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Flurgang mit Braugerstenabgang & das Beverin-Wolfsrudel

Quöllfrisch unterwegs in Zillis-Reischen GR

Er wisse nicht, ob jetzt noch jemand zum Flurgang komme, sagt Domenig Bossart-Brändle, auf dessen Hof in Reischen wir uns um 13 Uhr treffen. Das Beverin-Rudel habe wieder eine Kuh gerissen. Einige kommen trotzdem. Und am Schluss sehen wir ein Braugerstenfeld fürs Gran Alpin und andere quöllfrische Biere der Brauerei Locher, das trotz gewisser Gebrechen ein gelungenes ist. Auch heute sehen wir: das echte Leben ist kein Hochglanzprospekt.

14. Juli 2022. Von Chur aus nehme ich das Postauto, das zu meiner Verblüffung bis Bellinzona durchfahren würde. Ich aber steige in Zillis aus – eigentlich wollte ich noch ins Kirchlein mit den weltberühmten Deckengemälden; nächstes Mal – und beginne, die steile Strasse, eher ein Strässchen, hochzugehen, die nach Reischen führt. Kaum losgewatschelt, picken mit Martin Roth und Plantahof-Praktikantin Pierina auf. Ein paar Minuten später empfängt uns Domenig Bossart-Brändle in der sengenden Sonne. Auf seine Frage, ob ich keinen Hut habe, setze ich den rollbaren Strohhut auf. Langsam trudeln die Gran Alpinler*innen ein, die heute den Weg zu diesem Flurgang gefunden haben (hier gehts zur Website der Genossenschaft Gran Alpin).

Die Betroffenheit über den erneuten Wolfsriss hängt spürbar in der glühenden Mittagssonne. Und ist natürlich Hauptgesprächsthema in der Beiz nach dem Flurgang. Und ich erinnere mich daran, wie Johannes Fallet in Müstair nach der Sichtung eines Wolfes am Morgen zu mir sagte: «Du hast noch nie erlebt, wie das aussieht, wenn der Wolf eine Schafsherde gefleddert hat.» Pierina fügt hinzu, es seien nicht unbedingt die getöteten Tiere, sondern diejenigen, die verletzt wurden und noch lebten, die einen so richtig ins Herz treffen würden.»

Wolf & Mensch – eine unendliche Geschichte

Es zeigt sich auch, dass die Bauern die verpixelten Bilder in den Medien kritisieren, weil man da eigentlich überhaupt nicht sehe, wie schlimm das alles sei. Kurz danach sieht man überall den Leitwolf M92 mit einem blutigen Stück Fleisch zwischen den Zähnen. Es herrscht Genug-jetzt-uns-reichts-Stimmung. Wenn man verhindern wolle, dass dieses Rudel weitere Kühe reisse, müsse man alle Tiere erlegen. Während ich das schreibe, wurden schon zwei Jungtiere mit Bewilligung erlegt und mir ist, als wäre der Leitwolf M92 auch zum Abschuss freigegeben worden, aber soweit ist es anscheinend doch noch nicht.

Der Blick (2.8.22) klärt auf: Der Abschuss gelang schliesslich wie erwünscht in der Nähe einer Nutztierherde. Dabei geht es um den Vergrämungseffekt. Die Wölfe sollen Herden mit Lebensgefahr assoziieren. Die Wildhut überwacht das Streifgebiet des Beverin-Rudels weiterhin intensiv, insbesondere um die Grösse des diesjährigen Wurfes festzustellen. Sobald das klar sei, werde der Kanton beim Bafu ein Abschussgesuch für insgesamt die Hälfte der Jungtiere und das besonders auffällige Vatertier M92 einreichen.

Am 8. August 2022 wurde die Existenz eines achten Graubündner Rudels im Lugnez bekannt gegeben. Gleichentags in St. Gallen (TA, 8.8.22): Zum ersten Mal haben Wölfe im Kanton St. Gallen ein Rind getötet. Der Riss ereignete sich in Pfäfers SG auf der Alp Brändlisberg im Calfeisental. Laut TA vom 9. August gab es letztes Jahr im gesamten Alpenraum insgesamt 250 Rudel, Platz habe es für 800 Rudel. Laut Gruppe Wolf Schweiz sei die Besiedelung des Wolfes in rund fünf Jahren abgeschlossen und der Lebensraum gesättigt sein. Und weiter: Aufgrund des guten Lebensraumes und der alpenweit sehr hohen Wildbestände würden auch verstärkte Regulierungseingriffe des Wachstum des Bestandes kaum bremsen. Wolfsfreie Gebiete werde es aufgrund der Mobilität der Tierart nicht geben. Deshalb sei ein flächendeckender und konsequenter Herdenschutz für gefährdete Nutztiere eine bedingungslose Notwendigkeit und werde auch durch schnellere Abschüsse nicht ersetzt werden können.

