Figugegl & Ährenschieben auf der Domaine Château du Crest

Figugegl & Ährenschieben auf der Domaine Château du Crest

Quöllfrisch unterwegs zur Braugerste in Jussy GE

Am 24. April erhalte ich ein SMS von Josef Meyer, dem Pächter der Domaine Château du Crest: Die Braugerste wird in den nächsten Tagen die Ähren schieben, eine gute Zeit, dir das wieder mal anzusehen. Also: Fahren wir mit Quölli hin.

Von Spatzen und Menschen

Zürich, 30. April 2019, 8.15 Uhr. Mit dem Gefühl, etwas vergessen zu haben, starte ich auf Quölli in den Tag. Auf zum HB, auf nach Genève. Kalter Aprilhimmel aus Blei. Schüchterner Sprühregen, gut für den Teint. Lustig und vorwitzig tschilpen die Spatzen in der Sihlpostunterführung auf den blauen Leuchtschildern. Die können überall überleben. Angesichts der fliegenden Frechdachse und der Kiosk-Schlagzeilen bezüglich Bundesrat Ueli Maurer und neuer Seidenstrasse fällt mir das höchst beunruhigende Bonussystem für gutes Verhalten. Ich wär da wohl längst durchgefallen.

Wie die Spatzen auch. Mao hatte die kleinen Überlebenskünstler im Zuge der Grossen Spatzenkampagne praktisch ausrotten lassen. Vorgeblich zur Vermeidung von Ernteausfällen. Folge: Insektenplage, gigantische Ernteausfälle und eine grosse Hungersnot. Kleine Vögel, grosse Wirkung. Darauf rehabilitierte man den Spatz und erklärte ihn zum Nützling. Zudem führte man Artgenossen aus dem ungeliebten Russland ein. Bis heute aber sei der Spatz in China rar geblieben. Soviel zum gesunden Menschenverstand, den wir alle für uns gepachtet zu haben meinen. Dass ich in der Pfadi Panda hiess, der WWF die glatten Tierchen als Logo verwendet, diese von China nur an genehme Regimes ausgeliehenen Bärentiere aber nicht einfach nur putzig sind, ist ein anderes Kapitel. Spatzen aber symbolisieren für mich die nicht zu bändigende Lebensfreude.

Gelber Raps und blaue Seen

Der Zug Johann Heinrich Pestalozzi fährt ein, am vordersten Eingang ein Velo-Piktoramm und ein fröhliches Bärchen, das in meinem Bärenpost Bier, Bär & Dibischnäbi (wie der Panda) nicht vorkommt. Familienzone. Quölli macht sich natürlich wieder besonders schwer, als ich es nach den nicht grad barrierefreien Türtritten in einen der drei leeren Haken hieven will, an denen je ein Zetteli mit fröhlicher Botschaft Reibungslos unterwegs mit Zug und Velo hängt. Die Haken halten nicht, was die Werbung vollmundig verspricht: Die Räder sind zu dick. Tja, Quölli, nichts mit abhängen, du musst wie ein Pferd im Stehen chillen.

Inzwischen blinzeln auch die Sonne und blaue Himmelsfetzen zwischen den Wolken hervor. Josef Meyer hat mir gesimst, es gebe um 12.45 Uhr Fondue, ich sei eingeladen. Wenn alles nach Plan läuft, werde ich pünktlich dort sein. Klar: Es bitz stingge muesses. Oder, wie es früher hiess: Figugegl – Fondue isch guet und git e gueti Luune. Wie heisst das nochmal in Französisch? Die Übersetzungsmaschine Deepl meint: La fondue est bonne et donne une bonne humeur. Lfebedubh – fast schon chinesisch.

Tag des Bieres

Am 26. April war der Tag des Bieres und auf dem Newsletter des Landwirtschaftlichen Informationsdienstes LID bekräftigt der Direktor des Schweizer Brauerei-Verbandes Marcel Kreber im Interview Bier braucht und schafft Heimat das Potenzial von Schweizer Hopfen- und Braugerstenanbau. Aus der Genfer Braugerste soll das Petite fraîche gebraut werden – das lokale Appenzeller Bier der Romandie. Wenn alles klappt, wird die Gerste auch in der Westschweiz gemälzt werden und somit noch ein bisschen mehr zur lokalen Spezialität.

Bier braucht und schafft Heimat: Quöllfrisch Petite fraîche – das lokale Appenzeller Bier der Romandie.

