Das Volk regiert über Königin & Männchen

Das Volk regiert über Königin & Männchen

Die Imkerei Achermann ist in Schattdorf beheimatet, nicht weit vom Urner Kantonshauptort Altdorf. Ihre rund 200 Bienenvölker hingegen sind verteilt bis ins Tessin. Sie liefern unter anderen Honig fürs Mielfiore von Appenzeller Bier.

Diese hängende Biene bleibt immer im Lot und warnt Berufsimker Florian Achermann, bevor sein Wagen in allzu arger Schräglage umzukippen droht.

Florian Achermann pickt mich am Bahnhof auf mit seinem Pick-up. Wir fahren hoch auf 1600-1700 Meter, irgendwo auf eine ausgesuchte Alp mitten in der schönen, reinen Bergwelt im Kanton Uri, wie es auf der Website heisst. Dort stehen auf einer Wiese in ruppig-steiniger Gebirgslandschaft sechs mit Spanngurten zusammengehaltene Kisteneinheiten mit je sechs Bienenvölkern. Bei sechs mal sechs Türmen müssten das also 36 Völker sein, hier oben. Und würden plötzlich Winnetou und Old Shatterhand angeritten kommen, wunderte mich das überhaupt nicht. Obwohl ich auf der Anfahrt angesichts der Spinnweben von Hochspannungsleitungen an der Gotthardstrecke noch darüber sinnierte, wie unglaublich unidyllisch verbaut die Schweiz eigentlich ist – hier oben herrscht die wild-kultivierte Natur.

Florian Achermann ist ursprünglich gelernter Schreiner und einer der hierzulande eher rar gesäten Berufsimker. Mit EU-Meisterprüfung. Die Imkerei betreibt er mit seiner Frau Judith zusammen. Gelernt hat er in Österreich, wo er auch seinen sanft-sensiblen Streichelzoo – er bringt mich tatsächlich dazu, meine Hand ganz leicht auf das haarige Gewimmel zu legen; sehr kuschelig, wirklich! – kennenlernte: Die Bienenart Carnica. Der Name bedeutet nichts anderes als Bergbiene, obwohl sie auch in den heissen Tiefebenen Ungarns bestens funktioniert. Aufgrund ihrer Überlebens- und Überwinterungseigenschaften, ihres raschen Frühlingswachstums und ihres Reinigungsverhaltens eignet sie sich hervorragend als Wirtschaftsbiene. Florian Achermann ist der Chef von rund 200 Bienenvölkern, die im gebirgigen Kanton Uri, aber auch im Tessin ausfliegen. Auf swisshoney.ch erfahre ich, dass «jedes Bienenvolk über 100 Kilogramm Honig für den Eigenbedarf produziert, vom Imker aber nur 10 bis 30 kg Honig geerntet werden».

Alperose chöme mir i Sinn… zumindest eine fleissige Biene der Imkerei Achermann ist ausgeflogen, um zu arbeiten.

Es gebe ausser der Carnica in Europa ausserdem die vermeintlich einheimische Dunkle Europäische Biene, auch Mellifera genannt. Mit ihr arbeitet die Imkerei Achermann ebenfalls. Sie stammt eigentlich aus Grossbritannien und ist sehr winterfest. Die dritte Bienenart in Europa ist die Italienische Biene oder Ligustica. «Wären wir bei der Bienenart, mit der ich vor meiner Ausbildung in Österreich gearbeitet habe, 500 Meter weiter oben ausgestiegen, wären sie uns sofort bedrohlich um die Köpfe geschwirrt», sagt der erfahrene Imker. Er ist die Ruhe selbst und das überträgt sich auf meine leise Beunruhigung. Tatsächlich benimmt sich die Carnica völlig friedlich: Seit er einen Bienenkasten um den andern abhebt, stehen wir ungeschützt herum und werden kaum behelligt. Er zudem mit kurzärmligem T-Shirt. Das habe auch mit Wetter und Temperatur zu tun; heute fliegen sie nicht gross aus. Schlechtes Flugwetter. Und im Witz fügt er in seinem urigen Urner-Dialekt hinzu: «Ich sage immer, es handelt sich eben um Friuwe. Wenn es draussen nicht über 20 Grad ist, bleiben sie lieber zuhause.»

Wo bald kein Feuer mehr, ist Rauch.

