Keilriemen, Premium-Vogelfutter & ganz einfach: Traumwetter

Keilriemen, Premium-Vogelfutter & ganz einfach: Traumwetter

Quöllfrisch unterwegs im Engadin

Ob der dritte Anlauf, das letzte Zernezer Braugerstenfeld von Hotel Baer&Post-Betreiber Christian Patscheider zu scheren, ist erst klar, als Drescherfahrer Filipp Grass mit dem grünen Kleinungetüm auftaucht. Alles läuft rund.

14. September 2020. Natüra Püra: Kurz vor Zernez kann ich noch die zum Hotel Baer&Post gehörende Pauraria Chasuot fötelen. Fritz ist nicht zu erkennen. Umso klarer die Fahnen, die mich auf der Tour de Braugerste 2020 (hier gehts zu Tag 3: Zernez) ins vermeintliche Hotel geführt haben. Und die stutzige, huere Felswand, die über dem ganzen thront.

Vom Zug aus erhasche ich einen Blick auf die Pauraria Chasuot der Famiglia Patscheider mit den Fahnen, die mich irritiert haben; dazu gehört auch das heute zu dreschende Feld.

Vom Bahnhof aus muss ich nur am Getränkehandel von Filipps Bruder vorbei, über die Strasse, den Weg vor dem Munggenplakat, das mir auf Wiedersehen wünscht, ein paar Meter runter und schon stehe ich vor dem schönen, etwas 2.5 bis 3 Hektaren grossen Bio-Bergbraugerstenfeld von Christian Patscheider. Der fräst während dem Dreschen kurz mit seinem Traktor vorbei, frisch frisiert und mit Sonnenbrille, macht ein paar Fotos und Videos, meint zu mir: Aha, gibts Profifotos und verschwindet so tifig, wie er gekommen ist. Ganz ehrlich: Bis ich ihn erkenne, ist er schon wieder weg. Heute sind hier oben alle irgendwie kurz angebunden und zack! mal hier und schon wieder woanders. Scheint so ein Tag zu werden.

Der Schein trügt: Im Getränkehandel von Filipp Grass Bruder gibts auch Appenzeller Bier und Gran Alpin zu kaufen. Solche Fahnen sind beliebt in Graubünden und meistens sind es drei.

Aber Moment – geniessen wir erst mal Ruhe, Bergluft und den wunderprächtigen Spätsommertag!

Ich sitze nach einer anstrengenden Zugfahrt mit Masken und spatzennervösen, überlauten Teenagergruppen auf der Bank vor Christian Patscheiders Bio-Braugerstenfeld. Wären da nicht die vielen lauten Töffs, Lastwagen, PWs und Züge, würde man nur Spatzen und Schmnetterlinge hören. – Richtig, gut aufgepasst: Schmetterlinge haben nur einen laut klingenden Namen, man hört sie also nicht beim Vorbeischmettern. War ein Witz.

Vom Bänkli aus: Alles ist bereit für die Braugerstenernte.

Genau vor mir bleibt ein Spatzenfrechdachs auf dem Holzzaun sitzen und beobachtet mich die längste Zeit. Was mag in seinem Spatzenhirn vor sich gehen? Von ferne das Murmelrauschen des Innzuflusses Ova Sparsa. Der später auftauchende Franziskus zeigt mir, wo der früher mal durchgeflossen ist, nämlich dort, wo die Bäume stehen. Die Sonne brennt, ein kühles Windchen streicht immer mal wieder um die Ohren. Filipps Vater fährt vorbei und grüsst. Er wird heute den Grossteil des Drescherfahrens übernehmen.

Auch das Feld ist reif. Es habe eigentlich die ganze Zeit viel zu trocken gehabt, heisst es.

Fast wie geplant: Action!

Zwei Generationen Grass: Gian wird den grössten Teil des Dreschens übernehmen; Filipp hat noch andere Baustellen.

Zuerst fährt Filipp mit dem Drescher das Teersträsslein hoch. Kurz darauf kommt Vater Gian im Japanjeep. Nach einigen Justierungen fährt Gian alleine los, während Filipp mit dem PW eine andere Baustelle aufsucht. Einmal löst er den Vater kurze Zeit ab. Nach rund vier Stunden ist das Feld fertig gedroschen. Die letzten Runden gingen an Gian.

