Der Hochstammhimmel hängt voller Bschorle

Der Hochstammhimmel hängt voller Bschorle

Quöllfrisch unterwegs in Wolfhalden AR und Oberegg AI

Die Obsternte der IG Appenzeller Obst ist seit Anfang September im Gang. Sie wird noch bis Ende Oktober andauern. Über Heiden fräse ich zu Thomas Heierli nach Wolfhalden. Und später zu Fredi Klee und zur Sammelstelle mit neuer Waage in Oberegg.

Mittwoch, 30. September 2020. Immer mittwochs von 13.30 Uhr bis halb sieben stehen die Mulden bereit für die Öpfel ond Bire der Appenzeller Hochstammöbstler*innen. Dann bringen die Mitglieder der IG Appenzeller Obst ihre aufgelesene Beute in den unterschiedlichsten Vehikeln und Behältnissen zu einer der drei Sammelstellen: Eisenhut Transporte Oberegg AI, Landi Säntis Herisau AR, Mulden Staudach Teufen AR.

Fredi Klee, Präsident der IG Appenzeller Obst leert einen Harass an der Obstsammelstelle Eisenhut Transporte Oberegg AI mit der neuen Waage.

Einmal mehr verlade ich Quölli in einen Zug mit unpassenden Haken, um von St. Gallen über Heiden nach Wolfhalden zu pedalen. Prompt wird Quölli noch umgeworfen bei der Abnahme der beiden schon hängenden Kindervelos. Der Rückspiegel ist ein weiteres Mal futsch; so ungefähr der vierte. Natürlich sagt mir das die Verursacherin nicht. Die SBB macht einfach nicht fürschi, was Velotransport betrifft. Der Kondukteur gibt ausweichende Antworten, wenn man die Sache anspricht. Man sei dran, die neuen Züge werden dann besser ausgerüstet sein. Tja, wa wotsch? Die SBB haben ja nicht mal genug Lokführer*innen, was kümmern sie da die nicht eingehaltenen Werbeversprechen vom Velotransport im Zug. Auch hier hängen wieder mehrere Hochglanzprospekte zum Thema.

Heiden, das Biedermeierdorf meiner Jugend

Von St. Gallen gehts zuerst ebenaus, dann steil hinunter über die Martinsbrücke über die Goldach und von da nur noch obsi. Das Bild mit den Leiterli fällt mir wieder ein, das wir in der Primarschule ausmalen durften. Das Appenzellerland umringt vom tieferliegenden Kanton St. Gallen. Der Fünfliber im Kuhfladen, wie es damals politisch nicht korrekt hiess.

Hier bin ich aufgewachsen: Die früher blau-goldenen Zifferblätter der Kirchturmuhr sind jetzt weiss-schwarz und die Läden unserer Wohnung im 2. Stock über dem EWH-Laden sind fast alle geschlossen. Und die wunderbare, uralte Blutbuche neben dem Haus wurde gefällt.

Nun fräse ich die Kurvete rauf nach Heiden, wo ich ab der ersten Klasse aufgewachsen bin. Da nicht nur der Rückspiegel, sondern auch das Display kaputt ist, weiss ich nicht, wieviel Ladung der Akku hat. Ich spekuliere darauf, dass diese eine Ladung für die Tagestour hält. Vis-à-vis des 1957 – also vier Jahre vor meiner Geburt im Kantonsspital Schaffhausen – eröffneten Kursaals halte ich an.

Damals war unten drin eine für die ältere Dorfjugend wichtige Disko. Ein Dancing, ganz genau. Beim Bau habe es geheissen: «Moderner als in Amerika, passt das ins Appenzellerland?» Aufgrund des Dorfbrandes vom 7. September 1838 war das wieder aufgebaute Heiden schliesslich berühmt für sein einheitlich klassizistisches Biedermeier-Erscheinungsbild. Am ältesten Haus mit dem schönen Namen «Harmonie», das den Dorfbrand unbeschadet überstanden hat, bestaunten wir auf dem Schulweg immer den Kinoaushang mit den Bud Spencer- und Louis de Funès-Filmen.

Die Schaufenster am Haus zur Harmonie: Das Kino Rosental gibts noch als 20jährige Genossenschaft – kino-heiden.ch.

