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Der Osserirdische an der 36. Jahresversammlung der Genossenschaft Gran Alpin 2023

Quöllfrisch unterwegs in Müstair GR

Die 36. Jahresversammlung der Genossenschaft Gran Alpin in Müstair stimmt trotz schwierigen Vorzeichen zuversichtlich: Der Bio-Berggetreideanbau in Graubünden entwickelt sich weiter und erfreut sich auch regen Zulaufs von jungen Getreideproduzenten.

Müstair, Donnerstag, 23. 2. 23. Ich bin am Vortag angereist, weil es mit ÖV schlicht unmöglich war, von Zürich aus pünktlich um 9.30 Uhr nach Müstair zu kommen. Auch mit dem ersten Zug nicht. Eine Weltreise in der kleinen Schweiz. Dreieinhalb Stunden Fahrzeit, dreimal umsteigen. Zuletzt tuckere ich also gemütlich im Postauto, das heute Bus 811 heisst, über die Passhöhe des Ofenpasses, wo sogar noch Schnee liegt. Nicht viel, aber immerhin Schnee. Sonst sind es die Braun- und Grautöne der Felsen, zwischen lehmig und felsig, und der sichtlich furztrockenen Wiesen und Bäume, die unter dem blauen Himmel strahlen.

Umsteigen auf Bus 811 in Zernez.

Weil ich an einem hellheiteren Mittwochnachmittag nach der Wintersaison reise, verläuft der Trip äusserst angenehm. Kurzer Schreck in Schiers: Eine Riesenkrabbe zieht an meinem Fenster vorbei. Ah, nur ein Migros-Lastwagen mit Food-Werbung, puh! In Müstair ist es dann tatsächlich so, als wäre ich, der Appenzell Osserirdische, von Scotty aus dem Raumschiff Enterprise auf einen andern Planeten gebeamt worden. Jedenfalls ziemlich anders als die weltstadtsehnsüchtige Grosskleinstadt Zwinglitown, in der ich seit mittlerweile fast 40 Jahren lebe. Na, dann schaun wir mal, wie die Bewohner:innen hier so leben. Sehen sie wohl aus wie ich? In etwa, meine ich.

Wir sind alle Reisende unter den Himmeln: Auch in einem der trockensten Täler der Schweiz regnet es ab und zu: Reisegruppen-Skulptur vor dem Hotel Helvetia in Müstair.

Ich beziehe rasch das Zimmer im Hotel Helvetia. Der Zufall will es, dass das Restaurant Balcun At, wo die morgige Jahresversammlung von Gran Alpin steigt, gleich diagonal über die Strasse vis-à-vis liegt. Aber jetzt begeben wir uns erst mal auf einen Rundgang durch die Gemeinde Müstair. Chömed!

Cordials salüds da la Val Müstair

Blick aus dem Hotelfenster: Das Unesco-Welterbekloster St. Johann in der Nähe der Grenze zum Südtirol.

Per 1. Januar 2009 fusionierte Müstair mit den übrigen Schweizer Gemeinden der Talschaft – Fuldera, Lü, Santa Maria Val Müstair, Tschierv, Valchava – zur Gemeinde Val Müstair. Mit rund 1400 Einwohner:innen verfügt sie über die stolze Zahl von rund 1200 (!) Arbeitsplätzen, die natürlich auch mit Pendler:innen aus dem nahen Südtirol besetzt werden. Als ich durchs Dorf spaziere, finde ich keine einzige Beiz, um später – nach dem Besuch des Klosters St. Johann – ein Bierchen zu kredenzen und den Stammtisch zu erleben; wenn überhaupt, sitzen die Einheimischen wohl in einem der Hotels beim Feierabendbierchen. Aber in welchem?

Enge Sache mit aneckenden Häusern: Die Dorfstrasse in Müstair.

Praktisch kein Auto begegnet mir auf der knalleng durchs Dorf gezogenen Strasse. Manche Häuser müssen um ihre Ecken fürchten, wenn ein grosser Car oder Lastwagen sich durchzwängen will. Und – aha, die Öffnungszeiten der Speiserestaurants sind ebenfalls sehr aussagekräftig. Als man mir im Hotel sagte, das Abendessen finde zwischen 18 und 20 Uhr statt, wunderte ich mich kurz über das frühe, knapp bemessene Zweistunden-Essensfenster. Im Balcun At stellt die Speisekarte ein Zeitfenster von 18 bis 20.30 Uhr zur Verfügung. Ich stelle mich also auf frühe Nachtruhe ein. Gelandet in einer völlig anderen Welt, noch nicht wirklich angekommen in dieser Ruhe.

Vier Stunden Zimmerstunde und früh Schluss statt durchgehende Küche bis tief in die Nacht.

Der in letzter Zeit wieder viel beschworene Unterschied von Stadt und Land fällt mir stärker auf als auch schon. Natürlich existiert er. Aber statt lauthals rumzuprälaggen und die Differenzen zu schüren, empfiehlt sich die differenzierte Auseinandersetzung mit den spezifischen Wirklichkeiten. Man sollte sich – wie man im Grossen Kanton seltsamerweise zu sagen pflegt – ehrlich machen bezüglich der wirklichen Unterschiede (und Gemeinsamkeiten). Letztlich profitiert man auch von einander.

In dieser Gegend braucht es sonnenklar andere Ideen und Konzepte, um zu überleben, als in Städten. Städter:innen kommen meistens hierher, um sich zu erholen, um Freizeit zu verbringen, die Berge zu erobern, um zu wellnessen und die sogenannt unberührte Nationalparknatur zu erleben. Auch da sollten wir uns ehrlich machen: Die unberührte Natur ist bis an den Arsch der Welt berührt von unserem menschlichen Treiben. Und wir Menschen selbst unterscheiden uns zwar individuell und kulturell von einander, aber im Grunde sind wir alle doch ordli ähnlich und sollten diese Welt als kreativen Ort der Kooperation betrachten.

