Chienbäse, Brandlöscher & Coronavirus

Chienbäse, Brandlöscher & Coronavirus

Quöllfrisch unterwegs in Liestal BL

Liestal BL mutiert dank dem Chienbäse-Umzug jedes Jahr zur Stadt des Feuers – ausser wenn das Coronavirus dazwischen funkt wie in diesem Jahr. Beim Binden der Chienbäse kommt passenderweise auch Appenzeller Brandlöscher zum Einsatz.

Liestal, 20. 2. 2020. Der Appenzeller Bier-Ansprechpartner Roy Bruggmann holt mich um 17 Uhr am Bahnhof Liestal ab. Es riecht weit herum nach gebratenen Hühnchen. Roy will mir die Route des Chienbäse-Umzugs zeigen, bevor wir hochfahren zur Schiessanlage Sichtern. Dort werden an diesem einen von vier Abenden die bis zu 115 Kilogramm schweren Chienbäse zusammengebaut. Um dann am Sonntag brennend durchs Liestaler Stedtli getragen zu werden. Ah, da ist er ja: Roys silbriger Appenzeller Bier-Combi steht gut getarnt hinter den schwarz-weissen Stämmchen eines kreisrund angelegten Birkenwäldchens.

Gar nicht leicht zu finden, hier beim Bahnhof Liestal: Roy Bruggmann im Dienstwagen von Appenzeller Bier hinter einem künstlichen Birkenwäldchen.

Wir fahren zum Start des Umzugs, dem Anzündplatz bei der sogenannten Burg (eine Burg sehe ich weit und breit nicht, das grosse Anzündfeuer ist auf dem Titelfoto dieses Beitrags zu erkennen). Weiter gehts vorbei am mittelalterlichen Stadttor, wo die rund 20 Feuerwagen aus Eisen mit ihren meterhohen Flammen durchgezogen werden; umsäumt von mehreren Zehntausend Zuschauer*innen. Ein Wahnsinn! Einmalig! Dass es so etwas gmögig Verrücktes noch gibt! Faszinierend und politisch absolut unkorrekt. Gefällt mir persönlich besser als die traditionelle Basler Fasnacht mit der schrillen Piccolo-Tortur. Heutzutage wärs wohl unmöglich, so einen Anlass bewilligt zu bekommen.

Wegen dem zunehmenden Publikumsinteresse – man spricht von bis zu 50’000 Zuschauer*innen auf teilweise engstem Raum – wurde die Route verlängert. Das kann ja eng werden! Aufgrund von Hitze und Glusen braucht es Platz zum Ausweichen. Aber bisher ist alles immer gut gegangen. Auch der Dresscode gefällt mir: Die Zuschauer werden gebeten, möglichst schwer brennbare, alte Kleider zu tragen. In dem Moment freue ich mich noch riesig auf den Sonntag, an dem der ganze Ort hier Feuer und Flamme sein wird (auf diesen Bildern ist gut zu erkennen, wie es brennt, wenns brennt). Nix da, sprach der Bundesrat: Ein winzig kleines, nur in den Medien permanent sichtbar gemachtes Virüslein aus China mit dem Namen eines mexikanischen Biers sollte nicht nur mir die Freude vergällen – alle Anlässe mit mit über 1000 Personen wurden verboten. Traurig, traurig. Der russische Poet Ossip Mandelstam (1891-1938) hat recht, wenn er schreibt:

Die niedrigsten Formen organischen Seins sind für den Menschen die Hölle.

Nicht zu fassen: FasNICHT statt FasNACHT!

Der feurige Chienbäse-Umzug erinnert mich in seiner bodenständigen Kraft und anarchischen Urwüchsigkeit an Bernhard Luginbühl und seine eindrückliche Verbrennungsaktion «Pandora» auf der Albisgüetli-Wiese in Zürich. Das war 1998, ich war dabei. Die Holzskulptur sei sein Mahnmal gegen Gentechnologie, liess Lugi dazu verlauten. Und ganz nebenbei schafft das Weltweitnetz auch einen Bierbezug: Der Kunstberserker Luginbühl habe für Wädibräu eine Pandora-Bieretikette gestaltet (wovon ich leider kein Bild finden konnte).

Da jubelt unser Pyromanenherz: «Pandora» – Bernhard Luginbühls Mahnmal gegen Gentechnologie am 10. Mai 1998.

Nun, in der griechischen Mythologie wurde Pandora (= Allgeberin) von den Göttern als verführerisch blendendes Scheinbild einer schönen Jungfrau geschaffen und mit einer Geschenkbüchse voller Plagen und Übeln zum naiven Epimetheus (= der Danachdenkende), dem Bruder von Prometheus (= der Vorausdenkende) geschickt, um ihn zu verführen und die von Prometheus erschaffenen Menschen in Zeus Auftrag zu vernichten. Um seine Geschöpfe zu schützen hatte der Titanensohn Prometheus seinen Cousin, den seit kurzem im Olymp herrschenden Zeus, mehrfach respektlos behandelt und betrogen. Der Depp Epimetheus fuhr denn auch voll auf den sexy Ur-Bioroboter ab und die Plagen ergossen sich über die Menschen.

