Was quöllt denn da so frisch und zart im güldnen Herbst?

Was quöllt denn da so frisch und zart im güldnen Herbst?

Quöllfrisch unterwegs auf Château du Crest in Jussy GE

Jussy liegt im Kanton Genf an der französischen Grenze. Auf der dortigen Domaine du Crest hat Pächter Josef Meyer Anfang Oktober 2018 rund 6,2 Hektaren Braugerste für die Brauerei Locher angesät.

Hätte ich doch den Stromer Quölli mitgenommen, um von Genf nach Jussy zu reiten! Denn Genf ist nicht nur auffallend Multikulti, sondern auch jedesmal verkehrstechnisch verwirrend. Wenigstens für mich. Und das liegt nicht an meinem viel zuwenig gebrauchten Rudimentär-Französisch. Nein, beispielsweise sind die Bushaltestellen höchst eigenartig rund um den Bahnhof verzettelt. Vermutlich aus Platzmangel. Ich finde den meinen, die Nummer 6, nach mehreren Minuten Schnitzeljagd und Pfadfindertum unter einer ungastlichen Zugunterführung.

Ah, endlich richtig. Denkste! Falsche Richtung.

Es scheint nur eine Richtung zu geben und schon ist es die falsche. Die unsichtbare Meine-Richtungs-Station wäre weiter oben gewesen. Also nach einigen Stationen – es dauert, bis ichs realisiere – zurück auf Feld Eins und mit dem nächsten Sechser retour zum Bahnof. Eine Bus-Werbung zwischen Kopftüchern und Turbanen erinnert mich an allmächtige saudische Prinzen, Genfer Bundesratskandidaten und spesenreitende Politiker*innen, die sich in die Wüste schicken liessen: Cabaret Orientale, verheissts da Tausend-und-eine-sapperlot-verführerische-Nacht-mässig.

Mit immergrünen Pflanzensujets getarnte Elektrokästen, mit immergrünen Pflanzen überwachsene Betonmauern: Es lebe die künstliche Natur, die auf erdölreichen Sanddünen im Orient noch viel tollere Blüten – wie Skihallen – treibt.

Die Suche nach Bus 25 gestaltet sich wesentlich einfacher. Durchs Fenster entdecke ich mit Pflanzenbildern verkleidete Elektrokästen. Ils sont fous, les Welsches! Ein bisschen Asterix muss sein, gell. In Thônex umsteigen. Da war ich doch auch schon mal, hm, ah, ja: im Hauptsitz von Caran d’Âche. Und weils damals auch so kompliziert und zeitlich knapp war, liessen wir uns im Taxi hinchauffieren. Auf Spesen der Credit Suisse. Unterstünde ich dem VBS hätte ich Dübendorf einfach einen Super Puma für bundesintern veranschlagte 10’900 Franken pro Flugstunde bestiegen, um mich standesgemäss superwichtig aufs Château fliegen zu lassen. Gegenüber einem Düsenjet liefe das immer noch unter Slow up. Aber als verantwortungsbewusster Blogger in der Privatwirtschaft unterstütze ich knüppelhart den ÖV und steige nun im Gjät von Thônex um auf Bus C. Einfach zu finden, aber auch eine irgendwie gspässige Umsteigestation. Kaum Platz genommen, fährt der Bus gar drei Minuten zu früh los, was mich erneut verunsichert. Der Fahrer bestätigt das Ziel Jussy. Und er weist mich zum Glück rechtzeitig darauf hin, dass die Station «Jussy, Château» nicht zum von mir anvisierten Schloss führe. Ich muss zwei Stationen früher raus. Salut, les copains!

Wie aus Tausendundeiner Nacht: Das Château du Crest ist seit dem 17. Jahrhundert im Besitz der Familie Micheli. Die Besitzerfamilie war grad anwesend.

