Leb wohl, Mensch!

Leb wohl, Mensch!

Ich nehme einen erfrischenden Schluck und lese in der Zeitung, dass wir im Vorschriftenmeer ertrinken. Ist ja nicht der einzige im Steigen begriffene Meeresspiegel, gell. Aus lauter Angst vor dem lebensgefährlichen Leben bauen wir immer mehr Sicherheitsschikanen, heisst es da. Regulierungen und Verbote sollen uns im goldenen Käfig der Freiheit Sicherheit und Orientierung garantieren. Weg mit dem chaotischen, unberechenbaren und – nach Erich Kästner – immer lebensgefährlichen Leben! Her mit der absolut ultimativen Ordnung!

No risk, no fun: Auch beim Wandern im Alpstein gibts Vorschriften und Gefahren. Und wahrscheinlich hockt hinter dem nächsten Fels ein Polizist auf Schusters Rappen, der die Busse von 50 Stutz einzieht.

Schuss in den Ofen

So gebe es für Schulen gar Schallvorschriften im Zahnputzbereich. Schallendes Gelächter und ungläubiges Staunen meinerseits: Ja, wo gibts den sowas?! Nein, nicht in Nordkorea. Hier bei uns in der Schweiz. Aber hallo!? Hat das etwas mit Ultraschall-Zahnbürsten zu tun? Oder damit, dass Schüler Ohrenschäden und Irritationen holen, wenn sie mit Zahnpastaschaum und Zahnbürste im Mund rumalbern? Also, diese Vorschrift leuchtet nun wirklich nicht ein, kostet aber viel Geld. Wer wird da geschützt?

Je mehr Vorschriften und Gebote sich der Mensch einbrockt, desto trügerischer ist das Sicherheitsgefühl. Der Schuss geht dann eben hinten hinaus. Oder in den Ofen. Denn das Leben geht öfters Mal seinen unergründlichen Weg. Als junger, aber mit 24 Jährchen wiederum alter Bildhauerstift arbeitete ich einmal auf dem 40 Meter hohen Kirchturm der katholischen Kirche Lommis im Thurgau. Zuoberst auf dem Dach sollten die seitlichen Sandsteinblöcke ersetzt werden. Anfangs hielt ich mich immer ängstlich überall fest. Wer hoch steigt, fällt tief. Soviel weiss jeder Tubel. Aber schon nach wenigen Stunden balancierte ich locker und ungesichert über die Dachlatten. Mit affengleicher Leichtigkeit, fast. Wär heut wohl auch verboten. Jedenfalls bin ich nicht ein einziges Mal runtergefallen.

Eines Mittags besammelt sich die ganze Bude auf dem Rasen unter dem Turmgerüst, um zusammen im Restaurant auf der andern Strassenseite zu essen.

Wusch!

Einige Zentimeter neben mir steckt ein massives Eisen mit zwei seitlich abgebogenen Spitzen. Es wird benutzt, um Balken zusammenzuhalten. Die andern sagen mir, das sei vom Kirchturm runter ein paar Zentimeter an meinem Kopf vorbei gezischt. Hätte es mich getroffen, wäre ich von ziemlich lädiert bis tot. Hätte. Hat es aber nicht. Genauso ists doch im täglich wuselnden Leben: Dafür, was alles Schlimmes passieren könnte und knapp am Passieren vorbeischrammt, ist die Unfallquote eigentlich praktisch gleich Null. Trotzdem haben wir das Gefühl, wir müssten uns gegen alles tausendundeins Mal versichern und absichern. Bis hin nach Absurdistan.

Ja, heitere Fahne! Ich sage zum Dachdecker, dem Verursacher des glücklich verlaufenen Meteoriteneinschlags: «Das kostet aber eine Kiste Bier, gell!» Er schaut mich gross an, checkt nicht, was ich frecher Siech meine. Nach meiner Erklärung, dass ich nun tot sein könnte, scheisst er mich aber Schlegel-à-Wegge tüchtig zusammen, das sei mein Problem. Hurra, ich lebe noch! Na, dann: Prost! Chom, do druf abe schnappemer noch eis. Happy End & frohe Ostern!

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