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Berggetreide statt Vieh: GV Gran Alpin 2024 in der Bündner Arena Cazis

Die diesjährige Generalversammlung der Genossenschaft Gran Alpin vom 21. März 2024 in der Bündner Arena in Cazis geriet nicht ganz so heiter wie in anderen Jahren. Mit gemischten Gefühlen wird zudem die langjährige Geschäftsführerin Maria Egenolf feierlich verabschiedet.

Tja, wer die Entfernungen im Bündnerland unterschätzt, ist selber ein Tubel. Cazis, das ist doch ein winziger Ort, also ist die Bündner Arena vom Bahnhof wohl locker leicht zu erreichen, dachte ich. Und statt mich genau zu erkundigen fahre ich in Zürich bei trockenem Wetter los und gerate vom Regen in die Traufe. Quasi. Erst viel später schnalle ich Depp: Ich habe ja im Blogbeitrag «Flurgang ‚Bodenschonende Stoppelbearbeitung‘ am Heinzenberg» schon geschrieben, dass auf den 1. Januar 2010 Cazis, Portein, Präz, Sarn und Tartar zur neuen Gemeinde Cazis fusioniert haben. Wer keinen Kopf hat, hat Beine – und in meinem Fall: keinen Regenschirm.

Kontrastreich überproportioniert: Grüne Handy-Akku-Tankstelle des EWZ vor der Landwirtschaftlichen Konsum-Genossenschaft Heinzenberg.

Der malerische Bahnhof stützt noch die erste Fehleinschätzung und verrät mit keinem Indiz, dass ich Tschumpel nun unter dem regenverhangenen Jammertalhimmel mindestens eine Dreiviertelstunde zu tschumpeln hätte, um die Bündner Arena zu erreichen. Bis dann wohl pflotschnass. Als erstes fallen mir die viele EWZ-Logos überall auf, die später dann auch die Leinwand in der Bündner Arena aufdringlich umrahmen. Und schon schreit neben einer klotzig grauen Bank vor der Konsumgenossenschaft eine schräge sattgrüne Grün-Energie-EWZ-Skulptur in Grossweiss: Akku leer?!!! Um dann kleiner in Ebenfallsweiss auf Hellgrün zu flüstern: Hier Handy laden. Schon etwas überproportioniert geklotzt, das zürigrüne Ganze.

Gebaut wird auch hier so weit das Auge reicht. Da ein Kran, dort ein Kran. Hier Überreste eines Hauses, da ein fast vollendeter Neubau. Bauabschrankungen. Bauzäune. Die nicht ganz neue Kirche steht noch stabil im Dorf, um sie herum aber scheint fast kein Stein auf dem andern belassen zu bleiben. Ein Mann mit Hund weiss nur, wo der Viehmarkt ist, der sei aber sauweit weg. Der Viehmarkt, das ist die gesuchte Bündner-Arena. Sehr weit weg, hm. Postauto, alle Stunde, eben einer weg. Tja, so trotte ich die Italienische Strasse entlang, in der Hoffnung, dass die Nummer 128 doch nicht an der Grenze zu Italien liegen möge.

Nachrichten aus frühern Zeiten: Wenn wir nur unsern – manchmal kryptischen – Weisheiten auch wirklich folgen täten. Seufz!

Dazwischen halten mich mehr und weniger rätselhafte Inschriften gedanklich auf Trab.

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Oha, die Ausserirdischen sind hier wohl auch schon Einheimische: Die drei nussförmigen – oder sind es allsehende Augäpfel mit Giftschlangenpupillen? – UFO-Kugeln erweisen sich als reformierte Steinkirche Cazis.

Beamen funktioniert hier in Graubünden: Ich frage eine Frau nach dem Weg und sie chauffiert mich kurzerhand zur verkehrstechnisch klandestin gelegenen Bündner Arena. Was wäre man hier ohne Auto. Hm! Ich wäre natürlich schon froh, hätt ich Quölli mitgenommen.

Als bei Hausnummer 99 weit und breit kein Arena-ähnliches Gebilde zu sehen ist, frage ich eine Frau nach dem Weg, die mich dann freundlich und unkompliziert zur nach meinem Gusto nicht sehr ÖV-tauglichen Bündner Arena. 2015 eröffnet, finde darin zweimal im Monat der Viehmarkt statt. Die Anlage mit 910 m2 Nutzfläche lässt sich aber auch mieten für Konzerte, Firmenanlässe, Workshops, Bankette, Ausstellungen/Messen, Hochzeit- und Geburtstagsfeiern. Oder eben die Generalversammlung der Genossenschaft Gran Alpin. Allerdings waren die Distanzen zum Vorstand und zum Rednerpult dann doch etwas gross und trotz Mikrofonen nicht alles wirklich gut verständlich. Egal: Jedenfalls komme ich noch rechtzeitig zu Kaffee und Gipfeli, bevor es losgeht.

