Die Zernezer Bio-Bergbraugerste des Peider Andri aus Lavin

Die Zernezer Bio-Bergbraugerste des Peider Andri aus Lavin

Quöllfrisch unterwegs im Engadin

Nach einer etwas wechselmütig-nasskalten Phase ist der Sommer zurück. Und Quöllfrisch unterwegs ist beim Dreschen des zweitletzten Zernezer Bio-Bergbraugerstenfeldes dabei. Es gehört Peider Andri aus Lavin, liegt aber in Zernez.

Dienstag, 8. März 2020. Um 14 Uhr bin ich in Zernez, um zirka 15 Uhr solls losgehen. Nachdem ich die beiden noch stehenden Felder fotografiert habe – eben das von Peider Andri, das ich auf der Tour de Braugerste 2020 zuerst verwechselte – und das von Christian Patscheider vom Hotel Baer&Post, das ich wegen ebenjener Verwechslung erst als letztes fand –, hole ich mir etwas zu essen und trinken im Denner.

Gsch-gsch! Hopp, use!

Wie eine Rockertruppe: Die gefrässige Zernezer Spatzenbrut.

An der Kasse verscheucht der Verkäufer grad irgendein Tier vom Eingang. «Gsch-gsch! Hopp, use!» – «Was wars denn?», frage ich Gwunderfitz. «Ein Spatz.» Aha. Man bringe sie fast nicht mehr raus, wenn sie mal drin sind. Letzthin hätten sie zwei davon stundenlang gejagt. Erst als sie müde waren, flogen sie raus. Das zeigt: Padruot Frieds Spatzenproblem, die die schöne Alpetta wegstibitzen, gibts tatsächlich in Zernez. Als ich mich auf einer Parkbank verpflege, umzingelt mich ein ganzer Schwarm der vorwitzigen Frechvögel. Zahlreicher noch als die Spatzenschar dröhnen die Töfffahrer durchs Dorf. An der Sky Bar 69 mit Appenzeller Bier gehts vorbei zum Braugerstenfeld.

Aha, in der Sky Bar 69 wissen sie, was gut für die Kehle ist.

Andere Vögel kurven über der Braugerste von Christian Patscheider herum: Zahlreiche Schwalben auf ihrer kunstvollen und geräuschlosen Jagd nach Mücken. Es muss davon reichlich geben. Und wenn wir schon von Getreide, Spatzen und Mücken schreiben: Man vergegenwärtige sich noch einmal, wie Mao in China einst versuchte, die Spatzen auszurotten (hier aufgeschrieben im Anfangskapitel Von Spatzen und Menschen).

Quench und ein Streifen Alpetta

Quench und ein Streifen Alpetta, bei dem die meisten Körner abgeerntet wurden. Padruott Fried musste sie zwischenzeitlich vor der gefrässigen Spatzenbrut durch Abdecken schützen.

Zwischen 50 und 60 Aren ist es klein, das Bio-Braugerstenfeld von Peider Andri aus Lavin. Er hat es gepachtet, weil in Lavin kaum eine ebene Fläche zu finden ist, die sich für den Braugerstenanbau eignet. Der Fleck hier ist zwar nicht gross, liegt aber topfeben neben dem Innzufluss Ova Sparsa zwischen Postautogarage, Bahnlinie, Dorfstrasse und einigen Einfamilienhäusern. Mitten im reifen Braugerstenfeld prangt schwarz auf weiss: Bauland zu verkaufen. Fast hätte ich Brauland geschrieben. Weil das Land in der Bauzone liege, also auch wassertechnisch erschlossen sei, sei es eigentlich eine teure Landwirtschaft. Drum wollen die Besitzer auch verkaufen, erklären Peider Andri und Ilka Saluz. Als erstes reissen wir das hässliche Schild aus und deponieren es im Schatten der Bäume neben dem Feld.

Im Schatten auf den Drescher warten. Links das Bauland-zu-verkaufen-Schild, das Ilka, Peider und ich aus dem feld entfernt haben.

Es kann losgehen

Um 16 Uhr fährt der Drescher auf, als wir schon den Verdacht hegen, da sei wieder mal was dazwischen gekommen. Grün ist seine matte Farbe, schmal der Dreschbalken. Etwas weniger als drei Meter. So muss ihn Fahrer Filipp Grass nicht abnehmen, um all die schmalen Bahnunterführungen zu durchqueren. Aber er muss einiges mehr an Runden drehen, bis auf dem Feld nur noch Strohmaden liegen. Die Maschine hat sichtlich schon einige Jährchen auf dem Buckel. Aber die Farbe macht sich gut im Zusammenspiel mit dem blauweiss-gewölkten Herbsthimmel und der goldenen Braugerste.

