Sie hat ein Füdli wie ein Haldengut-Schimmel!

Sie hat ein Füdli wie ein Haldengut-Schimmel!

So facettenreich wie das Volk der Biertrinker, so vielseitig ist auch das Bier-Angebot. Doch in einem sind sich alle Liebhaber dieses Getränks einig: Kühl muss es sein!  

Ich erzähle meiner Mutter, wie früher das Bier in den Beizen mit Eisbarren gekühlt worden ist. Da funkeln ihre Augen und sie meint: «Ja du, ich weiss. Damals, vor gut 70 Jahren, spielten wir Kinder oft mitten auf der Strasse. Ab und zu bestaunten wir grosse Karren, die mit einer noch grösseren Ladung Eisbarren an uns vorbeifuhren. Gezogen wurde die Fuhre von starken, breiten Pferden. Wir nannten sie ‚Haldengut-Schimmel’, denn sie brachten Eis zur Kühlung von Haldengut Bier, das in der Gegend um Winterthur getrunken wurde. Hatte damals eine Frau ein dickes Hinterteil, so flüsterten wir uns zu: ‚Die hat ein Füdli, wie ein Haldengut-Schimmel’.»

Im Wandel der Zeit

Das Haldengut-Schimmel-Füdli heisst heute «fetter Arsch» und wo früher pure Manneskraft zur Kühlung von Bier notwendig war, reicht heute Strom aus der Steckdose und ein Kühlschrank. Aber es ist noch gar nicht lange her, da wurde das Eis in der Region Appenzell geradezu spektakulär gewonnen. Vor dem ersten Weltkrieg sägten Arbeiter das dicke Eis aus dem Seealpsee, luden die schweren Brocken auf den Schlitten und fuhren damit ins Tal. Die Brauerei Locher beschäftigte während der 20er- und 30er-Jahre jeweils an die 17 Tagelöhner mit der Eisgewinnung. Manchmal stürzte ein Mann während der gefährlichen Arbeit ins Wasser und musste gerettet werden.

Sprache und Arbeitsweise haben sich in den letzten 70 Jahren massiv verändert. Vom Füdli zum Arsch, vom Seealpsee zum Kühlschrank.

Innovativ und modern

Bereits 1928 baute die Brauerei Locher eine Holz-Vorrichtung zur Eisgewinnung. Vor einer kalten Winternacht bespritzen Arbeiter diese mit Wasser. Frühmorgens schlugen sie das Eis ab und transportierten es in grossen Gelten zur Brauerei. Oberbrauer Rietsch mass morgens und abends die Temperatur im Gärkeller und wies die Arbeiter an, die korrekte Menge Eis nachzufüllen. Auch am Weiher im Glanzenstein konnte Eis gewonnen werden – allerdings nur im hinteren Teil – vorne drehten Schlittschuhläufer ihre Runden. Und reichte das Eis der eigenen Region nicht aus, scheute man sich nicht, sogar aus dem 100 Kilometer entfernten Klöntalersee Eis mit der Bahn nach Appenzell zu transportieren.

Im selben Jahr — ebenfalls 1928 — kaufte Karl Locher-Streule einen Kältekompressor für die Kellerkühlung und die Erzeugung von Stangeneis. Durch die Industrialisierung entfiel die Kühlung mit Natureis in den folgenden Jahren vollständig. Gute dreissig Jahre später investierte die Brauerei Locher in ein neues Kühlhaus mit geschlossenem Kühlsystem. Und in derselben Zeit hielt der moderne Kühl- oder Gefrierschrank, wie wir ihn heute alle kennen und schätzen, in den Haushalten Einzug.

Ein Griff in den Kühlschrank reicht, und wir geniessen ein kühles Quöllfrisch. Dass früher für den gleichen Effekt Kraft und Mut notwendig waren, vergessen wir oft. Sprache und Arbeitsweise haben sich verändert. Doch eines verändert sich nicht: Kühles Bier war, ist und bleibt ein Muss.

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