Da können wir uns wohl noch auf einige Kapitel gefasst machen, in der aktuellen Wolfsgeschichte. Und es ist nicht anzunehmen, dass es ausgeht wie im Märchen von den Drei kleinen Schweinchen, denen der Wolf zweimal erfolgreich gedroht hatte: «Ich werde strampeln und trampeln, ich werde husten und prusten und dir dein Haus zusammenpusten.» Beim dritten und letzten Mal, gelang es ihnen, den Wolf im Kochtopf zu fangen. So sangen sie denn: «Der Wolf ist tot, der Wolf ist tot, ein Ende hat die grosse Not.» Nun lebten sie alle zufrieden und froh in wolfssicheren Ziegelhäuschen. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Alle im Tal angebauten Getreidesorten

Wir besuchen alle Getreidekulturen, die es im Schams (Val Schons) gibt, in folgender Reihenfolge: Weizen (Sommerweizen Diavel), Dinkel, Buchweizen, Hafer, Waldstaudenroggen und Braugerste. Die ersten beiden Felder gehören Domenig und sie sehen super aus. Er sagt zum Bergackerbau: «I han eifach choge Freud dra. Das gseht mer vilicht au. I han au scho Schissdrägg gha, aber das ghört dezue.» Es sei ein sehr gutes Jahr, die Felder stünden schön; ausser ein Weizenfeld, das habe Engerlinge drin. Die Begeisterung für ihre Felder und ihre Arbeit ist bei allen Anwesenden zu spüren. Trotz der harten Arbeit, scheint darin eine besondere Erfüllung zu liegen. Er finde den Hafer einfach eine wunderschöne Pflanze, schwärmt der Mann aus Donat mit dem Ostschweizer Dialekt, den sie Sämi nennen. Mit vollem Namen heisst er Samuel Glauser.

Der Austausch ist rege und zeigt einmal mehr: Jede*r muss seine Erfahrungen machen und daraus die persönlichen Lehren ziehen. Jeder Acker birgt andere Geheimnisse, die es zu lüften gilt. Es gibt kein allgemeingültiges Rezept. Umso wichtiger ist es zu sehen und zu erfahren, wie es beispielsweise der erfahrene Domenig dieses und andere Jahre gemacht hat, wie er mit Fruchtfolgen umgeht. Mit Bearbeitung und Düngung. Oder warum er mit Speisegerste weniger gute Erfahrungen gemacht hat, da sie jedesmal mit dem Schwarzrost-Pilz befallen gewesen sei. Andere erzählen dann vielleicht, dass ihre Erfahrung genau anders herum gewesen sei. Und man erfährt, dass beispielsweise der Befall mit Getreidehähnchen, aufgrund neuer Erkenntnisse als nicht mehr so gravierend eingestuft werde.

In den Erklärungen und Erzählungen stecken Möglichkeiten und Ideen, wie man mit gewissen Herausforderungen ein nächstes Mal umgehen kann. Nein, wer einen komfortabel einfachen und geruhsamen Nullachtfünfzehn-Job will, baut kein Bio-Berggetreide an. Martin Roth bringt Vergleiche mit den Feldern des Flurgangs in Ilanz ein. Ich werde diesen Bericht kurz halten, also nicht weiter in die Details gehen, sondern Bilder sprechen lassen. Und jeder Getreidesorte stelle ich einen Link zu Peer Schilperoords Schriftenreihe Kulturpflanzen in der Schweiz voran. Fazit: Im Val Schons reift ein gutes Getreidejahr der Ernte entgegen!

Sommerweizen

Peer Schilperoord: Kulturpflanzen in der Schweiz. Weizen.

Feldbesitzer Domenig Bossart-Brändle (l.) und Martin Roth (M.) beim Sommerweizen der Sorte Diavel.
Wurzelbegutachtung.
Gang zum Dinkel.

Dinkel

Peer Schilperoord: Kulturpflanzen in der Schweiz. Dinkel.

Martin Roth vor dem Dinkelfeld.
Traumhaft.

Kalb am (im) Himmel

Wahrscheinlich ein totes Kalb, das abtransportiert wird – das Wolfsrudel hat damit nichts zu tun.

Buchweizen

Peer Schilperoord: Kulturpflanzen in der Schweiz. Buchweizen.

Buchweizen ist eine interessante Fruchtfolgekultur und wegen der Blüten auch gut für die Insekten.
Buchweizen ist kein Getreide, sondern ein Knöterichgewächs.

Hafer

Peer Schilperoord: Kulturpflanzen in der Schweiz. Hafer.

Auch der Hafer ist gut gelungen.
Der Feldbesitzer Samuel Glauser schwärmt für die schöne Pflanze und erzählt von seinen Erfahrungen damit.

Waldstaudenroggen (Johannisroggen)

Peer Schilperoord: Kulturpflanzen in der Schweiz. Roggen.

Der Waldstaudenroggen ist eine sehr alte Getreidesorte, die bis auf 2000 m ü.M. angebaut wird.
Dazwischen ein wenig Gelb mit rotem und blauem Akzent fürs Gemüt, die Insekten und die Biodiversität – die Farben ändern sich laufend, je nachdem welche Blume blüht.

Happy End with Braugerste

Peer Schilperoord: Kulturpflanzen in der Schweiz. Gerste.

Und zu guter Letzt: Die Braugerste fürs Gran Alpin, aber auch für andere quöllfrische Biere der Brauerei Locher.
Ursin Tiris (links) Braugerstenfeld in Andeer stösst auf Wohlgefallen.

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