Bier, Bär & Dibischnäbi

Bier, Bär & Dibischnäbi

Der Bär ist das Logotier der Brauerei Locher und das Wappentier beider Appenzell sowie von Stadt und Fürstabtei St. Gallen. Der Bär durchstreift aber auch Quöllfrisch unterwegs in vielfältiger Weise.

Fangen wir mit dem Schnäbi an: Schon als Kind der Sechziger-/Siebziger-Jahre beschäftigte mich das tierisch rote Geschlechtsmerkmal des schwarzen Bären im Wappen beider Appenzell. Es stach mir quasi keck ins Auge. Dass der Bär auch seine ebenfalls feuerwehrautorote Zunge ungebührlich weit und lechzend herausstreckt und seine Augenbraue bedrohlich bös verzieht, war nicht so wichtig. Erstaunlich war vielmehr die schamlose Offensichtlichkeit des Geschlechtsteils, während ja die menschliche Sexualität im Allgemeinen ein unbekanntes Feld des Schweigens darstellte.

Jedenfalls: Der Bär musste ums Verrecken und klar erkennbar männlich sein. Als die St. Galler 1477 das Appenzeller Bärenschnäbi in einem Kalender wegliessen – aus welchen mysteriösen Gründen auch immer – führte das fast zum Krieg. Ob Absicht oder nicht: Der St. Galler Bär war ja letztlich bis auf das goldene Halsband derselbe, also ebenfalls mit sackstarkem Männlichkeitssymbol ausgestattet. Lässt man es weg, das Gemächt, gibts machomässig potent eins auf den Pelz. Hm. Wappenbärinnen sind also inexistent (wie damals das Frauenstimmrecht, gell). Und schon stecke ich in Sachen Bärenheraldik tüchtig in der omnipräsenten Hashtag- und Me-too-Bedrouille. Aber Rettung ist in Sicht: James Brown und der Appenzeller Bier-Logo-Bär. Chomm, singeme äs:

This is a man’s world, this is a man’s world // But it wouldn’t be nothing, nothing without a woman or a girl // You see, man made the cars to take us over the road // Man made the trains to carry heavy loads // Man made electric light to take us out of the dark // Man made the boat for the water, like Noah made the ark // This is a man’s, a man’s, a man’s world…

James Brown: It’s a man’s world

Der Appenzeller Bierbär ist ein Nachfahre des holztragenden Gallusbären; statt des Prügels (!) zeigt er uns das Wappen der Braufamilie Locher.

Beim schwarzen Appenzeller Bierbären – eingerahmt von drei Hopfendolden und zwei Braugerstenähren in Appenzeller Bier-Gelb – sieht man statt des roten Zipfelzäcklis einen blau-weissen Wappenschild als Feigenblatt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Die zugehörige Blasonierung (so nennt man etwas blasiert die Beschreibung von Wappen) nach dem Appenzellischen Wappen- und Geschlechterbuch von Ernst H. Koller und Jakob Signer: In Blau silberner Rechtsschrägbalken mit drei blauen Kugeln. Das Rechtsschräg finde ich recht schräg. Muss ich das jetzt aus Bärensicht betrachten, wo der linke Daumen dann also rechts ist? Es handelt sich logischerweise um das Wappen der Familie Locher. Und wies am Tresen oder am Stammtisch in der Beiz so zugeht, fragen wir uns beim quöllfrischen Stangenbier, was wohl die drei Kugeln symbolisieren:

– Vielleicht Gewehr- oder Kanonenkugeln? Wappen stammen ja aus dem Mittelalter und die ersten Feuerwaffenkugeln waren rund.

– Hm. Weiss nicht…

– Chegelchugle?

– Vielleicht, wer weiss… aber warum blaue Kugeln?

– Bierchugle!

– Genau! Das muss es sein, logo. Bierchugle.

– Aber wieso grad drei?

