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Gret Zellweger – quöllfrische Gegenwarts-Traditions-Kunst

Quöllfrisch unterwegs in Teufen AR

Die in Teufen AR lebende, im April 76 Jahre junge Gret Zellweger hat die Etiketten von zwei Appenzeller Bieren gestaltet: 2014 diejenige des Starkbiers Alpstein Bock (2014) und vor kurzem die für das bernsteinfarbene Amber.

Der Februar endet mit Frühlingsstimmung: Grets Kunstwerkstatt vom Bahnhof her kommend.

Der Frühling putzt den Coronablues fast weg. Noch schmelzen ein paar wenige Schneehaufen im 837 m ü.M. liegenden Teufen. Es ist mir als lang gezogenes Strassendorf in Erinnerung. Aber eigentlich weiss ich nur noch, dass es von St. Gallen her nicht weit ist, mit der Bahn dahin zu gelangen. Darum lasse ich Quölli auch zuhause: Von Zürich zu weit, zu nah aber an der Gallusstadt, um den bekanntlich nicht so barrierefreien E-Bike-Transport auf mich zu nehmen.

Gret Zellweger sagt, sie sei eher nach Innerrhoden orientiert, denn nach St. Gallen. Das liegt wohl auch an ihrer Leidenschaft fürs Bergsteigen; der regelmässig erklommene Säntis ist wohl einer der harmloseren Gipfel. Aber sie habe eine lange Beziehung zum Berggasthaus Alter Säntis und seinen Betreiber*innen. Das zeigt auch ein von ihr gemalter Stammbaum der Bergwirte.

Ein altes Bild des Berggasthauses Alter Säntis hängt im Aufgang zur Wohnung.

Das wahrscheinlich auch zu Normalzeiten eher stille Dorf wirkt im Lockdown noch stiller. Nur wenige Menschen sind unterwegs, die Beizen dunkel und zu, die meisten Läden auch. Auf manchen steht riesig: Wir haben offen. Vor einer Bäckerei drehen knusprige Schweizer Güggeli einsam vor sich hin, der Grillmeister töggelt neben seinem Wagen gelangweilt auf dem Handy rum. Es ist halb zwei, Mittag vorbei; sieht nicht aus wie nach dem grossen Mittagsansturm.

Niemand da, ausser viele knusprige Güggeli. Der Grillmeister vertritt sich grad die Beine an der frischen Luft.

Gret Zellwegers Atelier, das sie Werkstatt bzw. Kunstwerkstatt nennt, liegt nah beim Bahnhof. Da ich noch zu früh bin, setze ich mich nach einer Runde durchs gelockdownte Dorf in der wärmenden Frühlingssonne auf eine Steinstufe. Vor mir plätschert ein Brunnen, die Berge winken im Hintergrund weiss in den diesigblauen Frühlingshimmel. Ein Hahn kräht, solange er noch kann (der Grill ist nicht weit, im Fall, solltest du es mit deinem Gegockle übertreiben!). Ein haariges Bündel Katze nähert sich, um sich neben mir wohlig zu räkeln. «Die macht mir ziemlich zu schaffen, diese Katze», sagt Gret Zellweger als ich in die Werkstatt trete. Einerseits mache sie ihr immer wieder in den Garten. Und sie jage die Vögel. Ja, das Vogelfutterhäuschen, wo sie jeweils lauere, hängt relativ tief.

Der Werkstatteingang befindet sich ebenerdig auf der sonnigen Rückseite des Wohnhauses.
So ganz geheuer war mir das kopfüber gähnende Haarbündel bei seiner Annäherung nicht.

Kunstwerkstatt & Ausstellungsraum

In Grets Kunstwerkstatt nimmt das Schauen und Entdecken kein Ende.

Ich trete also ein in Grets Kreativreich. Hier kann man auch ganz direkt gedruckte Karten, Bilder und Objekte aus ihrer Hand kaufen. Sie ist nicht ganz zwäg, hat schlecht geschlafen. Ein Darmkäfer oder so. Ausgerechnet heute kommen nach wochenlanger Stille mehrere Besucher*innen vorbei. Aber von Hochbetrieb kann man noch lange nicht sprechen.

Bauer + Kühe: Gemälde, Holzdruckstock und Holzdruck-Handabzug desselben Sujets mit einem Text in Bleidruck des Autors Ludwig Hasler.

