«D’Stääziit isch o nöd z End gange os Mangel a Stää.»

«D’Stääziit isch o nöd z End gange os Mangel a Stää.»

Quöllfrisch unterwegs bei Simon Enzler

Simon Enzler steckt unter einer Decke mit dem Appenzeller Bier-Lieferanten Quöllbisch. Und in seinem Kabarett-Programm tauchen immer wieder Witze über Bier auf. Zudem hat er mit seiner Familie die persönliche Energiewende  vollzogen.

Abgeholt werde ich am Bahnhof Appenzell mit einem Tesla. Sapperlot, jetzt fahr auch ich mal in einem dieser vielbesprochenen Elektroschlitten. Wegen einer Baustelle wurden wir aus der Appenzeller Bahn in ein Postauto umgeladen, so verbrannten wir die letzten Kilometer ein wenig Diesel. Warum ich nicht mit dem Quöllfrisch-Bike unterwegs bin? Es war war einfach zuviel Frühling überall in dieser Woche und ich seckelte von hier nach da. Nun steige ich also vom ungeplanten Verbrennungsmotor wieder um auf Strom und zu Simon Enzler in den Tesla. Wir fahren nicht weit und parkieren in der Nähe des Landsgemeindeplatzes. Bevor wir aussteigen zeigt mir der vollständig elektrifizierte Enzler auf dem Handy seinen auf Sonne und Strom ausgerichteten Energiehaushalt.

Ich, der Stromersohn aus Heiden, staune: Der Kabarettist macht gopfertami ernst. Er ist von allen, die ich kenne, der erste, der einfach alles auf E umgestellt hat. Von Sonnenkollektoren bis zum Nutzen der Batterie des Ferienbusses, während er rumsteht. «Wir sind damit erst am Anfang. Öl zu verbrennen ist wohl das Dümmste, was man damit anfangen kann. Und wenn wir nichts verändern, würden sie noch aus dem Landsgemeindeplatz Öl herauspressen. Der Elektromotor ist rund sechs mal effizienter und die Batterie ist das, was an diesem Auto am längsten hält und funktioniert. Du kannst sie später auch als stationären Stromspeicher im Haus nutzen. Zudem können praktisch 90% jeder Batterie rezykliert werden.»

Damit habe ich wirklich nicht gerechnet: Da hat einer die Energiewende ganz privat angepackt und umgesetzt, während Politik und Wirtschaft drucksen und murksen und die Zukunft mit Vergangenheit beschwören. Und die Schiffe ohne Regulierung weiter ihre Dreckspur über die Meere ziehen. Enzler, der Nicola Tesla der Kabarettisten: «Hät emol äne de schö Satz gsät: D’Stääziit isch o nöd z End gange os Mangel a Stää, sondern s isch e besseri Technologie cho.»

In der sonnigen Gartenbeiz des Restaurant Sonne neben dem Landsgemeindeplatz kehren wir ein zum Gespräch über Quöllbisch, Enzler und unsere ganze verrückte Menschenwelt.

Der quöllfrischeste Bier- und Menü-Botschafter des Globaldorf-Planeten Appizöll: Simon Enzler in der Gartenbeiz der Sonne.

Du bist Kabarettist, das wissen wir. Was aber heisst: Simon Enzler ist auch Botschafter von Appenzeller Bier? Ich mache eigentlich zwei Sachen für die Brauerei Locher. Wenn ich unterwegs bin auf Tournée, erwähne ich ab und zu Appenzeller Bier. Aber nur, wenns Sinn macht. Ich mache kein Product Placement und so Zeugs. Aber ich kann mal mit Appenzeller Bierflaschen eine Melodie spielen. In meinem Programm kommen immer auch Biergeschichten vor. Da wissen dann alle, was gemeint ist. Das ist das Schöne: Unsere Zusammenarbeit ist unkompliziert. Auch bei Quöllbisch habe ich eine Carte Blanche, kann ihn auf alle möglichen und unmöglichen Reisen schicken. Als nächstes beliefert er vermutlich Wellness-Hotels. Und da seht ihr dann, was man alles mit unserem Bier anstellen kann.

Jaja. Bier ist gesund, gell. Natürlich – nicht nur zum Trinken. Man kann es auch einreiben. Du solltest sehen, wenn ich jeweils die Stimme von Quöllbisch aufnehme. Dann sitze ich im Büro mit Gartenmöbelpolstern, Computer und dem Programm Garasch Bänd. Geht wunderbar. Um den Hall zu dämpfen, ziehe ich mir eine Decke über den Kopf. Meine Frau schüttelt ämel nur den Kopf über mein Gstellasch.

