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Hölle, Paradies & sackstarke Frauen

Quöllfrisch unterwegs im Oberhalbstein

Wieder im Sattel – von Tiefencastel durch 250 Meter Höllenloch im Stein-Stein ins oberhalb liegende Bergparadies Surses. Die Genossenschaft Gran Alpin feiert den Dreissigsten.

30 Jahre und so richtig im Schuss: Happy Birthday, Gran Alpin!

In Tiefencastel befindet sich die Zentrale der Genossenschaft Gran Alpin. Zu ihr gehören die Bündner Bergbauern, die auf ihren biologisch bewirtschafteten Betrieben Getreide anbauen. Heute produzieren an die 90 Bio-Betriebe etwa 500 Tonnen Weizen, Roggen, Speisegerste, Braugerste, Dinkel (Urdinkelsorten), Nackthafer und Buchweizen. Tendenz steigend. Anbaugebiete sind Albula/Surses, Domleschg/Heinzenberg, Schams, Engadin, Val Müstair, Puschlav, Prättigau und Surselva. Anhand einer eindrücklichen Feldbegehung am 4. August 2017 mit den BeraterInnen von Gran Alpin werde ich im Münstertal erfahren, dass dort an diesem Morgen der Wolf zum ersten Mal gesehen wurde. Es sei nicht lustig, vom Wolf zerfleischte Tiere zusammenlesen zu müssen, höre ich mehrfach. Im Jahr 2016 seien insgesamt ca. 380 Nutztiere von Wölfen gerissen worden, das macht durchschnittlich rund ein Tier pro Tag. Eine beachtliche Zahl.

Dem Tier M75 (Männchen Nummer 75) wurden in den Kantonen Tessin, Graubünden, St. Gallen, Thurgau und Zürich – trotz Herdenschutz – über 50 Risse nachgewiesen. M75 gilt als eher selten auftretender Problemwolf, der Weidezäune überspringt und in einem Fall sogar in einen Stall eingedrungen sei. Auch Appenzell Ausserrhoden habe eine Abschussbewilligung ausgesprochen, die schon wieder verfallen sei. Und das schlaue Tier sei längst über alle Berge wahrscheinlich nach Süddeutschland abgehauen. Trotz einzelner Abschüsse gebe es hierzulande möglicherweise bereits rund 60 Wölfe. Pro Natura schreibt: „Grundsätzlich kann und muss in der ganzen Schweiz jederzeit mit dem Auftauchen von Wölfen gerechnet werden!“

Auf Radio DRS fordert Reinhard Schnidrig, der oberste Wildhüter des Bundes, in einem hörenswerten Interview eine Revision des Jagdgesetzes. Dem Wolf gehe es gut in der Schweiz. Wir hätten aber in den Jahren ohne Wolf verlernt, die Herden zu schützen. Das Zusammenleben mit dem Wolf – der zur hiesigen Fauna gehöre und sich normalerweise von Wildtieren ernähre und damit einen wichtigen Beitrag zum Ökosystem leiste – sei aber durchaus sinnvoll und möglich und müsse nun halt wieder erlernt werden. Künftig sollen „nicht nur Wölfe geschossen werden dürfen, die wie M75 grossen Schaden anrichten, sondern auch Abschüsse erlaubt werden, um den Bestand zu regulieren, zum Beispiel, wenn die Wölfe Rudel bilden.“ Der freie und wilde Wolf ist also in unserer kultivierten Wirklichkeit zurück und wird weiter rundum für hitzige Diskussionen und Aufruhr sorgen. Obwohl die scheuen Tiere fast niemand zu sehen bekommt. Am 23. August 2017 bringt die Tagesschau die Nachricht: „Weniger Schutz für den Wolf. Der Bundesrat schlägt dem Europarat vor, die Berner Konvention entsprechend zu ändern. Der Schutzstatus des Wolfes soll von ‚Streng geschützt‘ auf ‚Geschützt‘ zurückgestuft werden. Der Wolf könnte damit gleich behandelt werden wie etwa der Steinbock oder der Luchs.“ Auf den Steinbock kommen wir später noch zurück.