Leuchtend gelbe Rapsfelder ziehen vorbei, alles grünt und blüht. Unzählige Infrastrukturbauten, Strassen, Stromleitungen, Brücken, Bahnlinien, Häuser, wiederkäuende Kühe ohne Hörner, braune Äcker. Grad mal wieder eine bunt besprayte Schallschutzhässlichkeit. Und dann und wann ein Wäldchen. Die schönen Seen des Pays des Trois-Lacs, Flüsse, Weinberge. Genève.

Fotosession beim Fondue

Man gibt sich Mühe, die Velowege flüssig zu bauen.

Die Genfer Velowege scheinen besser entwickelt zu sein, als die mir bekannten in der Deutschschweiz. Aber auch hier hat man bei der Planung noch nicht mit den schnellen E-Bikes gerechnet und mischt immer wieder Fussgänger und Velos – ein Überbleibsel aus Zeiten der rein von Menschenkraft betriebenen Drahtesel. Man könne übrigens vom Bahnhof Genf über eine neue Veloroute direkt und ohne Autoverkehr direkt nach Jussy radeln, sagt Josef Meyer. Ich werds nächstes Mal versuchen. Die Bise bringt sogar das sackstarke Quölli teilweise fast zum Stillstand. Jo, heirassa! In Zürich ist die Bise der unangenehme Wind, der stets von vorn kommt, egal in welche Richtung man mit welcher Geschwindigkeit fährt. Aber diese Bise hier im flachen Land neben dem spiegelglatten Lac Léman gibt klar den Tarif durch. Hoffentlich ist sie anders als die Zürcher Bise und stösst mich auf dem Rückweg.

Kurz vor dem Ziel: Château du Crest erscheint am Horizont; trotz Gegenwind treffe ich pünktlich ein.

Natürlich verfahre ich mich auch kurz auf den vielen Strässchen, die Baustellen und Umleitungen spriessen schon fast sommerlich. Aber Punkt 12.45 Uhr treffe ich auf Château du Crest ein und folge den zum Fondue eingeladenen Gästen. Aber erst muss ich mal. Da ist immer noch der Zwerg der im Beton versinkt oder – je nach Sichtweise – sich aus dem Betonklotz in die Freiheit bewegt. Kurze Verunsicherung, welche der zwei Türen für mein Geschlecht vorgesehen ist. Aha, jetzt fällt der Groschen: An der Damentoilette prangen unzählige Bla-bla-blas in verschiedenen Schriften, ein einzelnes grosses BLA weist den Männern den Weg. Logisch, gell! Josef Meyer lässt Fotos schiessen für die neue Website, wir sind also Models. Natürlich ist mein Französisch nicht allen Schnellsprechs gewachsen; aber ich schlage mich so tapfer wie möglich und radebreche, was ich aus meiner wenig benutzten Franzkiste in meinem Schädel noch hervorkramen kann.

Letzte Instruktionen des Fotografen, der während dem Essen fotografieren wird. Auch die Tische im Hintergrund wurden für diese Gelegenheit perfekt gedeckt. Ganz rechts hinten: Dominique, der mich später zur Braugerste fährt.

Meyers Idee: Metallplatten auf Fässern – in unserm Fall sind es vier, aber je nach Gruppengrösse werden weitere hervorgezaubert – in der Mitte die Aussparung für Brenner und Fondue-Caquelon. Aussenrum werden Gabeln und Gläser eingehängt, so können letztere nicht umgestossen werden. Ich selbst stelle mein Glas aber immer wieder auf die Tischplatte. Typisch. Gewohnheit. Serviert werden drei verschiedene Fondues, wir essen im Stehen und um in den Genuss aller drei Geschmacksrichtungen zu kommen, müssen wir rotieren. «Durch die Bewegung kommen immer andere Leute miteinander ins Gespräch. Das gibt eine fantastische Stimmung», sagt der findige Gastgeber und Unternehmer Meyer.

Der Chef de Service im Service: Josef Meyer stellt eine von drei Fondue-Mischungen auf seine Eigenkreation. Man isst im Stehen, durch die Bewegung von einem Fondue zum andern entstehen immer andere Konstellationen und angeregte Gespräche.

Seit meinem letzten Besuch auf Château du Crest haben seine Frau Stefanie – sie sei nun frischgebackene Grossmutter – und er auch sechs Gästezimmer eingerichtet. Drei davon sind zur Zeit durch die Foto-Crew belegt. Viele der Mitarbeiter*innen von Josef Meyer antworten auf die Frage nach ihrer Tätigkeit auf der Domaine: Je fais tout. Sie machen alles. Hm. Alle scheinen über ihre spezifischen Kompetenzen hinaus verschiedene Aufgaben auszuführen. Was anfällt, muss eben gemacht werden – von der Gästebetreuung über Fotoshooting-Fondue bis zur Feld- und Stallarbeit. So wirds sicher nie eintönig und langweilig. Man merkt auch: Die Leute sind guter Stimmung, arbeiten gerne hier. Manch eine*r schon seit zwanzig, dreissig Jahren.

