Humpencurling, Rudelschnupf & Hopfenzapfen – Teil 2: Der Hopfentropfen-Hof

Humpencurling, Rudelschnupf & Hopfenzapfen – Teil 2: Der Hopfentropfen-Hof

Quöllfrisch unterwegs bei Hopfentropfen in Unterstammheim

Brigitte Reutimann schreibt kurz vor Ostern: «Die ersten Hopfen sind übrigens geschnitten und auch 1ha Drähte hängen bereits. Wenn alles normal läuft und das Wetter endlich wärmer wird, möchten wir nach Ostern die Hopfen im neuen Garten pflanzen.»

Das Wetter wurde dann erst mal kälter. Und an Ostern mussten die Staulustigen am Gotthard sich mit Schneeräumungsmaschinen rumschlagen. Aber zurück nach Unterstammheim. Von der Rudelschnupfmaschine bis zu Bodylotion und Zahnpasta: Brigitte und Markus Reutimann leben mit ihrem Hauptprodukt, dem Hopfen. Man spürt die Liebe zu dieser Pflanze, zu ihrem Hof und zu ihrer Arbeit, wenn sie davon erzählen. Aus dieser Leidenschaft entstanden unzählige Produkte, die Hopfen enthalten oder mit ihm zu tun haben. 

Sieht unspektakulär aus, dahinter aber sprudeln die Ideen: Der Hopfentropfen-Hof aus der Sicht des einfahrenden Quöllfrisch unterwegs-Bloggers.

Beim Staunen über die unglaubliche Vielfalt der Hopfenanwendungen, wird einem auch bewusst, wie eindimensional wir der Welt oft begegnen. Das Digitale machts nicht besser. Im Gegenteil. Wenn im Hopfen derart viele Möglichkeiten und Kräfte stecken, dann ist das in vielen andern Gewächsen auch so. Von der Brennessel wissen wirs eigentlich auch schon lange, trotzdem erlebt dieses Un- und Heilkraut jetzt erst ein eigentliches Revival in Form von Brennesselspinat und -suppen, aber auch in Pflegeprodukten. Auch ausserhalb der Traditionen wie Gründonnerstag, wo mancherorts nur grüne Speisen gegessen werden. Darunter besagte Brennesselgerichte. Ein weiteres Beispiel ist natürlich auch die mit dem Hopfen verwandte Hanfpflanze. Wir haben fast so viel verlernt wie das Kind, das zu wissen glaubt, die Milch komme aus dem TetraPac und nicht von der Kuh. Zum Glück gibt es wieder mehr Kleinbetriebe, die wohltuend – und erfolgreich – gegen diese kulturelle Verarmung ankämpfen. Denn ich persönlich glaube nicht, dass die Zukunft der Welternährung in den Gift und Monotonie versprühenden Riesenfarmen liegt, sondern bei den kleinen Feinen und Vielfältigen.

Der Hopfentropfen-Hofladen.

Dank einer Schnapsidee konnte der Hopfentropfen-Hof das Riff der tiefen Hopfenpreise und damit den Schiffbruch umschiffen: Der Stammheimer Hopfentropfen, eine Likörspezialität, war die Initialzündung zu weiteren Produkten und Ideen, um das Überleben mit dem Hopfenanbau zu meistern. Aus der Neugier der vorbeiradelnden und -wandernden Menschen entstand bald der Hopfenlehrpfad. Eines folgte dem andern. Man holte die Menschen zu sich auf den Hof und damit das Leben. Der anhaltende Erfolg gibt den Hopfentropfern mehr als recht.

Der Blogger unter Beobachtung beim Hopfenlehrpfad.

Teilweise stellen Brigitte und Markus Reutimann ihre Spezialitäten auf dem Hof her, teilweise suchen sie Kooperationen mit spezialisierten Unternehmen. Dabei helfen die beiden Söhne Christoph und Thomas sowie ein kleines Team von Festangestellten und ein grösseres von sporadisch Einspringenden. Auch ich werde bei meinem Besuch verpflichtet, Ende April einen Tag mit anzupacken. Ich werde euch davon berichten und spüre es schon jetzt in allen Knochen. Stöhn! Achz! Seufz! Aber: Ich freu mich drauf – jetzt noch.