– Keine Ahnung. Man soll nur in Gesellschaft trinken. Heilige Zahl. Trinität. Der Locher-Bär hat ja jeweils auch nur drei statt fünf rote Krallen an den vier Tatzen. Darum! Prost!

Dass all die – seit 1379 – Appenzellischen und – 1334 erstmals als Siegel auftauchenden – St. Gallischen Wappen- und Logobären urspünglich mit einer unendlich oft variierten Gallus-Legende zu tun haben, wird hinlänglich bekannt sein. Ich wiederhole also somit nur Altbekanntes. Aber das hoffentlich etwas unerhörter. Als Gallus – sein irischer Name war Callech und er sei königlicher oder zumindest blaublütiger Abkunft gewesen – das Kloster St. Gallen mit seiner einsiedlerischen Anwesenheit begründete, war ja da überall Wildwucher und Urwald. Der sogenannte Arboner Forst trennte einst Räter und Helvetier und gehörte seit 15 v. Chr. zur römischen Provinz Rätia prima, die nach der Christianisierung dem Bistum Chur zugeschlagen wurde. In diesem Urwald wohnte noch der Bär, der König der germanischen Wälder. Die Biodiversität war intakt, CO2-Abgabe kein Thema. Das garausige Ausrotten der Bären (und andern Wildtieren) mit Gewehren erfolgte erst ein paar Jahrhunderte später. Aber dann gings ruckzuck. Ich komme drauf zurück.

Buchmalerei aus Stiftsbibliothek St. Gallen, Cod. Sang. 602: Gallus und der holztragende Bär, der auch eine Bärin sein könnte, zw. 1451-60. Bild:  Ökumenisches Heiligenlexikon

Wir befinden uns jetzt also im Jahre 612, rund siebenhundert Jahre vor der Gründung des Kantons Appenzell im 14. Jahrhundert. Der mit Kolumban von Irland angereiste Gallus sucht Einsamkeit und Gottesnähe und will in das «rauhe und wasserreiche Waldgebirge mit seinen Rudeln von Wildschweinen und Wölfen» (Vita Sancti Galli) ziehen. Der ortskundige Arboner Diakon Hiltibod und er folgen also mangels gut beschilderten und ausgebauten Wanderwegen der Steinach vom Bodensee her bachaufwärts. Dosenbach führt zwar Gallus-Schuhe, die gab es aber in heutiger Form damals noch nicht. Trägt er Sandalen? Vielleicht gar mit Holzsohle?

Es heisst jedenfalls, pilgernde Mönche hätten den Filz erfunden. Möglicherweise war Gallus einer davon. Möglicherweise hat auch er weidenden Schafen Haare ausgerissen und zur Polsterung und Milderung von Schmerzen und Blasenbildung in seine Latschen gelegt. Durch Schweiss, Wärme und Reibung verfilzten diese und schon hat König Zufall den Filz erfunden. Jedenfalls stolpert Gallus beim Mühlenen-Wasserfall und es haut ihn gotzjämmerlich in einen Dornbusch. Unsereiner hätte markerschütternd geflucht. Nicht so unser tapferer Gottesmann. Auch wenn besagter Dornbusch nicht wie einst bei Moses brennt, Gallus erkennt das schmerzvolle Zeichen Gottes und sagt laut vielen bildlichen Darstellungen bibelgetreu nach Psalm 132,14: Dies ist die Stätte meiner Ruhe ewiglich; hier will ich wohnen, denn das gefällt mir wohl.

Tja, so einfach war das damals noch mit dem Wohnen in der Welt. Einfach an einen Ort kommen, stolpern, Vision haben, in Beschlag nehmen und Hütte bauen. Keine Einwanderungsparanoia, keine Gentrifizierung, keine wolkenkratzende Miete, kein Vorbesitzer, kein Waschküchenplan, kein Internetanschluss, nix. In der folgenden Nacht – Hiltibod schläft tief und fest – liegt Gallus wach. Zählt er Sternlein? Oder Schäflein? Wir wissen nur: Er hatte Gottvertrauen. Da kommt der Bär, um sich an den Essensresten gütlich zu tun.

