Feldbegehung: Blindstriegeln bei Traumwetter

Feldbegehung: Blindstriegeln bei Traumwetter

Quöllfrisch unterwegs in Cumbel GR

Gran Alpin lädt zu einer Feldbegehung in Cumbel im Val Lumnezia.

Wir schreiben den 7. Mai 2019. Ich muss erst um 14 Uhr in Cumbel sein, das macht den Hinweg angenehm entspannt. Quölli aber bleibt im Keller. Aber diesmal habe ich wirklich etwas vergessen. Etwas kleines, das aber für den mobilen Workflow unerlässlich ist: Das Handy-Ladekabel liegt unnütz in der Küche. Dabei habe ich mehrere und eines für den Trip nach Cumbel extra zurechtgelegt. Somit nützt auch der Laptop nicht wirklich viel, denn ich kann keinen Hotspot einrichten, da der Blog ja im Internet hockt. Ich Tubel, ich. Digitale Demenz. Naja, wir werden ein Bio-Braugerstenfeld besichtigen, das geht auch ohne den ganzen Digitalschrott.

Bis Sargans liegt der Schnee beinahe greifbar fast bis ins Tal hinunter auf den Hügeln unter den weissen Bergen. Oberhalb von Chur leuchten nur noch die Wipfel und Gipfel schneeweiss. Die Rheinschlucht vor Ilanz zeigt ihre grossartigen Felsformationen, nach Ilanz beginnt der Rhätisch Kongo.

Blick aus dem Zug zwischen Chur und Ilanz: Die psychedelischen Formationen der Rheinschlucht. Unter anderem passieren wir auch die Quöllfrisch unterwegs Leser*innen bekannte Station Valendas-Sagogn.

Umsteigen auf Bus 441, Richtung Vrin. Überall leuchtet der Löwenzahn knallgelb im Saftgrün der Wiesen. Das fällt mir besonders ins Auge, da heute in der NZZ bezüglich Biodiversität zu lesen war, die Chrottepösche (obwohl im Netz behauptet wird, das sei Bernerisch für Löwenzahn, kenne ich den Ausdruck aus dem Thurgau) sei ein Zeichen für den fortschreitenden Schwund der Biodiversität. Auch hier oben zeigen sich die Mängel menschlicher Umsicht in leuchtendem Warngelb.

Ich Tubel hätte noch einmal das Mail genau lesen sollen, denn von den vier verschiedenen Cumbel wähle ich Cumbel, Vitg. Im Mail hätte ich lesen können: Cumbel, Valgronda. Da wusste ich von meinem Quölli-Ritt zu Renzo Blumenthal, dass es weit wäre zu Fuss. Digitale Demenz, weiterer Beweis. Allerdings hätte ich bei richtigem Aussteigen das schöne Beinhaus auf dem Friedhof Cumbel nicht gesehen. Himmel und Hölle, dazwischen die Vergänglichkeite des Ewigen Lebens. Aber Aldo Arpagaus, seines Zeichen Präsident der Genossenschaft Gran Alpin, lässt mich nicht im Stich und holt mich an der Postautohaltestelle unter dem Friedhof ab.

Himmel und Hölle liegen auf Erden nah beieinander: Beinhaus der Kirche St. Stephan in Cumbel. Die acht Totenschädel stehen für die Endlichkeit im Ewigen Leben.

Wir sind die ersten auf dem Feld, wo der Traktor mit dem Striegel wartet. Nach und nach trudeln die insgesamt 11 teilnehmenden Landwirte ein. Flurin Frigg, Landwirtschaftlicher Berater vom Plantahof, Regionalbüro Mittelbünden, wird die Feldbegehung leiten. Maria Egenolfs Mitarbeiterin Chloe Berli von Gran Alpin ist mit ihm im Auto hergefahren.

Lockere Unterhaltung auf dem Weizenfeld vor Beginn der Feldbegehung.