Die Hopfentropfen-Family:

  • Markus, das Marketing-Genie, liebt eine volle Agenda und verliert sein Hopfen- und Malzwissen gerne an möglichst viele Menschen.
  • Brigitte ist die gute Seele des Hofs und Multitaskerin im Hintergrund.
  • Thomas ist als gelernter Landwirt für die Landwirtschaft zuständig.
  • Christoph kanns als gelernter Handelsfachmann gut mit den Gästen und weiss als Biersommelier sehr viel über die verschiedenen Biersorten zu erzählen.
  • Friedi, das Grosi, arbeitet noch im Hintergrund und füllt vor allem Pralinés ab.
  • Die Küchenfeen heissen Sonja, Franziska, Gertrud, Jolanda und Käthi.
  • Jeanette, die schnelle Frau im Service, lässt sich auch von grossen Gruppen nicht aus der Ruhe bringen.
  • Jedes Jahr gehört ein Landwirtschaftslehrling zur Grossfamilie.
  • Emil, der Nachbar, ist ebenfalls Hopfenbauer und führt Gäste durch den Hopfengarten.
  • Viele Schüler*innen und Student*innen.
Landart Hopfengarten vor dem grossen Wachstumsrausch: Ein bisschen wie Walter de Marias
«The Lightning Field» in New Mexico. Die mehrjährigen Hopfenpflanzenstöcke können bis zu 50 Jahre alte werden.

Mit dem Hopfenanbau begonnen hat schon Grossvater Reutimann. Bis im letzten Jahr hätten sie hier in der Ebene des Stammertals nebst dem gemischten Ackerbau auch noch Weidemast betrieben, erzählt Markus. An Tieren verblieben nur noch drei Ziegen und vier Katzen. Auf dem Betrieb mit rund 34 ha Ackerfläche sowie 4.5 ha Wald werden Hopfen, Braugerste, sonstiges Getreide, Mais, Konservenerbsen, Zuckerrüben, Sonnenblumen, Kunst- und Naturwiesen und Reben angebaut und bewirtschaftet. Der Sturm – eine Superzelle, wie es heisst – fegte anfang August 2017 Teile des einen Hopfengartens nieder und hob die angrenzende Scheune als Ganzes regelrecht aus den Angeln und Fugen. Teile des Dachs fehlen. Sie muss abgerissen werden und weicht einem flacheren Neubau.

Ein Teil des Dachs ist weg, die ganze Konstruktion wurde durch den Auguststurm aus den Fugen gehoben und unbrauchbar gemacht.
Markus Reutimann beim Erklären seiner 6-plätzigen Rudelschnupf-Maschine der Marke Eigenbau. Der Schnupftabak wird vom Löffel direkt und bei allen sechs Nasen gleichzeitig in die Nasenlöcher katapultiert.

Markus Reutimann zeigt mir die verschiedenen Räume, in denen er – nach dem Motto «Erleben & Geniessen» – interessierten Gruppen in diversen Kursen und Seminaren sein Hopfen- und Malzwissen vermittelt. Die Räume können auch für Familien-, Firmen- und andere Gruppenanlässe gemietet werden. Mit Verpflegung. Am Tag nach meinem Besuch wussten mindestens drei Bekannte sofort, wovon ich spreche, weil sie den Hof mit irgendeiner Gruppe kennengelernt haben. Nebst dem Schaubrauen und der Wissensvermittlung gehören auch Gesellschaftsspiele zu den Events, wie Humpen-Curling oder das im Titel erwähnte Rudelschnupfen zu sechst. Der schweizerisch-englische Hopfenschnupftabak – ein hofeigenes Produkt – besteche «durch seine aromatisch-herbe Note», lese ich in der Hofzeitung. Die sei zwar nicht mehr ganz aktuell, aber eine neue ist in Arbeit und erscheint diesen Sommer. Es gibt auch einen speziellen Hopfenschnupfkrug bzw. ein Hopfenschnupfset: Im Krug das Bier, am Henkel die beiden Vertiefungen für das präzise Platzieren der Schnupfportionen. Prusten und Prosten. Ich muss schon niesen, wenn ich dran denke.

Die Humpen-Curling-Anlage ist noch nicht ganz olympiareif – aber umso lustiger das Spiel, bei dem Doping mit Hopfenprodukten erlaubt ist. Die Teilnehmer*innen jedenfalls laufen zur Höchstform auf.

Trotz Bewölkung habe ich einen guten Tag erwischt für den Hopfentropfen-Hofbesuch. Aber wenn alles wächst und sprosst und blüht und die Gruppen von unterschiedlichsten Menschen hier in der Whisky-Lounge den hofeigenen Stammheimer Single Malt und andere schöne Tropfen verkosten oder den hiesigen Wein Stammheimer Rivaner, beim Schaubrauen mitmachen, in Gruppen eine Bier-Olympiade bestreiten, heiraten oder einen Firmenseminar abhalten, lebt das dann wohl schon ziemlich anders. Vor dem Mittag kommen noch vier Wandererinnen in den Laden, die eine Hopfenpflanze kaufen wollen. Hopfen eignet sich nämlich auch hervorragend als Zierranken in Gärten und auf Balkons und Terrassen. Was sonst noch im vielfältigen Hopfen steckt, folgt im dritten Teil dieser Hopfentropfen-Reportage.

Zu guter Letzt:

Demnächst: Humpencurling, Rudelschnupf & Hopfenzapfen – Teil 3: Grünes Gold

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