Mich interessiert aber nicht das Kino und nicht der Kursaal, sondern der grossgrabsteinähnliche Rechtewinkel-Klotz mit dem grobschlächtigen Relief auf der Seite des Hotel Heidens. Nicht weit davon, hat der berühmte Karikaturist Carl Böckli alias Bö gelebt, ich erinnere mich noch an die Abdankung mit der Blasmusik vor seinem Haus 1970. Das Hotel Heiden hiess früher Kurhotel Heiden und zeichnet heute auch für den Betrieb des Kursaals verantwortlich. Besagter Klotz ist das Denkmal für den 1919 in Heiden in Armut verstorbenen Henry Dunant (1828-1910), dessen Grab auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich liegt. «Ach, wie mühsam ist ein langsames Sterben!», habe er gesagt und sei kurz darauf gestorben.

Die NZZ mutmasst, der Zufall habe entschieden, dass Henry Dunant Zürich als letzte Ruhestätte gewählt habe. Er sei gegen eine Erdbestattung gewesen und in der Umgebung von Heiden gab es kein Krematorium. Das nächste lag in Zürich. So wurde er am Allerseelentag 1910 in einer schlichten Urnennische beigesetzt. Ohne Klimbim und Pomp, ganz so, wie er es gewünscht habe. Der Gründer des Roten Kreuzes hat die letzten 23 Lebensjahre in Heiden verbracht und bekam 1901 den ersten Friedensnobelpreis. Den Gedenkstein der Bildhauerin Charlotte Germann-Jahn erhielt er erst 1963.

Die ganze Kindheit über ein Rätsel: Warum erhält der Gründer des Roten Kreuzes ein Denkmal, auf dem der Vater seinen Sohn handgreiflich bestraft? Und welcher ist Henry Dunant? Der sah doch ganz anders aus.

Es wollte mir lange nicht einleuchten, dass das auf mich hässlich und brutal streng wirkende Relief nicht einen Vater beim Arschversohlen seines Sohnes zeigt. Ich nimm di übers Chnü, hiess das damals. Vielmehr soll der aufrechte Held mit dem ausdruckslos stumpfen Gesicht und der erhobenen Hand wohl wie ein Verkehrspolizist den unsichtbaren Krieg stoppen, der überall um uns tobt. Und der vermeintlich Versohlte ist das Kriegsopfer; die Rettung aber scheint zu spät zu kommen, so wie der da so hängt. Und das alles in rechte Winkel gezwängt.

Nun will ich meine Erinnerung testen und sehen, ob es mir immer noch so vorkommt. Und siehe: Beim erneuten Betrachten gehts mir wieder so. Und der arme Siech mit rund einem halben Meter grünlichem Stein – ich glaube, es ist Serpentin – im Rücken kann nicht einmal die tolle Aussicht auf den Bodensee geniessen. Oft begann im Herbst genau unterhalb des Denkmals das Nebelmeer, das dann auch den Bodensee schluckte. Aber der Herbst meiner Jugend war sonnig und warm, man konnte noch lange barfuss über die Wiesen laufen.

Möblierung des öffentlichen Raums: Zuviel oder zuwenig des Guten – sehr menschenfreundlich wirkt das eckige Sammelsurium nicht. Die Aussicht schon eher.

Nein, wirklich: Henry, du hättest ein feinfühligeres Denkmal verdient. Zudem liegt nebendran wie hingeworfen noch ein auffälliges Stück quadrige Stillosigkeit mit der Aufschrift friedens-stationen.ch. Die orange Hässlichkeit soll rot sein, wie auf der Website vermeldet. Also mir reichts in Sachen Häädler Friede-Freude-Eitelkuchen-Kultur. Dahinter erstrahlen Wolkenblauhimmel und Bodensee in Postkartenqualität. Der Hunger ruft.

Offene Zehenspitzen von den vorstehenden Natursteinplatten und Raumschiff Enterprise: Der Dorfbrunnen löst viele Erinnerungen aus.

Ich esse in der heimeligen Genossenschaft Linde ein feines Cordon-Bleu. Der ehemalige Löwen heisst jetzt Lion und wo die Migros war, ist jetzt die Chillsuite mit Outdoorsofas aus gammligen SBB-Paletten. Viele Läden sind Versicherungen, Immobilienhändlern und alternativen Gesundheitsbetrieben gewichen. Bei der Weinhandlung Sonderegger wird auch Appenzeller Bier auf der Tafel angepriesen.