Als gäbe es kein Durchkommen: Dorfeinfahrt Müstair vom Kloster St. Johann aus gesehen.

Lost im Label-Dschungelpark: UNESCO Biosfera Engiadina Val Müstair, UNESCO-Weltkulturerbestätte, Parc Natiral Regiunal, Biosfera Val Müstair, Parc da natüra, Parc Naziunal Svizzer – welcher Osserirdische blickt da noch durch? Vielleicht cdvm.ch:

Der Schweizerische Nationalpark wurde 1914 gegründet und ist damit der älteste Nationalpark der Schweiz und wurde 1979 zum ersten Schweizer Biosphärenreservat der UNESCO ernannt. 1995 erneuerte die UNESCO das Biosphärenreservat-Konzept, was neue Anforderungen zur Folge hatte. Der Schweizerische Nationalpark wurde diesen nicht mehr gerecht und suchte deshalb die Kooperation mit dem Val Müstair. In der Folge wurde in Val Müstair eine Pflege- und Entwicklungszone eingerichtet; so entstand 2010 der Naturpark Biosfera Val Müstair, welcher 2016 in Kooperation mit Engiadina Bassa zur UNESCO Biosfera Engiadina Val Müstair ernannt wurde.

Schauen wir noch, was auf unesco.ch geschrieben steht:

Das Val Müstair ist ein südlich des Ofenpasses (Pass dal Fuorn), nahe der italienischen Grenze gelegenes Bergtal im Kanton Graubünden. Die Kernzone des UNESCO-Biosphärenreservats besteht aus dem Schweizerischen Nationalpark (SNP) oder «Parc Naziunal Svizzer». Das an den Nationalpark angrenzende Val Müstair wurde 2011 offiziell als regionaler Naturpark von nationaler Bedeutung anerkannt. Zusammen mit dem Schweizerischen Nationalpark bildet der regionale Naturpark Val Müstair das Biosphärenreservat «Reservat da Biosfera Engiadina Val Müstair», das erste hochalpine UNESCO-Biosphärenreservat der Schweiz. Seit dem 1. Januar 2016 ist die Gemeinde Scuol im Unterengadin ebenfalls Bestandteil des Biosphärenreservats. Charakteristisch für das Biosphärenreservat ist die grosse Vielfalt des Natur- und Kulturerbes. Sowohl das Val Müstair als auch der im Engadin gelegene Teil sind durch traditionelle Kulturlandschaften geprägt. Schweiz- und europaweit ist das Biosphärenreservat eine der Regionen mit der grössten Pflanzenvielfalt.

Wir befinden uns also jetzt im Schweizer Nationalpark, dessen Teilregion die Biosfera Val Müstair bildet, und der im offiziellen Logo in der vierten Landessprache Parc Naziunal Svizzer geschrieben wird. Und schon wieder bestätigt sich meine Erkenntnis: Die Schweiz – wahrscheinlich muss man inzwischen gar den gesamten Welterbe-Globus dazu zählen, da ja die menschgemachten Grenzen eigentlich keine sind – ist ein einziger Mehr-oder-weniger-Naturpark, vom Menschen geschaffen und mit immer raffinierterem Aufwand gepflegt beziehungsweise saniert. Statt uns einzufügen sind wir leider allzu oft Gärtner:in und Bock zugleich.

Bei der kurvenreichen Postautofahrt über den Ofenpass sind mir auch sofort wieder die Bewässerungsrohre auf Feldern und Wiesen aufgefallen. Das Val Müstair ist eines der trockensten Täler der Schweiz. Und angesichts der aktuellen Trockenheit könnte das Jahr noch ordli problematisch ausfallen. Später höre ich von einem Ort in der Nähe, an dem statt 12 Kubik Wasser pro Sekunde heuer nur gerade 5 Kubik durchfliessen, also weniger als die Hälfte. Daran kann der wildwuchernde Labelpark zwar nicht viel ändern, aber die kleinen Schritte für die Menschheit können durchaus zu riesigen Sprüngen für die Region führen.

Meditation über Zeit, Hand & Hirn

Die Ruhe im Val Müstair, wo sich viele alte Strukturen und Gebäude erhalten haben, ist geradezu dazu prädestiniert, über das Thema Zeit nachzudenken. Zumal während ich schreibe, eine Forscherin grad 500 Tage isoliert in einer Höhle gelebt hat, ohne menschlichen Kontakt und nachher sagt: Die Zeit vergehe nicht, es sei immer morgens um vier gewesen. Back to the roots – lassen wir mal Jahrmillionen der menschlichen Evolution im Zeitraffer vorbeiziehen: Beginnen wir – nein, nicht bei Adam und Eva, das steht in einem andern Buch – damals, als der Mensch, aus welchen Gründen auch immer, sich aufrichtete und die Hände nicht mehr für die Fortbewegung brauchte. Damit wurden die Hände frei für andere Tätigkeiten. Der Daumen verschob sich und ermöglichte revolutionär neue Greif- und Begreifmöglichkeiten. Es heisst darum auch, der Daumen sei der menschlichste aller Finger. Wir, das Daumentier. Mit dem Greifwerkzeug veränderte sich – logischerweise – das Gehirn, die Steuerzentrale.

Die freien Hände bedeuteten Zeitgewinn. Statt dass der ganze Tag für die Nahrungsbeschaffung drauf ging, eröffneten sich neue Möglichkeiten. Ackerbau und Sesshaftigkeit schufen Raum zur Haltbarmachung und Lagerung von Lebensmitteln. Zuerst einfache, dann komplexere technische Geräte verlängerten die Möglichkeiten der Hand über den Körper hinaus; aber bis zu den heutigen Elektrogeräten wars noch ein weiter Weg. Parallel dazu entwickelte sich die Sprache als differenzierte Äusserung innerer Bedürfnisse und die Fähigkeit des symbolischen Denkens, das zur Schrift führte. So konnte das erarbeitete kulturelle Wissen nicht nur weitergegeben, sondern auch gespeichert werden.