Obs damals schon Problembären gab? Gefährlich aber ist es allemal, wenn das im Grunde scheue Wesen plötzlich vor einem steht, gar auf einen zukommt. Jedem andern wär das Herz in die Kutte gerutscht. Aber Gallus bleibt absolut bibelfest und fürchtet sich auch nicht, als der Bär sich drohend aufrichtet. Das geht bis unglaubliche zwei Meter zwanzig beim Europäischen Braunbären (Ursus arctos). Nein, Gallus bleibt sackcool und macht sich Meister Petz schnurstracks untertan: Er schickt das bärenhungrige Raubtier lammfromm Feuerholz suchen. Andernorts trägt er ihm auf, das schon gesammelte Holz zum Feuer zu tragen. Mit der sehr weltlichen und in den Senkel stellenden Begründung, auch ein Bär müsse für sein Essen arbeiten.

Und siehe, der Bär gehorcht willig brummend und tut, was der Mensch von ihm verlangt. Als Lohn für den Job erhält er ein Brot und muss Gallus versprechen, sich nie mehr blicken zu lassen. Ist ja ein Allesfresser, der Bär. Aber so ein Brot dünkt mich schon ein bisschen wenig, um echten Bärenhunger zu stillen. Längst ist auch Hiltibod aufgewacht – ohne Zeugen wär die Legende natürlich weniger wahr – und sieht nun sonnensterneklar, dass der Herr mit Gallus ist, da selbst wilde Tiere ihm gehorchen. Und siehe, der Bär hielt Wort und ward nie mehr gesehen. Das wird ihm mit bis heute anhaltenden Wappentierehren verdankt.

Appenzeller Bär
St. Galler Bär

Blasonierungen.

Appenzeller Wappen: In Silber ein aufrechter, rot gezungter und bewehrter schwarzer Bär.

St. Galler Wappen: Aufrecht schreitender Bär auf silbernem Schild, die Vorderpranken nach heraldisch rechts erhoben, mit goldenem Halsband, goldener Bewehrung (Klauen, Zähne, Ohrmuscheln, Augenbrauen), mit roter Zunge und rotem Geschlechtszeichen.

Es gibt noch eine im wahrsten Wortsinne konstruktivere Fassung der Gallus-Legende. Weniger auf Männerherrschaft fussend, sondern auf dankbarer Bärenfreiwilligkeit & Hilfsbereitschaft. Es ging ja in all den Legendenfassungen nie darum, ob es sich allenfalls um eine Bärin gehandelt haben könnte. In dieser Geschichte füttert Gallus einen hungrigen Bären mit Brot. Auch da ziemlich cool, der Heilige. Sollte man ja genau nicht machen, Füchse und Bären füttern und ans Haus gewöhnen. Wusste Gallus noch nicht. Als Dank hilft der Mutz ihm eine Holzhütte zu bauen, aus der dann mit den Jahren das inzwischen zum Unesco-Weltkulturerbe zählende Kloster St. Gallen und die dazu gehörende Stadt erwächst.

Das seit 1.1.2019 gültige Wappen von Kriens LU. Blasonierung: Das Wappen von Kriens zeigt in Weiss auf grünem Boden rechts den heiligen Gallus mit schwarzer Kutte, gelbem Heiligenschein und Abtstab; links den holztragenden schwarzen Bären, der ein gelbes Brot erhält. Man beachte auch die Gallus-Sandalen.

