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Ein Innerrhoder Festtag

Wenn sich Innerrhoden am letzten Sonntag im April festlich kleidet, am Frühstückstisch nochmals über die Geschäfte diskutiert und Appenzell von einer feierlichen Stimmung erfasst wird, dann ist Landsgemeinde im Heimatkanton des Appenzeller Bieres.

Samstag, 23. April 2022, Getränkemarkt Ziel Appenzell. Vorfreudig strahlende Menschen stossen ihre mit Bier-Harassen beladene Einkaufswagen durch den Laden, stellen Wein-Kartons und Prosecco-Flaschen auf die Kassentheke. Eine riesige «Appenzeller»-Flasche inkl. Wandhalterung wird gerade als Geschenk verpackt, dort ein Lächeln, hier ein kurzer Schwatz. «Weisst du, mein Bruder mit seiner Familie kommt zu Besuch, er wohnt seit Jahren im Unterland und kommt immer an diesem Wochenende zu uns.» «Muss doch meine Gäste anständig bewirten können…»

Es herrscht eine freudige, einen normalen Samstag übersteigende Stimmung. Man merkt: Die Innerrhoder Bevölkerung bereitet sich auf einen besonderen Festtag vor.

«Spätestens im Ring musst du dich entscheiden.»

Sonntag, 24. April 2022, B&B Neuhof Appenzell. Ich treffe die Frauengruppe, mit der ich den heutigen Tag verbringen darf. Sechs Frauen, die sich «seit Ewigkeiten» am letzten Sonntag im April zunächst zum gemeinsamen Frühstück treffen und dann gemeinsam an die Landsgemeinde gehen. Und danach ins Dorf. Simone, Silvia, Marie-Louise, Monika und Evelyne sind in Appenzell aufgewachsen, haben die Landgemeinde von Kindesbeinen an miterlebt. Susanne kommt aus Urnäsch, eine Ausserrhoderin wie ich, hat allerdings einen Innerrhoder geheiratet und ist nun stimmberechtigt. Katrin fehlt heute. Sie wohnt in Zürich, darf nicht mehr «in den Ring», also abstimmen, kommt (normalerweise) dennoch jedes Jahr an diesem Tag nach Appenzell. «Mittlerweile geht es neben der Landsgemeinde auch darum, dass wir uns alle in dieser Zusammensetzung wiedersehen», erklären mir die Frauen. Während des Frühstücks werden die Geschäfte diskutiert, die zur Abstimmung stehen. Alle sind sich einig, dass es heute nicht so lange gehen wird wie auch schon. Die längste Landgemeinde? «Drei Stunden!», als sie zweimal auszählen mussten. Die diesjährigen Abstimmungen seien eigentlich nicht so emotional, finden die Frauen. Der Zusammenschluss von zwei Bezirken sorgt dann aber am Tisch für Diskussionen unter denjenigen, die direkt davon betroffen sind. «Es hat doch alles Vor- und Nachteile.»

Spätestens im Ring musst du dich für eine Stimme entscheiden, wie auch an der Urne. Dass sie sich vorab über die Themen informieren, sei selbstverständlich, erklärt Marie-Louise. Sie habe sich auch schon eine klare Meinung über ein Thema gebildet und sei dann von den Reden an der Landsgemeinde von den Argumente der Gegenseite überzeugt worden.

Südwoscht & Hedepfelsalod

Wie sie als Kind die Landsgemeinde erlebt habe, will ich wissen. «Wir hatten ein Restaurant, an der Weissbadstrasse. Da haben wir alle am Morgen mitgeholfen, es gab Südwöscht und Kartoffelsalat zum Frühstück (!), die Männer, die von Weissbad und Brülisau zu Fuss nach Appenzell gelaufen sind, sind bei uns eingekehrt und dann weiter, Richtung Dorf. Mein Vater ist dann jeweils schnell mit dem Velo zum Abstimmen gefahren und dann ebenso schnell wieder zurück. Wir mussten ja die Gäste bewirten, die nach der Landsgemeinde bei uns gegessen haben.» Südwürste und Kartoffelsalat werden auch uns im Neuhof serviert.

Marie-Louise erinnert sich weiter: «Als über die Einführung des Frauenstimmrechtes abgestimmt wurde, sassen wir Frauen aus der Familie gemeinsam mit dem Servicepersonal vor dem Radio und haben gejubelt, als es abgelehnt wurde…» Sie macht grosse Augen und schüttelt den Kopf, kann diese Reaktion jetzt nicht mehr nachvollziehen. Warum haben sie so reagiert? «Ich vermute, es hat wieder damit zu tun, dass die Innerrhoder sich nichts aufzwingen lassen. Schon gar nicht von „denen in Bern“». Schlussendlich wurde es ihnen doch aufgezwungen, das Frauenstimmrecht. Deshalb können die sechs Frauen aus «meiner» Gruppe heute in den Ring.

Gegen Mittag strömen immer mehr Menschen Richtung Dorf. Die Männer in meistens blauer Schale, mit ihrem Degen, der als Stimmausweis gilt, die Frauen ebenfalls gut gekleidet. Ohne Degen, aber mit Stimmkarte. Ohne darf man nicht in den Ring.

Nach der Politik die Geselligkeit

Die Innerrhoderinnen verabschieden sich Richtung Landsgemeindeplatz. Ich und Susanne bleiben, wie ganz viele Schaulustige, Gäste und Touristinnen, aussen vor, hören den Reden zu. Um ca. 14.30 Uhr ist die Landsgemeinde fertig und der gesellige Teil beginnt. Denn, was nach der Landsgemeinde passiert, ist fast so wichtig wie die Landgemeinde selbst, lerne ich schnell. Wenn nicht sogar wichtiger. Ein riesiges Dorffest, Innerrhoden trifft sich, tauscht sich aus, politisiert weiter und darüber hinaus. «Und weisch: Man trinkt viel Bier und je später der Abend, umso mehr Appenzeller…», wie mir mein Schwager (Innerrhoder) am Montag danach verrät.

Susanne, Evelyne, Simone, Marie-Louise, Silvia, Monika

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