«Die einen kommen für ein Selfie, andere um eine Wurst zu kaufen.»

«Die einen kommen für ein Selfie, andere um eine Wurst zu kaufen.»

Quöllfrisch unterwegs in Vella im Val Lumnezia

Meisterlandwirt, Mister Schweiz 2005, Ex-Fussballprofi: Renzo Blumenthal nimmt noch heute an Schönheitswettbewerben teil – mit seinen Kühen, von denen eine Miss Surselva wurde. Und seine Bio-Braugerste gedeiht dieses Jahr prächtig.

Das beginnt ja wieder hervorragend: Kaum dass ich nach Einfahrt des Zuges Richtung Chur das mühsam zu stemmende neue Quöllfrisch unterwegs-Bike Quölli die trümligen Einstiegs-Tritte rauf und in den Haken geächzt, gehievt, gewürgt, gestossen und im ersten Abteil Platz genommen habe, montiert ein SBB-Mitarbeiter ein Reservationsblatt für den ganzen Wagen an die Eingangstür. Auf Nachfrage darf ich sitzenbleiben. Kaum ist die entsprechende Schulausflugsgruppe eingetroffen, bemerke ich: Shit, Kamera vergessen! Genug Akkus hätt ich. Ausgerechnet wenns zum fotogensten Biobauern der Schweiz geht, ich Volltubel! Ok., Handy muss es auch tun. Wenigstens hat der Regen aufgehört. Im Nachbarabteil erklärt eine Lehrerin ihrem Kollegen den Metabolismus. Mir raucht jetzt schon der Glukosekopf.

Alles beginnt ganz harmlos: Die Tafel am Anfang der Steigung zum Val Lumnezia noch voll und klar im Licht.

Nach unspektakulärer Übernachtung in Ilanz gehts am Morgen früh Richtung Afrika. Das hat nämlich einen kurligen Ableger in Graubünden: Alles, was nach Ilanz kommt, wird auch Rhätisch Kongo genannt. Sogar ein Despot namens Idi Alpin ist allda mündlich überliefert. Der Himmel hält sich bedeckt, der Regen sich zurück. Ich lenke Quölli ins Val Lumnezia, das Tal des Lichts. Es geht ziemlich steil rauf, was mir dann vor allem bei der Rückfahrt auffällt, wo ich oft rekuperieren kann, also Strom zurückgewinnen. Jetzt kommt es mir vor allem zäh und langsam vor, wie ich da Umdrehung für Umdrehung und Höhenmeter für Höhenmeter ins neblige Ungewisse vorstosse, obwohl Quölli teilweise mehr als einen Zwanziger auf den Tacho legt. Die Luft riecht aufgrund der Feuchtigkeit hervorragend. Ahh, que bello!

Der Rhätisch Kongo kann im Tal des Lichts ganz schön vernebelt sein.

Es ist Quöllis erster Bündner Bergtrip der höchsten Kategorie. Er führt von Ilanz (Schwellenhöhe Bahnhof: 708.5 m ü.M.) nach Vella (1244 m ü.M.) und von dort später dann nach Chur (593 m.ü.M.), wo ich Quölli erneut in den Haken wuchte, den Laptop aufklappe und WM schauend ein am Kiosk gekauftes kühles Quöllfrisch ausbüxe. Aber alles schön der Reihe nach.

Dorfkern Vella: Weit kann es nicht mehr sein.

Der 6. Juli war der einzige Termin, den Renzo mir noch anbieten konnte. Blieb also keine Wahl auch in Sachen Wetter. Am nächsten Tag fährt er mit Familie für eine Woche nach Italien in die Ferien, danach habe er für länger keine Zeit mehr. Dann ist nämlich Mitte Juli und die Heuete der Ökowiesen angesagt. Wir haben uns um 9 Uhr in Vella beim Quadrin Renzo’s Hofladen verabredet.