Querfeldein: Plötzlich taucht eine Kusche auf.
Rechts der Besitzer des Feldes beim Filmen: Christian Patscheider.
https://youtu.be/QRTfjwg_TC4

Franziskus, der Vogelflüsterer

Franziskus stellt einen weissen Eimer neben den Container. Erst denke ich, der sei für die Feuchtigkeitsmessung. Nein, Franziskus liebt Vögel. Dazu hat er ja auch den passenden Namen, wie eben der Vogelprediger und Namenspate des aktuellen Papstes Franz von Assisi. Unser Franziskus baut allerhand von Vogelhäuschen. Er zeigt sie mir auf seinem aufklappbaren Althandy. Nicht ganz einfach zu erkennen in der schrillen Sonne, was da genau auf dem Winzigbildschirm zu sehen ist. Aber die drei nachgebauten Schwalbennester sind mir geblieben. Er habe sie an seinem Haus montiert, sie seien alle bezogen worden. Die verschiedenen Kästen macht er auf Bestellung.

Gian vor dem Schlussspurt mit dem Drescher (oben); Franziskus holt sein Premium-Vogelfutter ab.

Aber eben, das mit dem Vogelfutter. Das gekaufte würden die Vögel schmähen. Nun probiere er eine eigene Mischung, für die er auch Beeren aus dem Garten dörre. Und im Eimer nimmt er Braugerstenkörner mit, die er dann geschrotet seinem exklusiven Vogelfutter beimische. Und wenn sie das nicht frässen, seine geliebten Vögel, dann können sie ihr Futter auch im Winter selber suchen. Irgendwann kommen wir auf die Dohlen, die im Winter in Horden herunterkommen ins Dorf. Die fackelten nicht lange und nähmen die Vogelfutterpressbälle grad samt Verpackung mit. Als Gian ihm ein Zeichen gibt, erklettert er mit dem Kübel den Container und hält ihn in den Gerstenstrom. Natürlich ist er sofort viel zu schwer und fällt runter. Filipp holt ihn dann wieder raus. Jetzt fällt mir auch ein, dass ich Franziskus beim Abendessen im Restaurant Baer&Post schon am Tisch mit Christian Patscheider gesehen habe. Er sei jeden Tag dort.

Kurz nach 15 Uhr ist Feierabend

I NOT ❤️ THE SPEISEWAGEN OF TODAY

Eigentlich wollte ich ja im Hotel Baer&Post noch ein am Steinbockhahnen quöllfrisch gezapftes Appenzeller Bier trinken. Und wer weiss, vielleicht gibts ja auch schon vom Patron geschossenes Wild. Der war nämlich eben noch auf der Jagd. Es gab ja wieder mal nichts zum Zmittag. Aber dann käme ich im Zug voll in den Feierabendverkehr. Und angesichts des eher unangenehmen Reisens am Morgen, entscheide ich mich für Unlustvermeidung. Also los, ab auf den Zug, bevor ich im Trubel der Rush Hour untergehe.


Die Speisekarte ist nur noch mit dem zweiten QR-Code abrufbar.

Bis Chur verläuft die Maskentour recht passabel. Dann erwische ich wieder einen DB-ICE-Speisewagen. Die pure Katastrophe. Essen fällt also auch hier ins nicht wirklich wohlschmeckende Reinheitsgebotsbier. Tja, die Schweizer Passagiere sind so ziemlich alle hässig, dass ihre Bestellungen immer auf den Kommentar stossen, dass man etwas nicht oder nur so und so habe. Und die Frage nach der Speisekarte wird mit dem QR-Code auf dem Set beantwortet. Karten zum mit Coronahänden betatschen gibts nicht mehr. Das wiederum wollen viele Reisende nicht mitmachen. Ich bin mir ja das Theater schon gewöhnt und lache innerlich drüber. Aber bitte, bitte, bitte kein Bit mehr… 😉

Ein Bekannter erzählt, es habe eine Zeit gegeben, als in den Speisewagen noch frische Speisen zubereitet wurden. Im Gegensatz zur heutigen Mikrowellengeschichte. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber schön wärs schon, wenn da wieder mal mehr ❤️ auf die Strecke käme.

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