Bergbraugerste 2018_Part III: Hejo, lass den Drescher an, hol die goldnen Garben!

Bergbraugerste 2018_Part III: Hejo, lass den Drescher an, hol die goldnen Garben!

Und natürlich: Zum Happy End dieser Bergbraugersten-Serie seckle ich schon wieder los wie ein Gepickter, hoch nach Ftan, um den Höhepunkt, das Dreschen, nicht zu verpassen. Hat sich gelohnt, finde ich.

«Hejo, spann den Wagen an // denn der Wind treibt Regen übers Land. // Hol die goldnen Garben // hol die goldnen Garben!» Ob man diesen Kanon wohl noch singt in der Primarschule? Ich bin damit aufgewachsen. Natürlich entspricht der Text längst nicht mehr unserer Zeit. Weder in Bezug auf die goldenen Garben noch auf den Wind, der Regen übers Land treibt. Schön wärs, wenns mehr regnen würde. Aber der Reihe nach.

Am Sonntag mache ich mit Andrea Stuppan ab, dass am Mittwoch, 26. September, die Drescherei stattfinde (s. auch Part I und Part II). Ok., bin bereit. Am Dienstag um 10.30 Uhr – ich habe in Buchs SG zu tun – brummt das Handy und Andrea lässt mich wissen, dass ich sofort kommen müsse, da heute schon gedrescht werde. Mal früher, mal später, gopfertami! Die Kamera habe ich natürlich jetzt nicht dabei, das iPhone muss reichen. Also nix wie los, Mittagessen auch im Eimer, schnell ein Sandwich gekauft und verdrückt. Das ganze Manöver klappt nur, weil ich schon im Rheintal bin und so um zirka 13 Uhr in Ardez sein kann. Da holt mich Andrea am Bahnhof ab. Ein Freund probiere noch, eine Kamera aufzutreiben, er bringe sie mir dann, sagt er und fährt los. Der Drescherfahrer sei immer noch mit einer Reparatur an der Maschine beschäftigt. Er wisse nicht, ob das Problem nun aus der Welt sei.

Auf dem Parkplatz vor der Abzweigung zur Bergbraugerste von Andreja Peer steht die Maschine, vom Fahrer keine Spur. Andrea Stuppan sucht ihn mal per Handy. Der breite Mähbalken wird für Fahrten auf der Strasse abmontiert und auf einem Anhänger mitgezogen.

Gian Marco Albertin, Chef der Firma AlbertinForst, ist der Drescherfahrer. Kurz nach unserer Ankunft stellt er seinen PW ab, stellt sich als Marco vor und startet den Drescher nach Begutachtung des Mähbalkens mit Andrea Stuppan. Das Problem scheint behoben. Sein Lastwagen sei kaputt, drum wird heute gedrescht, klärt er mich später auf. Aha, nicht das Wetter, sondern ER ist dafür verantwortlich, dass es lief, wie es lief und ich alles stehen und liegen lassen musste.

Da ist er ja, der vermisste Drescherpilot Marco Albertin.

Seine Bude gibts nun ziemlich genau ein Jahr. Hauptarbeiten: Holzernte mit Baggerprozessor Woody H61; Holztransport mit Volvo FH 540, 26 oder 40 Tonnen; Holzbringung mit Seilkran; Holzvermarktung. Marco Albertin witzelt: Dazwischen mache er hier noch ein bisschen Sozialarbeit. Vor der Selbständigkeit habe er als gelernter Förster Versicherungen verkauft. Das sagen die andern. Natürlich verdient er Geld damit. Und ich nehme an, für die Braugerstenbauern bedeutet sein Stundenansatz ein ordentlicher Posten in der Gewinnrechnung. Nach den zwei Braugerstenfeldern in Ftan wird er noch eins in Scuol dreschen. Ich weiss jetzt schon, dafür wird der Saft im Handyakku nicht reichen.

Wir fahren voraus zum Feld von Andreja Stuppan und ich wundere mich, dass das Riesenvieh von Drescher für das Strässchen nicht zu breit ist. Aber das haben die beiden natürlich längst abgeklärt. Knapp ist es teilweise trotzdem. An einer Stelle steht ein kleiner Bagger am Wegesrand und Cilgia Florineth von der Mühle hat ihr Auto dort abgestellt. Sie muss wegfahren und Marco Albertin zirkelt den Drescher ins Feld. Wie ein Insekt das Hinterteil hebend. Schon bevor sich der Mähbalken in die Ähren frisst, entlässt das rote Ungetüm hinten raus Staub und Stroh auf den Weg.

Gring abe, Füdli ufe, reingezirkelt ins Feld – und los geht die Drescherei.
Die Maschine frisst die Ähren in sich hinein und trennt den Spreu von der Gerste. Die Körner landen im rund fünf Tonnen fassenden Laderaum, das Stroh wird noch ein-zwei Tage liegen gelassen und dann zu Ballen verpackt.