Ich komme zehn Minuten zu früh an und erhole mich auf dem gemütlichen Holzsims vor dem Laden vom Aufstieg. Vella fusionierte 2013 mit Cumbel, Degen, Lumbrein, Morissen, Suraua, Vigogn und Vrin zur Gemeinde Lumnezia. Schafe bimmeln und grasen gemütlich gegenüber, Vögelein zwitschern, singen, tschilpen und flattern geschäftig vorüber, der Brunnen plätschert friedlich vor sich hin, das Bächlein murmelt leise Christian Morgensterns ästhetisches Wiesel: Ein Wiesel sass auf einem Kiesel inmitten Bachgeriesel. Wisst ihr, weshalb? Das Mondkalb verriet es mir im Stillen: Das raffinierte Tier tats um des Reimes willen.

Schon bricht sich die nackte Realität in Form von Traktorenlärm wieder Bahn durch mein driftendes Illuminieren: Renzos Mitarbeiter tankt eine Ladung Gülle beim etwas höher liegenden Stall. Dort lacht mich auf der Digitalanzeige zu Stromproduktion und -verbrauch der erweiterten Photovoltaikanlage – auf den Dächern seiner beiden Wirtschaftsgebäude und einem Teil seines Wohnhauses – ein Renzo-Porträt mit Kuh an. Als der prominente Biobauer eintrifft, öffnet er den Laden und ist froh, dass ich ein Mineral und keinen Kaffee bestelle. Auf einem Kerzenglas lese ich: Lerne von der Vergangenheit, träume von der Zukunft, lebe hier & jetzt. Wir setzen uns hier und jetzt im gemütlichen Lokal an eines der beiden Tischchen.

Rechts oben die Leistungsanzeige von Renzo Blumenthals Photovoltaik-Anlage. Der Hofladen ist gleich nebenan unter dem angrenzenden Maschinenpark.

Renzo schloss 2005 – also in seinem Mister Schweiz-Jahr; davor war er Mister Heubuuch 2004 – seine Ausbildung zum Meisterlandwirt ab und übernahm 2010 den Hof von seinen Eltern. Dazwischen tschuttete er noch ein halbes Jahr lang als Fussballprofi unter Marcel Koller beim FC St. Gallen. Eine Verletzung stoppte seine Karriere in der höchsten Liga, er erhielt keinen Vertrag mehr. Eine Riesenenttäuschung. So spielte er noch sieben Jahre in der 1. Liga bei Chur. Hatte nur ich die falsche Vorstellung, dass Renzo Blumenthal vor allem an allen VIP-Hundsverlocheten in die Kameras lächelt, also kein ernst zu nehmender Bio-Bergbauer sei, der jeden Tag in die Hände spuckt und hart anpacken muss?

Dieses öffentliche Trugbild versucht er gegenwärtig verstärkt zu korrigieren. Ehrgeizig sei er immer gewesen und in allem, was er anpacke. Und er ist überzeugt: «Du musst den Körper quälen, sonst quält er dich.» Er habe schon immer vollen Einsatz gegeben, sei aber heute vernünftiger und gelassener als früher: «Ein Tag im Winter sah folgendermassen aus: Um 5.30 Uhr aufstehen, dann bis 8 Uhr in den Stall. Danach ins Sportgeschäft, wo ich für Skiservice und -vermietungen zuständig war. Um 17 Uhr in den Stall, so um 18.30 Training in Chur. Bis ich wieder zuhause ankam, war es 23 Uhr und ich hatte dreimal geduscht. So gings sieben Tage die Woche, wohlgemerkt.» Und die ganze Zeit war er mit Leib und Seele Biobauer. Der 41-Jährige sagt, das Altern gehöre zum Leben: «Wichtig ist, dass man zufrieden ist und liebt, was man tut.»

Renzos gemütlicher Hofladen Quadrin. Nach dem Gespräch füllt Renzo auch die Vitrine mit seinen Produkten auf.

