Der Schuh des Ursus: 2020 Boots

Der Schuh des Ursus: 2020 Boots

Die Vibram-Sohlen-Spur des zurückkehrenden Alpsteinbären vom Hohen Kasten führt in einen kleinen Popup-Store an der Hauptgasse 46 in Appenzell. Im Laden riechts nach Kräutern, die darin früher gelagert waren. Hier kann man die 2020 Boots von Fabienne und Urs «De Bää» Inauen ausprobieren – und bis Ende Januar 2020 zum Vorzugspreis bestellen.

18. Dezember 2019. Pünktlich um 9 Uhr trudelt die rote Appenzellerbahn im Innerrhoder Hauptort ein. Am Ausgang der Unterführung wartet Stuntman und Appenzeller Bier-Botschafter Urs Inauen mit Velo und Sohn Kane im Kindersitz. Natürlich trägt er die in Portugal rahmengenähten 2020 Boots «Bru» und mit sichtbaren Gebrauchsspuren. Ist ja ein Schuh, der mit zunehmenden Jahren immer schöner werden sollte. Und der sicher – wie ich nach dem Sohlenverlust nach dem Imkerbesuch und nach der verfrühten Entsorgung der Meinle-Schuhe gelernt habe – auch mehrmals wieder besohlbar. Solides, nachhaltiges Lederschuhwerk vom Feinsten, halt.

Charmant, aber ohne grosses Schaufenster: Der 2020 Boots-Pop-up-Store von Fabienne und Urs Inauen an der Hauptgasse 46 in Appenzell, der auch ein Café ist – mit Velo und Kinderwagen.

Da Urs sich dafür entschuldigt, dass er mich im letzten Mail mit Alf angeschrieben hat, kommen wir auf Namen zu sprechen. Ich bin mir diesbezüglich einiges gewohnt. Und irgendwann habe ich deswegen den amtlichen Taufnamen installiert: Alfred; heisse «der von Elfen umringte». Davon merk ich nicht viel, aber das Bild gefällt mir. Erstaunlich, dass der Pfarrer in Stein am Rhein damals den elterlichen Wunschnamen «Fredy» als Kürzel bezeichnete, das in der Tauf nur als Alfred möglich sei. Das waren noch Zeiten, gell. So richtig verhasst ist mir «Alfie». «Alf» zu heissen, ist dem katzenfressenden Ausserirdischen aus dem TV vorbehalten. Keine Ahnung, wieso man mich in der Sek «Flieder» nannte, Panda hiess ich in der ungeliebten Pfadi – meines Lachens wegen; aber eine von mir sogenannte Propapanda-Leihgabe Chinas war ich deswegen noch lange nicht. So um 11 Uhr wird Hans Ulrich Gantenbein vom Appenzeller Volksfreund eintrudeln und sich als «H9 » vorstellen: H für Hansueli und 9 wie G für Gantenbein. Logisch, oder?

H9 vom Appenzeller Volksfreund beim Fotografieren der Familie Urs, Fabienne & Kane Inauen.

Aber wie kommen nun Urs und Fabienne auf ihres Sohnes nicht eben schweizerisch-appenzell-typischen Namen Kane? Kane sei die höchste Gottheit in Hawaii, erklärt mir Urs auf dem Weg zum Shop. Und auf Hawaii hat er schon gedreht. Schon auf diesem kurzen Spaziergang wird klar: Der Mann ist trotz Hollywood-Glamour hier verwurzelt, grüsst alle und jede/n, man kennt sich; er ist einer von hier. Ein «Heweh»-Appenzeller, wie er lachend einem nach H9 einfahrenden TV-Journalisten gesteht. Ich bin in einen Journalistenbesuchsmorgen hineingeraten. Natürlich auch, weil die 15 Minuten Interiewtime, die für Hollywood-Stars gelten, im kleinheilen Appenzell nie ankommen werden.

Anscheinend sehr gesucht: Die klassischen, gelben Wanderwegweiser.

Gelbe Wanderwegweiser führen zum Laden an der Hauptgasse 46. Anscheinend höre die Hauptgasse irgendwo zwischen Nummer 20 und 30 auf, denn der Andrang hält sich (noch) in Grenzen. Wir treten unter dem mit Lämpchen verzierten Geweih ein in den gemütlichen Showroom mit dem Tisch seines Vaters, der Möbelschreiner war. Vor und im wirklich sehr unscheinbaren, aber gemütlichen Laden findet sich ein ganzer Wald von alten Wanderweg-Wegweisern. Die begehrten Schilder habe er vom Kanton geliehen, sie würden später verkauft.

Im Laden grüsst der Bär, links die Damenmodelle, von denen der «Bru» grad getestet wird, Herren rechts.

Kurz nach unserer Ankunft erscheint auch Fabienne und übernimmt es, für mich den Kaffee zu brauen, den Urs mir angeboten hat. Der ungekapselte Espresso schmeckt sehr gut. Ein recht turbulenter Morgen bei Kaffee, Wasser, Bio-Kräutertee, Weihnachtsguezli und tausendundein Geschichten nimmt seinen Lauf. Die Kunstgiesserin Sibylle Bichsel vom nahen Zunfthaus probiert an diesem Mittwoch als erste Kundin die 2020 Boots an. Bis Ende Januar kann man sie hier unverbindlich probieren und sich vom ehemaligen Sportartikelverkäufer Urs Inauen persönlich beraten lassen. Als Sportler und Stuntman weiss er, dass die Materialqualität entscheidend ist. Auch die unterschiedlichen Fussformen hat er bedacht; so können je nachdem die Einlegesohlen ausgewechselt werden. Für genauere Infos, bitte selber nachfragen.