Die Bergbauern kennen sich, sie unterhalten sich munter in mir unverständlichem Rumantsch. Plötzlich sagt einer der auf dem Weizenfeld versammelten Bauern im Bündnerdialekt: «Ah, jetzt kommt er also doch, nachdem er doch verlauten lassen hat, er brauche das nicht.» Und siehe: In unsere Richtung stapft der schönste Biobauer der Schweiz. Die meisten wenden sich ab, wenn sie bemerken, dass meine Kamera sie anvisiert. «Nicht so wie ich, gell», lächelt Renzo Blumenthal. Während der Begehung fügt er bei, dass seine Braugerste letztes Jahr ohne sein Zutun wunderbar gekommen sei. Aber die Bedingungen waren ideal. Keine weiss im Moment, wie das Wetter 2019 mitspielt.

Ex-Mister Schweiz & Bio-Bergbauer Renzo Blumenthal erscheint doch auch. Im Hintergrund der Traktor mit dem Striegel.

Das rund eine Hektare grosse Feld gehört Flurin Zinsli. Vor einer Woche hat er zur Hälfte Braugerste ausgesät, zur Hälfte Weizen. Flurin und Aldo ezählen, dass vor einiger Zeit ein Stück weiter oben eine Baumgruppe gestanden habe. Die sei eines Tages aufrecht runtergerutscht und da gestanden, wo jetzt der Acker ist. Quasi die Hangwelle heruntergesurft. Nachdem alle eingetroffen sind, beginnt Flurin Frigg sein Wissen über das Blindstriegeln weiterzugeben, indem er alle Anwesenden einbezieht. Es soll ein Austausch sein, kein Einbahn-Referat.

Der Striegel muss erst richtig eingestellt werden, er soll möglichst sanft die Beikräuter über den keimenden Körnern ausreissen.

Blindstriegeln heisst der Vorgang, der je nach Wetterbedingungen einige Tage nach der Aussaat zur mechanischen Beikrautvernichtung vollzogen wird. Wenn die Körner schon zu Keimen beginnen, aber noch keine Wurzeln austreiben. Die oberste Erdschicht muss trocken sein und die Sonne scheinen, damit das ausgerissene Beikraut möglichst rasch verdorrt. Ich lerne diverse neue Wörter. Wie das soeben erwähnte Beikraut, das das Wort Unkraut ersetzt, denn keine Pflanze ist ein Unkraut. Beikraut, Beifang, aha, wie beim Fischen, aber wird die Welt wirklich besser durch Sprachkosmetik? Einer sagt: «Das habe ich von meinem Stift gelernt, dass es jetzt Beikraut heisst.» Ein anderer: «Früher hat der Stift vom Lehrmeister gelernt, heute ist es umgekehrt.» Gelächter. Ich habe mir vor kurzem eine Wallwurzsalbe gekauft, die der herstellende Apotheker als Allerheilmittel auf die einsame Insel mitnehmen würde. Auf der Verpackung steht, dass die Landwirte den Wallwurz als Unkraut betrachten. Was, wenn sie diese Wunderpflanze als Beikraut sähen? – Als ich irgendwann nachfrage, was denn ein Geohobel sei, der den Pflug ersetze, heisst es: «Kannst du nachschauen, gibt viele Filme im Internet.» Ok., schaumer mal. Aha, ein Gerät für minimale Bodenbearbeitung. Oder: die reduzierte, pfluglose Alternative «reductive-farming».

Der richtige Zeitpunkt ist für das Blindstriegeln extrem wichtig, wer ihn verpasst, belässt das Feld besser so, wie es ist, da sonst zuviel von der Saat zerstört wird. Im Normalfall striegelt man drei bis fünf Tage nach der Aussaat. Frigg betont aber, dass es kein Rezept gibt, dass man auf dem Feld schaut und beurteilt, wann es Zeit ist. Man striegelt oben über die Kulturpflanze und je höher sie gewachsen ist, desto heikler wird die Bearbeitung. Unumgänglich auch, die Wetterprognose. Stellt diese nach vier Tage nach der Aussaat eine Woche Dauerregen in Aussicht, weiss man, dass es danach wahrscheinlich zu spät ist. Also fährt man jetzt mit dem Striegel über den Boden. Lieber zu früh, als nichts getan zu haben. Wenn die Kultur aber schon sichtbar ist, dann doch lieber nicht drein fahren und erst wieder striegeln, wenn die Kultur dreiblättrig geworden ist.