Zufrieden macht ihn im Moment vor allem die Brown Swiss-Zucht, die er voller Leidenschaft betreibt. So besitzt er immerhin die schönste Kuh des Bündner Oberlandes, die Miss Surselva. Die Milch der Brown Swiss enthalte mehr Eiweiss als diejenige anderer Rassen. Aber das daraus resultierende Einkommen stehe in keinem Verhältnis zum Aufwand. Es sei sowieso falsch, dass Subventionen nach Fläche und nicht nach Qualitätskriterien vergeben werden. So komme man kaum auf einen grünen Zweig hier oben. Draussen auf einer Wiese ausserhalb des Dorfes suhlen sich seine 40 Schweine. Und seit 12 Jahren wird auf dem Hof auch Braugerste für Gran Alpin bzw. die Brauerei Locher angebaut. A propos Gerstenanbau: In Crestaulta, der Siedlungsstätte aus der Bronzezeit bei Surin zwischen Lumbrein und Vrin auf der anderen Seite des Rheins, wurde nachgewiesen, dass Gerste zur Ernährung der damaligen Bewohner gehörte und somit eine Jahrtausende alte Anbautradition hat im Val Lumnezia.

Die beiden durch ein kleines Strässchen getrennten Braugerstenfelder von Renzo Blumenthal Anfang Juli 2018; gleich neben dem Fussballplatz (hinten links von der Mitte), wo seine fussballerische Laufbahn begann. «Ich kann mich nicht erinnern, jemals so schöne Braugerstenfelder gehabt zu haben», sagt er.

«Die Zusammenarbeit mit Gran Alpin entstand, nachdem ich allein mit der Brauerei Flims begonnen hatte, mein eigenes RENZO-Bier zu brauen, und immer mehr Bauern mitmachten. Gran Alpin macht das auch wirklich gut. Ich dresche, liefere, dann wird abgerechnet und Gran Alpin sorgt für die Mälzung in Deutschland.» Geerntet werde voraussichtlich im September. Das Renzo-Bier wird seit der Einstellung des Betriebs der Brauerei Flims Surselva nach demselben Rezept von der Brauerei Locher in Appenzell gebraut. «Das ist einfach super und unkompliziert. Einmal nur war ich dort zu einer Besprechung, seither habe ich nichts mehr mit Karl Locher selbst zu tun und alles läuft bestens. Auch die Qualität stimmt und die Haltbarkeit des Biers ist besser geworden.»

Während andere unter der anhaltenden Trockenheit leiden, meint er, seiner Gerste habe es eher geholfen. Nach dem vielen Schnee sei der Boden im April trotz der Wärme schön feucht gewesen und die Braugerste sei gut gewachsen, habe sich vor dem Unkraut durchgesetzt. Er habe dieses Mal stark auf den Mondkalender geachtet, während er früher einfach die jeweils nötigen Arbeiten durchführte, wenn er Zeit dazu fand. Nun sagt er mit Stolz: «Ich kann mich nicht erinnern, jemals so schöne Braugerstenfelder gehabt zu haben. – So, jetzt mues i!»

Da er am letzten Tag vor seinen Ferien – vier Kinder, das jüngste jährig – anstelle seiner Frau den Laden hüten muss und wohl auch sonst noch einiges zu erledigen hat, beschreibt er mir den Weg zu den Feldern und beginnt mit dem Einräumen der Vitrine. Schon kommt eine erste Kundin aus dem Dorf. Sie will weder Selfie noch Käse, sondern Hackfleisch.

Art Brut: Herrlich gemalt, die Altarbilder in der Kirche von Vella. Vielleicht hat dieser schnauzbärtige vera-icon-Schweisstuch-Jesus mit seinen Engelein auch zum Gedeihen der Braugerste beigetragen. Man kann übrigens das echte Schweisstuch der Veronika auch als erste Fotografie der Menschheitsgeschichte sehen, gell.