Nicht nur, aber auch: In der Weinhandlung gibts auch Appenzeller Bier.

Der Garten meiner Mutter hinter der Kirche ist jetzt ein geteerter Parkplatz. Wo früher die Einfahrt zum Wohnhaus bzw. zur Werkstatt war, ist der Zaun durchgehend geschlossen. Die wunderschöne alte Blutbuche, die ein Gärtner aus Versehen mal fast halbiert hat, ist nun ganz verschwunden. Ich kannte jede Beule und jeden Ast. Vor der Apotheke, wo ich bei meinem damaligen Freund Raphi immer Schwarz-weiss-Fernsehen schauen konnte und auf der grossen Terasse gespielt habe, steht ein seltsam lebloser Quaderbrunnen, der wahrscheinlich «modern» widerspiegeln soll.

Immerhin: Unser Raumschiff Enterprise, der vierstöckige Dorfbrunnen mit der nackten Frau mit Wasserspuckfisch, steht unverändert. Im Winterhalbjahr, wenn der Brunnen abgestellt und leer war, rauschten wir Kinder mit ihm durchs Universum von einem Planeten zum andern. Alles wirkt irgendwie noch eingezäunter, aufgeräumter, klinischer und unzugänglicher als früher. Eben: «Moderner» vielleicht. Autogerechter. Lebloser. Gentrifiziert. Die Zeiten ändern sich. Ich fräse nach Wolfhalden zu Thomas Heierli, dem Obst- und Milchbauern und Kassier der IG Appenzeller Obst.

Bild im Restaurant Linde Heiden, das heute von einer Genossenschaft betrieben wird: Luft- & Mollkenkurort 806m ü.M. Zahnradbahn von Rorschach.

Wolfhalden – steil, steiler, am steilsten

Prächtig stehen die Hochstämme in der Landschaft.

In Wolfshalden war mein Konditor-Onkel Albert für seine Wolfszungen berühmt. Seine Frau Tante Kläri hingegen dafür, dass sie diese weit herum bekannte süsse Verführung gar nicht ums Verrecke jedem verkaufen wollte. Laut Tagblatt wird die «Art Torte mi Japonais-Boden und Buttercrème» in der Bäckerei «Hecht» noch immer hergestellt.

Das sind wohl die Mostbirnen der Familie Heierli, mutmasse ich auf der Suche nach der Hausnummer, schon öffnet sich die Tür neben mir: Thomas und Levin Heierli sind parat.

Thomas Heierli hat die Abzweigung auf die Alte Landstrasse gut beschrieben, ich erwische sie im ersten Anlauf und lande direkt vor der Haustür. Die öffnet sich auch sofort, während ich noch nach der Hausnummer suche. Sohn Levin hat die Stiefel schon an, der Vater steigt grad hinein. Levin hat auch das Telefon abgenommen, als ich am Vortag anrief, um zu fragen, ob es recht sei, wenn ich diesen Mittwoch komme und ein paar Fotos von der Obstlese schiesse. Es gibt nur Fixnetz und der Vater sei jeden Tag bis um 20 Uhr im Stall. Danach habe er erst Zeit zum Telefonieren.

Da oben hängt noch einiges an Bschorle-Saft.
Thomas Heierli mit einigen Harassen Äpfeln.
Die Birnen sind klar in der Überzahl.

Beim Stall steht der Anhänger mit den in dieser Woche gesammelten Birnen, daneben einige Harasse mit Äpfeln. Thomas Heierli bewirtschaftet mit seiner Familie einen Bauernhof mit 22 Milchkühen und fast so vielen Rindern und Obstbau für das alkoholfreie Biermischgetränk Bschorle. Hier gehts zu früheren Blog-Beiträgen: Ein Hochstammhoch aufs Bschorle!; Wo die Brauerei Locher den Most fürs Bschorle holt. Unter den rund 200 Bäumen der Familie Heierli sind viele alte Sorten wie Tobiäsler, Boskop, Gravensteiner, Sauergrauech, Bohn­apfel, Rotholz-, Marxen- und Wasserbirne. Die meisten sind Birnen- und Apfelbäume, verschiedene Sorten. Alte Bäume und junge. Riesige und kleine. Ein Apfelbaum sei schon alt, bleibe aber immer gleich gross. Eine Erklärung gibts nicht, nur Mutmassungen. Die spät reifenden Sorten quellen teilweise über. Aber es dauert noch, bis die Früchte reif sind. Das Gewicht der Früchte kann auch mal einen Ast abbrechen.