Aus dem domestizierten Feuer gingen Keramik- und Metallgegenstände hervor, aber auch Gips und Glas und vor nicht allzu langer Zeit die Elektrizität. Die sich verändernde soziale Vernetzung führte zu Bevölkerungswachstum und Zivilisation – und wohl auch zu der immer irgendwo fehlenden Zeit unserer heutigen, komplexen Gesellschaft. Wohin sich unser Gehirn durch das zeitgenössische Leuchtbrettchen-Zweidaumensystem und den virtuellen Metaversum-Klimbim entwickelt, steht noch in den Schwarzen Löchern und unbekannten Galaxien, die das James Webb-Weltraumteleskop entdecken wird. Soeben wurde übrigens ein Schwarzes Loch in zwei Milliarden Lichtjahren Entfernung vermeldet, dessen Masse 30 Milliarden mal so gross sei wie die unserer Sonne. Unvorstellbar!

André Leroi-Gourhan schreibt in seinem Klassiker Hand und Wort:

Aber die Verfügbarkeit der Zeit ist nicht die einzige Grösse, die im Spiel ist; aus dem ständigen Bevölkerungswachstum und der Steigerung der Kollektivbedürfnisse resultiert ein echtes «Erfordernis der Erfindung», das sich bei den im Gleichgewicht lebenden Gesellschaften nur sehr begrenzt einstellt. Die Stabilisierung im Raum und die Möglichkeit, an Ort und Stelle die Ressourcen zu steigern, indem man die Anzahl der Individuen vergrössert, schaffen einen besonderen Zustand des inneren Milieus, der mit der Befreiung der Zeit zusammenfällt. Auf dieser Grundlage erst löst sich die Lawine des beschleunigten technischen Fortschritts in einem sozialen Feld, das durch dichte territoriale Einheiten charakterisiert ist, die untereinander durch das Netz friedlicher oder kriegerischer Austauschprozesse kommunizieren.

André Leroi-Gourhan : Hand und Wort. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 700, 1980

Nach meiner Ausbildung zum Primarlehrer, an deren pädagogischer Qualität ich schon früh grundlegende Zweifel hegte, arbeitete ich hin und wieder als Handlanger bei einem Schreiner. Wohlverstanden, Schule und Elternhaus vermittelten mir keinerlei Selbstvertrauen und vor allem den Glauben, dass ich zwei linke Hände hätte; darum blieb ich in der Schule kleben, ohne dass mich jemand loslöste. Für einen Job wurden der Schreiner, ich und das Material mit Heli zu einer SAC-Hütte (ich weiss einfach nicht mehr, welche) geflogen. Als ich den Chef dort auf dem Gerüst mit einer Maschine sah, deren Stecker rausflutschte und er demzufolge runtersteigen musste, kam ich ihm zuvor und hielt den Stecker und Verlängerungskabel zusammen. Er schaute mich an, tippte mit dem Zeigefinger wortlos an die Schläfe, kam runter, verschlang die beiden Kabel, steckte ein und zog die Schlinge zusammen. «So macht man das.», ging wieder hoch und arbeitete weiter. Das Kabel hielt nun bestens.

Ich stand da wie ein Volldepp, hatte aber nun meine beiden vermeintlich linken Hände auch wieder frei zum Weiterarbeiten. Das sass und sollte mir so krass nie mehr passieren. Später belehrte ich mich mit einer Bildhauerlehre selber, dass mein Eindruck der zwei linken Hände Folge einer Erziehung war, die völlig an meinen wirklichen Fähigkeiten und Interessen vorbei gegangen war. In der Folge konnte ich wiederum die Bildhauerlehre nicht beenden, weil ich eine Mittelschule abgeschlossen und somit im Thurgau nicht unterstützungsberechtigt war; vom versprochenen Hilfsarbeiterlohn für Hilfsarbeiten sah ich nie einen Rappen. Und der Stiftenlohn war für Jugendliche konzipiert, die bei den Eltern wohnten: Als ich die Lehre mit 23 Jahren begann, verdiente ich 200 Franken im Monat, zwei Jahre später waren es lächerliche 600 Fränkli. Dass mich die Arbeit beglückte, nützte auch nicht mehr viel beim Verlumpen. Aber lassen wir diese leidige Geschichte.

La Clostra San Jon – Patrimoni cultural mundial da l‘UNESCO im Reservat da Biosfera Engiadina Val Müstair

Für all diese Reflektionen hat man als Tourist Zeit, hier oben im Münstertal. Natürlich hat auch das Zeithaben so seine Tücken – nebst der kreativen Langeweile, vor der in der Frei-Zeit alle so panisch davonseckeln (sei es in den fürchterlich stressigen Osterquickie-Stau oder ins angeblich erholsame Ferienmüssen mit Flug-Stallhaltung oder einfach ins erleuchtete Handy). Denn nicht nur das Abendessen-Zeitfenster ist schaurig knapp, sondern auch das Unesco-Weltkulturerbe lässt mich draussen vor der Tür stehen. The man who felt to earth. Osserirdisch.

Das Klostermuseum hat um 16.30 Uhr zugemacht, also ein paar Minuten vor meinem Eintrudeln. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Immerhin: Hier gehts zur virtuellen Kloster-St. Johann-Tour. Auch die Kirche (und die Kapelle!) war natürlich geschlossen, was man im Hotel mit Erstaunen quittierte. Da sei immer offen. Ja, klar! Ich bestätige nur die Regel. Letztes Mal, vor einigen Jahren, war sie nämlich wegen Renovierungsarbeiten unzugänglich. Tja, ebe: Me nämeds, wies chunt.