Mit je einer Blumenthaler Bio-Trockenwurst «Schwarzwurst» und «Knoblauch», zwei Stück Blumenthaler Bio-Bergkäse und ein Stück Blumenthaler Alp Nova Käse in der Satteltasche gehts zurück nach Ilanz. Ich überlege vor der Talfahrt, ob ich nicht noch nach Vrin hochradeln soll, entscheide mich dann aber dagegen; ist noch ein tüchtiges Stück. Zuoberhinterst im Lichtertal hat der dort geborene ETH-Professor für Architektur & Entwurf Gion A. Caminada einen sehenswerten Wurf gelandet. Mittels der alten Strickbau-Technik überführte er das idyllische Bergbauerndorf mit dem intakten Dorfbild, der üppigbarocken Kirche samt eingemauerten Schädeln (Gebeinehaus), auffälligem Phallus mit Kreuz über dem Friedhofstor & neu erstellter Totenstube in unsere Zeit. Caminadas Orts- & Gestaltungsplanung des rund 250-Seelendorfs gilt seither bis über die Landesgrenzen hinaus als Modell für eine zukunftsgerichtete Dorfentwicklung im Alpenraum. Aber auf die Frage, ob auch die Bauern von Vella das dortige Schlachthaus nutzten, meint Renzo bedauernd, diese Zusammenarbeit habe bis jetzt nicht geklappt.

Er findet es auch schade, dass die Touristikleute keine innovativen Initiativen zustande brächten, um den Menschen die Schönheit des Val Lumnezia näherzubringen. In Sachen Pioniergeist könnten die lokalen Touristiker vom umtriebigen Karl Locher lernen: «Was der alles macht. Diese innovativen Produkte und alles. Immer wieder etwas Neues. Wir haben hier oben die perfekten Ressourcen und streiten uns wegen ein paar Fränkli.»

Und so lobt der Bio-Bauer Arosa für seine gelungene PR-Offensive mit Napa, dem letzten Zirkusbären Serbiens, der unter tosendem Mediengetrommel und mit Bundesratsprominenz zum ersten geretteten Bewohner des Bärenlandes wurde. Ich will ja kein Spielverderber sein, aber wurden im Bündnerland nicht vor wenigen Jahren noch ungeliebte wilde Exemplare von Meister Petz abgeschossen oder sonstwie getötet? Als geldsparende PR- und goldeselnde Touristen-Tierchen hegt und hätschelt man nun also ein bis fünf Tiere in diesem geschützten Asylheim? Fehlt nur noch der erste Eisbär, der aufgrund der Klima-Erwärmung neben die schmelzenden Gletscher ins Bärenland geholt wird. Die Paradoxien unserer Zeit zeigen sich in allem und überall. Und da der Bär das im Quöllfrisch unterwegs-Blog am Häufigsten und auf jedem Appenzeller Bierglas auftretende Tier ist, widme ich ihm demnächst einen separaten Beitrag.

Und zum Schluss noch dies:

Am Rande des Parkplatzes vor der Kirche gibts gar noch eine Telefonkabine. Und aufgrund der beiden Zeitungsautomaten nehme ich an, dass auch der Blick in zu bezahlender Papierform hier oben noch für reissenden Absatz zu sorgen vermag. Die Schlagzeile Run auf Frauenhäuser fällt mir dann beim nachfolgenden Frauentor wieder ein – und auch in Bezug auf das Bärenland.
Quölli vor dem Frauentor bei Porclas. Wo heute die Strasse ist, war Fels und das Tor verschloss das Val Lumnezia vor feindlichem Eintritt. Hier hätten die Frauen 1352 «den legendären Kampf der Lugnezerinnen in der Fehde zwischen Ulrich Belmont und dem Grafen von Werdenberg-Sargans durch das Hinunterrollen von Steinen entschieden.»
Vorderrhein und Bahntrassee im Aufstieg nach dem Zwischenhalt im «Café Zwischenstation & Handwerk» im ausgedienten Bahnhof Valendas-Sagogn.
Armes, gehängtes, aber grossartiges Quölli seitlich hinten, erfrischendes Quölli vorn. Aber, liebe SBB, es wäre Zeit, mal ein wenig menschenfreundliche Hydraulikhilfe für Bikes zu installieren.

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Menü schließen