Früher standen im Appenzellerland 180 000 Hochstämme

Vor der Gründung der IG Appenzeller Obst hätten seine Frau Manuela und er beschlossen gehabt, die Früchte liegen zu lassen. Dann habe Fredi Klee die Zusammenarbeit mit der Brauerei Locher eingefädelt. Seither liest die Familie täglich Obst auf. Geschüttelt wird erst am Schluss, falls noch reife Früchte in den oberen Regionen hängen. Sonst nimmt man zusammen, was runtergefallen ist. Statt der abgemachten 180 Tonnen seien sie auch schon auf 400 Tonnen gekommen. Die Brauerei habe immer die ganze Ernte abgenommen.

Im Netz lese ich, vor 100 Jahren habe es in Ausserrhoden noch 180 000 Obstbäume gegeben, die für die Ernährung der Bevölkerung wichtig waren. Der Obstbau wurde von der rentableren Milchwirtschaft verdrängt und wegen der Mechanisierung der Heuernte wurden immer mehr der hinderlichen Bäume gefällt. Dazu kam der Feuerbrand. So verblieben im Kanton nur noch rund 21 000 Obstbäume. Die IG Appenzeller Obst ändert das mit dem Pflanzen neuer Bäume. Er habe eigentlich unter dem Jahr kaum Arbeit mit den Bäumen. Er schneide kaum und spritze nicht. Manche stattliche Exemplare sind sichtlich uralt, bringen nicht mehr viel. Er präsentiert mir einen schief stehenden Birnbaumriesen, dessen halber Stamm abgebrochen ist, trotzdem lebt die noch stehende Hälfte weiter und trägt noch Früchte.

Nach einem Rundblick vor Ort rast Ehefrau Manuela mit Levin im breiten Terratrac los. Durch die Breite könne er weniger kippen. Ein klarer Vorteil in diesem Gelände. Thomas Heierli nimmt den Roller, ich folge ihm auf Quölli. Und ich sage euch: Das geht happig das Loch runter, da oben am Hang. Wo die Bäume stehen, versperren Elektrozäune den Weg. Ich krieche unten durch, denn ich hasse das Gezwicke wie der Teufel das Weihwasser. In den Weichteilen sowieso.

Thomas Heierli schleppt die vollen Obstkübel zum Traktor; dazwischen liegt aber ein zwickender Elektrozaun.

Ein Ausflug voller Erinnerungen

Und wieder fällt mir eine Episode von früher ein: Vor rund 35 Jahren hatte ich einen Hund, der gleich hiess wie der von Fredi Klee, den wir später noch sehen werden: Filou. Ich beobachte, wie er unter einem Elektrozaun durchgeht und befürchte, dass es ihm eins in seinen hoch aufgerichteten Schwanz fitzt. Als hätte er meinen Gedanken gehört, zieht er die Rute im richtigen Moment ein. Nochmal gut gegangen. Aber was macht er denn jetzt. Ein Duft am Draht zieht sein empfindliches, feuchtes Näschen unwiderstehlich an und zack! heul! winsel! seckelt er mit dem Schwanz zwischen den Hinterbeinen rund 100 Meter davon. Natürlich schaut er drein, als wäre ich Schuld an seinem Malheur.

Die drei sind ein eingespieltes Team. Die vollen Kessel schleppt Thomas Heierli zum Traktor und leert sie in die Harassen. Dazwischen liegt der Zwickzaun. Der Hang ist steil, aufgelesen wird von unten nach oben. Angeschlagenes Obst verfüttert Thomas Heierli seinen Kühen. Durch die Aufwertung der Hochstämme können nun auch wieder junge Bäume gepflanzt werden. Wäre doch zu schade, wenn es diese paradiesischen Schönheiten nicht mehr gäbe. Zumal sie ja vielen Tieren mietfreien Lebensraum bieten: Vögel, Fledermäuse, Schläfer, Igel, Spinnen, Schmetterlinge, Käfer, Schwebfliegen und andere Insekten, Spinnentiere und Tausendfüssler. Da es ohne Pilze weder uns noch diese Bäume gäbe, sei hier noch ein unglaublich lebendig geschriebenes, horizonterweiterndes Buch über diese faszinierenden Weder-Tier-noch-Pflanze-Wesen empfohlen: Merlin Sheldrake: Verwobenes Leben. Wie Pilze unsere Welt formen und unsere Zukunft beeinflussen.