Stätte des Welterbes. Das Kloster St. Johann in Müstair steht seit 1983 auf der UNESCO-Liste des Welterbes. Der Eintrag eines kulturellen oder natürlichen Gutes in die Liste unterstreicht seinen aussergewöhnlichen universellen Wert, damit dieses zugunsten der Menschheit geschützt wird. – Hm, auch wieder sehr Mensch bezogen, die Formulierung des Welterbes im Zeitalter des Anthropozäns. Sind wir vielleicht schon ausgestorben und die Info ist nicht für mich Osserirdischen, sondern für echte Extraterrestrier, die da noch kommen werden?

1983 wurde das Kloster St. Johann ins UNESCO-Welterbe aufgenommen. Zusammen mit dem Stiftsbezirk St. Gallen, der Altstadt Bern aufgenommen, Machu Pichu in Peru und dem Taj Mahal im indischen Agra. Bei Letzterem, dem Stein gewordenen Sinnbild von Treue und Liebe über den Tod hinaus, dessen Pracht sich ganz besonders im von den Ornamenten aus Halbedelsteinen reflektierten Licht des Vollmonds zeige, erzählte uns der Touristenführer die «romantische» Geschichte, dass der Erbauer – Grossmogul Shah Jahan – des Mausoleums für seine verstorbene Lieblingsfrau Mumtaz Mahal die allerbesten Handwerker des Landes engagierte und ihnen nach der Fertigstellung 1648 die Finger abschlug, damit sie nirgendwo in diesem Erdenleben ihre Kunst noch perfekter anwenden konnten. Der Pseudoromantiker fand es gar nicht amüsant, dass ich mit den armen Handwerkern fühlte und das Ganze weder romantisch noch gerecht fand.

Mein Freund, wo gehst du hin?

Nachdem ich ein weiteres Mal ungläubig an der unerschütterlich geschlossenen Kirchentür gerüttelt und die Schriften und Totenschädel der dort arrangierten Epitaphe studiert habe, will ich resigniert abtrotten, als mich der spindeldürre Schmerzensmann vom Kreuz an der seitlichen Wand vorwurfsvoll stoppt. Erwischt mich unter seinem schmucklosen Vordächchen auf dem falschen Fuss. Ich denke in Bezug auf obgenannte Hand-Meditationen spontan, dass der da oben seine Hände (und Füsse) schon mehr als zwei Jahrtausende nicht mehr nutzen kann. Wobei dieses Kruzifix wohl einiges jünger ist als das Kloster, das doch immerhin rund 1200 Jahre schultert. Nun lese ich auf dem Schild noch viel neueren Datums:

Naja, lieber Freund, tut mir leid, dass ich dich fast übersehen habe, da das Museum zu war und die Kirche auch. Ich war ein bitzeli enttäuscht. Zudem stören mich die unhelvetischen scharfen ß, die ich immer sofort in hierzulande gebräuchliche Doppel-s umarbeite. Ich grüsse dich also mit einem erlösenden «Allegro!» und mache mich geläutert vom Welterbeacker.

Geräumiger als es aussieht und sorgfältig renoviert: Das Hotel Chalavaina gilt als eines der ältesten der Schweiz.

Gegenüber dem Kloster erkenne ich das fast 770jährige Engadinerhaus am Platz Grond, mit dem ältesten noch funktionsfähigen Holzbackofen Europas und der rauchgeschwärzten Küche, in dem wir vor vielen Jahren einmal einen zauberhaft schneereichen Silvester verbrachten – das Hotel Chalavaina. Eigentlich wollte ich auch dieses Mal hier übernachten, was nicht geklappt hat. Es sei eines der ältesten Hotels der Schweiz mit einem der ältesten Sgraffitis. Mittlerweile gehört es der Stiftung Chasa Chalavaina und wurde erst kürzlich sorgfältig renoviert. An den in einem Artikel erwähnten, von einem italienischen Wanderarbeiter 1696 in geschwungener Schrift geschriebenen Wandspruch kann ich mich zwar höchstens noch blass erinnern, gebe ihn aber hier gerne wieder: Die Vergangenheit macht mich traurig, die Gegenwart bestraft mich und die Zukunft erschreckt mich. Dem Mann scheints nicht wirklich gut gelaufen zu sein. Aber die Schrift wurde belassen, da «jeder Handgriff, jede Erneuerung im Hotel mit Gefühl und Sorgfalt und in enger Absprache mit Expert:innen und lokalen Handwerker:innen vorgenommen wurde». Gut so.

Natürlich versuche ich immer zu dechiffrieren, was in Romanisch Angeschriebenes bedeuten könnte. Bei der Chascharia komme ich nicht nur wegen dem Käse-Sgraffiti nach einigem Hirnen drauf. Bei näherer Betrachtung der Räumlichkeiten wird klar: Da wird kein Käse mehr hergestellt oder verkauft. Wir werden die neue Chascharia noch kennen lernen. Was Balcun At – der Name des Versammlungsortes von Gran Alpin – bedeutet, wurde mir geflüstert; nein, nichts von Balkon oder so, sondern hoher Balken. Und ein Wanderwegweiser erwähnt auch eine Ruina Balcun At. Gleich darunter wird Cascada da Pisch sogar zwischen Gänsefüsschen übersetzt: „Wasserfall“.

Funtauna gleich nebem dem Brunnen, dürfte Brunnen heissen. Bei der Passage durchs Dorfzentrum stosse ich – soweit ich mich noch erinnere – auf ein Arvenmöbelgeschäft, einen Figurenschnitzer und gleich beim Hotel einen Volg Super-Marchà. Zwei Schaufenster bieten Immobilien an, eine caffè-bar-cun specialitats La Cuort, aha, auch ein Kleidergeschäft existiert noch, die Café-Pastizaria-Furnaria Caterina Bolt und nebst einem Coiffeur, oh, eine Fierramainta/Eisenwarenhandlung, Chasada/Haushalt, Papeteria/Papeterie, Giovarets/Spielwaren . Und die stillgelegte Bäckerei daneben dient als Werbefassade für den bekannten Meier-Beck im 3 Kilometer entfernten Santa Maria.