Als erstes füllt Florian Holzspäne ins Räucherkännchen aus Zinkblech, entzündet sie mit dem Gasbrenner und wirft noch eine Handvoll Späne drauf. Schon entströmt dem Schnabel ein leichter Rauch, den er mit dem dran befestigten Blasebalg verstärken und in den Bienenkasten blasen kann: «Eigentlich ist der Rauch nur eine Finte. Die Bienen stellen sich auf Flucht ein, denn der Rauch ist ja der Vorbote von Feuer. Im Fluchtmodus greifen sie nicht an.»

Da flogen sie noch ein bisschen; mit zunehmendem Nebel blieben die Bienen lieber im Kasten.

Während das Rauchkännlein vor sich hinschmaucht, lichtet sich der Nebel, für eine gewisse Zeit wärmt die Sonne. Und je wärmer es ist, desto aktiver werden die Flugbienen. Plötzlich schwirren mir einige nervöse Viecher um den Kopf, manche verheddern sich in meinen Haaren. Und sie bringen Florian mit der Zeit doch dazu, den Imkerhut mit Schleier aufzusetzen, der ihn wie einen Ausserirdischen aussehen lässt. Aber es scheint wirklich nicht so der Tag der Bienen zu sein heute. Die Sonne setzt sich aber nie richtig durch, am Ende gewinnt der Nebel. Zu kühl, zu feucht, da bleiben sie lieber in ihrem auf durchschnittlich 34.8 Grad gehaltenen Stock. Auf die Feststellung, dass es eigentlich gemein ist, den Honig zu stehlen, meint der Imker: «Eigentlich helfe ich ihnen. Ich füttere ihnen eine besser verdauliche Spezialmischung aus verschiedenen Zuckerarten. Das ist für sie gesünder, da weniger unverdauliche Ballaststoffe dabei sind.»

Mehr Gekuschel – wenig Flugbewegungen heute. Das Tännlein links war gestern auch schon da und wird nicht attackiert. Im Gegensatz zu mir, der gestern noch nicht da stand.

Ah, die müssen natürlich auch mal, stimmt! Beim Überwintern – die Winterbienen leben übrigens bis zu sechs Monate, während die Sommerbienen nur gerade 3-5 Wochen alt werden – können die Tierlein sich im Bau Monate lang nicht erleichtern. Fliegen sie dann zum ersten Mal aus und es liege noch Schnee, sei zwei-drei Meter vor dem Flugloch alles gelb. Na sowas. Ein scheissendes Bienlein habe ich wirklich noch nie gesehen. Sowieso stehen Bienen bekanntlich in der Sexualkunde nicht für Sex untereinander, sondern für kinderfreundlichen Sex mit Blumen: Sie sind die wichtigsten Bestäuber unserer Beeren- und Obstkulturen und Wildpflanzen. Die Königin lebt übrigens bis zu 5 Jahren und legt zwischen April und Juni täglich bis zu 1500 Eier. Ausgerechnet die männlichen Drohnen, die diese Eier befruchten, schlüpfen aus unbefruchteten Eiern.

Verjüngung und Ergänzung: Jungvölker

Irgendwann stehe ich genau in der An- und Ausflugschneise und es wird immer nervöser um meinen Kopf, so dass an Fotografieren nicht zu denken ist. Da weist mich Florian ganz trocken drauf hin, dass er jetzt an meiner Stelle schon mal auf die andere Seite kommen würde. Die Bienen hätten es überhaupt nicht gern, wenn man ihnen im Weg stehe. Und herumfuchteln sollte man auch nicht, da sie einen dann erst recht vertreiben wollen. Später sticht mich eine ins Kinn, ohne dass ich sie irgendwie bedrängt hätte. Dazu Florian in seiner unnachahmlichen Art: Ich sei ihr jetzt eben einfach im Weg gewesen, wo gestern nichts war. Scheinen recht sture Tierchen zu sein, diese Bienen. Vor allem diese Sorte, so der Imker. Wenn er den Kasten einen Meter nach hinten verschieben würde, fänden sie ihn nicht mehr und suchten weiter dort, wo er vorher gestanden hatte. Bienengift sei übrigens gesund und helfe erwiesenermassen gegen Entzündungskrankheiten wie Rheuma, Gicht und Arthritis.