Auszug aus Ägypten: Die nächsten Bäume warten.

En steile Suchog, keuch!

Schon gehts weiter. Manuela und Levin sitzen wieder im Trac. Thomas schiesst auf dem Roller los und ich kann kaum anfahren, so steil ist ist es hier. Oben angelangt, bin ich ziemlich ausser Atem. Die nächsten Bäume liegen ein Strässchen weiter, in identisch abschüssiger Lage. Das ist genau der Saft, der mir dann in St. Gallen fehlen wird, den Quölli hier verbraucht. Puh, sacksteil! Es habe ein paar Mal tüchtig gehagelt und zwar grosse Körner. Thomas zeigt mir die Hagelschäden. Stellen, die am schnellsten faulen, wenn sie reif sind.

Praktisch keine Birne ohne Hagelspuren.

Beim nächsten Baum dasselbe, also hochstrampeln und dann den nächsten Stotzen runter und später wieder rauf. Wir fahren noch zu einigen wunderbaren Bäumen. Als wir dann ankommen, sind die beiden¨¨ schon fertig mit der Lese.

Bergspurt zu Fredi Klee, Oberegg

Präsidiale Bschorle-Wand bei Fredi Klee.

Um 16 Uhr wollte ich bei Fredi Klee in Oberegg meinen vor zwei Jahren bestellten Gürtel abholen. Er hat ihn in der Zwischenzeit verkauft und macht mir einen neuen. Ich verabschiede mich von den dreien und brause über Heiden, vorbei am Schwimm- und Sonnenbad, das früher nur Schwimmbad hiess, aber natürlich mit einigen Sonnenbränden verbunden war und vorbei an der neuen Migros, rauf nach Oberegg. Dort getraute ich mich nicht, einem Traktor mit Obstanhänger zu folgen. Wäre aber der direkte Weg zu Fredi Klees Hof gewesen.

Die Sattlerwerkstatt von Fredi Klee.

Als erstes bestelle ich stinkfrech ein Bschorle. Der IG-Präsident hat hoffentlich eins da. Das gibt es inzwischen übrigens auch in Büchsen. Ich bin nämlich ausgetrocknet wie die Mumie Schepenese in der Stiftsbibliothek vom Wolfhaldner Auf und Ab und habe den ganzen Nachmittag keine Flüssigkeit zu mir genommen. Zack! Ah, tut das gut! Die erste kleine Flasche Bschorle ist schon weg. Fredi staunt und bringt mir noch eine grosse Halbliter-Flasche. Auch für die brauche ich keine Stunde. Auf dem Tisch liegt ein Bisky-Kleber. Stimmt, der Skicrosser stammt ja aus Oberegg.

Nachdem unser Gurtdeal abgewickelt ist, begleiten wir einen Fotografen und Filmer zu den nahen Obstbäumen. Er hat danach noch vor, die beiden Söhne von Thomas Heierli bei der Anfahrt zur Sammelstelle mit einer Drohne zu filmen. Aber wetten, er hats nicht geschafft, rechtzeitig in der Kurve zu stehen, um sie abzupassen. Es geht um ein weiteres Projekt, bei dem Fredi Klee mitmacht: Das Label «Öserigs» will durchstarten. Das seien einige Frauen, die im Moment Geschenkkörbe mit regionalen Produkten vertreibe. Nun wollen Sie das Label aber ausweiten. Läuft etwas im Appenzellerland.

Neugierig, Fredi Klees Kühe. Oder sinds noch Rinder? Ich glaube ja.

