König Zufall in Kasan

König Zufall in Kasan

Fussball-WM 2018 in Russland: Millardengeschäft, Politik, mafiöse Mauschelei, Opium fürs Volk oder menschenverbindendes Spiel? Alles zugleich. Und wir fiebern zu Millionen vor Fernsehern und in unzähligen Public Views mit. Aber beginnen wir beim Quöllfrisch-Blogger als nichtfussballerndem Fussgänger in der WM-Austragungsstadt Kasan.

Es war im Juli 2016. Meine Partnerin bestritt für Pro Helvetia zusammen mit andern Gestalter*innen im Rahmen eines alljährlich stattfindenden Kulturfestivals einen Plakat-Workshop für Student*innen aus verschiedenen Gegenden Russlands. Das Ganze fand im kleinfeinen Kulturzentrum SMENA statt. Einem auffällig zarten Pflänzchen mit wunderbarem Buchladen sowie Ausstellungs- und Vortragsraum. Und vor allem engagierten Menschen. Ein Restaurant befand sich im Bau. Der Treffpunkt war im Begriff zu wachsen, aber wenn er jemandem zu keck und widerspenstig würde, dann wärs schnell wieder vorbei damit. Für eine vielseitig protzende Millionen- und Universitätsstadt mit überdurchschnittlich vielen Student*innen schien es mir schlicht zu zerbrechlich und erstaunlich klein. Aber einmalig und wichtig. Ansonsten gab es in den zahlreichen Museen vor allem glorifizierte Vergangenheit und aufopferndes Heldentum zu sehen. Etwas verstaubt, im Gegensatz zur topmodernen Hochglanzkulisse der zwölf Fussballstadien.

Zeichen des Zusammenlebens: Riesenmoschee im kalkweissen Gemäuer des mittelalterlichen kasanischen Kremls.

Wie im Spiel, auf das dieser Text hinausläuft, war es also im wahrsten Sinn des Wortes der Zufall, der mich in dieses komplexe, widersprüchliche, unermesslich grosse russische Reich und das mir völlig unbekannte Kasan versetzte. Ich reiste mit als Selbstzahler, um die – auch auf dieser Reise – viel beschworene russische Seele in Dostojewski-Tolstoi-Gogol- bzw. Lenin-Stalin-Putin-Land am eigenen Leibe zu erfahren. Das ist mir vollends gelungen: Niemand geht hier zu Fuss weite Wege durch die Stadt, schon gar nicht allein. Ich tat es und bezahlte irgendwann am nicht sehr sauberen Sandstrand an der Wolga prompt mit einer fremdenfeindlichen Faust am Ohr. Das warme Blutrinnsal an meinem Hals überlebte ich ohne psychologische Betreuung – und würde Kasan mit den endlosen Autostrassen ein weiteres Mal auf zwei Beinen erkunden. Oder per Bike und ÖV natürlich. Aber als ich ein Velo mieten wollte, war plötzlich alles nicht mehr so einfach wie alle behaupteten bzw. einfach niemand da.

Die Republik Tatarstan mit der Hauptstadt Kasan sei die erste Republik gewesen, die sich nach dem Fall der Sowjetunion abspalten wollte. Also butterte Moskau enorm viel Geldkitt hinein, um sie im riesigen Staatengebilde zu halten. Die Hauptsprache ist denn auch Russisch. Tatarisch lerne man nur in der Schule, spreche es mancherorts noch zuhause. Aber eigentlich steht es damit etwa so wie mit dem Französisch in der Deutschschweiz: bei längerem Nichtgebrauch hapert es ordli schnell bei einem Nichtbilinguen wie mir.

Unesco-Weltkulturerbe (mit Kunst-Palme) als hoffnungsfrohe Abdeckung für einen geschlossenen Laden im Konsumtempel.

