Braugerstenernte 2020 für Quöllfrisch Petite fraîche auf Château du Crest

Braugerstenernte 2020 für Quöllfrisch Petite fraîche auf Château du Crest

Aufgrund der Trockenheit im April war Josef Meyer etwas skeptisch, was die diesjährige Braugerstenernte fürs Westschweizer Quöllfrisch Petite fraîche angeht. Aber mit fast acht Tonnen pro Hektare kann er zufrieden sein.

Mit 3,3 Hektaren das grösste der drei Braugerstenfelder von Château du Crest.
Aufgrund des trockenen Aprils etwas kurz, aber sonst gut gewachsen und gereift: Die Braugerste fürs Quöllfrisch Petite fraîche von Josef Meyer.

Donnerstag, 25. Juni 2020. Aufgrund all der Corona-Ausnahmen plus Reservationsklimbims lasse ich Quölli wieder mal zuhause. Ich kenne ja inzwischen all die trügerischen Genfer ÖV-Fallen, was ein pünktliches Eintrudeln kurz vor High Noon durchaus leicht erscheinen lässt. Denkste! Die Genfer haben auch dieses Mal einen Weg gefunden, einen Knallkopf wie mich, ein weiteres Mal irgendwo im Gaggo stehen zu lassen. Aber dazu gleich mehr.

Intermezzo: Vom Knallkopf zum Knallkrebs retour.

Zuvor ein faszinierendes Intermezzo zu den Wundern der Biodiversität. Schon des Namens des Pausentierchens wegen: Knallkrebs oder Pistol Shrimp. Der sei mit bis zu 200 Dezibel nicht nur massiv lauter als ein Düsenjet (120 Dezibel) und damit Rekordhalter im Tierreich, sondern statt vermeintlich blind, glichen seine Augen einer rekordverdächtigen Highspeed-Kamera und damit den schnellsten bekannten Sehsinn aller Meerestiere. Ist doch unglaublich, was all die Tiere so können. Und unser vermeintlich für Vieles ach so blinde Wissenschaftsbesserwissen – mit mehr als Augen zu sehen – hielt den kleinen Tiefseeknaller mit seinen unauffälligen Äugelchen noch bis vor Kurzem zu allem Elend auch noch für blind. Wieder was gelernt von den uralten Errungenschaften der unendlich vielfältigen Natur. Der Kleinlaute zeigt, wie wenig wir doch wissen vom grossen Ganzen. The big picture ist bei uns Menschlein nicht mehr als ein big Pixel. Nur schon solche faszinierenden evolutionären Ausformungen sind – jenseits der zusammenwirkenden und darum lebensnotwendigen Kräfte – doch allein schon ein Grund, die serbelnde Biodiversität nun aber sofort und massiv gesetzlich zu verankern. Weltweit. Aber dalli; besser vorgestern denn heute!

Die «Pistole» des Lucky Luke-Krebses (schneller als sein Schatten) ist seine grosse Schere. Deren vorderer Teil, der Scherenfinger, erzeugt durch blitzartiges Einklappen eine winzige dampfgefüllte Blase. Diese implodiert unter dem grossen Druck und es knallt und blitzt. Es entstehen Temperaturen bis zu 4700 Grad Celsius und eben der Saumeis, der Würmer und kleine Krebstiere betäubt, die er nun genüsslich futtern kann. Ein sagenhafter Knallkopf, der Knallkrebs. Unglaublich! Gäbs ihn nicht schon, müsste man viel studieren, um sowas zu kreieren. Inzwischen habe man noch eine neue Knallkrebsart entdeckt, die nun wegen der pinkfarbenen Schere nach der Band Pink Floyd benannt wurde: Synalpheus pinkfloydi.

Signaletik wurde wohl nicht in Genf erfunden

Inzwischen bin ich in Genf umgestiegen auf die neue, recht protzige grenzüberschreitende Regionallinie nach Chêne-Bourg. Ist fast eine U-Bahn. Beim ersten Besuch auf Château du Crest musste ich noch den Bus nehmen und stieg zuerst in den falschen. Das Bahnhofsareal von Chêne-Bourg stellt sich als riesige Baustelle heraus. Mehr Wüste, denn Biodiversität. Jedenfalls bis jetzt. Hier scheint ein ganzes Quartier aus dem Boden gestampft zu werden, teilweise wird schon gewohnt. Auf dem Rückweg entdecke ich auch das Schild, das ich nun übersehe. So gehe ich nach rechts statt nach links. Dort fährt zwar der richtige Bus, nämlich 32, aber in die falsche Richtung.

Da stand ich nun, ich armer Tor und war so klug als wie zuvor, nein, eher noch depperter: Die Haltestelle im Baustellenschilf.