Feuer lieferte den Grund für den Pandora-Skandal: Nach einem ersten Betrug hatte Zeus den Menschen die Gabe des Feuers verweigert. Die Welt sähe heute sehr anders aus, hätte auf dieses Verbot hin der listige Menschenschöpfergott Prometheus nicht kurzerhand einen trockenen Riesenfenchel am Sonnenwagen entzündet. Mit diesem Feuerzunder kam er hernieder auf die Erde und bald loderte der erste Holzstoss gegen den Himmel, heisst es in Gustav Schwabs «Sagen des klassischen Altertums». Bezogen darauf sind also die Liestaler Feuerwagen nichts anderes als Abkömmlinge des Sonnenfeuers, das den Winter vertreiben soll. Kinder der Sonne. Und das neuartige Coronavirus stammt wohl aus Pandoras Saat des Bösen. Nun haben wir also den Salat, hier auf Erden!

So ein Feuer macht wohl dem stärksten Virus den Garaus. Die Gentechnik konnte Lugi damit nicht aufhalten: Soeben wurde 2. März 2020 vom Bafu ein Freisetzungsversuch von Genmais bewilligt.

Die berühmte Büchse der Pandora sei übrigens vielmehr ein Tongefäss zur Aufbewahrung von Essensvorräten (s. Bild weiter unten) gewesen, denn eine Blechbüchse. Während ich das schreibe, erhöht der Bund die Alarmstufe auf rot: Kein Händeschütteln (manche nennen das tatsächlich Social Distancing), viel Händewaschen und Papiertaschentüchlein in geschlossene Eimer werfen.

Was bleibt: die Hoffnung auf 2021

Für mich das grösste Rätsel der ganzen Pandora-Geschichte: Nach all den Übeln hätte als letztes die Hoffnung (Elpis) der Mitgift-Box entweichen sollen. Aber Pandora verschloss diese auf Geheiss der Götter für immer, bevor sie raus konnte. Was aber hat die Hoffnung unter den Übeln zu suchen? Weil sie trügerisch bis blind sein kann? Und was heisst das nun, dass sie nicht unter die Menschen kam? Alles hoffnungslos?! Oder einfach ganz pragmatisch: Hoffnung ist gut und recht, also kein Übel, kann aber im Ernstfall trotz all den menschlichen Errungenschaften nicht mal ein Virus aufhalten. Und auch nicht 2400 Quadratkilometer grosse Heuschreckenschwärme in Afrika, die dort poetisch treffend Zähne des Windes genannt werden, weil sie sich mangels Manövrierfähigkeit vom Wind über die kahlzufressende Welt tragen lassen. The answer, my friend, is blowin‘ in the wind…

Grün ist die Hoffnung – oder eher durchtrieben: Das schiefe Grinsen dieser vorwitzig aus Pandoras Behältnis (Pithos) herausschauenden personifizierten Hoffnung aus dem 6. Jh. v. Chr. sagt einiges aus über die Ambivalenz dieser einzigartigen menschlichen Gefühlslage. (Bearbeitetes Bild aus: Adrienne Mayor: Götter und Maschinen, 2018)

Von den unzähligen andern Übeln und Plagen hienieden auf Erden ganz zu schweigen. Trotzdem und erst recht also: Hoffentlich können wir noch hoffen! Bezüglich Chienbäse-Feuer 2020 müssen wir uns dies schon mal abschminken bzw. die Hoffnung bis nächstes Jahr im Herzen bewahren. Wohl oder übel. Hm. Das immer schneller drehende Alltagskarussell scheint mehr und mehr zum unaufhaltsamen Geisterzug zu mutieren. Hoffentlich bringt das wie der Blitz um den Globus gereiste Virus (= natürliche zähe Feuchtigkeit, Schleim, Saft, Gift) die in vielen Belangen besinnungslose Menschenwelt etwas zur Besinnung – wenigstens ein virusgrosses Mü weit (µ = gr. My; auch bekannt als Muggeseggeli). Oder wir werden alle zu Danachdenkenden, die mit Pandora techtelmechteln.

Da war die Hoffnung auf einen wunderbaren Umzug noch intakt: Die bereits fertigen und gekennzeichneten Chienbäse warten auf ihren Einsatz.