Was für ein Traumtag! Was für ein Traumwetter! Dieser Altweibersommer dauert ewig und wird zum sommerlichen Traumherbst. Leider aber ist die Sonne fast zu schrill, um auf dem Handy-Bildschirm zu erkennen, was man aufnimmt. So sehe ich auch nicht, dass immer mal wieder der Finger vor dem winzigen Objektiv den tiefblauen Himmel verdunkelt und das Foto zerstört. Tja, da lob ich mir den guten alten Sucher der Fuji, die nun zu Hause arbeitslos vor sich hin sürmelt. Habe sie ja extra am Stromtropf aufgeladen, die vier Akkus. War mal wieder alles für die Katz. Tja, so ist das Leben, wenns drunter und drüber geht: Etwas läuft immer anders als du denkst. So ists eigentlich, das Leben. Voller Unwägbarkeiten, Zufälle und Improvisation.

Das unwegsame Gelände fordert dem Fahrer einiges an Fahrkünsten ab. Wende nach der ersten Bahn. Im Hintergrund sieht man die Waldschneisse mit dem Sessellift Ftan-Prui.

Auch wenn der Mensch sich mittels einer Unzahl komplizierter, raffinierter und teurer Maschinen und anderen genialen Erfindungen das Leben erleichtert und so die aus seiner Sicht zerstörerischen Aspekte der Natur gebannt zu haben meint: Alles hat seinen Preis, jede Medaille eine Kehrseite. Die Natur schlägt immer zurück, die Natur, deren – zugegeben: überheblichster – Teil wir ja selber sind. Und stellt euch vor, wir müssten nur schon diese beiden Felder von Hand mähen und dreschen! Da wärs dann vorbei mit heissen Serien auf Netflix. Wir würden nach der Arbeit nämlich nur noch «napflixen», also todmüde vor dem TV einschlafen. Die frühesten Mähdrescher wurden übrigens noch von bis zu 40 Pferden (!) gezogen; der erste selbstfahrende scheint – wenn man dem Netz traut – aus dem Jahr 1963 von Claas zu stammen

Bis zum Stein, dann retour.
Zurück bleiben nur Stoppeln und Stroh.

Weiter gehts, hoch zum Feld von Andrea Stuppan. Ich fahre mit  Cilgia Florineth im Auto, das sie inzwischen bei der alten Ftaner Mühle parkiert hat. Davor zeigt sie mir noch das Versuchsfeld gleich neben dem Haus, auf dem unter anderem verschiedene Getreide und Gerstensorten auf ihre Bergklima-Tauglichkeit getestet werden. Wir befinden uns ja immerhin auf über 1600 m.ü.M. Ist im Moment halt einfach nicht viel zu sehen, ausser der eindrücklichen Steilheit des terrassierten Geländes, einigen vertrockneten Pflanzen und etwas Komposterde auf einer Plane.

Letzte Zeugin einer Epoche, in der Getreideanbau landwirtschaftliche Grundlage des Unterengadins war: Die alte Mühle von Ftan (Muglin da Ftan). Sie rutsche jedes Jahr ein paar Milimeter hangab, sagt Cilgia Florineth, die darin wohnt, mahlt und Führungen macht.
Nicht viel zu sehen, im Moment. Aber gleich neben der Mühle befindet sich das Versuchsfeld, auf dem unter anderem auch verschiedene Braugerstensorten auf ihre Bergtauglichkeit geprüft werden.

Auf dem geteerten Parkplatz gegenüber dem Hof der Familie Stuppan wird zuerst die Braugerste von Andreja Peer aus dem rund 5 Tonnen Getreide fassenden Dreschertank in riesige Säcke abgefüllt, die dieser mit dem Gabelstapler unter das ausgefahrene Rohr manövriert. Der Drescher neigt sich, die güldene Gerste sprudelt in der güldenen Herbstsonne. Inzwischen ist auch klar: Aus dem Fotoapparat ist nix geworden.

Andreja Peer (im Stapler) und Andrea Stuppan schauen genau hin, auf dass auch kein Körnchen danebengehe.
Kurzer Familienrat, bevor Mengia (links) und Sohn Burtel (rechts) sich um die nächste kalbende Kuh kümmern. 
Weiter gehts mit dem nächsten Sack.
Drei Männer in der Gerste: Marco Albertin (in der Führerkabine), Andreja Peer und Andrea Stuppan (v.l.n.r.) bereiten einen Abfüllsack vor.
Nicht so leise rieselt die Biobergbraugerste.