Ich lese im Heft XIX «Die Burgen und Schlösser der Schweiz. Kanton Genf.» aus dem Jahr 1948, dass der Hugenottenführer und Dichter Agrippa d’Aubigné 1620 die Ruinen des Château du Crest gekauft habe und gegen den Willen der Genfer statt eines einfachen «Hauses als Schutz vor Räubern und Mördern» wieder einen befestigten «Wohnturm mit Seitentürmen und Wällen hinter einem tiefen Graben und einer mächtigen Zugbrücke» gebaut habe. Dabei sei er fast umgekommen wie er in seinen Memoiren filmreif erzählt (Belmonde hätte seine Freude): Aus Leidenschaft für meinen Bau erstieg ich auf einem Gerüst das fünfte Stockwerk, um meine Arbeiter bei ihrem Werke zu beobachten. Dieses Gerüst begann plötzlich unter meinen Füssen zu wanken. Glücklicherweise vermochte ich, mit einer zweimal verwundeten Hand mich an einem kleinen Steine festzuklammern; trotzdem er erst frisch eingemauert war, diente er mir solange als Halt, bis meine Leute mich aus dieser gefährlichen Lage befreien konnten.» Glück gha. Um die Genfer wegen seines Baus zu versöhnen, habe er ein Gerät erfunden, das im Falle einer Belagerung ihrer Stadt helfen sollte. Allerdings wird da der Text derart kryptisch unverständlich, dass man wahrscheinlich dieses Gerät braucht, um zu verstehen, was genau der findige Adlige da konstruiert haben soll. Einen Horchapparat, vermutet der Autor. Einige Jahre nach dem Tod d’Aubignés (1630) kaufte die heutige Besitzerfamilie Micheli das Château. Ein Tüftler im 17. Jahrhundert als Besitzer und Erbauer, ein Tüftler als Pächter und Bewirtschafter im 21. Jahrhundert. Das passt.

Stich des Château du Crest aus dem 19. Jahrhundert.

Ich sags ja längst: Quöllfrisch unterwegs kennt weder Grenzen noch Mauern noch Rösti- und andere Gräben. «Du glaubst nicht, wieviel Beizen in Genf Appenzeller Bier führen», sagt Josef Meyer im Aufenthaltsraum der Domaine du Crest zum erstaunten Blogger. Er selber sei kein Biertrinker, seine Frau Stefanie hingegen schon. Darum kommt sie fürs Foto später auch mit zum zartgrün spriessenden Braugerstenfeld. Auch der Basset Lord ist dabei. «Bis im März läuft nun nichts mehr», sagt Josef Meyer. «Du musst dann im Mai noch einmal kommen, um ein Foto zu machen, wenn die Gerstenpflanzen Ähri schieben. Und natürlich zur Ernte.» Klar, im Moment ist ja wirklich nicht viel zu sehen, ausser einem saftig grünen Flaum. Die Sprossen der Wintergerste seien optimal gewachsen und dürften den Winter gut überstehen. Gefährlich könne vor allem Nässe werden und damit verbundene Krankheiten.

Genau richtig sei die Braugerste jetzt, sagt Josef Meyer am 8. November 2018 in seinem für die Brauerei Locher angesäten Braugerstenfeld. Seine Frau Stefanie trinkt gern Bier, der Basset Lord hält brav still, konzentriert sich aber wenig aufs Fotografiertwerden.

Dass Appenzeller Bier schon viele Jahre in Zürich fliesst, weiss ich aus eigener Erfahrung. Zum Beispiel in der Kulturbeiz el Lokal. Und eine Tour mit Aussendienstmann Bruno Prina hat uns ja schon an einige andere Stadtzürcher Quöllfrischquellen geführt. Aber in Genf? Na gut, stimmt: Calvinus Blanche und Calvinus Blonde klingt ja schon nach UNO-Cité de Genève. Und ich bin natürlich so selten dort, dass mir ein  einheimischer Weinbauer erklären muss, wo Calvin das Bier holt. Stimmt so auch wieder nicht ganz: Der geborene Luzerner Josef Meyer ist ja nicht nur Weinbauer, sondern ein innovativer Agro-Unternehmer mit rund 20 Festangestellten. «Ich bringe die Ideen und meine Mitarbeiter setzen sie dann um. Man muss immer flexibel sein.»

Hier stehen grössere Kaliber von Landwirtschaftsmaschinen: Leo Meier zeigt mir auf einem kurzen Betriebsrundgang diejenigen, die im Moment pausieren.
Dieser Mähdrescher wird dann wohl die Genf-Appenzellerische Braugerste ernten. Der wäre für die Bergbraugerste tatsächlich einiges zu gross.