Nur noch Fassade hier, erfogreiches Unternehmen im 3 km nahen Santa Maria: Werbung für die Spezialitäten des berühmten Meier-Becks.

So um 19 Uhr bin ich zurück im Hotel. Im Speisesaal mit dem grossen Wandbild von der Battaglia da Chalavaina/ Calvenschlacht hat man für mich schon einen Platz reserviert. Ich setze mich gerne mit dem Rücken zu Kanonen und mittelalterlichem Gemetzel und wähle das klassische Schweins-Cordon Bleu aus dem Cordon Bleu-Festival, das grad angeboten wird. Dazu ein Biera Engiadinaisa aus der Bieraria Tschlin, das ja auch aus Bio-Bergbraugerste von Gran Alpin gebraut wird. Ein Tisch ist schon besetzt, weitere füllen sich.

Was war noch einmal mit dieser Schlacht, von der ich schon damals im Hotel Chalavaina gehört, aber alles vergessen habe. Also guguselen, infoclio.ch; ja, genau, es geht um den hiesigen Freiheitshelden Benedikt Fontana, der auch als rätischer Winkelried bezeichnet wird (gekürzte Zusammenfassung):

Graubünden kennt kaum einen wirkungsmächtigeren Mythos als jenen um den Hauptmann der Bündner Truppen, Benedikt Fontana, den Helden der Battaglia da Chalavaina/ Calvenschlacht, die im Schwabenkrieg 1499 zwischen einer Bündner Truppe und dem Heer des römischdeutschen Königs Maximilian I. stattfand. Der bekannte Dichter Simon Lemnius, geboren auf dem Hof Guad bei Sta. Maria im Münstertal, beschrieb im Jahre 1550 in seinem Werk Raeteis die Schlacht in Versform auf Latein. Fontana habe im Sterben auf dem Schlachtfeld die Bündner angefeuert: «Hei fraischgiamang meiss matts, cun mai ais be ün hom da fear, quai brichia guardad, u chia hoatz Grischuns e Ligias u maa non plü.»/ «Frisch auf, meine Jungen, ich bin nur ein Mann, achtet meiner nicht, heute noch Bündner und Bünde oder nie mehr.»

1999 organisierten das schweizerische Münstertal und der italienische Vinschgau zum 500-Jahr-Jubiläum der Calvenschlacht eine Gedenkfeier, die nicht den Sieg der Bündner an der Chalavaina glorifizierte, sondern vielmehr die guten nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Regionen nach 1499 betonte. Schien Benedikt Fontanas Heldenruhm im 19. Jahrhundert noch unvergänglich zu sein, kam dem Calvenhelden am Ende des 20. Jahrhunderts offenbar keine grosse nationale Bedeutung mehr zu. Im Münstertal indessen hat der Calvenheld noch lange nicht ausgedient, denn auch heutzutage kann es wieder heissen «hoatz u maa non plü»/ «heute oder nimmermehr». Wir werden sehen, dass Gran Alpin und der Verein Agricultura Val Müstair den Freiheitskampf im Kanton Graubünden mit friedlichen Mitteln fortführen. Viva la Grischa! En Guete & bis morn!

Nach dem Zmorge im Hotel Helvetia trole ich über die Strasse

Beim Zmorge – dafür nehme ich mir immer Zeit, zum Wachwerden – blicke ich direkt auf die Baustelle, wo wohl seit 7 Uhr in orange leuchtenden Übergwändli gearbeitet wird. Gebaut wird eine neue, zum Hotel Helvetia gehörende Gesundheitsoase, die diesen Herbst eröffnet werden soll. Der Küchenchef vom Abendessen – vermutlich Pierre-René Grond –, der sich kurz gezeigt hat, um zu fragen, ob es recht sei, serviert mir Kaffee. Als ich die frühen Abendessenszeiten anspreche, beruhigt er mich, er würde mir auch um 22 Uhr noch etwas kochen, falls ich das wünschte. Aber es sei halt in der Zwischensaison schon sehr ruhig. Auch für einen bezüglich Öffnungszeiten verwöhnten Stadt-Osserirdischen heisst es in dieser Bergwelt also nicht ausschliesslich, wer zu spät kommt, gell.

Mein Einzelzimmer mit den Begrüssungs-Schaibiettas da Terza. Bild: Hotel Helvetia

Das Schwimmbad im alten Hotel sei nicht ausbaubar gewesen, darum habe man sich für den Neubau entschieden. Als ich das Wort Wellness einwerfe, legt er sein Veto ein. Wellness, es sei mehr als Wellness. Eine Gesundheitsoase, eben. Burnout-Behandlungen, Heilmassagen und so weiter. Man habe sich auch schon im Anbau von Nackthafer versucht, sagt Herr Grond, als ich ihm von der Gran Alpin-GV erzähle. Bisher erfolglos. Es geht um die Schaibiettas, die ursprünglich vom Meier-Beck im nahen Sta. Maria erfunden worden sind und mit Hafer von Gran Alpin hergestellt werden. Drei der im Hotel Helvetia gebackenen Schaibiettas da Terza haben mich im Hotelzimmer begrüsst – zum Dank hab ich sie sofort verputzt und die Feengeschichte dazu gelesen. Diese handelt von Kuhfladen sammelnden Kinder, die sich aber erst um diese Tätigkeit rissen, nachdem irgendwelche Feen überall Schaibiettas versteckt hatten. Hm. Ich glaubs mal.

Foto in der Hotellobby aus früheren Zeiten.