Da ich nun also weder Russisch noch Tatarisch spreche, hoffte ich, mit Englisch und lateinischem Alphabet durchzukommen. Denkste! Es gibt zwar vor allem junge Leute, die Englisch können, aber viele sind es nicht. Zumindest nicht dort, wo es mir etwas genützt hätte. So konnte ich nur schwer Essen bestellen, denn die meisten Karten enthielten ausschliesslich kyrillische Schrift und sehr oft keine Bilder. Stummes Zeigen mit gewinnendem Lächeln war selten von Erfolg gekrönt. Und statt mir zu helfen, verwarf gar der Kellner meiner Stammkneipe neben dem schön renovierten, durchaus empfehlenswerten Bauhaus-Hotel immer wieder ungehalten die Hände und schimpfte beim Weglaufen Russisches vor sich hin – ob aus Ärger über sein oder mein Unvermögen, konnte ich nicht herausfinden. Aber zu einem Bier kommt man meist einfach. Bier ist Weltsprache; Amstel wars, soweit ich mich erinnere. Viele deutsche Biere und die üblichen globalfaden Allerweltssünden sind zu haben. Vom russischen Gebräu liess ich die Kehle, denn viel Verlockendes habe ich nicht darüber gehört.

Quöllfrisch gabs nicht, da Quöllbisch noch nicht bis Russland liefert.

Vorherrschende Religionen sind russisch-orthodoxes Christentum und Islam. Also pflanzte man als Zeichen friedlichen Nebeneinanders und zum 1000-Jahr-Jubiläum der tatarischen Hauptstadt mitten in die orthodoxe Architektur es UNESCO-Weltkulturerbes – dem aus dem 16. Jahrhundert stammenden, weiss gekalkten kasanischen Kreml – die gewaltige, 2005 (!) eröffnete Türkisbadezimmerplättli-Moschee, benannt nach Kul Scharif, dem letzten Imam vor der russischen Eroberung (!) durch Iwan den Schrecklichen im Jahr 1552. Es ist die zweitgrösste Moschee Russlands. Eine friedensstiftende Faust nicht nur aufs Auge.

Auch das goldglänzende Unesco-Label auf kalkweissem Grund steht für die Volksweisheit: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Bis in die 1980er-Jahre hatte die Stadt ein immenses Gang-Problem, das nun gelöst sei. Wo sind denn die alle so rekordverdächtig schnell hin, die kriminellen Gangmitglieder? Wahrscheinlich wurden sie einfach integriert und legalisiert. Insgesamt riecht es überall nach dem, was Stephen Eric Bronner in Lettre International (Nr. 121) unter dem Titel «Gangsterpolitik» schreibt: und zum «ring ring» (diesem wunderbaren Geräusch, wenn die Kasse klingelt) kommt das «bling bling» hinzu (Schmiergelder, Schweigegeld, Geschenke). Vielleicht war hier das Bling-Bling vor dem Ring-Ring. Aber genauso fühlt sich Kasan an. Die neue Architektur der Stadt wirkt ausnahmslos brutalistisch und aufdringlich, von Männern mit Geld quasi menschenfreundlich hinpotenzt. Jemand verdiente denn auch happig an den aus der Zeit gefallenen Gusseisenlaternen, die die gesamte Pseudo-Edelmeile – zu der leere Läden und nicht funktionierende Strassenbeleuchtung gehören – und grosse Gebiete der Stadt zieren. Alles Schein, alles Fassade, dahinter viel Tristesse und noch mehr Blendwerk. Die meisten Häuserfassaden bestehen denn auch aus polierten, handwerklich schlecht verklebten Steinplatten. Wenigstens der Stein ist echt. Aber schade drum: Vieles ist schon zerbrochen, bevor der Bau fertig ist.

Das reale Leben unter blauem Wölkchenhimmel: Polierte Steinplattenverkleidung im Eingang der zur 1000-Jahrfeier 2005 in Anwesenheit Vladimir Putins eröffneten einen U-Bahn-Linie, damals keine elf Jahre alt. 