Seit sie sich vor rund 40 Jahren als Künstlerin selbständig gemacht hat, musste sie nie einer andern Beschäftigung nachgehen, weil das Geld nicht reichte. Irgendwie gab es immer etwas zu tun. Die trotz der heutigen Beeinträchtigung sehr aktiv wirkende Gret scheint sowieso das ganze Leben schon umtriebig gewesen zu sein: Engagement im Gewerbeverband, von 1996 bis 2009 parteiunabhängige Kantonsrätin, in diversen Kommissionen und VR-Mitglied der Genossenschaft OLMA. Immer was los im Leben von Gret Zellweger.

Grets künstlerische Sprache umfasst eine grosse Stilvielfalt.

Auch ihr beruflicher Lebenslauf ist ungewöhnlich. Er zeigt, dass Gret ihre künstlerische Laufbahn mehrheitlich autodidaktisch angegangen ist: Nach einem landwirtschaftlichen Praktikumsjahr in Rheineck und einem Welschlandpraktikum arbeitet sie von 1967 bis Ende 1980 im – wie sie schreibt – Post- und Säntisbahnjob auf der Schwägalp. Berufsbegleitend besucht (und gibt) sie diverse Kreativkurse: in Ornamentik/Möbelmalerei, Druckgrafik, Aktmalerei. Und manchmal haut sie in einem Kurs bei Roland Schmitt auch Teufener Sandstein. Letzteres aber nicht so oft. Auch zwei längere Aufenthalte in den USA haben sie geprägt. 2018 wurde sie als Artist in Residence für vier Monate nach Polen eingeladen.

Tisch, Polster, Malerei, Holzdrucke, Skulpturen – alles unverwechelbares Gret-Werk.

Gret Zellwegers Arbeiten drehen sich immer um lebendige Traditionen. Aber sie will die Darstellungen variieren, nicht einfach das Überlieferte nachmachen. Sie experimentiert mit neuen Arbeits- und Mischtechniken, Schablonen, aber auch Fehlern und erweitert so die Appenzeller Volkskunst um neue Formen und Sujets. Sie will nicht die alte Welt heraufbeschwören, sondern die lebendigen Traditionen als solche abbilden und sie auch in Zukunft lebendig erhalten.

Vom World Wide Web zum analog-ursprünglichen Alpsegen – und erst noch stromsparend.

Gret zeigt mir zuerst ihre permanente Ausstellung mit Bildern und Objekten im umgebauten, zweistöckigen Stallgebäude. Das vorsintflutliche Telefon neben der Treppe ist tatsächlich noch in Betrieb. Der wesentlich neuere, kurzlebigere, ausgediente Computer aber wurde als Kunstobjekt recycelt; ist nun ein Gerät der Energieeffizienzklasse A++++.

Vor dem Fenster ein Teufener Sandstein mit Kuhrelief von Gret Zellweger.

Wir begeben uns in die Werkstatt hinüber, die im ebenerdig von unten zugänglichen Wohnhaus liegt. Auch hier ist alles voll von Bildern und Objekten. Immer entdeckt man Neues; wenn ich wieder gehe, werde ich längst nicht alles gesehen haben. Vorbei am Und da ist ja auch schon die ältere der beiden Etiketten: der Alpstein Bock.

Alpstein Bock, die erste Etikette von Gret Zellweger für die Brauerei Locher (links) mit einer Zwischenstufe (grün) für einen Firmenanlass.

Gret ist aber schon im nächsten Raum, um mir den Holzdruck fürs Amber zu zeigen. Dass sie mir dort noch knallhart Fotos vom offenen Knie während der Operation zum Einsetzen eines künstlichen zeigt, verschweige ich vornehm.

Immer sieht man in Grets Welt noch etwas, das man übersehen hat.

Der Holzschnitt für die Appenzeller Amber-Etikette

Gret Zellweger neben dem Schiefertisch mit den Amber-Utensilien.

Das Appenzeller Amber Bier ist von bernsteingoldener Farbe. Es schmeckt erfrischend nussig-würzig. Im Englischen bedeutet das Wort Amber immer noch Bernstein, was früher auch im Deutschen der Fall war. Das Etikettensujet zeigt einen Köhler auf seinem Köhlerhaufen, dem sogenannten Meiler. Auf ihre Vorbilder angesprochen, nennt Gret die Expressionisten. Wegen der unbändigen Spontanität und der intensiven Farben. Auch die Vertreter*innen dieser Kunstrichtung haben sich intensiv mit der Holzschnitttechnik auseinandergesetzt: Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein, Edvard Munch, Frans Masereel, Emil Nolde, aber auch der St. Galler Ignaz Epper und der mit Kirchner befreundete Hermann Scherer.

Vom ersten Entwurf bis zum fertigen Produkt: Druckstock, Holzdruck, Entwürfe und zwei Flaschen Appenzeller Amber.