Als ich am Vorabend an die Recepziun trat, begrüsste mich laut Namensschild nämlich Anita Grond mit deutlichem «Allegra!», was mich «hoatz u maa non plü» dran erinnerte, dass ich mich im Romanischgebiet befinde. Ich bin auch immer wieder fasziniert, wie die Einheimischen bei ihren Unterhaltungen locker zwischen Romanisch und Bündnerdialekt hin- und herswitchen. Und obwohl ichs gerne höre, kommt mir Romanisch immer noch so spanisch-chinesisch vor wie Portugiesisch, aus dem ich nur die häufig verwendeten deutschen Wörter heraushören kann. Jedenfalls führen Anita & Pierre-René ed Olivier Grond das Hotel, wie auf helvetia-hotel.ch zu lesen ist: Wir, die Familien Grond in der 4. Generation und unsere Mitarbeiter, möchten Ihnen mit unserem Helvetia ein kurzfristiges Zuhause bieten. Das hat geklappt. Für die eine Nacht, die ich hier war, fühlte ich mich sehr wohl, wurde freundlich, zuvorkommend, aufmerksam und humorvoll bedient und habe gut gegessen.

Die 36. Mitgliederversammlung der Genossenschaft Gran Alpin

Und einmal über die Strasse trolen, schon bin ich da, wo die Jahresversammlung der Genossenschaft Alpin stattfindet: Restorant Balcun At.

So um 9.30 Uhr bezahle ich Zimmer und Nachtessen mit Kreditkarte und finde sogar den selten gebrauchten Code raus, bevor ich über die Strasse trole, um dort im noch spärlich besetzten Saal, – je nach Standpunkt – vorne rechts oder vorne links Platz zu nehmen. Bei einem weiteren Kaffee mit etwas mehr Pepp als der teedünne Filterkaffee im Hotel und einem Gipfeli.

Kein Quelle, kein Quöllfrisch: Die Technik ist zwar noch nicht ready, fordert aber grossmundig zum Planetenschutz auf.

Nun bin ich gespannt, wer neben dem auch schon gesehenen, aber doch fremden Fötzel Platz nehmen wird. Eine Gruppe setzt sich mit einem Stuhl Abstand. Ich erkenne Gian Denoth, der mit den Pferden pflügt (hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag Gian, Uranie & Maya). Später lüpft mich die Ähnlichkeit mit dem Jüngeren drauf, dass er Gians Sohn sein müsse, was die beiden bestätigen. Er arbeitet inzwischen auch auf dem Hof in Tschlin. Kurz darauf setzt sich mir gegenüber der höflich fragende Padruot Fried, den wir von der neuen Braugerstensorte Alpetta kennen (hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag Seht, wie sie tanzt, die schöne Alpetta!). Er setze sich auch für die Wiederansiedlung der früher hierzulande verbreiteten Dunklen Biene ein.

Vom pensionierten, aber immer noch aktiven Herrn, der sich zu ihm setzt, weiss ich den Namen nicht mehr. Aus dem Val Lumnezia erkenne ich niemanden; der Weg war den dortigen Genossenschafter:innen wohl zu weit. Ja, zwischen den unterschiedlichen Tälern des flächenmässig grössten Kantons liegen tatsächlich Welten – und mächtige Krachen. Der freie Stuhl zwischen mir und Gian Denoth erweist sich als Glücksfall, denn so kann sich der fliegende Batist Spinatsch vom Plantahof zwischenzeitlich zu uns gesellen, was interessante Gespräche und Infos garantiert.

Kurz, bündig und sachlich werden die Traktanden abgehandelt. Wenn ich an die endlos plätschernden Lehrer:innen-Konvente denke, die von nichts handelten und trotzdem Stunden dauerten… – tempi passati, zum Glück.

J

Der neue Gran Alpin-Präsident Andri Baltermina vom Hof Cresta, Salouf verliest den Jahresbericht. Danach erläutert die Ende Jahr in Pension gehende Maria Egenolf Jahresrechnung 2022 sowie Budget und Anbauplanung 2023. Trotz schwierigen Jahren konnte man mit kleinem Gewinn abschliessen. Insgesamt aber wurden im schlechten Anbaujahr 2022 mit dem zu trockenen Frühling die geplanten Mengen nicht erreicht und 627, 9 Tonnen Bio-Getreide eingefahren, davon 169,9 Tonnen Sommer-Braugerste und von der auf Wunsch der Brauerei Locher produzierten Winter-Braugerste 36, 1 Tonnen aus tieferliegenden Anbaugebieten.

Bei der Anbauplanung für 2023 appelliert Maria Egenolf noch einmal an die Produzent:innen, das Getreide anzubauen, das auch gebraucht wurde. Man wolle nicht am Markt vorbei produzieren. Das ist umso wichtiger, als die Gran Alpin-Preise vergleichsweise hoch sind. Denn der Bergackerbau ist aufwendig, bei zwar qualitativ hervorragenden, in der Menge aber bescheidenen Erträgen.

Jahresbericht von Gran Alpin-Präsident Andri Baltermina; links Maria Egenolf, Geschäftsführung, rechts Chloé Beerli, Stv. Geschäftsführerin, Qualitätssicherung, Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit.

Geplant sind für 2023 insgesamt rund 812 Tonnen, davon 175,5 Tonnen Sommer-Braugerste, 49 Tonnen Winter-Braugerste. Zusätzlicher Bedarf besteht bei Speise- und Braugerste sowie bei Buchweizen für die Pizzoccheri-Produktion. Im April ist jetzt zum Glück noch Regen gefallen, aber ob es reicht für eine gute Ernte, wird sich weisen. Sie befürchte, dass die Saison 2023 auch heiss und trocken werde, zitiert die bauernzeitung.ch Maria Egenolf.

Energiesparend werden die Arme bei Abstimmungen nicht allzu hoch gereckt; die beiden Stimmenzähler müssen genau hinsehen.