Kasan sei die aufstrebendste Stadt Russlands, die dritte Hauptstadt nach Moskau und Petersburg. Ich entdecke bei meinen stundenlangen Stadtwanderungen keinen einzigen Laden mit auch nur annähernd liebevoll geschaffenen, innovativen, speziellen oder irgendwie sonst ansprechenden Objekten. Alles ziemlich ideenlos und ramschig. Überall billiger Abklatsch von westlichen Konsumgütern und Markenprodukten. Viel schäbiger Micky Maus-Chic à la Russe und Industrie-Plastik, auch der oft minderwertig. Offenes Lachen auf der Strasse ist selten, ausser es kommt von irgendwelchen Wodkapöblern. Lachen ist eine ernste Sache, lese ich in Fredy Gareis‘ Buch «100 Gramm Wodka». Genau. In dieser Rechtsunsicherheits-Gesellschaft kennt jede Familie tragische Schicksale politischer Gewalt und Willkür. Seit Generationen. Das ist noch immer präsent und spürbar. Statt Geld für Armutsbekämpfung, Bildung und Infrastruktur einzusetzen – oder auch nur schon für die im zerfallenden Zoo dahinvegetierenden Tiere, die den Kindern sichtlich grosse Freude bereiten –, dient es zur Kaschierung der durchaus bedenklichen Zustände wie zur ungestörten Bereicherung und Machtsicherung einiger Weniger. Denen fällt es dann leicht, Bescheidenheit zu predigen. Um umgehend eines der teuersten Weltfussballfeste aller Zeiten rauszuhauen.

Pepsi und die russische Variante von Disneyland: Ich glaub, mich laust der Waschbär. Kasans Zoo ist alles andere als oho, drum zeige ich nur den Eingangsbereich und weder die zerfallenden Gehege noch die echten Tiere. Denn Eisbär, Braunbär, Otter, Affen & Co. sind arme Sauen.

So erlebte ich am Tag vor meiner Heimreise Kyrill I., den früheren, immer noch milliardenschweren Oligarchen und heutigen Patriarchen von Moskau (und damit der gesamten Russisch-Orthodoxen Kirche). Und zwar bei der Grundsteinlegung für eine weitere orthodoxe Kapelle, die auf mittelalterlichen Mauern in einem Klosterkomplex errichtet werden sollte. Darin wird später die berühmteste Ikone Russlands, die «Muttergottes von Kasan» oder «Kasanskaja», eine Bleibe finden. Aber das ist sehr kompliziert, im Fall. Nachdem sie unter anderem geholfen habe, die Polen zu vertreiben, baute man ihr am Roten Platz in Moskau eine eigene Kirche. Diese liess Stalin sprengen, die Ikone sei aber schon vorher weg gewesen. Es folgte eine jahrzehntelange Odyssee im Westen, bis an den portugiesischen Wallfahrtsort Fatima und von da zu Johannes Paul II., der sie auf dem Schreibtisch stehen gehabt habe. Damit nicht genug, es ist noch viel verworrener: Genaugenommen sei das Original längst verschollen, aber es gebe noch 13 antike, kunsthistorisch bekannte Kopien aus dem 16. Jahrhundert. Wobei die jetzt endlich wieder «Heimgeführte» nicht das richtige Format aufweise, neuer sei und folglich eine Fälschung der Fälschung sein müsse. Sapperlot, so geht wahre russische Mystik! Bei unserer Grundsteinlegung mit Kyrill I. und mehreren überdimensionierten, da zuschauerfreien Grossleinwänden auch ausserhalb des Geländes bestand das eher spärliche Publikum vorwiegend aus Frauen in bunt gemusterten Festkleidern und Kopftüchern, während oben Goldgewänder glänzten, gut rasierte Politiker aseptisch lächelten und graue Männerbärte im lauen Winde wehten.

Auf dem Weg zur Grundsteinlegung der Kapelle für die Ikone «Kasanskaja» durch Patriarch Kyrill I.; an der Kleidung sieht man, wer von den beiden Fussgänger*innen vor mir diese zum Ziel hat.