Die Domaine du Crest gehört zu den grössten Landwirtschaftsbetrieben der Schweiz: Weinanbau inklusive Eigenkelterung und Direktverkauf; Ackerbau; Heuproduktion; 600 Schweine; Futterproduktion; Waldpflege; Einstreu- und Mistservice für rund 500 Pferde der Region; Getreidelager (6000 – 8000 Tonnen); Kompostservice; diverse Lohnarbeiten und vieles mehr. Meyer optimiert seine Geschäfte ebenso laufend wie seinen Maschinenpark und bringt Innovationen auf Kurs, um alle Rädchen im Betriebsgetriebe möglichst perfekt ineinander greifen zu lassen. So konnte er mit seinem Team auch das Rennen um die Grünlandpflege des Flugplatzes Genève-Aéroport immer wieder für sich entscheiden: Heute mäht sein Team die 130 Hektaren in einer konzertierten Tag-Nacht-Aktion innerhalb von 24 Stunden. Am Ende darf kein die Düsentriebwerke gefährdendes Gras mehr herumliegen.

Blick übers Land: Die Hasenskulptur im Schlosspark wirkt beinahe so dynamisch, tänzerisch und doch gut geerdet wie der Pächter der Domaine du Crest.

Eigentlich wollte Josef Meyer mit 23 Jahren nur mal richtig Französisch lernen. Vier Jahre später wurde er Betriebsleiter auf dem Gutsbetrieb des Château du Crest, dessen Pächter er heute ist. Er bewirtschaftet seine Domaine nun schon seit sagenhaften 33 Jahren. Da kann man wohl untertriebenerweise von gelungener Integration sprechen. Immerhin amtet Josef Meyer auch noch als Gemeindepräsident des 1300-Seelendorfs Jussy, wo man sich noch kennt. So spricht er mit allen und jedem. Zudem ist er Präsident der Schweizer Zuckenrübenanbauer und als Mitglied der Landwirtschaftskammer im Vorstand des Schweizer Bauernverbandes. Trotz allem findet er noch Zeit für ein Gespräch im Aufenthaltsraum.

Drei Flaggen, v.l.n.r.: Genf, Schweiz, Jussy. Ob wohl bald auch der Appenzeller Bär hier hängt?

Wie kommt die Brauerei Locher auf Josef Meyer? Da sei einerseits der gute Bierverkäufer in Genf dran Schuld, den er kenne; andererseits habe man gegenseitig schon die Betriebe besichtigt. Beide Seiten waren von der Innovationskraft des andern beeindruckt. Dieses Jahr habe man nun mit der Zusammenarbeit begonnen. Appenzeller Bier fördert ja den Anbau von Schweizer Braugerste schon länger und kauft nach Möglichkeit auch solche ein. Trotz höherem Preis. Und nicht nur, aber auch in den Bergbaugebieten, die den Ausschlag für Quöllfrisch unterwegs gaben. Es geht um Schweizer Qualität und die aktive Förderung der lebendigen Vielfalt einer nachhaltigen Schweizer Landwirtschaft.

Vor den Toiletten verharrt der arme Zwerg von Plonk & Replonk wohl dauerhaft im Betonwürfel. Oder arbeitet er sich grad aus seiner misslichen Lage heraus? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Meyer ist überzeugt, dass Erfolg immer auf Teamwork basiert. Wenn Karl Locher so eine tolle Brauerei aufgebaut habe, dann könne sein, also Meyers, Betrieb durch eine Zusammenarbeit profitieren. «Wenn Karl Locher Erfolg hat, hat auch Josef Meyer Erfolg und umgekehrt. Verkauft er hingegen kein Bier, kann er mir auch keine Braugerste abkaufen. So einfach ist das. Punkt. Allerdings hat mich meine Frau gerüffelt, dass ich den Vertrag unterschrieben habe, ohne die Lieferung von Gratisbier zu vereinbaren.» Er lacht, fährt aber gleich ernsthaft weiter: Als McDonalds Schweiz auf ihn zugekommen sei, um das hier verkaufte Burgerbrot aus Schweizer Weizen zu backen, habe er als Schweizer Bauer sofort mitgemacht. Die Genfer seien dann etwas irritiert gewesen, als er rund zwei Jahre auf McDonalds-Werbeplakaten gelächelt habe. Aber das sei doch besser als Weizenimporte aus Kanada. Man müsse offen sein für solche Geschichten und das Gute darin sehen.