Nach dem Dreschen ist vor der Getreidesammelstelle: Als Andrea Laim von der Landi Graubünden, Leiter Agrar Leiter Proficenter Saatgut und Profigrün, die geplanten Neuerungen in der Getreidesammelstelle Landquart vorstellt, wird mir klar, wie ausgeklügelt die Logistik sein muss, wenn in der relativ kurzen Erntezeit für jedes Getreide die entsprechenden Lagermöglichkeiten bereit stehen müssen.

Das ist weit komplizierter als das Sammeln des Hochstammobstes fürs Bschorle, wo man Öpfel und Bire zusammenschütten kann (hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag Der Hochstammhimmel hängt voller Bschorle). Zu feuchtes Getreide muss noch lagerfähig getrocknet werden. Der Umgang mit kleinen und grossen Mengen, Sorten, Produktionsweise will gut organisiert sein. Es gab in der Vergangenheit anscheinend mehrfach Probleme für die Andrea Laim sich auch noch einmal entschuldigte: «Man muss nicht der Beste sein, sondern besser als gestern.»

Als Nachfolgerin für die Ende Jahr vorzeitig in Pension gehende Geschäftsführerin Maria Egenolf, die das erfogreiche Funktionieren von Gran Alpin über 15 Jahre geprägt hat, stellt sich Sandra Kunfermann vor. Sie tritt 2024 die Nachfolge an und übernimmt ein schwieriges Erbe, das – wer weiss – vielleicht auch einmal dem UNESCO-Welterbe zugeschlagen wird. Wir bleiben dran.

Erfreulich auch, dass immer weitere Bio-Berggetreidebauern der Genossenschaft beitreten; auch auffällige viele Junge, da zur Zeit viele Hofübergaben stattfinden. Mit 120 Mitgliedern hat sich die Zahl in Maria Egenolfs Zeit fast verdreifacht. Es ist diese faszinierende Mischung an Verbundenheit zur Scholle und Experimentierfreude, die mir an dieser Organisation so gefällt. Und der Wille, Lebensmittel von guter Qualität möglichst umweltschonend zu produzieren. Kän Bschiss. Für mich wird hier sehr wertvolle Pionierarbeit für die Landwirtschaft der Zukunft geleistet, die in Geldwerten eigentlich nicht wiedergegeben werden kann.

Erstaunlich viele der Produzent:innen lieben ihre Arbeit, auch wenn diese streng ist und sie damit nie Millionär:innen werden. Die meisten würden nie tauschen, um in einem langweiligen Bürojob mehr zu verdienen. Und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und dem Teilen des erworbenen Wissens stimmt ebenso optimistisch wie die wohltuende Mischung von Ernsthaftigkeit und Humor. Sind ja alle nicht die typischen Sitzungsfüdlis, hier. Und ich meide eigentlich jede Sitzung, die mich nicht braucht und alle andern möglichst auch noch – ausser der Jahresversammlung von Gran Alpin. Übrigens wird seit 2023 ein Teil der Braugerste in der inländischen Schweizer Mälzerei AG in Wildegg AG vermälzt. Gut so.

Nach dem Mittagessen ist vor der Besichtigung: vorne links Batist Spinatsch vom Plantahof.

Fast ganz regionales Mittagessen: Burger und Pommes inkl. Brot stammen aus regionaler Bioproduktion (bis auf den Speck, wie jemand herausfand und Salat). Ich helfe Padruot Fried, Food Waste zu vermeiden und verputze nach meinem noch seinen halben Burger, der ihm zuviel ist. Bei dieser Gelegenheit erinnern wir noch einmal an seinen Einsatz für die Dunkle Biene und guguselen jetzt mal noch, warum eigentlich Vegan-Fundamentalist:innen keinen Honig essen.

Aha: Weil Bienen in Massenhaltung ausgebeutet werden und andere Insekten verdrängen. Und und und. Oha. Wenn man dieses angeblich weltrettende Denken zu Ende denkt, ist es würkli fertig: Die nächste Rückentwicklungsstufe wird sein, dass Pflanzen nicht mehr ausgebeutet werden dürfen und wir dann pflanzengleich und in totaler Harmonie von Licht, Luft und Liebe leben. Dann ist plötzlich auch das sechste grosse Massenaussterben schnurzpiepegal, das menschgemacht und schon voll im Gange ist. Besser neue Wege im Sinne der Gran Alpin-Genossenschafter:innen und der fürs Nachmittagsprogramm zuständigen Agricultura Val Müstair gehen und morgen besser sein als gestern.

Neben allen identifizierbaren Gesetzmässigkeiten und Zwangsläufigkeiten besticht aber stets sein [des Menschen] Ingenium, das die Vielfalt der von ihm erdachten Lösungswege offenbart – sei es bei der optimalen Anpassung an die jeweilige Umwelt, sei es bei der Verarbeitung fundamentaler Umbrüche, sei es bei der Organisation gewaltiger Gemeinschaftsleistungen oder bei der Meisterung enormer sozialer Herausforderungen, wie sie etwa mit der Entstehung städtischer Ballungszentren einhergingen. Immer wieder waren es phantasievolle Innovationen, durch die der Mensch von allem Anfang an den ihm bei seinen Entscheidungen zur Verfügung stehenden Spielraum zu nutzen verstand, so eng dieser im Einzelfall auch gewesen sein mag. Ohne an dieser Stelle der Kraft des <freien Willens> das Wort reden zu wollen – unsere Vorfahren waren in ihrem Denken und Handeln keineswegs nur klimadeterminiert oder von äusseren Zwängen fremdbestimmt; stets fanden sich auch innerhalb jedes von der Natur gesetzten Rahmens Handlungsalternativen.