Der routinierte Blick sucht die Königin, die wieder zurückgesetzt würde. Und untersucht, ob alles in Ordnung ist.

Bei Jungbienen sei der Stich weniger schmerzhaft. Ausser einem kurzen Brennen, einer Rötung, die bald wieder verschwindet, merke ich tatsächlich nichts. Als Kind war das anders: damals bekam ich von Bienenstichen riesige Schwellungen. Den Stachel habe ich mit einem Wisch über die Einstichstelle entfernt. Da hange der ganze Giftapparat dran. Armes Bienchen, du bist nun tot! Dass der Stachel ausgerissen werde und die Biene dann sterben müsse, habe nichts mit Kamikaze oder Suizid zu tun, sondern einfach mit der Beschaffenheit unserer Haut. Die Biene stirbt also nicht unbedingt, wenn sie andere Lebewesen als Menschen sticht. Aber Florian ist längst mit der Bildung zukünftiger Jungvölker beschäftigt.

Wimmelbild mit Königin (Bildmitte), der ihr Frauenvolk sagt, wo es langgeht.

Heute sucht er nämlich nach Kandidatinnen zur Gründung von neuen Völkern. Die Königinnen dazu züchte er bereits in der Imkerei. Sein Ziel ist es 80 geeignete, also vor einiger Zeit gut mit Wachs gedeckelte Brutwaben zusammenzubringen. Die werden nach insgesamt drei Wochen in der Wabe bald schlüpfen. Bevor Florian eine der sogenannten Mittelwände in eine der Transportkisten steckt, sucht er sie nach der Königin ab. Ist sie dabei, gibt er sie dem Volk zurück. Zweimal kann er gerade noch eine Revolution verhindern, die Absetzung der Königin. Der Grund? – «Jugendarbeitslosigkeit.» Kaum geboren, kümmern sich die Jungbienen um die Brut. Können sie das aufgrund nicht tun, weil aufgrund des Wetters, Futtermangels oder sonstigen Gründen keine oder zuwenig Brut da ist, wird es ihnen langweilig. Dann wollen sie die alte Königin absetzen und beginnen mit der Aufzucht einer neuen in einer sogenannten Weiselzelle. Die Königin entsteht aus einer Arbeitsbiene, die mit dem Königinnenfutter Gelée Royale gefüttert wird. Wäre die Revolution gelungen, müsste die alte Königin das Volk mit einer kleinen Entourage verlassen. Das aber gilt es zu verhindern, denn es würde der Honigproduktion schaden. So spät in der Saison sowieso. Und eins ist bei den Bienen klar: Die Frauenmehrheit regiert als Körperschaft, die Königin und die Drohnen haben zu spuren.

Gesundes Gekrabbel, die Waben schon eine ganze Weile gut gedeckelt: Da wird die Brut bald schlüpfen.

Das weltweite Bienensterben habe überall wieder unterschiedliche Ursachen. In der Schweiz sei das Problem vornehmlich ein altbekanntes: nämlich die Varroa-Milbe. Eingeführt in den Nachkriegsjahren (der Krieg hat auch viele Bienenleben gekostet) mit Bienenvölkern aus Asien. Es gilt deshalb also, diese Parasiten jedes Jahr soweit zu vernichten, dass sie beim ersten Ausflug der Bienen im Frühling keine Chance mehr haben, sich gross auszubreiten. Das Problem löst jeder Imker ander. Florian Achermann hat eine gut funktionierende Methode gefunden: Er entzieht der Milbe die Nahrungsgrundlage, also die Brut, indem er den Völkern eine Zwangsbrutpause verschafft. Strictly no sex! Danach brauche er jeweils noch ganz wenig von einem biologischen Wirkstoff. Wir entdecken an diesem Tag keine einzige Milbe, die von Auge gut sichtbar seien.

Neue Mittelwand mit Bienenwachsplatte zum Ausbau neuer Waben.

