Ein Kämpfer namens Biski

Ein Kämpfer namens Biski

Quöllfrisch unterwegs an den Skicross-Finals in Veysonnaz VS

Für Bierbotschafter Marc «Biski» Bischofberger geht die erste Vollprofi-Saison im Skicross-Weltcup etwas schwierig zu Ende. Aber er ist beim Saisonfinale in Veysonnaz VS guten Mutes und wirkt irgendwie trotz frühem Aus sehr zufrieden.

Zu Beginn eine kleine, aber kopf- und hirnbrecherische Tourismus-Denksportaufgabe aus dem schönen Wallis: Wo stecken die vier Betten, für die dieses Appartement ausgelegt ist? Preis gibts keinen, die Lösung findet ihr in der Bildlegende. Aber zerscht hirne, dänn läse, gäll!

Richtig kombiniert, bravo: Zwei Klappbetten in der Wand neben dem Eingang, ein Bett wird aus dem Sofa und – besondere Knacknuss – Nummer vier, die von mir zum Beziehen des Sofas am Kasten aufgestellte Lehne; aufklappen, auf den Boden legen und beziehen. Über Preis und Aussicht gegen den Berg bewahre ich vornehm Stillschweigen.

Die Lieblosigkeit der Welt kann einen ganz schön rädern. Drum also um 7 Uhr schnell raus an die frische Bergluft. Gut geschlafen ist anders, ein Kaffee muss her. Ich rieche den Duft in meiner Vorstellung, dazu ein-zwei wunderbare Croissants – und schon ist alles gut. Und siehe: Auf dem Weg zur Laken-, Badetücher- und Schlüsselrückgabe kreuze ich eine Boulangerie und lasse mich genüsslich nieder.

In der Boulangerie in der Nähe der Bergbahn-Talstation hängt ein Plakat der Skicross-World Cup-Finals. Nach Kafi & Gipfeli gehts mit mir bergauf.

So, aller Selfservice ist erledigt, die Welt in Ordnung. Ich bin bereit. Die Sonne hängt Postkarten-Hochglanzwetter in den blauen Himmel, wo noch Schneekristall-Weihnachtssterne baumeln. Frisch auf zur Seilbahn, die mich in den Schnee hieven soll. Keine Wartezeit, flott rein und reibungslos hinaufgegondelt. Unzählige Schneekanonen säumen die Pisten. Natürlich habe ich warme Schuhe und die langen Unterschläuche montiert und auch sonst einiges angezogen, was mich im Föhn des Vortags noch tüchtig ins Schwitzen gebracht hat. Heute erweist sich das als genau richtig, denn oben bläst ein eher kühler Wind, der mit zunehmender Dauer massiv stärker und böiger wird und auffrischt, während graue Wolken Himmel und Sonne mehr und mehr zudecken.

Blick aus der Gondel in Richtung Grossleinwand und Festgelände. Rund zwei Stunden vor dem Start.

Ich bin hier, um den letztjährigen Gesamtweltcup-Sieger, Olympia-Silbergewinner und Appenzeller Bier-Botschafter Marc «Biski» Bischofberger mal live zu erleben. Seine erste Vollprofi-Saison war eine schwierige. Wenn ich jeweils die TV-Übertragungen eines Rennens einschaltete, war er oft schon ausgeschieden. Trotzdem: Der Mensch ist gut drauf. Ein Kämpfer im Leben und im Wettkampf. Überhaupt scheint Skicross auch darum eine sehr spezielle Sportart zu sein, weil die Teams untereinander gute Stimmung haben; es ist zwar ernst, aber so, dass man den Athlet*innen die Leidenschaft und den Spass anmerkt.

Trotz frühem Ausscheiden gut drauf: Marc «Biski» Bischofberger lässt sich nicht unterkriegen. In der Beiz hinter ihm stiess ich auf eine Dose Quöllfrisch, die wahrscheinlich zackig abgeräumt wurde.