Die Bündner Arena – fast ein wenig zu gross für die kleinfeine Genossenschaft Gran Alpin; zumal viele Mitglieder die fahrtüchtigen Pässe und Täler ihres weitläufigen Kantons wegen der GV nicht überwinden wollen.

Paulin Pfisters Schweine wurden dem Amtsschimmel geopfert

Von Paulin Pfister vom Biohof Demvitg in Waltensburg/Vuorz erfahre ich bei dieser Gelegenheit, dass er seine Schweine nicht mehr hat, weil das Amt von ihm verlangte, seinen Boden zum Schutz des Grundwassers zu betonieren. Das ärgert nicht nur ihn, sondern auch mich. Und so ziemlich alle schütteln den Kopf über den wahrlich schimmlig scheinenden Amtsschimmel. (Hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag «5 Tonnen Traum, 4 Tonnen Hoffung, 3 Tonnen Wirklichkeit – Braugerstenernte bei Paulin Pfister, Waltensburg/Vuorz».)

Im Gedenken an amtlich versaute glückliche Bio-Schweine von Paulin Pfister; die amtlichen Betonköpfe verlangten hier Beton.

Die Würde des Lebens, wahren bedeutet auch, die eigene Würde zu wahren

Vor einigen Jahren sah ich einen deutschen Dok-Film, in dem eine ausgewachsene Muttersau aus einer Massentierhaltung – Deutschland ist nach China und den USA der grösste Schweinefleischerzeuger der Welt –, die noch nie auf einer Wiese gestanden, geschweige denn mit ihrer Schnauze in der Erde gewühlt hat. Was sie als erstes tat, als sie auf dem Biohof aus dem Lastwagen gelassen wurde. Sie kannte nur den Spaltenboden, der ihren natürlichen Drang, in der Erde zu wühlen aufs Fieseste unterbindet. Tierwohl würde genau dies bedeuten, dazu braucht es keine langen Studien, sondern dementsprechende Gesetze. Eigentlich. Und zwar gestern, nicht morgen.

Die Beteiligten des Experiments hatten zudem Angst, dass die untrainierte Muttersau beim Transport aufgrund ihrer schlechten körperlichen Mästverfassung einen Herzinfarkt erleiden könnte. Sie überlebte und da sie nach vorsichtigem Fitnessaufbau auch Muskulatur entwickelte und ihre angeborenen Instinkte voll ausleben konnte, ging es ihr für den Rest des Lebens saugut. Sonnenklar, dass Massentierhaltung den Schweinen das Leben versaut. Die lokalen Bio-Produzenten von Gran Alpin sind ein Hoffnungsschimmer im Nebel der entwurzelten Globalisierungshavarien, solange sie ihre Böden nicht betonieren müssen.

2023 – ein steiniges Bio-Berggetreidejahr

Ich setze mich im Arenarund auf eines der für Publikum und Stimmberechtigte ausgelegten grünen Kissen mit Aufdruck: Wir bleiben nicht sitzen. Jobs und Personal für die Landwirtschaft, das Gewerbe und den Haushalt. Maschinenring Graubünden. Die Distanz zum Vorstandstisch ist gigantisch, dazwischen setzen die leeren Bartische weisse Akzente. Und darüber rufen mir die EWZ-Logos zu, woher wir in der Stadt Zürich den Strom beziehen. Da zwei Solarprojekte scheiterten, will man nun die Marmorera-Staumauer um 14 Meter erhöhen. Tja, wir werden sehen, wohin der unstillbare menschliche Energiehunger noch führt.

Die grosse Leere zwischen Vorstandspult und Publikum: Die Bündner Arena ist doch etwas weitläufig geraten für die nicht vollzählige GV der kleinfeinen Genossenschaft Gran Alpin.

Viele bekannte Gesichter haben den beschwerlichen Weg aus ihren Tälern nicht unter die Räder genommen. Mir persönlich ist der Ort zu gross und trotz Mikrofontechnik verstehe ich längst nicht alles. Schnell wird klar: Die Stimmung war schon besser, was nicht nur am Wetter liegt. Noch-Präsident Andri Baltermia aus Salouf führt souverän durch die GV, nach der er das Präsidium abgeben wird. Stimmberechtigt sind gerade mal 25 Anwesende. Aktuell zähle Gran Alpin rund 130 Genossenschaftsmitglieder.