Das erinnert mich an den Entlebucher Koch-Alchemisten Stefan Wiesner, der in seiner «Alchemistischen Naturküche» mit Steinen, Moosen, Heu und vielen andern gspässigen Zutaten kocht. Auch mit Aktivkohle, die er von einem Köhler herstellen lässt. Gibts denn überhaupt sonst noch Köhler in der Schweiz? Tatsächlich: Im Napfgebiet (Bramboden und Romoos) finden sich noch elf Orte, wo Holzkohle hergestellt wird. Natürlich hat Gret auch beim Entwurf Zeichenkohle verwendet, bevor sie den Druckstock beschnitzt hat. Davon wurden dann noch mehrere Drucke für die Brauerei abgezogen, die diese als Original an Kunden verschickt hat.

Gret zeigt uns, wie sie den Holzschnitt für die Amber-Etikette geschaffen hat:

¨Ärmel hochkrempeln, damit sie nicht schwarz werden.
Letzte Korrekturen am Druckstock.
Auf einen Stein wird Druckerfarbe regelmässig und dünn aufgetragen.
Die Farbe wird vom Stein auf den Druckstock übertragen.
Das Papier wird mittels alter Holzkelle oder Falzbein möglichst gleichmässig angedrückt.
Der Moment der Wahrheit: Ablösen des Papiers.
Und fertig ist die Etiketten-Vorlage.

75 Monotypien & ein Appenzeller ABC

Am 2. März geht ihre Ausstellung «Gret Zellweger 75» im Zeughaus Teufen wieder auf, die wegen Corona mehrheitlich geschlossen war und nun verlängert wird. 75 Monotypien für 75 Lebensjahre hat sie geschaffen und dort aufgehängt. Es sei ihre erste Ausstellung in Teufen. Im dazu entstandenen Ausstellungskatalag schreibt der Kurator Ulrich Vogt, sie sei sich für Werbeaufträge nicht zu schade, gestalte auch Tischsets und Bieretiketten. Und: In ihren Kreationen verarbeitet sie Gesehenes, Alltägliches und Überliefertes, nutzt daraus Motive und lotet so die Welt aus ihrer Sicht aus. Und lässt uns teilhaben an ihrem Suchen und Versuchen. Es wird immer ein unverwechselbares Gret-Werk.

Grets Appenzeller Alphabet, aus dem ein Memory-Spiel werden soll.

In der Teufener Dorfzeitung Tüüfner Poscht erklärt sie das Monotypie-Verfahren so: «Die Monotypie ist ein Druckverfahren, das eigentlich kein Druckverfahren ist. Von einem ‚Druck‘ kann man nur sprechen, wenn etwas vervielfältigt bzw. kopiert wird. Bei dieser Technik wird zwar von einer Vorlage auf Papier gedruckt, jedes Bild ist aber ein Unikat. Ich habe schon früher Monotypien gemacht und finde sie faszinierend. Alles ist wichtig: das richtige Papier, die passenden Farben, die Technik. Und trotzdem ist es immer spannend zu sehen, was am Schluss dabei rauskommt.»

Zum Schluss präsentiert sie ihr neustes Projekt, das am Boden ausgelegt ist: Ihr persönliches Appenzeller Alphabet. Quadratische Bilder auf Leinwand. Das geht von A = Appenzellerland bis Z = Zipfelchappe. Das B ist der Backseckel (Tabakbeutel). Das Q wurde zu – genau: Quöllfrisch!

Q wie Quöllfrisch.

F für Fidibus hätte ich nie erraten; Fidibus ist der Appenzeller Ausdruck für die alten Aschenbecher mit Zündholzhalter und gerippter Reibfläche zum Entzünden von Schwefelhölzern. Auf dem Tisch steht ein Gret-Fidibus. Die Alphabettafeln sollen später in doppelter Ausgabe als Memory-Spiel gedruckt werden.

Fidibus für F.
Der Gret-Fidibus samt Pfeife auf dem Arbeitstisch.

Ob sie den gerne Bier trinke, frage ich Gret bei einem kleinen Appenzeller Amber mit Rösli am gemütlichen Schiefertisch. Wenn sie besser im Strumpf sei habe sie es schätzen gelernt, dann und wann ein Bierchen zu kredenzen. Da sie ja in Gesellschaft nicht immer Tee trinken könne, habe sie es irgendwann einmal ausprobiert und für gar nicht schlecht befunden. Rösli, die ihre Freundin von Kindesalter her kennt, meint dann nach einer Weile angeregten Diskutierens und Geschichtenauftischens: «So, jetzt lassen wir Gret aber in Ruhe, sie fröstelt.» Gute Besserung und alles Gute, Gret! War ein interessanter Besuch.

Und zum Schluss noch dies:

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