Die Weizenkörner beginnen erst auszutreiben.
Aus Dreck wächst Gold: Die Braugerstenkörner treiben schon Wurzeln aus.

Eine Woche ist es her seit der Aussaat auf Flurin Zinslis Feld in Cumbel – höchste Zeit also. Das zeigt sich vor allem bei der Braugerste, deren Körner schon recht lange Würzelchen ausgetrieben haben. In diesem Zustand sollte man die Pflanze möglichst in Ruhe lassen. Werden solche Körner durch den Striegel an die Oberfläche gezerrt, vertrocknen sie unweigerlich. Aber es müsse nach dem Striegeln schon ein wenig schmerzen und aussehen wie nach dem Krieg, das gehöre dazu. Also gilt: Ein bisschen Gewalt muss sein, sonst nützt das Ganze nix, aber diese so zärtlich wie möglich.

Warum er bewusst den Nachmittag für das Blindstriegeln gewählt habe, fragt Flurin Frigg in die Runde. Die Pflanzen sind am Nachmittag elastischer, was vor allem beim zweiten Striegeln ins Gewicht fällt, wenn die Kultur sichtbar ist. «Die Pflanzen sind am Nachmittag gummiger, was stehen bleiben soll, legts zwar auf den Boden. Die Pflanzen stehen aber wieder auf und nach zwei, drei Tagen bis einer Woche sieht man aber nichts mehr.» Zudem ist das Feld weniger feucht und die warme Nachmittagssonne trocknet das ausgerissene Beikraut schneller aus. «Wir striegeln, wenn es eigentlich noch nichts hat.», ergänzt Frigg.

Der Gran Alpin-Präsident Aldo Arpagaus, der Feldherr Flurin Zinsli und der landwirtschaftliche Berater Flurin Frigg (v.l.n.r.).

Ein weiteres Striegeln erfolgt üblicherweise, wenn die Kultur schon grünt und weitere Pflanzen bildet (Bestockung). Ein gewisser Verlust von rund 10 Prozent wird daher schon bei der Aussaat einberechnet. Auch die Vögel nehmen sich ihren Teil. Der Boden braucht eine gewisse Temperatur, wie wir, die ja im Winter auch weniger aktiv sind als im Winter. Für die Bekämpfungsstrategie entscheidend sei immer auch, was vorher auf dem Boden passiert ist. Flurin Zinsli erläutert, dass er auf der aktuellen Braugersten-Hälfte letztes Jahr Weizen angebaut hatte, während er die Wiese aufgepflügt hat, wo jetzt Weizen wächst. Als Fruchtfolge sieht er nach dem Weizen Gerste.

Flurin Zinsli zieht mit dem Striegel Bahnen im Weizenfeld.

Flurin Zinsli fährt mit dem Traktor ins Feld. Der Striegel wird möglichst sanft eingestellt, nach einigen Justierungen und Zwischenbesprechungen kann Zinsli das Weizenfeld queren. Nach einigen Bahnen auf dem Braugerstenfeld löst sich die versammelte Gruppe frohen Mutes auf. Im Herbst werden wir sehen, was draus geworden ist. Ich bleibe dran.

Aldo Arpagaus überprüft die Spuren der mechanischen Beikrautvernichtung.
Im Hintergrund der Hang, von dem die Baumgruppe ins Feld runter gerutscht ist.
Ein bisschen wehtun solls, das Blindstriegeln.
Back to work.

Demnächst: Quöllfrisch unterwegs bei den Urner Bienen der Imkerei Achermann.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Menü schließen