Zimmer frei: In den Gebäuden neben dem Château du Crest kann man nun auch nächtigen.

Die Genfer Braugerste im Wind

Nach dem Essen fahre ich mit Dominique zum eigentlichen Grund meiner Tour de Romandie. (Zufällig findet übrigens an diesem Tag der Prolog des angesprochenen Velorennens statt. Und SRF fragt: Kostete eine Taube Bohli den Sieg? Schon wieder soll ein Vogel Schuld sein; ich habe keine Ahnung, wer Bohli ist.) Dominique ist zuständig für die verschiedenen Anbauflächen. Das erste Mal habe er 1974 für Josef gearbeitet, mittlerweile ist er seit rund 20 Jahren auf Château du Crest angestellt. Er spricht auch recht gut Deutsch und wir mischen die beiden Sprachen munter durcheinander, um uns zu verständigen. Das funktioniert trotz Fehlern wunderbar.

Ein kerngesundes Braugersten-Indiviuum beim Ährenschieben. Am obersten Blatt sei der Gesundheitszustand am sofort abzulesen.

Unsere sechseinhalb Hektaren Braugerste gedeihen auf dem Boden der Gemeinde Choulex. Im Moment sei alles perfekt. Nach dem Schieben der Ähren rechne man zwei Monate bis zur Erntereife. Also muss ich Anfang Juli wieder hier sein. Früh, im Vergleich zu den Bündner Bergen, wo die Ernte eher August-Oktober stattfindet. Ein bisschen weiter hinten entdecke ich im Weinberg einen Bus mit der Aufschrift Château du Crest. Dort wurden grad neue Reben eingepflanzt, klärt mich Dominique auf.

Ein Seitenblick nach Graubünden

Während hier also die Wintergerste spriesst und schiebt und stösst und es kaum erwarten kann, in die Flasche Quöllfrisch Petite fraîche zu kommen, frage ich mich: Wie sieht jetzt wohl die Braugerste in den Bündner Bergen aus? Auf dem Betrieb von Andri Baltermia in Salouf (s. Bild) gehts mit der Sommergerste erst grad los: Hier wurde am 15. April erst Braugerste ausgesät und am 18. April blind gestriegelt (mechanische Unkrautbekämpfung).

Maria Egenolf von Gran Alpin schreibt: Du darfst gerne Bilder klauen. Und nein, zu sehen war da von der Braugerste noch gar nichts, es wurde blind gestriegelt, d.h. die Gerste war zwar schon gesät, aber noch nicht zu sehen, nur die Unkräuter, äh, Beikräuter wurden so gequält und vernichtet.

Die moderne Landwirtschaft verändert sich

Eine Spannweite von 15 Metern: Der mechanische Unkrauthacker präsentiert sich in voller Grösse. Links Josef Meyer mit einem Zürcher Freund beim Fachsimpeln.

Auch beim konventionellen Anbau setzt Josef Meyer immer stärker auf mechanische Unkrautvernichtung. Mit seinen neuen, natürlich nicht ganz billigen Maschinen konnte der Pestizideinsatz bis um eindrückliche 90 Prozent reduziert werden. Am Anfang seien die Maschinen noch sehr mühsam zu bedienen gewesen, der Fahrer musste immer wieder ein- und aussteigen, vor allem in den Ecken der Felder. Aber man hat die Technik zusammen weiter entwickelt und angepasst. Nun manövrieren sie dank GPS-Steuerung bis auf drei Zentimeter genau und die Unkrautvernichtung klappt bis in die Ecken ohne Aussteigen. Hier zeigt sich die Genialität menschlichen Erfindens in eindrücklicher Weise. Und die Geräte funktionieren, sonst wäre Josef Meyer nicht derart begeistert. Um die Bodenverdichtung möglichst zu minimieren, kommen immer breitere Reifen zum Einsatz. Denn ist die Verdichtung einmal bis 30-40 Zentimeter fortgeschritten, ist sie unumkehrbar.

Zwei weitere Unkrautbekämpfer mit eingefalteten Flügeln.
Der Maschinenpark kann sich sehen lassen. Der Umlader links im Bild bekommt noch 11 cm breitere Reifen gegen die Bodenverdichtung.