Wir beenden unser Wolfskapitel mit den Märchenbrüdern Grimm. Und zwar mit dem Schluss der Fabel „Der Wolf und der Fuchs“, in dem der Fuchs dem Wolf erzählt, kein Tier könnte der Stärke des Menschen widerstehen; das glaubt der Wolf nicht und fordert einen Menschen heraus. Unter Geheul läuft er zum Fuchs zurück: „Nun, Bruder Wolf“, sprach der Fuchs, „wie bist du mit dem Menschen fertig geworden?“ „Ach“, antwortete der Wolf, „so habe ich mir die Stärke des Menschen nicht vorgestellt, erst nahm er einen Stock von der Schulter und blies hinein, da flog mir etwas ins Gesicht, das hat mich ganz entsetzlich gekitzelt; danach pustete er noch einmal in den Stock, da flog mirs um die Nase wie Blitz und Hagelwetter, und wie ich ganz nah war, da zog er eine blanke Rippe aus dem Leib, damit hat er so auf mich losgeschlagen, dass ich beinah tot wär liegengeblieben.“ „Siehst du“, sprach der Fuchs, „was du für ein Prahlhans bist: du wirfst das Beil so weit, dass du’s nicht wieder holen kannst.“

Graubünden – uralte Traditionen versus modern Times

Die Bio-Gerstenbauern und ihre Höfe und Felder sind die eigentlichen Ziele meiner Bündner Blog-Trips mit und ohne Quöllfrisch-Bike. 2003 wurde neben anderem Getreide erstmals Braugerste angebaut für die Herstellung des lokalen Gran Alpin-Biers, das von der Brauerei Locher gebraut wird. Diese ist heute der grösste Abnehmer der hochalpinen Bio-Braugerste. Jeder Bauer soll mit seinem Hof und seinen Produkten und Angeboten vorgestellt werden. Im Moment sind es über 30 Höfe, die in mehreren Regionen Graubündens den höchstgelegenen Gerstenanbau Europas betreiben – zwischen 1000 und 1600 m.ü.Meer. Weil manche Bauern wieder damit aufhören oder aufgrund der Fruchtfolge nach zwei Getreidejahren wieder Wiese ansähen müssen oder einfach ein anderes Getreide anbauen, wechseln auch die Betriebe mit Braugerste immer wieder.

Als ich einige Tage nach der ersten Ankunft in Tiefencastel Maria Egenolf besuche, die Geschäftsführerin und Seele von Gran Alpin, muss sie grad 10 Kisten Gran Alpin-Bier an den Volg in Savognin ausliefern. Sie hat also keine Zeit für ein ruhiges Gespräch. Wie so viele hier oben. Immer haben sie zu tun. Das Leben ist Arbeit und die muss erledigt werden. Kunden wünschen prompten Service. Das Wetter wartet nicht. Die Tiere auch nicht. Und es braucht in den Bündner Bergen für alles einen Weg. Maria Egenolf liefert einen grossen Teil der bestellten Waren selber aus – nebst all der andern anfallenden Tätigkeiten. Mit 1.6 Vollzeitstellen ist Gran Alpin personalmässig nicht gerade überdotiert. Im Gegenteil. Immerhin habe sie inzwischen einen Geschäftslieferwagen zur Verfügung.

Während der Fahrt gehen weitere Bestellungen ein. Bei einem Abstecher ins Lager sehe ich mit eigenen Augen, was ich zuhause noch als Witz aussprach: Maria Egenolf packt rund 600 kg Getreidesäcke eigenhändig in ihren Lieferwagen. „Andere müssen für ihr Training ins Fitness-Center. Ich stemme täglich unzählige 25kg-Säcke“, meint sie lachend. Auch die Harasse für den Volg lädt sie eigenhändig aus. Die über die prompte Express-Lieferung ganz glückliche Filialleiterin sagt, der ungefilterte Bio-Gerstensaft sei sehr beliebt hier im Land der Steinböcke.