Aber wie um Himmels willen kommt die Galluslegende mit Bär und Gallus, so vollständig wie sonst nirgends, ins Krienser Wappen? Die Antwort darauf konnte ich nicht herausfinden; vermutlich müsste man die Geschichte der dortigen Kirche St. Gallus aufarbeiten. Aber das Wappen wurde soeben neu gestaltet. Es geht unter anderem ums Brot. Dieses war viele Jahre ein eiförmiges St. Galler Brot, das im Volksmund als goldenes Ei verspottet wurde. Der Bär zeigte sich als geschlechtsloses und putziges Bärchen mit eigenartigen Ohren und einer gspässigen Schwanzausformung am Füdli. Die jeweils Klauen wirkten schludrig skizziert. Im neuen Wappen soll der Bär nun wieder ein Furcht erregendes wildes Raubtier mit bösem Blick und männlichem Geschlecht sein. Bei einem ersten Vorschlag sollte das goldene Ei durch einen Luzerner Weggen ersetzt werden. Jo, heitere Fahne! Das leuchtend gelbe Weggen-Weggli hätte wohl den zotigen Volksmund zu Höchstleistungen angetörnt. Zumal das schwarze Zipfelchen gegenüber dem recht grossen Weggli verschämt klein und verschämt geraten war.

Links das alte Krienser Wappen mit dem geschlechtsneutralen und recht niedlichen Bären. Das St. Galler Brot wurde im Volksmund oft als goldenes Ei bezeichnet. Rechts der verworfene Vorschlag mit schwarzem Mikroschnäbi und Luzerner Weggli. Auch hier gilt: Ein Schelm, wer Böses denkt.

Natürlich wurden im St. Galler und Appenzeller Wald noch lange Bärenindividuen gesehen – und gejagt. Bis zum Aussterben. Im Wappen sind Bären eben einfacher zu halten als in Menschenwirklichkeit. Wir lesen in Stefan Brunies «Der Schweizerische Nationalpark» von 1918: So fällt im Kanton Appenzell der letzte Bär bereits 1673, in Uri (Isental) 1806, im Berneroberland (Grindelwald) 1815, im Glarnerland 1816. Die Erinnerung an das einstige Vorkommen des Bären (des Wolfes und Luchses?) wird im St. Galler Oberland noch im Alpsegen wachgehalten, wo der Senn allabendlich von hoher Alp herab sein Ave Maria in die Weite ruft. Der letzte Bär in Graubünden – vor all den heutigen Problembären wie JJ3 – fiel 1904 im Val S-charl. Natürlich erfolgte nun die endgültige Vergrämung des einstigen Königs der Tiere auch durch Menschensiedlungen, Infrastrukturbauten (Strassen- und Stromnetz), Entwaldung oder Landwirtschaft. Kurz: Der Mensch hat den König gestürzt und entthront.

Vom letzten Appenzeller Bär gabs noch kein Foto, vom letzten Bündner Bären im Val S-charl hingegen schon – freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Kulturarchiv Oberengadin: Am 1. September 1904 erlegen Jon Sarott Bischoff und Padruot Fried den letzten Bären der Schweiz, ein erwachsenes Weibchen. Das Präparat steht im Museum Schmelzra in S-charl.

Ich sage euch, wer zu Bären recherchiert, landet in einem wilden geistigen Abenteuer, das x-fach belegt, wie das grösste Tier des Europäischen Kontinents den Menschen schon immer fasziniert hat. Und manche Geschichten binden einem einen echten Bären auf. Oder die Reise führt beispielsweise in den Ordnungsdschungel von Wörterbüchern wie dem grossartigen Deutschen Wörterbuch der Märchenbrüder Grimm. Dort ist u.a. von einer Bärmutter und einem Bärvater die Rede. Während die Bärmutter eben die berühmte weibliche Gebärmutter darstellt und auch gleichzeitig die weiblichen Monatsbeschwerden (das Bärgrimmen), wird der Bärvater etwas prüde als das männliche Gegenstück beschrieben: die frau ist des mannes «teckelwärmerin zu seim nabel, wann in der bärvater plaget». Nabel! Tsss! Darauf gehen wir aber jetzt nicht weiter ein. Dass bärig auch rollig bedeutet, war früher ebenfalls kein Geheimnis. Sparen wir uns also die vielen Sprachbären für einem späteren Blogbeitrag auf.