Live beim Skicross dabei zu sein, erinnert mich an die Tour de Suisse: Es macht wusch! und die vier Fahrer*innen sind vorbeigebrettert. Nur: Sie sind noch viel schneller unterwegs als die Strassengümmeler mit den gepolsterten Füdlis. Gesehen hat man am Ende nicht viel. Keine Wiederholung, keine Zeitlupe liefert die entscheidenden Details. Hole ich zuhause natürlich nach, Replay sei Dank. Fehlt dann noch – wie bei den Skicross-Finals hier in Veysonnaz – das Publikum im Zielraum, wird unübersehbar, wie wichtig bei der ganzen Sache die Medien sind. Das sei nur hier so, dass im Zielraum kein Publikum sei, klärt mich Marc auf. Aus Platzmangel. Die Leute scharten sich alle um die Grossleinwand. Aber die ist weiter oben. Tja, s isch, wiä s isch.

Skicross – eine überschaubare Randsportart: Traumwetter und Grossleinwand mit Verpflegungs-Camp neben dem Parcours zwei Stunden vor dem Start.

Befindet sich die Grossleinwand im Zielraum, kann das Geschehen während der gesamten Fahrt nachvollzogen werden. Und die Skicrosser*innen werden mit wohlverdientem Applaus am Ziel empfangen. Direkte Anerkennung ihrer Leistung. Weil die Leinwand, wie gesagt, einige Meter weiter oben neben der Piste steht, tümmeln sich im Zielraum nur ich und eine spärliche Anzahl von Fotograf*innen, Kameraleuten, Militär- und Zivilschutzangehörigen sowie die etwa zwanzig Personen des Fanny Smith-Fanclubs, die letztlich auch für die Live-Ambiance im Fernsehen sorgten. Da klingt das dann, als wäre die halbe Welt vor Ort am Schellen, Tuten, Anfeuern und Applaudieren. Stimmung gibts also nur im Fernsehen. Und vor der Grossleinwand, wo ich ja nicht bin. Jo, heitere Fahne!

Bunte Menge, der Himmel zunehmend bewölkt: Hier spielt die Musik, vor der Grossleinwand neben der Strecke.

Man wird sich jedenfalls bewusst, wie wenig man ohne die Kameras an der Strecke mitbekommt von diesem Sport. Ist alles nicht ganz so schnell wie bei den Alpinen, aber die Skicrosser*innen fetzen doch auch mit 60-70 km/h über diese hindernisreiche Strecke. Die Besonderheit ist, dass im Ausscheideverfahren immer vier Fahrer*innen den Parcours mit Sprüngen, Wellen und Kurven hinunterdonnern; die ersten zwei des Laufes (Heat) kommen in die nächste Runde. Alles ohne Zeitmessung. Frauen und Männer alternierend auf der gleichen Strecke. Für die Finals haben sich 32 Männer und 16 Damen qualifiziert. Biski startet im siebten Achtelfinal.

Noch ist Besichtigungszeit, dann folgt eine Stunde Training: Da steht er hochkonzentriert direkt vor meiner Linse im publikumsfreien Zielraum.

Hier der Film von Swissski, wo der anfeuernde Fanny Smith-Fanclub zu hören und zu sehen ist (Biski leider nicht):

Aber auf dem Schlussfoto von Swissski winkt unser sympathischer Botschafter links unten mit Appenzeller Bier-Helm:

Im Wettkampf kann unterwegs unglaublich viel passieren. Wer einen Fehler macht, ist weg vom Fenster. Der oder die Letzte kann der oder die Erste sein. Stürze sind keine Seltenheit. Sanna Lüdi fährt einmal mit riesigen Beulen als Letzte ins Ziel; sie sieht ein bisschen aus wie Quasimodo, der Glöckner von Notre-Dame. Ein Sturz hat den Airbag ausgelöst, was nicht sehr aerodynamisch aussieht, sie aber vor Verletzungen bewahrt hat. Gibt also vor dem kleinen Final um die Plätze fünf bis acht für sie noch einiges zu tun, um auch den Anzug wieder fürs Rennen flott zu bekommen. Auch das habe ich nur dank Replay so mitbekommen.