Obstsammelstelle Eisenhut Transporte Oberegg AI

Es ist schon fast halb Sechs, als ich bei der Obstsammelstelle mit der neuen Waage eintreffe. Und natürlich räbelts da schon von an- und wegfahrenden Fahrzeugen. Zwei Mulden Äpfel habe er heute schon in die Mosterei Kobelt in Marbach gefahren, sagt Markus Eisenhut. Auf seinen Lastwagen steht, was er sonst noch hauptsächlich transportiert: Stroh, Malz, Heu. Die neue Waage sei super, aber man müsse aufpassen wie ein Häftlimacher. Hat man mit oder ohne Mann gewogen? Die Fahrzeuge müssen ja zweimal gewogen werden: vorher mit voller Ladung, dann geleert. Es sei nun schon besser als die Geschichte mit angenommenem Harassgewicht. Wenn die nicht ganz voll waren, wurde zuviel ausbezahlt. So kann sich niemand beklagen, da die Messung klar und genau sei.

Nach zehn Minuten vor Ort trifft auch Fredi Klee mit seinem Anhänger ein. Er hat diesmal nur einige wenige Harassen dabei. Nach einigen Wagen, bei denen er mit anpackt, zieht er wieder von dannen. Als die beiden Söhne von Thomas Heierli mit ihrem Obst eintreffen, ist er aber noch da. Zuerst werden die Äpfel-Harasse gewogen und geleert, dann dasselbe mit den Birnen. Viermal wägen, also. Soweit ich mich erinnere, ergaben die Birnen rund zwei Tonnen. Aber die signierten Quittungen wissens genau.

Familie Heierlis Traktor auf der neuen Waage, ohne die beiden Söhne gewogen. Rechts Markus Eisenhut und Fredi Klee im Gespräch
Das Openair-Büro: Hier wird das Gewicht aufgenommen und vom Obstbauern signiert.

Noch ein Erinnerungs-Flash zum Happy-End

Um halb sieben versiegt das Fahrzeuggewusel, Feierabendstille legt sich über die sanften Hügel. Ich mache mich auf und fräse über Heiden nach St. Gallen. Erinnerungsflash beim Skilift: Da will tatsächlich einer den 800 Meter langen Hädler Skilift mittels Snowfarming retten. Damit hat ers zumindest zweimal in die Tagesschau geschafft. Aber ich weiss nicht: Schon in meiner Jugend kam mitten im Winter der Föhn und putzte den ganze Schnee innert Nullkommanix ratzbutz weg. Was soll da angesichts der Klimaerwärmung noch gerettet werden? Wahrscheinlich ist die PR-Show wichtiger.

Tatsächlich berichtete das Tagblatt am 17. Februar 2020, dass zwei Lifte der «Region Rorschach» in der letzten Saison nie gelaufen sind. Also: Grub-Kaien und Heiden. Nur der Kinderskilift Bischofsberg konnte 40 Tage mit viel Aufwand zusammenkratzen; dank Beschneiung und den TV-wirksamen Gletscherschutzmatten. Während ich das schreibe, berichten alle Zeitungen vom wärmsten September seit langem und vom viertwärmsten Sommerhalbjahr seit Messbeginn. Der nächste Winter kommt bestimmt – mit oder ohne Schnee.

Die Strecke nach St.Gallen war schon immer eine Blocherstrecke und ist zum Velofahren im Feierabendverkehr recht unangenehm. Viele Einheimische haben einfach wahnsinnig pressant. Sie drängeln, überholen haarscharf vor und in Kurven mit Sicherheitslinien. Dass es da keinen Velostreifen gibt, wundert einen Ex-Einheimischen nicht wirklich. Aber es wäre höchste Zeit. Wie es einst höchste Zeit war fürs Frauenstimmrecht. ;-))

Zum Glück bin ich schon im flachen Stadtgebiet als prompt der Saft aus ist. Also nicht der Obstsaft, sondern der Batteriesaft von Quölli. Aus. Amen. Nun ists wie auf dem Pedalo: Du trampst und trampst und trampst wie ein Vollidiot, kommst aber einfach nicht fürschi. Bedrohliche drängeln die Busse hinter dir und du kannst einfach nicht schneller. So bin ich denn nach rund einer halben Stunde solchen Gestrampels durch die Gallusstadt endlich völlig verschwitzt und fix und foxi am Bahnhof, kaufe mir ein Sandwich und ein Bier, um dann im vordersten Wagen mit Veloreservierung gemütlich gen Zürich zu gleiten. Fast ohne Warten, aber eben nicht so ganz hindernisfrei wie hochglanzversprochen: Quölli muss wieder stehen, der Haken ist zu klein.

Dem Sonnenuntergang entgegen: Da ist die Strasse für Biker noch angenehm verkehrsfrei.

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