeiten
Zutaten nur, die uns bereiten
zusammen einen Seelentrank,
für den man einst sagt: «Gott sein Dank!»

Blüh auf! Du junges Priesterleben!
Des Himmels Gnade und dein Streben!
Und nochmals wiederhol ich’s hier:
Man lernt von allem: selbst vom – Bier!

Tost des Kuraten Hungerbühler von Eggerstanden  
auf die Primiz von Edmund Locher, 21. April 1914

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