Kaum geschrieben, muss ich ja das in Dibischnäbi (s. Titel) enthaltene Dibidäbi mal noch nachschlagen und kann euch die gekürzte Antwort im Schweizerischen Idiotikon nicht vorenthalten: Der Steuereintreiber des Klosters St. Gallen soll um 1405 herum von den Appenzellern die alljährlichen Abgaben gefordert haben. Der Säckelmeister – statt den Betrag auszuhändigen – schrieb auf die Quittung das blosse Zahlungsversprechen, auf Lateinisch tibi dabo – ich werde dir geben. Auf SRF finde ich noch einen interessanten Zusatz: Mit ‚haec omnia tibi dabo si adoraveris me‘ (Das alles will ich dir geben, wenn du mich anbetest) soll der Teufel dereinst versucht haben, Jesus zu verführen. Gut möglich also, dass sich sich daraus die Dibidäbi-Geschichte speist.

Das sei aber wissenschaftlich nicht haltbar. Drum vermutet man beim Idiotikon den Ursprung des Wortes eher bei den vielen I’s und Ä’s im Appenzeller Dialekt. Also z.B.: tiritäri mache – flattieren, schmeicheln. Oder:  bibääbele – allzu viele Umstände machen; zärteln.  Eim s Gixgäbeli (und ähnlich) mache – jemanden mittels gekreuzter Zeigefinger verspotten. Oder ganz einfach als Zeilenfüller wie in Arthur Beuls Jodelpolka «Dibidäbi, lupf dis Bei»: Dibidäbi dibidäbi, lupf dis Bei, dibidäbi dibidäbi, hol d Marei, dibidäbi dibidäbi heb si fescht, dibidäbi dibidäbi gischt was hescht. Am Ende der Erklärung steht die Frage: Zielt Dibidäbi also vielleicht auf den Witz, die Behendigkeit und Zungenfertigkeit der Appenzeller? – Wös grad globe!

Während ich diesen Text verfasse, fallen in Deutschland, Österreich und der Schweiz Jahrhundertmengen von Schnee. Eine von niemandem erwartete Lawine zerstört den Hotelneubau auf der Schwägalp. In Zürich hats den Schnee natürlich schon wieder weggeschifft. Was macht wohl unser Bär im Aroser Bärenland? Winterschlaf? Live aus seiner artgerechten Luxus-Resort-Höhle übertragen auf Grossleinwand für die Besucher*innen und im Internetz mit Big Brother-Überwachungs-TV? Mittlerweile wird der neue Wohnort des letzten Tanzbären Serbiens a.D. auch in Zürichs Trams und Bussen kindgerecht und wahrscheinlich nicht gratis beworben. Tja, da käme wohl die Geburt eines knutigen Jungbären gelegen. Auch ein Panda brächte bekanntlich viel Publikum, frisst aber Unmengen von Bambus und zwar nicht jede Sorte.

Jedenfalls scheint es mit der von Renzo Blumenthal erwähnten millionenschweren Gratiswerbung für die Destination Arosa wohl vorerst vorbei zu sein und das Riesengehege mit dem ersten von fünf zu rettenden Tieren geht wohl auch ordli ins Geld. Alles kostet. Ist etwas gratis, hats einen Haken. Sogar der Gallus-Bär musste für sein Geld arbeiten, als das Kloster St. Gallen noch keine Steuern von den Dibidäbis wollte. Jetzt muss ein weiterer PR-trächtiger Bären-Kandidat (oder eine Bären-Kandidatin) als Gspänli für Napa gefunden werden. Ok., nicht vergleichbar, aber verdammt eindrücklich rechnet der riesige Züri-Zoo unter dem Bild eines Brillenbären vor, dass jeder Zoo-Tag satte 68’504  Franken kostet (Stand 2013). Mal 365 gleich über 25 Millionen pro Jahr. Schon happig, gell?