Der Stuntman mir dem Bärenschuh aus wasserdichtem, pflanzlich gegerbtem Leder.

Urs erzählt von Menschen, die er in Übersee kennenlernen durfte. Wie den alten Stuntman, der mit Elvis und Burt Reynolds zusammengewohnt und ihm eine Lebensregel mitgegeben hat, an der er sich orientiert: Behandle alle Menschen so, wie du selber gerne behandelt wirst. Wie er zu seinem in der Schweiz ziemlich seltenen Beruf gekommen ist, findet sich im Netz zusammen mit entsprechenden Hollywood-Stories kinderleicht, beispielsweise im St. Galler Tagblatt-Bericht mit den Appenzeller Bier-Lastwagen. Seine Firma sei darauf spezialisiert, Menschen fliegen zu lassen. Das können auch die Schauspieler*innen sein und die Stunt-Crew ist für Planung, Ausführung und Sicherung zuständig.

Natürlich läuft auch der Spot als Projektion im heimeligen Kellerraum, wo Fondues und andere Gruppenmahlzeiten stattfinden.

Aber im Stunt-Business ist jobmässig immer alles ungewiss. Nie weiss man, ob und wann der nächste Job kommt. So hat der bodenständige, humorvolle und findige Appenzeller mit dem Wanderschuh aus Leder einen ersten Schritt getan, sich ein zweites Standbein zu schaffen. Er vermisste auf dem Markt einen bequemen Wanderschuh ganz aus Leder. Die langjährige Bekanntschaft und Zusammenarbeit mit der Widnauer Motorrad-Bekleidungsfirma The Rokker Company brachte ihn letztlich dazu, aus einem Lippenbekenntnis Tatsachen zu schaffen. Deren grosses Know-how in Qualität, Produktion und Verkauf von funktionaler Schutz-, Performance- und Casualbekleidung und den Kontakt mit ihrer portugiesischen Schuhmanufaktur konnte er nutzen, um seine eigene Idee eines rahmengenähten Leder-Wanderschuhs zu schaffen, der seinen hohen Ansprüchen gerecht wird.

Urs erzählt von den Dreharbeiten für den Spot im Alpstein. H9 erklärt, dass die Erhebung südlich des Säntis – sie ist der höchte Teil des Lysengrates – von den Toggenburgern als «Chalbersäntis» bezeichnet wird. Auf ihr steht ein einfaches Metalkreuz.

Auch wenn H9 findet, es bräuchte – nebst Bru und DunklBru – dringend noch ein schwarzes Modell für Banker in Anzügen, kann sich Urs (noch) nicht damit anfreunden. Er wolle keine Militärschuhe. Der Name 2020 Boots hat nicht nur mit dem Erscheinungsjahr der ersten Lieferung zu tun. Twenty-twenty bedeutet auch in mehrfacher Hinsicht perfekt, was vom Sehtest mit der Distanz von 20 Fuss (!) kommt. Auch das Bärenlogo hat Urs ziemlich durchdacht: Urs – Ursus – der Bär. Klar und logisch. Die Linien sind bewusst gesetzt, das obligate Schnäbi darf nicht fehlen. Ah, vielleicht hat ja meine Nummer 10 ein Paar Twenty-twenty Boots gewonnen. «Leider nein, eine meiner Tanten hat gewonnen», werde ich umgehend in den enttäuschenden Senkel der Realität gestellt. Wieder nichts mit dem grossen Los! Und noch eins wurmt mich – ein bisschen. Urs zeigt mir im Netz ein Appenzeller Bier, von dessen Existenz ich keine Ahnung hatte: Das Swiss Mountain Beer! Jo, heitere Fahne!

Der Appenzeller Bier-Botschafter zeigt mir das internationale Swiss Mountain Beer der Brauerei Locher. Tja, muss wohl mal wieder eine grosse Reise tun.

Ich probiere die 2020 Boots natürlich auch an. Obwohl, eben, ich habe nach dem oben erwähnten Vorfall mit der sich ablösenden Sohle, meine Wanderschuhe verfrüht entsorgt und natürlich schon neue gekauft, um dann zu erfahren, dass man sie zwei bis drei Mal wiederbesohlen lassen kann. Wieviel Schuhe braucht der Mensch? – Gute Schuhe immer! Ist ja unverbindlich, probieren geht über studieren! Hoher Spann, breiter Rist. Grösse 43 passt auf Anhieb wie angegossen. Als Wortwerker & Bildhauer schlägt mein Herz für handwerkliche Verarbeitung von hochwertigen Materialien. Und der Gwunder sticht mich, wie die Boots sich wohl durch langjährige Gebrauchspatina verändern. Gebongt, kauf mir auch ein Paar! Tami, wieder mehr ausgegeben als verdient. Dafür ein tolles Paar Schuhe gewonnen. Vertrauenssache!

Hinweis: Der Laden ist noch bis 31. Januar 2020 an der Hauptgasse 46 in Appenzell zu finden; bestellte Schuhe werden im Mai 2020 geliefert. Weitere Infos immer auf: 2020boots.rocks.

Und zum Schluss noch zwei Set-Fotos von Urs Inauen in Stunt-Mission – beim ersten Bild ist es der auf dem Appenzeller Bier-Lastwagen:

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