Dessen Chauffeur hat auch keine Ahnung und meint, ich müsste hier warten, der Bus Richtung Jussy werde beim nebenliegenden Kreisel wenden. Stimmt natürlich überhaupt nicht. Wie in Indien, wo sich die Leute schämen zu sagen, sie wüssten den Weg nicht; also verzapfen sie dir das Blaue vom Himmel und schicken dich in irgendeine total falsche Richtung. Aber dort finden sie auch das Mausoleum Taj Mahal die Frucht einer grossartigen Liebesgeschichte des muslimischen Grossmoguls Shah Jahan zu seiner verstorbenen Frau Mumtaz Mahal, obwohl der liebend-liebe Bauherr den grossartigen Kunsthandwerkern zum Lohn die Finger abschlagen liess, damit sie nirgendwo auf der Welt ein noch schöneres Werk erschaffen konnten.

Da oben stehts, sonst nirgends: Statt nach links ging ich nach rechts auf einen langen Umweg. Lappi, tue d Auge uf!

Und kein Hinweis auf die improvisierte Haltestelle Richtung Château du Crest, wo ich zum Mittagessen erwartet werde. Kein Taxi weit und breit. Auch die Menschen, die ich frage, wissen nicht weiter. Liegt nicht an meinem schiteren Französisch. Wahrscheinlich gibts hier eben noch gar keine Einheimischen, in dieser Trabantenstadtbaustelle. Oder alle, die ich treffe, gehören zu den angeblich 70 000 täglichen Pendler*innen aus Frankreich. So fahre ich denn nach vergebenem Warten in der Baustellen-Pampa mit einer andern Nummer zur Endstation Sous-Moulin, wo ich mich wieder auskenne und auf den richtigen Bus umsteigen kann. Jedesmal legen mir die Genfer so ein Kuckucksei! Langsam nehme ichs persönlich.

Wer zu spät kommt, wird gut verpflegt: Herzlichen Dank!

Auf Château du Crest (die Website ist mehrsprachig f / de / en) werde ich sehr freundlich bewirtet – wie beim letzten Mal ist die Crew schon beim Kaffee, während ich Zuspätkömmling ein Nachzügler-Gedeck erhalte. Da radelt auch schon Josef Meyer auf einem Mountainbike heran. Ich soll nachher zur Getreidesammelstelle runterkommen. Sagts und pedalt los. Die Sammelstelle befindet sich neben der grossen Waage, die glatte 100 Kilo anzeigt, als ich drauf stehe. Frech! Ok., vollgefressen und mit Rucksack, Schuhen, Kleidern und so. Josef klärt mich nachher darüber auf, dass sie auf 20 kg genau wäge, also auf- oder abrunde. In diesem Fall also auf, logo.

Güldenes Gerstenkorn aus vollem Rohr: Josef Meyer nimmt eine Probe und fährt damit zur Messstelle in seinem Betrieb Château du Crest.

Zu Corona meint Josef, er dürfe nicht jammern. Man sei einigermassen über die Runden gekommen. Er musste niemanden entlassen, hatte genug zu tun. Auch der Wein läuft gut. Jetzt sehe man von Tag zu Tag, wie es weiter geht. Bezüglich der Braugerstenernte zeigt er sich nicht so optimistisch. Der viel zu trockene April habe die Ähren ausgezehrt, aber so sei halt die Arbeit mit der Natur. Es zeigt sich, dass Qualität und Menge trotz der kurzen Stände aber ziemlich gut herausgekommen sind. Letztes Jahr wurde die Ernte abgebrochen und um ein paar Sonnentage verschoben, weil ein Teil der Körner noch zuviel Feuchtigkeit enthielt. Das ist diesmal anders. Das zeigen die Proben, die Josef während des Ernteprozesses mehrmals holen kommt: Feuchtigkeit 12,2 % (unter 14,5 %) ; Eiweissgehalt 10,3 % (je tiefer je besser, höchstens 11,5 %).

Hier wird die Braugerste vor der Messung gereinigt – vom Chef persönlich.
Die Messstation ermittelt Feuchtigkeit, Gewicht und Eiweissgehalt der Braugerste (Orge).

Blauer Himmel, steinalte Bäume & weites Land

Dieses Jahr liegen die drei Braugerstenparzellen gleich neben dem Château. Die grösste verfügt über 3,3 Hektaren. Ich könnte auch zu Fuss gehen, darf aber mit Dominic Walter im Drescher mitfahren. Er muss ziemlich weit ausholen, da der direkte Weg für das Riesending nicht möglich ist. Es surrt und schnurrt leiser als eine Nähmaschine. Immer mal wieder piepts oder redet Unverständliches. Bildschirme übertragen die sonst blinden Flecke. Und das Teil zieht ab wie ein Sportwagen. Da stecken einigen Rösser drin, gell. 503 genau – Rösser, also Pferdestärken.

