Biski, the Appenzeller Beer-Bear

Biski, the Appenzeller Beer-Bear

Quöllfrisch unterwegs bei Olympiasilber-Gewinner Marc Bischofberger

Marc Bischofberger (27) ist der erste Innerrhoder Olympiamedaillengewinner der Geschichte. Silber im Skicross. Sein Hauptsponsor? Logisch, Appenzeller Bier.

Es ist der erste Sommertag. Wohlverstanden, im April. Dem 18. 2018, ganz genau. Nüme normal. Alles spriesst und blüht. Aber unterwegs nach Marbach im St. Galler Rheintal sehe ich auch unzählige Bewässerungsanlagen Wasser versprühen. Alles furztrocken. Wohlverstanden, im April. Meteo Schweiz sagt, die Grundwasserreserven seien aufgeladen. Aber der April sei ungewöhnlich trocken und warm. Der Föhn heizt den Pflanzen zusätzlich ein. 

Viel Föhn, praktisch kein Regen im April: Wird das Rheintal zum Tessin der Ostschweiz? Von einem Förster vernehme ich, der wolkenmässige Alles-auf-einmal-Pollenbewurf der Welt sei ein Stresssymptom der Bäume.

Marbach SG. Hm, da war ich doch schon mal. Klar, mit Fredi Klee von der IG Appenzeller Obst. Stichwort «Bschorle». Als ich aussteige, sind da auch die drei Riesenflaschen vor der Mosterei Kobelt. Und in einem 300-jährigen Haus gleich neben Friedhof («ruhige Nachbarn») und Kirche («muss ich zugeben, da war ich noch nie drin») wohnt der Obereggler Marc Bischofberger. Aber ich Blogger muss dringend. Echt dringend. Superdringend. Tja, was tun? Öffentliche Toiletten scheints an dieser Autorennbahn, die das eigentlich verschlafene Dorf ziemlich verkehrsreich in mindestens zwei Hälften fräst, nicht zu geben. Dafür entlaufene Haustiere:

Ich hoffe, Rosa ist inzwischen wieder aufgetaucht. Aber gesehen habe ich sie auch nirgends. Und wie gesagt, es drängt.

Dann also ab in die Beiz. Von der Ferne ein paar Fetzen «Hey Joe, where you goin‘ with that gun in your hand? …». Nein, ich will niemanden erschiessen, sondern sch… . Aber ja, es ist Mittwoch und wenns nicht Mittwoch wär, wär der Wirtesonntag wohl genau dann, wenn ich komme:

Nicht aufgeben. Durchhalten!

Zweiter Versuch gleich gegenüber, oha lätz, arme Susi, das Leben ist ungerecht:

Keine Wahl also: Beim Skicross-Star als erstes überfallartig nach dem Klo fragen. Das tat ich dann. Ah! Aber so wars nicht wirklich geplant. Tja, die Natur, gell. Und: Ich bin wohl weltweit der erste Ausserrhoder der beim weltweit ersten Innerrhoder Olympia-Medaillengewinner das WC benutzt. Wetten?

300 Jahre alt: Der Skicrosser wohnt sehr gemütlich im rücksichtsvoll renovierten Häuschen. Anfangs dachte er, das sei zu gross, aber das täuscht.

So, nun zum eigentlichen Inhalt unseres Besuchs. Der Biski Fanatics-Sticker mit dem brüllenden Bären am Briefkasten ist schon etwas verblasst (s. Beitragsbild oben). Das Schweizer Rot wirkt weisser als das Kreuz. Aber das Wesentliche ist zu lesen: Das ist der Fanclub von Marc Bischofberger a.k.a. Biski. Mit inzwischen über 300 Mitgliedern. Biski ist gleich Bischi – also die Kurzform von Bischofberger –, einfach mit Ski geschrieben. Alles klar?

