Die wahrhalsigen Hosenlotteri-Geschichten des Simon Enzler

Die wahrhalsigen Hosenlotteri-Geschichten des Simon Enzler

Quöllfrisch unterwegs in Zürich

Kabarettist, Fischer und Appenzeller Bierbotschafter Simon Enzler präsentier sein Programm «Wahrhalsig» im Zürcher Theater am Hechtplatz. Die Premiere am 4. März 2020 war trotz Coronakrise lustig – aber der Typ ist ernsthaft handysüchtig, hoi!

Ischt scho en glatte Siech, dä Enzle. Beide. Also der Alltagsenzler ohne Weltbedeutungsbretter an den Füssen ebenso wie der Geschichten erzählende Vielenzler im Rampenlicht. Zwischen seinem Camping-Mobiliar und der orangen Winde mit Himmelsdraht in einen ramponierten Karton. Der Mikrofonständer war noch übrig von irgendeiner vorgängigen Politveranstaltung und wurde dann beiseite gestellt. Sind ja beide Vollblutappenzeller: Der immer wieder sirachende Vielenzler gibt sich weltoffen, der Alltagsenzler ist es. Ersterer – und bei dem bleiben wir nun bis nach der Zugabe, um das Programm «Wahrhalsig» gluschtig zu machen – also, der Vielenzler versteigt sich immer wieder in seine eigenen Wortgruben, fliegt hoch, fällt tief und verheddert sich gnadenlos, bis es kein Entrinnen mehr gibt. Aber dafür Lacher und Szenenapplaus. Wir sind eben alle ein bisschen Enzler. Je suis Enzler.

Hinten die Winde, seitlich der mysteriöse Karton, dazwischen ein komischer Appenzeller am Handy – auf der Bühne, hoi! Geht gar nicht, hoi! Aber er muss seine in Rinderdarm gehüllte Vorsorge noch vor der Zugabe retten. Mission impossible? Der Mikrofonständer am rechten Rand ist ein Überbleibsel von einer vergangenen Politveranstaltung.

Nach kurzer Selbständigkeits- und Selbstverwirklichungsphase arbeitet der Vielenzler nun wieder beamtensicher beim Kanton. Auf dem Konkursamt, genauer. In der Folge muss er noch ein paar private Dinge regeln, weshalb wir ihm seine Telefoniererei mitten in der Vorstellung wohl nachsehen sollten. Wir können ihn doch nicht verlumpen lassen. Aber bei andern kann ihm dann schon mal der Kragen platzen, wenn die immer an ihrem Leuchtbrettchen herumhantieren müssen. Und am blutigen Jassabend war niemand anders als das Opfer schuld. Todsicher, hoi!

Nach seiner Unpünktlichkeit kann man die Uhr stellen.

Wie gesagt: Der Vielenzler ist weltoffen und macht in Kroatien Camping-Ferien mit Schwaben und Thurgauern. Dort trinkt er sein Appenzeller Bier vom Hahnen im Camper und übt Tuba für seine Guggenmusig «Ranzepfiffer». Aber, nein, er ist kein Gluten-Algeriker. Auch kein Fruktarier. Eher ein Hoselotteri, aber auch das werde ich euch nicht übersetzen. Und wer von euch weiss, was Spruso-Bölle sind, der Brausevogel kommt ihm grad richtig in der satirischen Wurmbüchse.

Enzler setzt an zum wahrhalsigsten Akt des Abends. Kann das gutgehen?

Zum weltweiten Verständnis seines sprachgewaltigen Minderheiten-Dialekts bietet Enzler übrigens aktiv Hand bzw. Zungen: Alle explizit rätselhaften Wörter werden ratzfatz ins Hochdeutsche, Französische oder Englische übertragen. Das kann nämlich keine noch so fressepolierte Künstliche Intelligenz übersetzen. Ätschbätsch! Und, nein, ich werde bis am Schluss dieses Beitrags nicht verraten, was im ramponierten Karton am Ende des Stahlseils auf seine Hebung wartet. Das alles müsst ihr euch schon selber reinziehen. Punkt. – Pause.

Das Blaue im Büchsenhalter des Campingstuhls neben dem Hoselotteri ist nach der Pause dazugekommen zum spartanischen Bühnenbild. Alles andere war schon da.

Nach dem Timeout führt Enzler ein zusätzliches Utensil an den Mund. Applaus. «Ein Quöllfrisch!», raunt es in der Reihe hinter mir. Ja, sicher kein Corona, hoi! Und der Appenzeller konstatiert von der Bühne: «Das gibt es auch nur in Zürich, dass man beim Biertrinken Applaus bekommt.» Er muss es wissen. Denn er weiss auch, wie die Menschen der Urzeit – also schon vor dem Frauenstimmrecht – schwimmen gelernt haben. Und man kann sich anhand einer Schafsgulaschmetapher selbst erkennen und herausfinden – wäre man ein Schaf –, auf welcher Seite des Gulaschtopfs man sich selbst wiederfände. Und das mit dem Sternschnuppenregen aus dem Sternbild des Perseus und den Wünschen bleibt hier ebenfalls nur angetönt.

Weltweit einmalig: Didaktischer Einsatz einer Büchse Quöllfrisch zur Erklärung der Welt.

Am Schluss bleibt eine einzige Antwort: Nicht alles, was wahr wird, war gewünscht. Und gerade in wahrhalsigen Zeiten ist es wichtig, ein gutes Immunsystem und einen gesunden Humor zu bewahren. Darin ist und tut – Ladies and Gentlemen, the one and only Siimoon Eeeeeennzler! – wahrhalsig richtig gut.

Die Zugabe mit Blumenstrauss – «den bringe ich meiner Frau mit» – zur gelungenen Premiere von «Wahrhalsig».

Im Foyer verkauft und signiert der Fastschonwieder-Alltagsenzler samt Zugabe seine CDs – immer noch mit dem Mikrofon im Gesicht und im Bühnenoutfit steckend. Da outet sich eine Käuferin als wahrer Fan: Sie trägt ein Metallherz um den Hals, auf dem Enzlers Konterfei eingraviert ist. Eine grössere Version davon entnimmt sie ihrer Handtasche. Das ist wahrhalsige Liebe vom Feinsten!

Zwei Versionen einer grossen Liebe: Simon Enzlers Konterfei ist auf beiden Herzen eingelasert.
Zwei Herzen und eine Seele: Leider habe ich vergessen, nach dem Namen der Dame mit den zwei Enzler-Herzen zu fragen. Den Herrn links mit dem Säntis Kristall Spezli sollte man kennen – und kennenlernen.

Simon Enzler «Wahrhalsig». Theater am Hechtplatz, Zürich, Dauer: 2x rund 60 Min. Sprache: Mundart

ALLE VORSTELLUNGEN BIS UND MIT 15. MÄRZ ABGESAGT! AKTUELLE INFOS UNTER: www.theaterhechtplatz.ch/aktuell

Weitere Spielorte und -Daten: simonenzler.ch/DE/43/Spieldaten.htm

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