Filipp Grass hat ja nach dem Abliegen des früheren Dreschers gesagt, es sei schwer, passende kleine Drescher zu finden, in einer Zeit, in der die Landwirtschaftsmaschinen immer grösser werden. Kaum zu glauben, dass die Digitalisierung und die mittlerweile gut dokumentierte Verwüstung durch riesige Monokulturen und zu schwere Maschinen bis heute keine Trendumkehr bewirkt hat. Tja, Gran Alpin und ihre Genossenschaftsmitglieder leisten Pionierarbeit und die Industrie hat die zunehmend vollzogene Trendwende noch nicht einmal bemerkt. Kann doch nicht so unrentabel sein, das alles. Die Zukunft wirds weisen.

Im Hintergrund wacht der Piz Linard mit seinen 3410 Metern darüber, wie Filipp Grass mit seiner grünen Maschine das letzte Büschel Braugerste verschlingt.

Hier in Zernez sind die Bedingungen anders als im Val Lumnezia. Während dort fast alle Felder am Hang liegen und der Drescher die Steilheit auszugleichen hat, ist es hier topfeben. Die Haupthindernisse sind die schmalen Bahnunterführungen. Im Hintergrund wacht der Piz Linard, wie Peider mich aufklärt. Den Namen kann ich mir dank der Eselsbrücke über Liedermacher und Schriftsteller Linard Bardill gut merken. Das wiederum bringt Peider zum Lachen.

Beim Leeren des vollen Körnertanks ziehen Ilka und Peider Masken über, als sie mithelfen, den Gerstenfluss in die Säcke zu lenken. Nicht gegen Corona, sondern gegen den Staub. Am Ende stehen vier fast volle Säcke auf Paletten am Rand des Teerplatzes. Peider Andri ist sichtlich sehr zufrieden mit der Ernte, auch ohne sie gewogen zu haben. Ich fahre mit Filipp Grass auf dem Drescher mit über die Strasse, wo wir im Getränkehandel seines Bruders den Staub mit einem Fläschchen Gran Alpin runterspülen. Vater, Mutter und ein Cousin tauchen auf. Ein richtiger Familienbetrieb, wie es scheint.

Zufrieden mit dem Ertrag seiner Bio-Bergbraugerste: Peider Andri.

Ja, das war früher wirklich besser, das mit den Speisewagen, seufz!

Der Speisewagen ab Chur strotzt wieder mal vor lauter Nichts an Bord: Brot – ausgegangen; St. Galler Klosterbräu – ausgegangen; eigentlich sind sie ziemlich ausgeschossen. Quöllfrisch oder Gran Alpin gibts ja leider sowieso überhaupt nicht. Aber Letzteres wissen und bedauern wir ja immer. Es scheint, dass meine Auslegung des DB-Speisewagenmottos auch die SBB eingeholt hat: Der Genuss bleibt auf der Strecke. Aber der Kellner macht das ganz gut, alle lachen und improvisieren mit. Ich entscheide mich für einen Eidgenoss – der Name kommt mir irgendwie einfach, hm, etwas, hm, ähm, etwas, ähm, sagen wir mal diplomatisch: plump und geschichtsklitterisch verstaubt vor. Die Eidgenossen waren für mich schon in der Schule immer eine Art Science Fiction-Figuren. Oder glaubt heute tatsächlich noch jemand, dass Schillers Willi würkli hiobmässig auf einen 🍎 auf der 🍐 seines Sohnes Walter geschossen hat? Na, Prost Nägeli!

Jedenfalls: Caesar Salad ohne Brot geht gar nicht. Dem jeweiligen Geschmack und der Konsistenz nach stammt das Pouletbrüstchen drauf aus eher nicht artgerechter, sondern nur aus gesetzlich erlaubter Haltung. Dazwischen liegen Welten. Und um diese Welten zu überbrücken, brauchts Brot. Egal, wie pappig und zusatzstoffig. Gibt also nur Flüssigbrot. A Propos Welten: Woher stammt denn dieser naturtrüb-dunkelambrige Eidgenoss? Aha, Falken Schaffhausen, die auf ihrer Website kund tut: Die Brauerei Falken gehört zu den fünf grössten, unabhängigen Brauereien der Schweiz und steht seit 1799 für Freiheit, Unabhängigkeit und den Stolz auf ein wirklich gutes Bier ein. Immerhin etwas Artenvielfalt in der Monokultur der freundeidgenössischen Speisewagen. Ich esse drei davon zum Znacht. Die Sonne geht während der gesamten Fahrt filmreif in Millionen von Rot-Orange-Blau-Tönen unter.

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