Das ist nun das edle (und erstaunlich schwere!) Rund: Die Silbermedaille aus Südkorea. Rechts oben: Der Oberegger des Jahres 2018 ist schon in der ersten Jahreshälfte gewählt. Im Hintergrund erkennt ihr auch die begehrte Gesamtweltcup-Kristallkugel.

Als erster Olympiamedaillengewinner Innerrhodens schreibt Marc Bischofberger Sportgeschichte. Natürlich hätte er auch Olympia-Gold genommen. Er ist trotzdem zufrieden. Mehr als zufrieden. Mit dem Wehrmutstropfen, dass er sich beim zweitletzten Rennwochenende im russischen Sunny Valley das Kreuzband angerissen hat. Aber im Unglück winkt auch wieder das Glück: Er hatte genug Vorsprung, um die Gesamtweltcup-Kristallkugel mit nach Hause nehmen zu können, weil das letzte Rennen aus Wettergründen abgesagt werden musste. Bei meinem Besuch kann er immer noch nicht richtig trainieren. Das Knie verheile gut, aber es brauche einfach Zeit. «Dafür lernte ich das Lesen schätzen. Früher habe ich doch nie gelesen. Fitzek, kännsch?» – Zeit, in den Interview-Modus zu wechseln.

Auf dem Poster sieht man den aktuellen Gesamtweltcup-Sieger in voller Montur.

Marc, wie kamst du eigentlich auf Appenzeller Bier als Hautsponsor? Wir suchten einen Sponsor, der mit der Region zu tun hat und mit dem ich mich identifizieren kann. So kamen wir auf Appenzeller Bier. Wir hatten ein unkompliziertes Gespräch und es passt für beide Seiten.

Alkoholfrei. Genau. Aber sie haben ja so viele tolle Getränke wie zum Beispiel das Bschorle, das ich jeweils auch an Kinder verteilen kann. Die lieben es.

Darfst du denn auch mal ein richtiges Bier trinken? Ja, schon. Du musst als Sportler einfach wissen, wann. Wir sind auch nur Menschen, gell.

Musst du als Appenzeller Bier-Botschafter mehr tun als Helm und Mütze mit dem Logo zu tragen? Helm, Cap, Facebook, Instagram – verlinkt mit Appenzeller Bier. Die Zusammenarbeit über all die Jahre ist einfach super. Und mit diesem Jahr zahlt sich das auch mal für die Brauerei aus. Klar, der Sponsor durfte bei Olympia nicht gezeigt werden. Aber nun können sie sagen, sie unterstützen den ersten Innerrhodischen Olympiamedaillengewinner. An der Gastromesse Igeho in Basel habe ich Autogramme gegeben und Getränke verteilt. Eben auch Bschorle. Gestern sah ich HOI-Werbung vor dem Bachelor.

Hast du das auch schon probiert? Jaja, ich habs im Kühlschrank. Maracuja finde ich super, das violette. Ich habe natürlich nur gesunde Sachen drin (lacht und greift sich ein Appenzeller Fläschchen). Warte, ich stelle gleich noch ein Bier hin.

Echte Homestory für QU: Noch vor der SI erhalten wir quöllfrischen Einblick in den Kühlschrank von Marc Bischofberger.

Bist du eigentlich Vollprofi oder arbeitest du noch nebenbei? Wenn ja, als was? Ich habe Polymech gelernt. Genau heute habe ich noch ein Gespräch in der Bude, wie es weitergeht. Vom letzten August an liess ich mich wegen Olympia freistellen, um zu trainieren. Das wurde mir bewilligt. In dieser Zeit war ich eigentlich Vollprofi. Nun müssen wir sehen, wie es weitergeht. Ich bin ja zur Zeit fast nie bei der Arbeit. Jetzt müssen wir also die Zukunft planen und eine Lösung finden. (Nachtrag per Mail: «Ich habe gekündigt und bin Ende Juni Vollprofi.»)

So wild kann der Skicross-Sport auch wieder nicht sein: Privat braucht es wohl viel, bis der friedliche Biski zum gefährlich brüllenden Bären wird. Aber auf Skis entfesselt er «the beast».