Es tut sich unglaublich viel in der modernen Landwirtschaft. Innovation ist ein Muss. Der Natur ist nämlich Menschenpolitik ebenso wurscht, wie abstrakte Zahlen es sind. Sie antwortet mit ihren Mitteln. Und das bestimmt. Die Artenvielfalt ist bedroht, weil manche Tiere und Pflanzen keine Wege finden, sich anzupassen. Oder keine Zeit haben. Oder keinen Raum. Andere – wie unsere Spatzen – scheinen (fast) immer ein Türchen zur Anpassung aufmachen zu können.

Geiz ist nie geil

Die Digitalisierung kann tatsächlich nachhaltig zu umweltschonender Produktion beitragen. Mir persönlich bleibt aber ein Rätsel, wie es dazu kommen konnte, dass unsere Lebensmittel so unendlich teuer zu produzieren sind, um handkehrum Geiz-ist-geil-billig verschebelt werden zu sollen. Eigentlich ein unmöglicher Spagat. Verkehrte Welt. Absurde Welt. Paradoxe Welt. Parallelen sollen sich ja in der Unendlichkeit kreuzen, aber sind es dann noch Parallelen? Das alles ist sehr komplex, also nicht schwarz-weiss durchschaubar und keineswegs mit populistisch flotter Röhre zu lösen. Umso wichtiger sind diejenigen, die sich den aktuellen Gegebenheiten stellen und Menschenmögliches unternehmen, die Welt zu einer besseren zu machen. Josef Meyer und sein Team auf der Domaine Château du Crest arbeiten dran.

Reflektionen und Lichtblicke

Nach meinem Genfer Ausflug treffe ich den Landart-Künstler und engagierten Ranger am Greifensee Niklas Göth. Er war grad im Agrarland Albanien. Dort habe man aus der Not eine Tugend gemacht. Weil in dem armen Land jahrelang kein Geld für Spritzmittel vorhanden war, habe man nicht nur ein grosses Wissen über ökologische Landwirtschaft erhalten können, sondern auch unbelastete Böden und vollziehe vielerorts die Umstellung auf biologischen Anbau in beeindruckender Weise. Plötzlich ist eines der ärmsten Länder Europas voll im Trend der Zeit.

The Times They Are A-Changin‘ (Bob Dylan).

Die spanische Stadt Pontevedra am Jakobsweg in Galicien hat die Autos aus allen Wohnvierteln verbannt. Da wurde nicht nur gejammert, gelabert und ein verlorenes Paradies heraufbeschworen, das es nie gegeben hat. Nein, hier wurde ein Paradies geschaffen. Hier wurden innovative Nägel mit Köpfchen gemacht. Natürlich waren die anfänglichen Proteste riesig, manche zogen gar vor Gericht. Heute will kein Mensch mehr zum vorherigen Zustand zurück – auf die 80’000 Einwohner*innen seien fast ebensoviele Autos gekommen.

Nun dürfen Lieferfahrzeuge zwar in die Stadt rein, dort aber nicht lange parken. Das Leben und die Geschäfte florieren, die Immissionen gingen um rund 70 Prozent zurück. Der Bürgermeister nennt sich Fussgänger Nummer eins, wohnt auf dem Land und fährt gerne und jeden Tag Auto. Aber eben: Nicht in der Stadt. Es gebe seit acht Jahren keinen einzigen Verkehrstoten mehr. Die Abwanderung ist gestoppt, Firmen und Menschen ziehen in den Ort mit der wiedergewonnenen Lebensqualität.

Vergessen wir das Vergessen

Dramatisches Piktogramm an einer Hebebühne im HB Zürich ermahnt zur täglichen Akku-Ladung, was auf die Hebebühne mit dem ambitionierten Namen Skyaccess zutreffen mag. Für meinen Bedarf reichts, wenn die Geräte bei Bedarf geladen sind.

Auf meiner Rückreise werde ich nach Biel Teil einer Frequenzerfassung durch SBB-Mitarbeiter*innen. Das Gefühl, etwas vergessen zu haben, ist nicht gewichen. Aber anscheinend habe ich vergessen, was ich vergessen haben könnte. Und ich habe nichts vermisst. Somit ist alles gut gegangen. Auch alle Akkus waren geladen und haben ausgereicht. Vergessen wir also solche Kinkerlitzchen und Befindlichkeiten, die Zukunft hat begonnen. Packen wirs an!

Früh übt sich…

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