Frauenpower in Savognin: Maria Egenolf, Geschäftsführerin der Genossenschaft Gran Alpin, liefert zehn Kisten Gran Alpin-Bier an die Volg-Filiale.
Einige Produkte von Gran Alpin.
Und ein selbstgemachter Butterzopf nach Mutters und damit wahrscheinlich Grossmutters Rezept aus dem Gran Alpin-Zopfmehl. Die Gran Alpin-Zopfmehl-Mischung werde ich später ausprobieren. Mmhh, gar kein alter Zopf!
Maria Egenolf beim täglichen Training – workout im wahrsten Sinn des neudeutschen Wortes. Alle 25kg-Säcke auf der Rampe müssen in den Lieferwagen.

A propos Steinböcke: Alle heute lebenden Exemplare des Bündner Wappentiers sind eigentlich eingebürgerte Italo-Schweizer. Der Steinbock wurde vom Menschen im Alpenraum nämlich Mitte des 17. Jahrhunderts bis auf 100 italienische Tiere rübis und stübis ausgerottet. Der italienische König Viktor Emmanuel III. verbot zudem deren Export aus seinem Jagdrevier Gran Paradiso. So wurde in den 1906er ein Wilderer aus dem Aostatal damit beauftragt, drei Tiere illegal über die Grenze in den St. Galler Tierpark Peter und Paul zu schmuggeln. Schon fünf Jahre später konnten die ersten Steinböcke im St. Galler Weisstannental ausgesetzt werden. Ab 1914 erfolgte die Wiederansiedlung in Graubünden. Die heutigen Alpensteinböcke – 2011 waren es über 17’000 in der gesamten Schweiz – stammen also alle von den 100 damals verbliebenen Tieren ab. Wahrscheinlich sogar die beiden Vorzeige-Steinböcke Gian und Giachen aus der Graubünden-Werbung.

Natürlich verpasse ich als Ortsunkundiger, der mit seinem praktisch stromlosen Handy (zuhause sofort Powerbank zulegen und GPS nutzen!) auch keine Karte abrufen kann, die richtige Abzweigung nach Salouf. Der schönere Weg über das zur fusionierten Gemeinde Albula/Alvra gehörende Dörfchen Mon auf der gegenüber liegenden Talseite. Ich werde ihn insgesamt noch einigemale fahren. Er bedeutet weniger bis keine Autos, keine Tunnels und absolut grossartige Aussicht. Nun aber krieche ich mit dröhnenden Brummis, musikbetriebenen Töffwohnmobilen und allem, was schneller kreucht und fleucht als mein Quöllfrisch-Bike, die Julierstrasse hoch. Wie das berühmte Schnäggli im Kinderlied. Und ich kann euch flüstern, die Tunnels sind die Hölle auf Erden. Derjenige durch den Craps Ses – den sagenumwobenen Stein, den wahrscheinlich der Teufel dahin geschmissen hat und der das Tal in ein Unterhalb und ein Oberhalb trennt – misst immerhin 250 unendlich lange Meter. Das Dröhnen selbst von leisen Automotoren ist unerträglicher als als das Geratter in der Magnetresonanzröhre. Ich schwöre, das nächste Mal nach Google Maps zu fahren oder – falls auch die Powerbank den Elektrogeist aufgibt – eine Veloweg-Karte zu benutzen, egal ob wasserfest (s. Quöllfrisch unterwegs – Über Wurzelstock & Stein zur Bergbraugerste) oder nicht. So wahr ich hier radle, entlang dem Tal der gletschermilchigen Julia, die am nach Julius Cäsar benannten Julierpass ihre analoge Quelle hat!