Die frühe Menschheitsgeschichte bestand aus langwierigen Entwicklungsprozessen, die sich über Jahrtausende hinziehen konnten. Auf seinem langen Weg sammelte der Mensch Erfahrungswissen, hat experimentieren müssen und ist immer wieder auch gescheitert, ehe er zum Erfolg gelangte. Die wenigsten Neuerungen hat er gleichsam <über Nacht> ersonnen; dies gilt gleichermassen für die Anfänge seiner jägerischen Aktivitäten, den Gebrauch des Feuers, die Sesshaftwerdung, die Domestikation von Pflanzen und Tieren, die Herausbildung von Eliten in komplexen Gesellschaften oder die Errichtung von Städten. Manch ein Grundstein für eine viel spätere Entwicklung wurde bereits Hunderttausende von Jahren zuvor gelegt. Deshalb ist es müssig, darüber zu spekulieren, welche nun die entscheidende Zäsur in der frühen Geschichte des Menschen war. An dem, was später daraus wurde, haben der Homo erectus in Afrika als erster Jäger, der das Jenseits entdeckende Neandertaler und der frühe Homo sapiens mit seiner voll entwickelten Sprechfähigkeit und der von ihm in Höhlen geschaffenen Weltkunst genauso viel Anteil wie die ersten Viehzüchter und Ackerbauern, die Architekten von Monumentalbauten und Bewässerungsanlagen, charismatische Führungspersönlichkeiten in sozial geschichteten Siedelverbänden oder Herrscher, Priester und schriftkundige Verwaltungsbeamte in frühen Städten.

Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift. C.H. Beck, München, 2014

Agricultura Val Müstair: Chascharia – Bacharia – Graun

Rico Lamprecht lädt zur Besichtigung der drei lokalen Entwicklungsprojekte von Agricultura Val Müstair.

Nach dem Mittagessen lädt uns Grossrat Rico Lamprecht als Vorstandsmitglied des Vereins Agricultura Val Müstair ein zur Besichtigung dreier kürzlich realisierter regionaler Entwicklungsprojekte: Die Agricultura Val Müstair (ScRL) besteht aus 34 Landwirten und zwei Institutionen und ist die Trägerschaft des Projekts zur regionalen Entwicklung (PRE) und steht für Bio-Produkte aus der Biosfera Val Müstair. Gemeinsam mit dem Naturpark Biosfera Val Müstair und dem Jägerverein Turettas vermarkten die Mitglieder ihre Käse-, Fleisch- und Getreideprodukte in bester Qualität. Das Ziel der Projektgruppe ist es, die Biosfera Val Müstair weiterzuentwickeln, indem Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen verbessert werden.

Mit dem Extrafahrt-Postauto bewegen wir uns ins rund einen Kilometer Richtung Santa Maria liegende «Industriegebiet» von Müstair. Es liegt etwas ausserhalb und wird von rechteckigen Containerbauten neueren Datums dominiert. Die Neubauten der Käserei und Metzgerei liegen in direkter Nachbarschaft nebeneinander, die Getreidesammelstelle liegt etwas weiter unten; es fehlt nur noch das Tor.

Mit dem folgenden Film stellt sich der Verein selber vor – und ihr hört die richtige Aussprache von Wörtern wie Chascharia und Bacharia:

Unsere Gruppe besucht zuerst die Metzgerei. Da gerade nicht viel läuft, gibt es dort vor allem neue und klinisch saubere Kühlräume sowie Aufhäng- und Leitsysteme zu bewundern. Ganz ähnlich in der topmodernen Käserei. Allerdings ist der Aufbruchs- und Pioniergeist der Beteiligten überall zu spüren. Alle erzählen mit Herzblut und Humor. Im Folgenden einige Bildeindrücke ohne Details, die ihr unter agricultura-valmuestair.ch selber nachlesen könnt.

Bacharia Val Müstair

Die Bacharia (Metzgerei) Val Müstair bietet Schlachtung, Verarbeitung und Veredelung für Fleischproduzenten aus dem Val Müstair an – von Salsiz, Mostbröckli und Hauswurst bis zu Mischpaketen mit Frischfleisch für die Direktvermarktung. In der Jagdsaison wird das Wild regionaler Jäger entgegengenommen und verarbeitet.

Im dunklen Quader befindet sich die neue Bacharia Val Müstair.
Gar nicht so einfach, aber lustig: Montieren der stylishen Hygienhauben.

Chascharia Val Müstair

Die neue Chascharia (Käserei) Val Müstair stellt aus regionaler Bioheumilch Joghurt, Butter, Rahm und vor allem Käsespezialitäten her.

Die Chascharia Val Müstair.
Das Desinfektionsbad.
Der Computer pflegt das Käselager «liebevoll» und selbständig.

Getreidesammelstelle Val Müstair

Die neue Getreidesammelstelle Val Müstair diene vor allem zur Trocknung und Lagerung für Gran Alpin. Was von der alten Sammelstelle noch gebraucht werden konnte, wurde hier wieder montiert. Nur das Tor fehlt noch, ansonsten ist man für die nächste Ernte bereit. Hoffentlich wird die Ernte 2023 eine bessere, denn so ein schlechtes Getreidejahr wie das letzte habe er noch nie erlebt, sagt Jon Flura der uns die unter anderem mit Croudfounding finanzierte, schiffsähnliche Konstruktion mit Trocknungsanlage, die vornehmlich von Hand bedient werden muss, voller Enthusiasmus erklärt.

Jon Jachen Flura ist mit viel Herz bei der Sache.

A revair, Val Müstair!

Ausblick vom Platz vor der Chascharia kurz vor der Abreise.

Bis Zernez kann ich nun mit dem Extrafahrt-Postauto mitfahren und erwische – potz Holzöpfel und Zipfelchappe! – einen direkten Zug nach Zürich HB. Im Speisewagen entdecke ich, dass es das Panaché von Appenzeller Bier ins Sortiment geschafft hat, das nicht wie so viele andere mit künstlichen Aromen, sondern mit natürlichem Zitronensaft angereichert wird. Nöd schlächt!

Bis zum nächsten Mal – a revair, Val Müstair! Der Osserirdische is back on earth.

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