Über Ernte und Wetter des vergangenen Jahres verliert man keine weiteren Worte. Nicht wie gewünscht, ist milde ausgedrückt. Dringliches Problem, das gelöst werden muss, stellt die Getreidesammelstelle Landquart dar. Ein späteres Traktandum behandelt unter dem Titel «Siloprojekt» Planung und Struktur zukünftiger Getreidelagerung in Landquart, aber auch in Val Müstair. Wir bleiben dran.

Futuristisch: Planung der neuen Getreidesammelstelle Landquart.

Die Folgen der Lagerprobleme erwiesen sich im letzten Jahr als gravierend: Die traurige Vernichtung von 30 Tonnen verunreinigtem, mit Schädlingen befallenem Roggen, was rund 30 000 Franken Verlust entspricht. Happig für eine kleine Genossenschaft wie Gran Alpin. Man könne mit Cannabis verunreinigtes Getreide nicht einmal mehr als Futter verkaufen, verrät mir Maria später beim Apéro. Denn verfüttert man dieses an Rennpferde, gälten sie als gedopt. Weiter war die Keimfähigkeit eines beachtlichen Teils der Braugerste aus nicht mehr eruierbaren Gründen schlecht oder musste zu vermindertem Preis verkauft werden. Und und und. 2024 kann nur besser werden.

Wichtig sei nun die mittels Verträgen geregelte Planung der Getreidearten. Weil beispielsweise Coop das Roggenbrot von Meier-Beck in Sta. Maria aus dem Sortiment genommen habe, brauche man nun viel weniger Roggen. Es ist nicht nur komplex Bio-Berggetreide anzubauen und gute Ernten einzufahren, sondern auch Mengen zu produzieren, auf denen man nicht hocken bleibt. Aber auch zuwenig kann Turbulenzen bewirken: Weil man 2020/21 zuwenig Speisegerste hatte, reduzierte Coop die Bestellung für 2023, was ein Minus von ca. 66 000 Franken bedeute.

Nur wenige Wortmeldungen, meist Einstimmigkeit

Der auf den 1. Januar 2023 vollzogene Übergang der Geschäftsführung von Maria Egenolf zu Sandra Kunfermann sei reibungslos verlaufen. Diese sieht im schlechten Ergebnis keinen Grund zur Verzweiflung, denn man sei nach der versandeten Corona-Euphorie eigentlich auf gutem Kurs. So werden alle Traktanden ohne grössere Einwände abgehandelt und die Vorschläge angenommen und bestätigt. Neuer Genossenschaftspräsident wird Gian Demarmels vom Hof Demarmels Mountain Farm in Pignia, neues Geschäftsleitungsmitglied Michael Dick vom Hof Gravas in Tinizong.

Geselliges Mittagessen im Restaurant der Arena

Vortrag «Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden»

Das Nachmittagsprogramm bestätigt meinen Eindruck, dass Graubünden mit Elan an der zu ihren geopolitischen Gegebenheiten passenden Landwirtschaft der Zukunft arbeitet: Der Vortrag über Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden erläutert, wie verschiedene Stellen weitere Optimierungen erarbeiten, um die Zukunftsfähigkeit der Berglandwirtschaft auf fruchtbaren Boden zu pflanzen und zum ersten Kanton der Schweiz zu werden, in dem die Konsumentinnen und Konsumenten beim Kauf von Bündner Lebensmitteln die Gewissheit haben, dass diese klimaneutral produziert worden sind. Die Landwirtschaft soll Teil der Lösung sein, nicht des Problems. Hier gehts zur Website «Klimaneutrale Landwirtschaft Graubünden».

Feierliche Verabschiedung der langjährigen Geschäftsleiterin Maria Egenolf

Noch-Präsident verabschiedet die langjährige Seele von Gran Alpin: Maria Egenolf.
Anpackend und unermüdlich: Einige Szenen von und mit Maria Egenolf aus vergangenen Jahren.
Aus der Hand der neuen Geschäftsführerin Sandra Kunfermann empfängt Maria Egenolf auch ein Geschenk der Brauerei Locher.
Ein Dankeschön zurück an die Genossenschaftsmitglieder – ohne Teamwork kein Erfolg.

Wir bleiben nicht sitzen – wie es unter meinem Füdli steht: Ab zum Apéro!

Herzlichen Dank & alles Allerallerbeste, liebe Maria!

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