Aha, gut erkannt, Leute, genauso fühle ich mich. Aber nützt diese Werbung? Wenn ja, auch mir?
Pforte zum Paradies auf Erden und der Beweis, dass der Mensch durch Wände gehen bzw. fahren kann: Quöllfrisch-Biker's Hell durch den Crap Ses, den Stein-Stein. Kein Ausweichen, keine Gnade: In der Mitte die Sicherheitslinie, rechts der Bordstein – eine höchst unangenehme Tortur, wenn sich auf deiner Höhe zwei Lastwagen kreuzen. Vom Höllenkrach gar nicht zu reden.
Puhh! Das rabenschwarze Loch am Ende des Tunnels im Rückblick. Die Erleichterung ist so grenzenlos wie der folgende Ausblick auf das sich öffnende Tal: Surses, der Oberhalbstein. Que paradiso! (Ihr müsst euch umdrehen und vorwärts schauen, nicht zurück!)
Der babylonische Holzturm des Festivals Origen auf dem Julier bzw. auf der Werbetafel vor Cunter. Die Anspielung auf die biblischen Sprachwirren gilt wohl auch dem Bündner Logo-Dschungel. In voller Fahrt aus der Hüfte geschossen.
Heute verbreitet sogar dieses offizielle Verkehrsschild Fake News. Aber wahrscheinlich kommt der Stau schon noch, um den heutigen Tag (und mich) Lügen zu strafen. Denn auch Baustellen und orange Umleitungswegweiser gibt es nicht nur im sommerlichen Zürich.

Surses – che paradiso!

Nach dem Tunnel öffnet sich die weite Talebene. Der berühmte Maler des Lichts, Giovanni Segantini, habe beim ersten Anblick ausgerufen: „Che paradiso!“ Das hat schon etwas. Und man möchte hinunter ins Mittelland und in die ganze Welt hinaus rufen: Macht Sommerferien in Surses! Denn trotz Sommerferienbeginn und unzähligen, bestens signalisierten Wander- und Velowegen scheinen nur wenige Touristen hier herauf gefunden zu haben. Natürlich: Wer shoppen will, muss nach St. Moritz. Oder nach Chur. Oder St. Gallen. Oder Zürich. Das geht hier nicht. Es gibt nur das Nötigste und auch davon viel Unnützes. Oder dann die wunderbaren lokalen Spezialitäten im Direktverkauf auf den Bauernhöfen oder in manchen Volg-Filialen und Bioläden. Aber wer Ferien in einem echten Naturparadies machen will, der oder die ist hier richtig, ganz eindeutig.

Man bewirbt denn auch den Parc Ela als grössten Naturpark der Schweiz. Und wer ihn nicht auf eigene Faust erkunden will, kann aus einem bunten Strauss von geführten Wanderungen, Erlebniswochenenden und Kursen wählen, wie Trockenmauern bauen, Steine schleifen, Wochenende auf der Alp oder Survival Experience und vieles mehr. Die App lade ich mir zu spät herunter, denn da gibt es unter anderem die Karten, die mir auf dem Retourweg einige Mühen hätten ersparen können. Aber auch davon später. Und was hätte sie genützt, wenn mich doch der Handy-Akku im entscheidenden Moment wieder im Stich gelassen hätte. Ah, ja, noch was: Wer glaubt, die Bündner seien weniger gastfreundlich als die Menschen im benachbarten Ausland, lasse sich umgehend eines Bessern belehren. Ich habe auf meinen bisherigen Reisen nur sehr freundliche Menschen angetroffen, hier oben im Bündner Krachen. Zudem wird man oft auf sympathische, spontan-bodenständige Art geduzt, selbst wenn man seinerseits tapfer weiter siezt. Viva la Grisha!

Da ist es, Segantinis Paradies: Aussicht auf das offene Bergtal und das EWZ-Staubecken Burvagn auf 1117 m.ü.M.
Riom (rund 1250 m.ü. M.) mit der weitherum sichtbaren Burg, die dem Festival Origen heute als Tanz- und Theater-Spielstätte dient. Weiter oben sieht man Parsonz (rund 1350 m.ü. M.). 1979 fusionierten die beiden Gemeinden zu Riom-Parsonz mit zirka 300 Einwohnern. Auf ihrem Gebiet liegt fast das gesamte Skigebiet von Savognin. Und sogar der soeben durchquerte Tunnel durch den Crap Ses auf der gegenüberliegenden Talseite, wo dieses Foto geknipst wurde.

Demnächst: Quöllfrisch unterwegs – Alpfahrt, Strom & Weltentanz.