«Das gibt viele, viele Flaschen feines Bier.»

«Das gibt viele, viele Flaschen feines Bier.»

Und tatsächlich: Am Freitagnachmittag, 28. Juni 2019, legen sie los mit der Ernte der ersten Genfer Braugerste für das Westschweizerische Quöllfrisch Petite fraîche.

Gestern war heiss, heute ists heiss und morgen wirds wahrscheinlich ebenfalls ordli heiss sein. Superheisser Rekordjuni. Die Klimaerwärmung ist nur noch für zynische Ignoranten eine Fiktion, die meinen, wir sollten die Gluthitze geniessen. Klar, geniessen ist immer gut; tun wirs, solange wir noch können. Fast hätte ich mal wieder den Fotoapparat verschwitzt und daheim gelassen. Fast wär ich gar nicht mehr am Leben, weil ich eine Woche vor dieser Fahrt von einem Porsche Cayenne auf dem Veloweg abgeschossen wurde. In Winterthur. Auf dem Weg zu Hopfentropfen. Hat nicht sollen sein. Aber ich lebe noch, bin mit schmerzhaften Schürfungen und Prellungen davongekommen. Und bin dankbar: Hatte Glück im Unglück. E-Bike Quölli wird noch ambulant behandelt, während ich schon im aufgrund von diversen hitzebedingten Ausfällen im übervollen Zug nach Genf sitze. Als ich das auf der Rückreise im Speisewagen aufschreibe, erschallt aus den Lautsprechern eine Durchsage: «Ein Fahrgast im Zug braucht dringend medizinische Hilfe. Wir bitten medizinische Fachleute sich beim Personal zu melden.» – Tja, geniessen wir die höllische Hitze, solange wir noch können!

Der neue Mähdrescher vor seinem Jungferndresch: Kostenpunkt rund 600 000 Franken.

Zurück zu meinem Trip nach Jussy bei Genf. Ich komme nach der üblichen Busumsteigerei im Niemandsland bei Thônex um halb eins auf dem Château an und fast schon zu spät zum Steinpilzrisotto. Josef Meyer und seine Crew sind schon bei Kaffee und Dessert. «Du musst heute Geduld haben, wir müssen zuerst noch eine Fremdparzelle dreschen, bevor wir zur Braugerste kommen», sagt Josef zu mir. – «Wer zu euch nach Genf kommt, braucht Geduld», antworte ich. Pole, pole! heisst das auf Sansibar. Langsam, langsam! Immerhin brauchts mit Zug und Bus rund vier Stunden bis hierher, will heissen, retour ein Arbeitstag ÖV.

Der Grund für das frühere Dreschen der Fremparzelle ist die dortige Schulschlussfeier. (Schon wieder Sommerferien. Mir ist als hätte jemand dieses Jahr die Uhr doppelt so schnell laufen lassen!) Man kann mit dem Drescher später nicht mehr zum Feld fahren. Es handelt sich um ein Futtergerstenfeld, nicht um Braugerste. Und schon gar nicht um diese spezielle Braugerste für das lokale Quöllfrisch. Der Feldbesitzer wünschte, dass das Stroh gehäxelt liegenbleiben soll, was einen ordentlichen Staub verursacht, dem ich nicht immer entfliehen kann. Beisst dann ziemlich auf der schweissüberströmten Haut.

Der Besitzer des Futtergerstenfelds wünscht, dass das gehäxelte Stroh liegenbleibt; gut zu sehen, die Staubwolke um den Drescher. In der Zwischenzeit wird die Mulde für das Erntegut am Feldrand deponiert.

Ein Berater von Claas ist dabei, um den Fahrer zu begleiten. Es gebe schon einige Dinge, die anders funktionieren als beim alten Drescher der Marke New Holland. Kaum dreht das hellgrüne Monster mit den roten Extremitäten seine Runden, finden sich Bussarde ein, die wie Möven ein Schiff begleiten. Das Meer ist goldene Braugerste. Ich kann nicht erkennen, dass sie aufgescheuchte Mäuse oder andere Kleinsäuger erwischen. Es müssen die aufgescheuchten bzw. aufgewirbelten Insekten sein, die die Raubvögel sich schnappen. Und der Zahl der Vögel nach gibt es hier in Genf noch genug der aussterbenden Insektenexemplare. Die Bussarde benützen den Menschen und seine technischen Hilfen zur vereinfachten Nahrungssuche; ganz ähnlich, wie sie das entlang der Autobahn tun, indem sie am Strassenrand auf überfahrene Tiere warten. Später auf dem Quöllfrisch-Braugerstenfeld zähle mindestens 14 bis 20 dieser wunderbaren Flugkünstler.

Die Sonne brennt erbarmungslos herab. Der heisseste Juni seit Messbeginn neigt sich dem Ende zu. Und die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass sich der Juli ebenfalls mit Rekordtemperaturen nicht nur ins Gedächtnis brennen wird. Dominic Walter fährt immer mal wieder mit Getreideproben zum Betrieb zurück, wo er die Feuchtigkeit misst. Die Anzeige darf höchstens 14.5 Prozent angeben. Zu Beginn liegt die Feuchtigkeit denn auch bei rund 14 Prozent. Dann aber wird sie zu hoch und die Drescherei muss noch einmal ein, zwei Tage warten. Zum Glück bringt er bei seiner Rückkehr aufs Feld kühles Mineralwasser mit.

Später erfahre ich, dass das Team du Crest am Samstag den Rest der rund sechs Hektaren noch gedroschen haben. 51 Tonnen Braugerste sind es 2019 geworden. «Das ergibt viele, viele Flaschen feines Bier», simst mir der Weinliebhaber Josef Meier. Ich habe das übrigens im letzten Beitrag falsch geschrieben: Die Genfer Braugerste wird in der Westschweiz gemälzt werden. Die Brauerei Locher unterstützt und fördert die Produktion von Schweizer Braugerste, Hopfen und Malz. Und wenn wir schon dabei sind: Im Appenzeller Bier sind immer nur natürliche Zutaten. So zum Beispiel im abgefüllten Zitronen-Panaché: Echte Zitrone und nicht künstliche wie in Limonaden. Ein ganz ägetes Bier, halt! Wie das Westschweizer Lokalbier Quöllfrisch Petite fraîche. Santé!

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