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Bier: quöllfrisch, Natur: trüb auf dem Stanserhorn

Der Zufall will es, dass wir auch diesen Sommer in die Innerschweiz fahren, um ein weiteres «Nachschub-Trio», also einen Aussendienstmitarbeiter, den Depositär und einen Gastrobetrieb zu besuchen. Marie-Louise und ich sind mittlerweile eingespielt, planen unseren Tag, packen Kamera und Stift ein und los geht’s ins Innere der Schweiz.

Unsere erste Station ist die Filiale von Pilatus Getränke in Alpnach: ein Familienbetrieb, der gewachsen ist und dessen Hauptsitz erst kürzlich renoviert und erweitert wurde. Dort treffen wir Sepp Bucher, den Geschäftsleiter. Er ist Kunde der Brauerei Locher, «seit Appenzeller Bier die Kantonsgrenzen überschritten hat». Will heissen, seit 1991, als das Bierkartell gefallen ist. Die Brauerei Locher sei die erste Brauerei gewesen, die die Zusammenarbeit mit den Getränkehändlern gesucht hat, um Bier in den verschiedenen Regionen zu verkaufen. Die Zusammenarbeit sei enger als mit anderen Lieferanten. Sepp Bucher holt die Ware selbst in Appenzell bei der Brauerei, während andere Getränkehändler von der Brauerei-Logistik angefahren werden.

Sepp Bucher ist sichtlich stolz auf seinen Laden und seine Logistik, die er selbst ausgearbeitet und stetig weiterentwickelt hat und deren Ausgeklügeltheit Marie-Louise und mich ziemlich beeindruckt. Er nimmt uns mit auf eine ausführliche Ladenbegehung und erzählt: «Unser Sortiment ist sowohl sehr breit als auch sehr tief.» Ich schaue ihn fragend an und er erläutert am Beispiel der Brauerei Locher: «Wir haben nicht nur viele verschiedene Appenzeller Biere im Angebot, sondern diese auch in vielen verschiedenen Gebinden.» Aha, ich verstehe: Für jede Person das Lieblingsbier im bevorzugten Gebinde.

Wein und Bier, das biet‘ ich dir

Während der weiteren Ladenbegehung können wir uns von der Tiefe und Breite des Angebotes selbst überzeugen. Wir streifen durch die luftigen Gänge, ich entdecke allerlei neue Sorten jeglicher Getränke mit und ohne Alkohol. Es ist ein offener, heller Laden, ansprechend eingerichtet und top modern ausgestattet. Die Preisbeschilderungen sind elektronisch. Dadurch können Aktionspreise programmiert werden und das Preisschild wechselt automatisch, wenn die Aktion vorbei ist. Die begehbare Kühlzelle übt eine grosse Faszination aus: Auf Wunsch und Anfrage wird das Bier hier gekühlt gelagert, bis es abgeholt wird. Fabelhaft!

Auch das Weinsortiment ist umfassend. Uns springt die grosse Anzahl Magnum-Flaschen ins Auge. Das sei ein schnell wachsendes Segment, die Anfragen mehren sich, so der Getränkehändler. Sepp Bucher bezieht die Weine von 50 verschiedenen Lieferanten, viele Produzenten hat er persönlich besucht.

Als Dienstleistung an die Region betreibt Sepp Bucher eine eigene Mosterei «wie früher». Denn der Ursprung von Pilatus Getränke liegt in einem Mostereibetrieb. 2022 wird der Saft entweder als Bag-in-Box verkauft oder (hauptsächlich) extern veredelt, also zu Schnaps verarbeitet.

Gegen Ende des Ladenrundgangs lernen wir auch Sepps Sohn Thomas kennen, der seit 6 Jahren im Betrieb arbeitet.

«Quöllfrisch ist Appenzell»

Am Mittagstisch in Stans entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch zwischen Sepp und Frowin Neff, dem Aussendienstmitarbeiter in der Region. Man merkt schnell: Sie kennen und schätzen sich, auch wenn sie nicht immer einer Meinung sind.

Frowin Neff, in der Schlatt AI aufgewachsen, allerdings durch die Musik (Frowin ist ein bekannter Volksmusiker) seit langem in der Innerschweiz gut vernetzt, ist die Verkörperung der Dienstleistungsbereitschaft, die der Brauerei von Partnerbetrieben immer wieder zugeschrieben wird. Frowin ist allein für die Innerschweiz (ausser Luzern) verantwortlich. «Die Mitarbeiter im ADM-Team bleiben sehr lange», sagt auch er. Frowin hebt die Stabilität des Teams und die «Kompetenzen und Freiheiten der einzelnen Aussendienstmitarbeiter» hervor.