Hat die Medaille etwas verändert? Ja, schon. Ich habe viel mehr Termine. Und es gab einen Super-Empfang in Oberegg. Ist schon ziemlich cool.

Ein Freund von mir sagte, Skicross sei vor allem Ellenbögeln. Was sagst du dazu? Stimmt so nicht. Wir fahren ja immer zu viert. Körperkontakt ist zwar erlaubt, aber die Regeln sind recht streng. Man darf auch nicht sinnlos die Spur eines andern kreuzen. Darum schauen sich die Schiedsrichter manche Ereignisse per Video genau an. Dann heisst es unten «Run under review» und man muss auf das definitive Resultat warten. Hat man ein Foul begangen, wird man verwarnt oder disqualifiziert.

Mir ist aufgefallen, dass du immer besonders gut fährst, wenn du kämpfen musst. Du bist selten einfach vorneweg durchgefahren. Dieses Jahr lief schon super für mich. Vorher habe ich nie gewonnen. Es braucht viel Erfahrung. Wenn du ein wenig hinten liegst, spornt dich das an und du kämpfst dich resolut nach vorn. Du denkst, wenn ich dies oder jenes probiere, könnte ich dort mehr Tempo mitnehmen und so den andern überholen. Das ist für die Zuschauer cool, weil sie direkt sehen, warum einer plötzlich vorn ist. Der Start macht auch sehr viel aus. Aber nachher kann eben noch viel passieren.

Vor allem, wenn Biski mitfährt. Wie schnell seid ihr eigentlich? 70 – 80 km/h haben wir schon drauf.

Wie kamst du denn zum Skicross? Den Grundstein legte natürlich die Familie. Da sind alle ziemlich skiverrückt. Und ich bin nicht der erste aus der Familie, der an der Olympiade teilnehmen konnte. Meine Tante war auch mal dabei: Annemarie Bischofberger. Das ist aber schon lange her. Zuerst fuhr ich Alpinrennen. Dann hörte ich für ein Jahr mit Sport auf, arbeitete mehr und suchte eine neue Herausforderung. Ich öffnete den Computer und stiess auf Skicross. Mit einem Freund bestritt ich kurz darauf auf dem Hoch-Ybrig mein erstes Rennen. Am Anfang wars schon gspässig, wenn dich da plötzlich einer bedrängt und überholen will. Aber man gewöhnt sich schnell daran. Und: Im Rennen bist du Konkurrenz, nach dem Rennen sind wir Freunde.

Wer hat den Skicross erfunden? Ein paar Wilde, die zusammen den Berg runterfetzten (zeigt mir ein frühes Video der X-Games auf dem Computer, lacht. Anmerkung zum Link: Obs dieses war, weiss ich nicht.). Das war noch Harakiri total. Das ist hoch kriminell. Schau mal! Die sind zu sechst. Von den X-Games her kam Skicross ins Rollen. Dann wurde es 2008 olympisch. Wir haben – im Gegensatz zu den Wilden hier – Airbags und so.

Wieso wohnst du als Obereggler des Jahres eigentlich hier in Marbach? Die Freundin.

Dann kommen bald Kinder? So schnell auch wieder nicht. Jetzt zählt erst mal der Sport. Mein Ziel ist die nächste Olympiade in Peking. Und es wäre schön, wenn Sion Olympia fürs 26 angenommen würde.

Dann würdest du also auch noch einmal mitmachen? Mit 35? Wer weiss. Sag niemals nie.

Im nächsten Winter wird Quöllfrisch unterwegs ein Rennen mit Bisky besuchen und danach quasi live berichten, wenn Bisky den Appenzeller Bär rauslässt. So denn alles klappt.

Zu guter Letzt:

Feuermagier Marc Bischofberger bei der Demonstration seines Abzugtricks. Der Abzug in der Herdmitte funktioniert, die Flamme geht nach unten – auch im Spiegelbild.

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