Andrea Stuppan mäht einen Einfahrtskorridor für den schweren Drescher in die Wiese und während der Drescher seine Bahnen zieht, gleich noch den Rest. Denn das wertvolle Emd soll in diesem futterarmen Hitzejahr nicht verschwendet werden. Am 24. Oktober gibt die «Südostschweiz» immerhin Entwarnung: Massenschlachtungen gibt es in Graubünden keine. Gleichentags titelt die NZZ: Die Schweiz lechzt nach Regen. Wie im zweiten Teil dieser Dresch-Story berichtet, weiss auch die Familie Stuppan nicht, wie lange das Futter ausreicht. Burtel und Mengia begleiten an diesem Nachmittag die Geburt eines Kälbchens. Ich müsse Geduld haben mit ihnen, sagt Andrea später am Telefon, sie hätten im Moment extrem viel zu tun mit dem Kalben mehrerer trächtiger Kühe. Aber sicher doch, wir sind immer voll Slow up.

Der etwas grössere Rasenmäher: Andrea Stuppan mäht dem Drescher eine Zufahrtsschneise.
Deine Spuren im Gras, die ich gestern noch sah, sind auch heute noch da… – naja, jetzt hoffentlich nicht mehr.

Das rote Dreschinsekt hinterlässt schon ziemlich starke Reifenspuren in der Wiese. Nach einiger Zeit winkt mich Marco hoch und ich setze mich in der Kabine neben ihn. Naja, es ist nicht gerade geräumig und die Scheibe nicht die sauberste, aber durchaus interessant, mal im Cockpit eines Mähdreschers zu hocken. Es schüttelt, ist aber nicht mal so laut, hier drin. Und vor allem nicht so staubig. Während ich fötele und filme, muss er immer voll auf Draht sein, hebelt mit Füssen, dreht am Steuer, mal kurz zurück und wieder vor, Mähbalken anheben, wenden, Mähbalken senken, einmal drehen die Räder durch, der Boden hat eine gewisse Feuchtigkeit, der Hang ist steiler als der vorherige. Und im Nachhinein kann man auch konstatieren, ein paar Tage mehr hätten die Gerstenkörner durchaus vertragen. Am Wetter hats ja nicht gelegen, gell.

Die Rinder am Hang zwischen Sessellift und Drescher gehören der Familie Stuppan.

Der Drescher wurde von der Genossenschaft einiger Landwirte aus Ftan, Scuol und Ardez gekauft. Gerade letztes Jahr hätten sie 80’000 Franken (Andrea sagt 70’000 Franken, die genaue Zahl liegt wohl irgendwo dazwischen) hineingebuttert, erzählt Marco Albertin, wenn er grad mal reden kann. Der Tonfall sagt mir, dass er das zuviel Geld findet für die alte Maschine: «Ich privat hätte das nie gemacht.» Andrea Stuppan hingegen ist überzeugt, mit der Überholung des Geräts das Richtige getan zu haben. Es gebe einfach keine kleinen Drescher mehr, die von der Grösse in die Berge passen und nach allen Richtungen ausgleichen könnten. Claas (also die oben erwähnte Firma mit dem ältesten selbstfahrenden Modell) stelle eine kleine Serie her, die seien einfach ein bisschen schwerer. Ich bin ja nicht vom Fach, aber wenn man auf der Website von Claas nachschaut, sieht man auch die kleinen Drescher der Kompaktklasse immer auf schön ebenen Grossflächen und nur ein kleiner Hinweis verweist auf optimale Bodenanpassung. Ob diese Dinger also auch in Ftan funktionieren würden, überlasse ich den Bergbraugersten-Fachleuten. 

Volle Aufmerksamkeit voraus!
Freie Sicht aufs Gerstenmeer und die Bündner Berge. Naja, Gerstenweiher.
Rechts die Braugerste Peer, links die 1600 kg (bei einer Feuchte von 18.5; hätte also noch ein paar Sonnentag vertragen können) von Andrea Stuppan bei einer Feuchte von 18.5. Erstaunlich ist, dass die beiden Felder trotz unterschiedlicher Grösse in etwa gleichviel abgeworfen haben.
Sehr schönes Korn, das obere Feld ist feuchter. Cilgia Florineth von der Mühle sagt, dass nun in etwa das Niveau erreicht sei, auf dem man vor dem totalen Getreidestillstand war. Eine gewichtige Aussage.

Nachdem auch das zweite Feld gedrescht und das wertvolle Erntegut in den Säcken ist, wird der Mähbalken auf den Anhänger verladen. Das geht ziemlich schnell und nach einem kurzen Schwatz ist Marco Albertin unterwegs nach Scuol. Andreja Peer wird dessen PW dorthin überführen, um dann wiederum von Andrea Stuppan zurück nach Ftan chauffiert zu werden. Aber zuerst werde ich am Bahnhof abgeladen, wo ich in der Sonne ein gemütliches Bun Tschlin-Bier geniesse (das auch mit Bündner Biobergbraugerste von Gran Alpin gebraut und Erwähnung findet in: «Gian, Uranie & Maya»). Der Zug fährt um 16. 41 Uhr, also in rund 40 Minuten. Prost zäme!

Bye-bye, güldener Bündner Herbsttraum: Das Feld Peer nach der Ernte, aus dem Defender von Andrea Stuppan, der mich zum Bahnhof Scuol fährt.

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