Allerdings befinden wir uns in einem Jahr, in dem die Saison einen Monat zu spät begann – statt Mitte April erst Mitte Mai – und schon bald wieder endet. Zudem regnete es immer wieder und die Kälteeinbrüche verhinderten das Sammeln von Pollen und Honig, die den vegetarischen Tierchen als Nahrung dienen. Der Honig sei übrigens anfangs viel zu flüssig und erhalte seine Konsistenz durch die Weitergabe von Biene zu Biene (Ammenbienen) im Stock. Jede entzieht dem Honig Wasser, mischt die auch für uns gesunden Enzyme bei und die letzte füllt den Honig dann erst in die Wabe, wenn dessen Konsistenz stimmt. Ganz zufrieden ist Florian mit dem diesjährigen Jahr nicht. Zudem habe er an einem neuen Standort einen grösseren Sturmschaden zu verkraften gehabt. – «Gehört halt auch dazu, wenn man mit der Natur arbeitet», meint er Schulter zuckend.

Nichts zu sagen und auch sonst keinen Stich, da von Geburt ohne Stachel: Männliche Drohne, die wegen Nichtmehrgebrauchs bald aus dem Frauenhaus vertrieben oder gar getötet wird.

Für ein Kilogramm Honig brauche es 2-3 Millionen Blütenbesuche des für den Menschen – nach Kuh und Schwein – drittwichtigsten Nutztieres. Streckenmässig wären das zweieinhalb Weltumrundungen. Würde nur eine einzige Biene dieses Kilo Honig zusammentragen, bräuchte sie über 10.5 Jahre. Dazu wiederum müsste sie über hundertmal so lange leben wie die Sommerbiene es natürlicherweise tut – nämlich gerade mal drei-fünf Wochen. In der Kulturzeitschrift Lettre International 125 finde ich noch ein Fallbeispiel aus China (s. auch im Kapitel Von Spatzen und Menschen), wo Menschen die Bestäubungsarbeit der Bienen übernehmen, wenn diese durch Pestizide ausgerottet wurden:

Im chinesischen Bezirk Mao, im Norden der Provinz Sichuan, der lange Jahre für seine Apfelplantagen berühmt war, lässt sich anschaulich beobachten, was passiert, wenn die. Bienen verschwinden. Anfang der 1990er Jahre wurden dort exzessiv und rücksichtslos Pestizide eingesetzt, was im Verbund mit schlechter Nahrungsgrundlage und fehlenden Nistplätzen dazu führte, dass sowohl die Honigbienen als auch die Wildbienen verschwanden. Als die Ernte ausblieb, stellten die Plantagenbetreiber Tausende von Saisonarbeitern ein, welche die Apfelblüten mit langen Stöcken, an die Vogelfedern gebunden waren, bestäuben sollten. Doch schafften es selbst die eifrigsten Arbeiter nicht, mehr als zehn Bäume pro Tag zu bestäuben. Die gesamte Plantagenwirtschaft brach unter den ausufernden Kosten zusammen und heute gibt es nur noch wenige Plantagen in den Nähe von Wäldern, aus denen Wildbienen kommen und Blüten befruchten.

Tim Flannery: Vom Leben der Insekten. Bienenvölker und Termitenkollektive – die Bedrohung der Artenvielfalt
Ein Blick zurück von oben.

Mit der Zeit verschluckt der Nebel die Sonne ganz. Nun ist auch Florian reif für eine Jacke. Er sagt: «Wenn du die Gegend nicht kennst, würde ich hoch wandern und dann das Postauto nehmen. Es lohnt sich.» Er hat noch ein paar Stunden zu tun mit seinen Frauenvölkern. Also mache ich mich auf die Socken bzw. die Bergschuhsohlen. Dabei wundere ich mich, dass die Absätze plötzlich so seltsam federn: Und siehe, beide lösen sich gleichzeitig ab. Hm. Sollbruchstelle? Auch relativ teure und solid wirkende Bergschuhe sind nicht mehr, was sie mal waren. Von der Gegend sehe ich aufgrund der zunehmenden Totalvernebelung nicht viel, die Haare beginnen zu tropfen, aber schön wars trotzdem in den Urschweizer Bergen. Zum Schluss sehe ich kaum die Hand vor meine Augen. Aber der Wanderweg ist klar gekennzeichnet und beschildert. Zum Abschied gab mir Florian noch einen in der heutigen Zeit wohl politisch unkorrekten Traditions-Segen mit auf den Weg, den sein Grossvater immer gesagt habe. Und: Der berühmte Teufelsstein ist nicht so weit weg. Ich versuche die Worte hier einigermassen in Urnerdialekt wiederzugeben (ja, ich weiss, stimmt nie!):

Mit Gott vor Auge und em Tiifel im Fiidle!

Glückliche Urner Geissen.

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