Frowin und Sepp haben langjährige Erfahrung in der Getränkebranche und plaudern aus dem Nähkästchen:

«Wenn mir vor 20 Jahren jemand gesagt hätte, dass ich mal das Bier aus einem Weinglas trinken werde, hätte ich dieser Person den Vogel gezeigt.» (Frowin Neff)

«Bei den Innovationen seid ihr [die Brauerei Locher, MT] die besten, da seid ihr 1A. Das wisst ihr ja. Ihr könnt bringen, was ihr möchtet, es läuft wie verrückt.» (Sepp Bucher)

Frowin erzählt von seinem Vorgänger, der während der Einarbeitung «gepredigt» hat, Frowin (damals noch Raucher) solle nie, niemals mit einer Zigarette im Mund zum Kunden sprechen. Und dann habe genau dieser Vorgänger einem Kunden das Weihnachtsgeschenk mit Kippe zwischen den Lippen überreicht.

«Quöllfrisch ist Appenzell.» (Sepp Bucher)

Die Essenz des Alpenraums im Nebel

Marie-Louise und ich verabschieden uns von Sepp Bucher und Frowin Neff. Auf uns wartet das «Touristen-Programm»: Die Fahrt aufs Stanserhorn. Es ist eine Fahrt mit sehr unterschiedlichen Transportmitteln. Den ersten Teil der Strecke legen wir in einer schnuckligen, ruckligen Standseilbahn aus dem Jahr 1893 zurück. Damals war die Stanserhornbahn die steilste Standseilbahn. Nach dieser romantischen Fahrt steigen wir um auf die top-modernen CabriO-Bahn. Es ist die weltweit erste die doppelstöckige Luftseilbahn mit offenem Oberdeck und seit 2012 in Betrieb. Logisch, dass wir in den vollen Genuss dieser Fahrt kommen möchten. So steigen wir trotz des Nebels auf besagtes Oberdeck und geniessen den letzten Teil der Fahrt «oben ohne».

Im Drehrestaurant erwartet uns Fränzi Mohn, seit einem Jahr Leiterin Gastronomie. Im Restaurant auf dem Stanserhorn wird seit drei Saisons das «Alpenraum-Konzept» umgesetzt. Die angebotenen Produkte müssen alle aus dem Alpenraum stammen. «Man muss deshalb gut überlegen, was wir einkaufen, auch beim Wein und den restlichen Getränken.» 98 % der Esswaren stammen aus der Schweiz. Nur ganz wenige Ausnahmen erlauben sie sich, wie zum Beispiel Zucker und Kaffee. «Das brauchen wir als Gastrobetrieb und das gibt’s halt nicht im Alpenraum, also müssen wir auf Alternativen ausweichen.» Es liegt nahe, welches Bier aus dem Alpenraum ausgeschenkt wird.

Natur: trüb, Bier: quöllfrisch

Fränzi Mohn erläutert uns auch das preisgekrönte Konzept der Stanserhorn-Ranger. Die Ranger sind Mitarbeitende, «meistens pensionierte Lehrpersonen», die den Gästen die Region näherbringen. Jede*r Ranger hat ein eigenes Fachgebiet, «zum Beispiel die Flora oder die Tierwelt oder die Region allgemein, die Geografie». Auf unserem kurzen Rundgang treffen wir bedauerlicherweise nur eine Pappversion eines Rangers. Sie gibt uns keine Antwort. Auch die Schönheit des Stanserhorns, die vielzitierte Rundum-Aussicht bleiben uns verwehrt, denn der Nebel geht in Regen über, die Wolken hangen in den Berg- und Baumspitzen. Für gefühlt fünf Minuten klart es auf und wir erhaschen einen Blick auf die wunderschöne Umgebung.

Auf der Talfahrt, beim Umsteigen vom CabriO auf die Drahtseilbahn kreuzen wir den Direktor Jürg Balsiger. Er führt den Betrieb seit 25 Jahren mit Leidenschaft und Charisma. Am Tag unseres Besuchs hat er Gäste von der Organisation des bevorstehenden Events «Oldtimair» (eine Parade mit alten, seltenen Flugzeugen) und kann deshalb bedauerlicherweise nicht an unserem Treffen teilnehmen.

Der Nebel hat sich gelichtet, als wir unten im Tal ankommen. Ein bisschen durchfroren machen wir uns auf den Rückweg.

Hier geht es zu den Interviews mit Franziska Mohn, Sepp Bucher und Frowin Neff

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