Kaum zu glauben, aber so blieb er einen ganzen Tag sitzen. Ehrenwort. Botschafter mit Daumen, Leib und Seele.

Dann erklär du mir mal, woher der Name Quöllbisch kommt. Bisch soll ja ein Kürzel sein, aber wovon? Bisch kommt von Baptiste, also einem französischen Namen. Der wiederum fand wahrscheinlich von der Reisläuferei hierher nach Appenzell. Das Mannli sah auf den ersten Zeichnungen ein bisschen aus wie ein Bündner oder Berner Oberländer Alpöhi mit langem weissem Bart.

Wie Coolman. Ja, ein wenig wie dieser Coolman. Ein Berglerklischée. Ich habe dann eine von meinem Grossvater geerbte Zeichnung mitgebracht, die eher dem Appenzeller Schlag entspricht: Backenbärte, eine spitzige, gebogene Nase, ein klarer Blick, Backenknochen. Jetzt entspricht er diesem Bild, ein bisschen wie ein Korse. Übrigens: Die Etikette mit dem Sämtisersee drauf hat mein Grossvater gemalt, Alfred Fischli. Er war ein bekannter Appenzeller Maler.

Hattest du als Kabarettist eigentlich noch nie Probleme bezüglich politischer Korrektheit? Ich selber nicht. Aber ein Kollege hat über den Ombudsmann beim Radio eine Beschwerde eingefangen. Dieser Ombudsmann sagt ganz klar, dass gegenüber früher eine Flut von Beschwerden hereinprassle. Die Menschen hören ein Reizwort wie «Neger» und sind empört. Sie befassen sich aber überhaupt nicht mit dem Kontext, der vielleicht für mehr Toleranz gegenüber Fremden Partei nimmt. Die Menschen hören einander fast nicht mehr zu, sind eingeschossen auf ihre Reizwörter.

Die Welt hat nicht mehr ein Brett vor dem Kopf, sondern ein Smartphone.

Jemand brachte es so auf den Punkt: Die Smartphone-Industrie nützt eigentlich sehr erfolgreich eine Schwäche des Menschen aus, nämlich die Aufmerksamkeit. Die ist gleichzeitig Vorteil und Schwäche. Der Mensch kann sich derart auf etwas fokussieren, dass er den Rest der Welt vergisst. Das mag Sinn machen, wenn es ums Überleben geht. Aber hier handelt es sich um reines Amüsement, bei dem man sich genauso fokussiert. Bereweich!

Und wenn die Bedrohung kommt… weasch grad gfrässe! Du musst mit dieser Aufmerksamkeit in der Nacht vor der Höhle hocken und in die Nacht hinaus horchen, nicht nach innen. Sonst frisst dich der Bär.

Seht ihr, er sitzt immer noch so. Nur die Mimik ist nach einigen Stunden etwas schlapper geworden. Aber quöllfrisch ist er natürlich immer noch.

Durch die grassierende Smartphone-Sucht fehlt den Heranwachsenden auch eine Form der Langeweile, die einen auf Ideen bringt. Langeweile ist die Voraussetzung jeglicher Kreativität. Wenn mich jemand fragt, was ich mache, wenn ich keine Ideen habe, sage ich jeweils: Das gibt es gar nicht. Ich hocke an den Computer, dann kommt sie schon. Die Idee kommt erst durchs Machen.

Aha, die Ideen und Geschichten liegen nicht auf der Strasse, fliegen nicht durch die Luft, sind weder in Kopf noch dem Herzen, sie stecken im Computer! Ja, genau. Du kannst auch unter einen Baum liegen. Da hast du Zeit, etwas nachzusinnieren. Ich habe auch schon zu meinen Söhnen gesagt: Mached emol näbis! Jetzt habt ihr so schöne Spielzeuge und ihr tut einfach nichts. Eine Psychologin aus meiner Verwandtschaft sagte mir dann, Langeweile sei etwas extrem Wichtiges. Seit da sehe ich das anders. Wenn sie nun sagen, ihnen sei langweilig, antworte ich jetzt: Richtig so, da müsst ihr durch!

Endlich kühl-blonder Sonnenkraftstoff: Das Bier hat er sich redlich verdient. Prost! Und schon sieht er wieder recht quöllfrisch aus für sein zartes Alter. (Jetzt aber mal im Ernst: Alles Show für den Quöllfrisch.Blog: Es ist eigentlich mein Bier. Er hat den Kaffee getrunken und fährt kurz nach dieser Fotoaufnahme nach Hause, weil die beiden Söhne (5 und 7 Jahre jung) von Schule und Kindergarten heimkommen. Anm. alp)

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