Diesen russischen Braunbären im Zoo von Kasan müsste man auch retten. Oder die Oligarchen zur Spende eines Bärenlandes bewegen; wies dem Rest geht der Tiere geht, kann man erahnen. Mit Schrecken wird mir durch die Fotosuche bewusst, dass der dortige Eisbär ebenfalls in einem solch schütteren Käfig ohne Wasser gehalten wird.

In der «Naturkunde» von Plinius Secundus dem Älteren (* 23 nach Chr.) fasst dieser quasi den damaligen Stand der «Naturwissenschaften» zusammen. Vieles aus heutiger Sicht haarsträubend und auf Bärengarn und Hörensagen bauend. Aber unterhaltsam und anregend allemal. Wie beispielsweise die Idee, dass die Bärinnen formlose Fleischbrocken werfen, die sie dann mit der Zunge zu Bärenform lecken. Zum Winterschlaf heisst es: In den ersten zwei Wochen liegen sie in einem so tiefen Schlaf, dass man sie nicht einmal durch Verletzungen wecken kann. Während dieses Schlafes werden sie dann merkwürdigerweise fett. Dieser Talg ist zu Arzneien verwendbar und wirksam gegen Haarausfall. Nach diesen Tagen sitzen sie aufrecht und nähren sich durch Saugen an den Vordertatzen. Ob das der Grund dafür ist, dass der im Gefängnis schreibende Winnetou-Karl May – und das Wörterbuch der Brüder Grimm – die Tatzen als die Delikatesse des gesamten Bärenfleisches bezeichnet?

Kostümfoto von 1896: Karl May als Old Shatterhand mit dem Bärentöter.
Bild: Wikipedia

Jedenfalls warfen die hiesigen Jäger das Bärenfleisch anscheinend weg und nutzten nur das Bärenfett für medizinische Anwendungen. Und natürlich das Bärenfell. Die Bärenjagd selbst war für den Jagenden auch nach der Erfindung der Feuerwaffen gefährlich. Liest man die Schilderungen aus alter Zeit, so seckelte manch einer wie vom Affen gebissen los, wenn er eine Bärenspur entdeckte oder ihm ein Gerücht über das Auftauchen eines Tieres zu Ohren kam. Hatte man ihn erledigt, konnte man gegen Vorweisen einer frischen Tatze von den Gemeinden ausgesetzte Prämien kassieren. Viele brüsteten sich aber nur mit Wichtigtuergeschichten vom Bärentöten. Sie nannte man dann spöttisch Bärenhäuter.

Nach Verschwinden der Vorderlader – beim zeitraubenden Nachladen wurde manch einer rübis und stübis gefressen – wurde von den Jagenden beklagt, dass mit dem nun verbreiteten Aufkommen der weit bequemeren Hinterlader jeder Depp jagen könne. Und das auch tue. Der Mensch bediente sich jedenfalls am Gemeingut Wild so lange, bis viele Tierarten ganz, andere fast ratzfatz ausgestorben waren. Erst 2005, nach über hundert Jahren also, wanderte ein erster Bär in die Schweiz ein. Und beim Weiler S-chanf im Unterengadin (s. oben) riss 2017 laut Pro Natura mutmasslich ein Bär zwei Schafe in einer von Herdenschutzhunden geschützten Herde.

In der Schweiz nachgewiesene Bären 2005-2017

Total: mindestens 12 (evtl. 14) unterschiedliche Tiere
davon genetisch identifiziert: 7 (JJ2, JJ3, MJ4, M7, M13, M25, M32)
nicht identifiziert: 5

gestorben: 3 (JJ3 und M13 mit Abschussbewilligung erlegt; M32 von Zug überfahren)
verschollen / abgewandert: JJ2, MJ4, M25

Pro Natura

Der Bär wird uns also weiter tüchtig auf Trab halten. Jetzt ist es aber Zeit für ein erholsames Quöllfrisch aus dem Bärenglas im nächsten Bärenbierlokal. Tschau & prost zäme!

Liste der Quöllfrisch unterwegs-Beiträge, in denen der Bär auftaucht:

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