Die einzige Zieleinfahrt mit Biski, der sich mit Finger voraus in den Photofinish wirft (blaue Nummer) – und als Laufdritter ausscheidet. Trotz gutem Start.

Weil nicht immer offensichtlich ist, ob eine Rangelei oder sonstiges Aneinandergeraten in diesem oft körperbetonten Wettkampf mit rechten Dingen zuging, also regelkonform ablief, heisst es im Ziel oft «Run under review». Während die Fahrer*innen warten, entscheidet die Jury aufgrund der Filmaufnahmen. Sie kann auch Verwarnungen und Disqualifikation aussprechen. Auch davon bekomme ich hier in Veysonnaz kaum etwas mit.

Run under review: Warten auf das Zielfoto, Biski zweiter von rechts.

Die typische Geste der Fahrer*innen bei der Zieleinfahrt ist der vorgestreckte Finger für den Fall eines Photofinishs: Wer mit einem Körperteil – egal, ob Nase, Knie oder Allerwertester – zuerst die Ziellinie überquert, hat den Lauf für sich entschieden. Ebenfalls nur am Bildschirm nachzuvollziehen, wo das ausgewertete Zielfoto gezeigt wird. Im Zielraum wurde der Speaker extrem leise übertragen und nur zu oft von den wenigen Kuhglocken der Fanny Smith-Fans und den Schneetöffs übertönt, die die Fahrer*innen wieder an den Start hoch transportierten.

Klingen wie Motorsägen, fräsen in unglaublichem Zacken die steilsten Hänge rauf: Ein Schneemobil bringt Marc hoch an den Start. Aber sein Rennen ist gelaufen – die Saison ist vorbei.

Werfen wir doch mal noch einen Blick ins Festgelände mit der Grossleinwand. Im schrillen Sonnenlicht bleibt das Bild ziemlich blass. Aber inzwischen haben sich schon einige Menschen eingefunden. Allerdings kann ich Marcs Fanclub, die «Biski Fanatics», nirgendwo ausmachen. Das Rennen dauert noch an, ich fühle mich, als wäre ich hundert mal den Parcours runtergefetzt und zu Fuss wieder raufgestiegen an den Start.

Völlig fertig entziehe ich mich dem bunten Trubel und nehme im Wind auf der Terrasse des Restaurants Mont-Rouge bei der Bergstation Platz, um ein holländisches Globalbier und eine Walliser Rösti zu kredenzen. Vor der Terrasse treffe ich nach dem Essen zufälligerweise Marc an und kann noch kurz mit ihm über seinen Lauf und die Welt plaudern. Er wisse auch nicht recht, worans diese Saison gelegen habe. Wegen der Verletzung glaube er nicht. Wahrscheinlich habe er zuwenig Appenzeller Bier getrunken. Alkoholfrei, selbstverständlich. Wenn man sich da den Quöllbisch in Erinnerung ruft: Da könnt was dran sein.

Biski bringt seine zwei Paar Rennskis in die Aufsicht von Mike Schmid und macht sich auf zum Festraum, wo die Siegerehrungen dann doch noch etwas Live-Applaus einbringen. Vielleicht hätten sie ja noch den Team-Wettbewerb gewonnen. Daraus ist wohl nichts geworden, jedenfalls konnte ich den Medien nichts davon entnehmen.

Ich setze mich in die nächste Gondel, der Wind will sie aus den Seilen reissen. Wahrscheinlich verzögert sie auch darum das Losfahren und ich verpasse natürlich das Postauto um wenige Minuten, um dann zwei Stunden auf das nächste zu warten. Bei der Haltestelle treffe ich viele Polen, die den Fahrplan studieren, um mit dem lokalen Rundbus in ihr Hotel zurückzufinden. Sie seien eine Gruppe von 80 Leuten. Das Bier sei hier rund viermal teurer als zuhause. Ein anderer rechnet und kommt auf dreimal teurer. Aber sie hätten auch eigene Getränke dabei.

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