Gian, Uranie & Maya

Gian, Uranie & Maya

Breaking News –  Quöllfrisch unterwegs bei Gaby & Gian Denoth in Tschlin GR

«Bis vor 10 Jahren hätte niemand geglaubt, dass man das in der heutigen Zeit noch einmal zu sehen bekommt», sagt ein Einheimischer. Er meint damit das Pferdepflügen von Gian Denoth im malerischen Tschlin auf rund 1600 m.ü.M.

Im Lot sind ist nur Menschenwerk: Der Bio-Hof von Gaby und Gian Denoth in Tschlin GR, wohl einem der höchsten Anbaugebiete Europas von Brau- und Speisegerste.

Dieses Jahr würden sie aber Speisegerste anbauen, nicht Braugerste, lässt mich Gaby Denoth per Mail wissen. Aber beim Pflügen macht das keinen Unterschied. Gran Alpin berechnet jedes Jahr die voraussichtlich benötigten Mengen und macht mit den Mitgliedern ab, wer was anbaut. Die Brauerei Locher wird also nicht zu kurz kommen. Das Mail erhielt ich zwei Wochen vor meinem Besuch, als noch viel Schnee lag. Der ist so schnell geschmolzen, dass ich sofort alles stehen und liegen lassen musste, um Gian Denoth beim Pflügen mit seinen Kaltblütern Uranie (französisch ausgesprochen: Üranie) und Maya fotografieren zu können.

Manche mögen ihn für einen Unzeitgemässen halten, der einfach Nostalgie betreibt. Ich dagegen halte ihn schon wieder für einen Pionier, einen Vorreiter (obwohl er ja seine Pferde nicht reitet). Er belebt, bewahrt und pflegt ein Wissen, das auch – oder erst recht – in unserer computerisierten Welt alles andere als überholt und nutzlos ist. Im Gegenteil. Es ist ein unbezahlbares Know-how, das ohne Strom funktioniert. Er zieht den Weg des grössern Widerstands demjenigen des geringsten vor. Und er lebt das so konsequent wie den Bio-Anbau in Knospenqualität.

Frisch gerüstet in den Arbeitstag.
Im Postkartenwetter und Pferdetritt gehts zum Ackern.
Rechts noch einer der übriggebliebenen Schneereste. Dieser Winter bescherte dem Dorf eine über eineinhalb Meter hohe Schneedecke, die vor zwei-drei Wochen noch lag. 

Bei der Arbeit im Wald seien die Pferde unglaublich nützlich und  gegenüber Maschinen mit ihrer Wendigkeit im Vorteil. Leider war dieses Jahr durch den vielen und lang liegen bleibenden Schnee nicht viel möglich. Nun sind Uranie und Maya etwas ausser Form. Denn Pflügen bringt auch die stärksten Gäule ins Schwitzen. Zudem hofft Gian Denoth, dass Uranie dieses Jahr wirklich trächtig sei. (Ich habe «schwanger» geschrieben und wurde darauf hingewiesen – danke, Gaby! –, dass Mensch bei Tieren «trächtig» verwende.) Denn 2017 musste er aufgrund einer Art «Scheinschwangerschaft» den Acker maschinell pflügen. Auch Tierarzt und Ultraschall tippten auf Uranies Trächtigkeit. War nichts. Im Moment stehen die Anzeichen auf gut, auch bei den Tests – aber sicher ist erst sicher, wenns sicher ist.

Uranie (im Bild links) ist die Chefin, Maya die noch etwas Unerfahrene.
Mich sieht man nicht, aber auch ich spule Kilometer ab. Sobald der Pflug sich in die Erde gegraben hat, gehts meistens flott zum andern Ackerende. Ein Pferd geht dabei immer in der letzten Furche.

Das Pflügen mit Pferden wirke der Verdichtung des Bodens entgegen. Gerade im Berggebiet an den schrägen und unregelmässigen Hängen bewährten sich die Pferde. Und im Prinzip daure die Arbeit auch gar nicht länger. Aber klar: Der Aufwand ist grösser. Immerhin spult man bei 300 Metern Ackerlänge ganz schön Kilometer ab. Und wenn der Pflug einmal ausgerichtet ist, gehts tempomässig ganz schön voran. Ich immer nebenher wie der Fussballschiedsrichter in Ballnähe. Aber als Sportfotograf wäre ich bös überfordert. Nach einigen Stunden sind Pferde und Menschen müde. Nach jeder Länge lässt Gian die Pferde etwas atmen, diese ziehen sich sofort das erste zarte Grün vor der Schnauze als Powersnack rein.

Ab zur Mittagspause auf dem Hof.
Muskulös ist nicht nur in der Schulterpartie. Ich glaube, das ist Uranie. Beide Pferde sind 11-jährig.
Und wieder zurück zum Gerstenacker.
Die erste Furche nach dem Mittag.

Gian dreht die Pflugscharen, bringt die Pferde und Pflug in Gegenrichtung und weiter gehts. Die Schellen sind das einzige Geräusch, das die Bergesstille durchbricht. Sie sind bei der Arbeit im Wald von Bedeutung, um den andern Fuhrwerken zu signalisieren, dass man die Möglichkeit des Kreuzens nicht verpassen darf. Der Blick ins Tal gibt einem das Gefühl, in wenigen Minuten nach unten rollen zu können. Einmal klingelt Gians Telefon und ein Freund, der ebenfalls mit Pferden angefangen hat zu pflügen, fragt nach Rat. Es sei ein Murks bei ihm. Auch als Gian vor Jahren mit den Pferden begann, hatten weder er noch die Vierbeiner eine Ahnung, wie es geht. Die Lehrjahre waren für das gesamte Trio streng und steinig. Das Schöne ist, dass hier einer leibt und lebt und liebt, was er tut. Der Aufwand ist ihm egal, denn das ist der Preis dafür, dass er in seiner Sache aufmerksam, einfühlsam und präsent bleibt. Die härteren Bedingungen, die sorgfältige Produktion und die über Jahre gesammelten Erfahrungen verhelfen der Gerste zu sehr guter Qualität. Und ganz nebenbei bleibt Gian Denoth dank der gelaufenen Kilometer und dem Pflugkehren ganz ohne Freizeitsport fit. So auch die Pferde.

Der wohlverdiente Powersnack. Wenn sie jetzt das erste Grün fressen, sei das auch ganz gut für die Futterumstellung nach dem Winter.
Aktives Bergbauernleben: Gian muss immer anpacken, aber irgendwie fallen die Zeitverhältnisse aus dem industriellen Zeitverplanen mit klaren Terminen heraus. Diese Arbeit hat also nichts mit dem inhaltsleeren Burnout-Stress vieler heutiger Berufe zu tun.
Wende-Pause.
Auch das muss sein: Frische Pferdeäpfel, die bald untergepflügt werden. Wenn ers kommen sieht, hält Gian Denoth die Pferde an, damit sie in Ruhe ihr Geschäft verrichten können.
The End für mich. Die drei machen noch ein bisschn weiter…

Der Film

Zu guter Letzt:

Ich kann zwar nicht Rumantsch, aber diese wunderbar lakonische Lebensweisheit über der Haustür verstehe ich: GEBOREN WERDEN UND STERBEN IST EINTRETEN UND RAUSGEHEN. Und wenn du dazwischen noch etwas Sinnvolles tust, darfst du wiederkommen, gell. Wir sehen uns!

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