Der unsterbliche Titanensohn Prometheus musste als Strafe bis zu seiner Befreiung durch Herakles ziemlich lange am Kaukasus hängen, wo ihm ein Adler jeden Tag unter Qualen ein Stück seiner selbstheilenden Leber raushackte. Das kann wohl nun sinnbildlich für das Veranstaltungsverbot genommen werden, das mir persönlich ein schmerzliches Loch in die Agenda gehackt hat. Ich habe mich wirklich sehr auf diesen magischen Feuerumzug in der Altstadt von Liestal gefreut. Aber meine Leere und Ratlosigkeit ist wohl nichts im Vergleich zu den Gefühlen der eingefressenen Chienbäsler: Denen muss es Herz und Seele zerreissen, dass all die Leidenschaft, Energie und Vorfreude nun zusammen mit einer säuerlich grinsenden Hoffnung bis 2021 in der Pandora-Büchse gedeckelt wird!

Die Chienbäse von Busi & Adi müssen nun ein Jahr aufs Abbrennen warten. Ihre Liebe möge ewig brennen.

Chien-Bäse-Beizli, Herzblut & Föhrenharz

Auf unserer Rundfahrt durch Liestal passieren wir unter anderem die ehemalige Brauerei Ziegelhof, die 2006 von Eichhof und ein Jahr später – zusammen mit den Luzernern – wiederum von Heineken geschluckt wurde. Es gibt an diesem Abend einige Liestaler, die wehmütig von der ortseigenen Brauerei erzählen, teilweise weil sie jahrelang dort gearbeitet haben. Oder weil sie sich einfach mit ihrer Brauerei und ihrem Bier identifizierten. Ziegelhof-Bier wird zwar noch gebraut, aber halt nicht mehr in der Region. Und das Brauerei-Areal wird neu anderweitig genutzt.

Schon von weitem zu hören und zu riechen: Chienbäse-Bau in der Schiessanlage Sichtern.

Nach dem Endpunkt des Umzugs, dem Ausbrennplatz, setzen wir die Fahrt in Richtung Schiessanlage Sichtern fort. Dort hämmerts und klopfts, als wären riesige Spechte am Werk. Und es riecht wunderbar nach Föhrenharz. Das Gegenteil von Social Distancing ist hier beim gemeinsamen Handwerken im Gange. Und wie! Hier gehts richtig zur Sache.

Eine Städtchen im Ausnahmezustand: An vier Abenden werden in der Schiessanlage Sichtern unter fachkundiger Anleitung rund 300 Chienbäse gebaut.

Zuerst stechen wir schnurstracks ins Chien-Bäse-Beizli, wo Roy mich dem Chienbäse-Urgestein Ueli Steiner und seiner Frau vorstellt. Sie führen an den vier Chienbäsebau-Abenden jedes Jahr diese legendäre Bäsebeiz mit Grill. Und scheuen keinen Aufwand: Die Lampen aus Quöllfrisch- und Brandlöscher-Flaschen (auch einige Weinbuddeln sind dabei) haben die beiden selbst gefertigt. Dabei seien einige Flaschen in die Brüche gegangen, schmunzelt Ueli. Natürlich gibts die beiden Appenzeller Biere auch zu trinken, wobei der Brandlöscher mit seinem doppelbödigen Namen quasi den Nagel in den Chienbäse haut, gell. Er wurde 2010 anlässlich der Gedenkfeier des grossen Appenzeller Dorfbrands von 1560 kreiert. Nehm mi jo no wonde, wele Siebesiech det debi gseh ischt ond da no wäss! De het sech wohschinli i däne 450 Joh öppemol nebis es Brandlöscheli zu Gemüete gfüeht.

Die Gastig kommt schon noch: Quöllfrisch- und Brandlöscher-Lampen sorgen beim Chienbäse-Bau für heimeliges Licht – und für das leibliche Wohl; ebenso Uelis Grill vor der Tür.

Sechs Jahre lang amtete Ueli als Chienbäse-Chef. Er weiss also genau, worauf beim Besenbau zu achten ist. Am Sonntagabend strahlt Telebasel anstelle des abgesagten den letztjährigen Umzug (hier zu sehen) aus, bei dem er mit seinem grossen Chienbäse-Wissen als Co-Kommentator amtet. Bei der Bank hiesse das: Chienbäse-Expertise. Aber eben: Wenn schon Feuerwerke am TV kaum funktionieren, so ergibt auch der Chienbäse-Umzug halt nur schöne Bilder. Diese werden zudem von den hunderten in die Luft gehaltenen Leuchtbrettchen-Bildschirmen gestört – zusammen mit dem Internet der Dinge eine weitere schöne Bescherung aus der Büchse der Pandora.

Chienbäse-Urgestein Ueli Steiner mit Roy Bruggmann (links, etwas unscharf, aber sympathisch).