Vom ersten Stein für die Fake-Ikone zu einer in Sachen Fussball: Präsident Putin habe 2010 eigenhändig den Grundstein für das seit 2013 genutzte WM-Stadion von Rubin Kazan gelegt. Es sei einer Seerose nachempfunden und kostete dreimal so viel wie veranschlagt (geht noch für russische Verhältnisse). Der darin ausgetragene Konföderationen-Cup 2017 diente als WM-Hauptprobe. Gleichzeitig mit meinem Kasan-Aufenthalt wurde der Wechsel des Winterthurer GC-Verteidigers Moritz Bauer zu Rubin Kazan bekannt. Wenn ich mich nicht täusche, war gerade Sommerpause vor seiner ersten Saison in Russland. Der 1992 geborene Verteidiger spielt seit diesem Jahr mit Xherdan Shaqiri bei Stoke City und für die nicht an der WM vertretene österreichische Nationalmannschaft. Privatleute hätten ihn aber zu WM-Spielen eingeladen, lässt der Mann mit den zwei Pässen verlauten. Zudem sitzt er während der WM als Experte bei SRF. Die Schweizer Spieler könnten – wenn ich alles richtig studiert habe – höchstens im Viertelfinal am 6. Juli ein einziges Spiel in Kasan austragen. Wenn sie denn soweit vorrücken. Wir werden sehen. Als Moritz Bauer in einem früheren Interview über Kazan sprach, hatte ich das sichere Gefühl, dass er als – von mir aus gesehen – grossverdienender Fussballer auf Samthandschuhen in einer rosa gepanzerten SUV-Wolke getragen, diese Stadt nie auf eigenen Füssen erkundet hatte. Aber klar, macht ja auch niemand, ausser einem lebensmüden Appenzeller mit Stalin-Biografie im Gepäck.

Born to be free: Yes, we can, but we aren’t – Denkmal für einen anonymen russischen Entfesselungskünstler von der Grösse des grünen US-Superhelden Hulk.

Der Ball dreht sich weiter, die Erde auch. Das ausgeklügelte Hightech-Rund ist bekanntlich nicht mehr aus Leder und seine Kugelform weit perfekter als die eher kartoffelähnliche Weltkugel. Trotzdem verbleibt durch das Spiel mit den Füssen – plus Beinen, Kopf und Brust, nicht aber den Armen, Ellbogen und Händen – ein ziemlich grosser Anteil Zufall im weltweit erfolgreichsten Ballspiel, den kein noch so perfektes Training und keine noch so präzise Technik oder Taktik und kein noch so üppig fliessender Mammon wirklich auszuhebeln vermag. Diese Unberechenbarkeit garantiert Emotionen und Publikum. So erzählt der Fussball auf und neben dem Rasen alle Arten von dramatischen Geschichten – die einen gewinnen, die andern verlieren. Unentschieden gibts am Ende nicht.

Fussball ist intensivierte, verdichtete Lebensdramatik, schreibt der Philosoph Paul Hoyningen-Huene in der NZZ. Für vorübergehende Gerechtigkeit auf dem Platz sorgen Regeln und adleräugige Schiedsrichter inkl. Videobeweis. Alles bestens organisiert also. Im ausserfussballerischen Leben ists mit der Gerechtigkeit etwas komplizierter. Oder doch nicht? Gewalttätige Hooligans oder Kosaken gibts bekanntlich in Russland keine. Auch kein Staatsdoping, keine Spielmanipulationen, keine Zensur und sicherlich keine willkürlichen Verhaftungen. Keine Schwulen, keine Pussy Riots und auch sonst nichts Verwerfliches und Beunruhigendes. Nö, alles paletti. – Heb jetzt äntli dini tumm Schnurre und gnüss eifach! Wir wollen Fussball schauen und sonst nichts!

Und die russische Seele, die wir Nichtrussen angeblich einfach nicht verstehen können? – Die Mär vom Bär, so Milliardän schwär dir aufgebundän, dass du glaubst, är spiele fair, där Bär. Putzig, gell?

Drum erfrischen wir uns jetzt mit einem kühlen Quöllfrisch und freuen uns an diesem wunderbar simplen und unpolitischen Spiel, wo das Runde einfach nur ins Eckige muss: Nasdrowje! (Sagen die Russen übrigens nur zu Leuten, die kein Russisch sprechen.) Proscht zäme und: Hopp Schwiiz! Möge unsere  Nationalmannschaft uns auf ihrem Weg zum sicheren Weltmeistertitel möglichst viele quöllfrische Freinächte bescheren. Olee-oleole-olee!

König Fussball lebt vom Zufall: Das gute Bier zum Glück nicht.

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