Quöllfrisch unterwegs – der Film: Das Dreschen der drei Braugersten-Parzellen fürs Westschweizer Quöllfrisch Petite fraîche verläuft ohne grösseren Zwischenfälle.

Für seine schiere Grösse ist das Gefährt von einer unglaublichen Wendigkeit. Kaum losgefahren, muss Dominic auch schon wieder den Getreidetank leeren. Jedenfalls kommt es mir so vor. Geht wahnsinnig schnell alles. Über dem Drescher haben sich auch schon wieder mehr als 20 Bussarde eingefunden, um aufgescheuchte Mäuse und anderes Getier zu ergattern. Wusch! Das war knapp, hoi! Ich bin immer wieder hin und weg vom wendigen und anmutigen Flug dieser schönen Vögel.

Dominic Walter hat den Mähdrescher voll unter Kontrolle.

Immer wieder fallen mir die uralten Baumriesen ins Auge, von denen es hier in Genf wirklich viele hat. Dazu sagt Josef, man hätte leider zu lange keine neuen Bäume mehr gepflanzt, so fehlen dann zwischen Alt und Jung einige Generationen. Das habe man aber in den letzten Jahren angepackt. In Zürich bekommt man eher den Eindruck, dass es fast nur noch junge Bäume gibt, weil man den Wert der alten erst wieder entdeckt, wenn sie ratzfatz weggefräst sind. Zwischen den Parzellen erklettere ich einen rund zwei Meter dicken Stamm, der dort liegend vermodert und sichtlich vielen Insekten Lebensraum bietet. Eine Art toter Lebensbaum. Von da oben habe ich hervorragende Sicht aufs Geschehen. Ausser wenn grad das Dreschungetüm vorbeischnurrt. Dann nebelt mich der Wind tüchtig mit beissendem Staub ein. Es stiebe dieses Jahr ausserordentlich stark, meint auch Drescher-Chauffeur Dominic. Zwischenzeitlich musste er am Mähbalken einen defekten Zahn auswechseln. Der hat wohl auf Granit gebissen.

Dieser faule Zahn muss raus.
Feld eins und zwei sind erledigt.
Der dritte und letzte Streich folgt sogleich. Ich hingegen mache mich auf zu einem kühlen Bierchen.

Bevor die dritte und letzte Parzelle unter den Dreschbalken kommt, mache ich mich auf, um mit Josef vielleicht noch ein Gläschen zu heben. Wenn er Zeit hat. Er ist ja immer auf Draht als Tätschmeister dieses vielseitigen Grossbetriebs. Und genau so ist es. Wir sitzen in der Freiluftbar zwischen Strohballenwänden auf der gleichen Seite des Biertischs und beobachten das geschäftige Treiben auf dem Werkhof. Ein reges Kommen und Gehen bzw. Ein- und Ausfahren der unterschiedlichsten Vehikel hat eingesetzt. Josef aber sitzt auf Nadeln. Immer wieder rast er los, um auf dem Platz irgendetwas zu regeln. Die Betriebsamkeit dort vorne ist fast so gross wie an Verkehrsknotenpunkten in Genf oder Zürich: Heuballen, Getreide, Traktoren mit und ohne Anhänger, Lieferwagen, Vespas, PWs. Stosszeit, eindeutig. Wie sagt man rush hour auf französisch? – L’heure de pointe, sagt Deepl.

Am Anfang wars noch recht ruhig, fünf Minuten später gehts rund. Das lädierte Schild wird noch ausgewechselt, drum zeige ichs nur von hinten.
Da vorn ist noch lange nicht Feierabend: Mein Ausblick aus der Bar auf der grünen Wiese auf das geschäftige Treiben. Hinten rechts wird das Getreide vom Staub befreit.

Mit den anwesenden Gästen radebreche ich Französisch, so gut es halt geht. Ist aber schon nicht einfach für mich mitzuhalten, wenn die Einheimischen voll Tempo loslegen. Nein, ich gebs zu, ich versteh nur Bahnhof. A propos: Inzwischen hat mir Josef auch eine Mitfahrgelegenheit nach meinem neuen Lieblingsbahnhof Chêne-Bourg organisiert. Im Zug wundere ich mich nur ein kleines Bitzeli darüber, dass bei all dem Corona- und was-weiss-ich-Getracke ein dauertelefonierender Marokkaner aus Grenoble ohne Zugbillet und Ausweis nach dem Straf-Ticketlösen unbehelligt und ohne Weiteres in Neuchâtel aussteigen kann. Wir leben in einer gspässigen Zeit. Wahrscheinlich ist jede Menschenzeit eine gspässige.

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