So einen Anlass muss man live erleben. Körperlich. Mit all der Hitze, dem Rauch, den Gerüchen und Geräuschen, den fliegenden Gluten, dem schwer zu bändigenden Feuer, den physisch beanspruchten Besenträger*innen. Nachher muss man riechen wie ein geräuchter Cervelat. Manche halten tatsächlich Würste in die vorbeiziehenden Feuer. Aufgrund starken Windes durften 2019 die grossen Feuerwagen mit bis zu acht Ster Brennholz nicht mitfahren. Schon bei den «kleinen», mit 1 – 1.5 Ster beladenen Wagen züngeln die Flammen meterhoch in den Nachthimmel. Da kann man sich vorstellen, was bei den grossen Wagen mit Acht-Ster-Stössen abgeht. Hier noch zwei Links zum Umzug 2017 und 2018 mit den grossen Wagen.

Kein Böögg – der Weisse Mann auf der Weissen Fluh

Der Umzug in der heutigen Form mit den Feuerwagen findet seit 1961 statt, erzählt Ueli Steiner auf Telebasel. Entwickelt hat sich der Brauch aber schon 1859 aus einem Fackelumzug. Damals wollte man mit den Fackeln auf der ausserhalb Liestal liegenden Weissen Fluh den Weissen Mann verbrennen. Huch, den Böögg?!, fragt erschrocken mein Züri-Appenzellerherz. Weil das aufgrund des Windes nicht möglich war, zog man kurzerhand mit den Fackeln durchs Städtchen. Längere Zeit blieb es dann beim alljährlichen Fackelumzug – bis irgendwann die Fackeln zu Chienbäse mutierten und die Feuerwagen sich dazu gesellten (s. auch IG Chienbäse Liestal).

Am Instruktor-Tisch weiss man genau, worauf es ankommt beim Chienbäse-Bau. Wie Holztulpen spriessen die Bäse.
Umtriebige Geschäftigkeit: Wo gchienbäset wird, fliegen die Späne – die Mulde ist schon ziemlich voll.

Den ganzen Abend wird in der Schiessanlage unermüdlich, friedlich und hochkonzentriert gesägt, gehauen, gehämmert, genagelt, gepfropft und angepasst. Em Füürtüüfel es Ohr ab. Jung und Alt. Weniger Frauen als Männer, aber auch. Stetes Klopfen füllt die Besen. Und: Gut gefüllt brennt länger und schöner. Man berät sich gegenseitig, legt auch mal beim Nachbarbesen Hand an, tauscht Erfahrungen aus. Niemand befiehlt, alle sind willkommen.

Essenziell: Das passende Holzstück für den individuellen Chienbäse.

Es ist wichtig, dass die Holzbesen unten sehr kompakt sind, damit das Feuer nicht rausflammt und die Träger*innen verletzt. Die Föhrenscheiter müssen mit einer scharfen Axt dreiseitig angespitzt und möglichst satt zusammen an den Buchenstamm genagelt werden. Beim Instruktor-Tisch übt einer unter Anleitung das Tragen eines ziemlich grossen Besens (s. Film). Und obwohl er noch etwas wacklig umgeht mit der schweren Last, füllt er danach noch weitere Scheiter ein.

Möglichst kompakt und gut gefüllt: Der untere Teil muss möglichst eng und stabil sein, damit das Feuer nicht herausschlägt.

Natürlich geniesse ich in der gemütlichen Chien-Bäse-Beiz mit Roy und andern Gästen ein schönes Steak von Grillmeister Ueli und einen Brandlöscher. Mit Bügelverschluss, neuerdings wieder. Sehr schön. Auch hier ist jedermann und jedefrau willkommen. Oder wie Alex Capus im NZZ Folio so schön geschrieben hat:

Man geht in eine Kneipe oder Bar, weil man Mensch sein will. Für eine Stunde, für einen Abend. Unter Fremden oder mit Freunden. Vielleicht auch allein, aber nicht einsam. Man will aufgenommen und willkommen sein, für einen Moment Pause haben im lebenslangen Überlebenskampf. Nichts unter Beweis stellen, die eigene Anwesenheit nicht rechtfertigen müssen. Einfach sein dürfen. Darum geht es.

Inzwischen hat die Nacht Einzug gehalten. Als wir uns verabschieden, wird noch immer unermüdlich gehämmert und gebaut. Noch herrscht Hoffnung, dass Uelis Prophezeiung von 2019 eintrifft: «S nöchscht Johr gits wieder e Chienbäse!» Nun bedeutet das halt 2021. Auf dass das heilige Feuer des Chienbäse-Brauchs in Liestal noch lange magisch in den Nachthimmel des ersten Sonntags nach Aschermittwoch lodere!

Zum Schluss noch ein Film von Tele 4 mit eindrücklichen Bildern vom Chienbäse-Umzug 2018.

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