Viel ist noch nicht zu sehen, von der Wintergerste, aber das sei perfekt. Und im Mai sollten diese zarten Pflänzchen dann Ähren schieben.

Beim Espresso, den Josef Meyer und ich ohne Alles geniessen, frage ich den Zuckerrübenpräsidenten natürlich auch, ob wahr sei, was man im Runggelnmekka Frauenfeld so munkelt. Nämlich, dass Zuckerrüben den Boden auslaugen würden. Da habe ich wohl in ein Wespennest gestochen. Sofort ist Josef Meyer im Element: «Wer verbreitet solchen Unsinn? Wenn wir davon reden, die Welt oder bei gestörter Zufuhr die Schweiz zu ernähren, dann müssten wir ganz viele Zuckerrüben anbauen. Die Zuckerrübe ist die Ackerfrucht, die am meisten Energie pro Hektare produziert. Durch ihre tiefgreifenden Wurzeln holt sie Nährstoffe, wo andere Pflanzen nie hinkommen. Das hat gar nichts mit Auslaugen zu tun. Aber einen Nachteil hat die Zuckerrübe: Wenn du einen nassen Herbst hast und die 60 bis 100 Tonnen Rüben pro Hektare mit den schweren Maschinen rausholen musst – der Bodendruck. Dieses Jahr ist das aber kein Problem.»

Im Moment steht der Zuckerrübenanbau schweizweit arg unter Beschuss. Das berichtet auch die NZZ am Sonntag vom 18. November 2018: «Zank um Schweizer Zucker». Joseph Meyer erklärt mir im Detail, woran der von der EU abhängige Schweizer Zuckerrübenanbau leide. Es gehe letztlich um die existenzielle Frage, ob man in der Schweiz überhaupt noch eigenen Zucker anbauen wolle. Und im Falle einer – unvorstellbar für Nichtkriegskinder! –  Hungersnot wäre wohl auch ich froh, könnte ich den Espresso mit vier Löffeln Zucker trinken, um den beissenden Hunger zu bekämpfen. Dann hoffen wir doch, dass der Bundesrat Ende November den richtigen Entscheid fällen wird. Der Präsident der Zuckenrübenbauern ist guten Mutes. On verra.

Der frisch eingeweihte Weinkeller des Château du Crest im richtigen Licht.

Wir degustieren noch einige Weine des Gutes, wobei Josef Meyer immer erst probieren und darüber reden lässt, bevor er verrät, um welchen Tropfen es sich handelt. Er liebt das Assemblieren, also das Verheiraten verschiedener Traubensorten in harmonischem Verhältnis. Es sei immer ein ganz besonderer Anlass, das richtige Verhältnis herauszufinden. Das geschieht vor der Abfüllung in Flaschen und muss bei jedem Jahrgang in einer Blinddegustation neu bestimmt werden.

Neuer Wein in neuen Fässern.

Zirka um 16 Uhr muss das Pächterpaar los, um auf dem Degustationsschiff in Genf die eigenen Weine zu präsentieren. Das machen sie tatsächlich noch selber – das harte, aber auch herzliche Brot des Direktverkaufs. Auch Lord kommt mit, lässt sich von einer Standnachbarin rundum verwöhnen und liegt dann seelenruhig zwischen Stand und Schiffswand. Er sei übrigens eben erst kastriert worden, der Arme. Ich beobachte bei einem Glas fein perlendem Blanc de Blancs das Aufkommen der Besucherzahl und wie Josef Meyer ausschenkt und geduldig Auskunft gibt. Dann probiere ich noch den sortenreinen Merlot 2017 und den Malbec des gleichen Jahrgangs, die mir persönlich sehr munden. Neben mir wird munter Wein ausgespuckt.

Ein Weinschiff am Horizont: Auf zu neuen Taten!

Es wird Zeit, den Rückweg über den inexistenten Röstigraben zu machen. Ich erkundige ich mich nach dem Weg zum Bahnhof. Das sei ganz simpel und wenn ich zügig losschreite, schaffe ich es locker in zehn Minuten, meinen die beiden. Ich verabschiede mich. Und tatsächlich: Immer der Nase nach finde ich vom Schiff lockerleicht zum Bahnhof, um den weiten Weg zurück nach Zürich im Speiswagen abzuhocken. Salut, les copains, nous nous reverrons au mai de l’année prochaine!

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